miniatur|Cover der ersten japanischen Heidi-Übersetzung 1920. Die literarische Figur Heidi (jap. , anfangs: , beides Haiji) erfuhr in Japan eine intensive Adaption und Transformation. Losgelöst von der ursprünglichen Romanvorlage und den bekannten Verfilmungen steht Heidi in Japan für ein populäres kulturelles Konzept der Einfachheit, Natürlichkeit und Niedlichkeit.
Der Roman Heidi führte seit seiner Erstübersetzung vom 15. Februar 1920http://www.ne.jp/asahi/ts/hp/file5_heidi/heidi_material/book01.html zu einer intensiven Rezeption von Werken der Heidi-Schöpferin Johanna Spyri. Auf das globale Bild von Heidi wirkte Japan mit der 1974 produzierten Zeichentrickserie Heidi, das Mädchen aus den Alpen (jap. , Arupusu no shōjo Haiji) ein, die typische Elemente der Anime-Kultur in den Charakter Heidi transportierte.
Insgesamt gab es bisher in Japan mindestens 123 verschiedene Auflagen der Heidi-Bücher von 72 verschiedenen Übersetzern, 21 Mangas oder Manga-Reihen, 28 Bilderbücher und diverse Zeichentrickadaptionen.Die genaue Zahl der Heidi-Übersetzungen lässt sich schwer feststellen, der Wert schwankt je nach Autor stark. Die umfangreichste verfügbare Datenbank listet 123 Bücher, wovon einige Teil 1 und 2 respektive sind. Die Zahl von 72 Übersetzern spricht für mindestens soviele Übersetzungen, Kohsaka (272) spricht gar von 110 verschiedenen Übersetzungen. Stereotype prägen das japanische Bild der Schweiz, die im Bewusstsein vieler Japaner eng mit der Heidi-Geschichte verbunden sind: Berge, Alpen, eine unberührte Natur, freies Bauernleben.
Heidi steht in einer Reihe mit anderen westlichen Kindergeschichten, die ebenfalls in Japan eine Fangemeinde haben, welche sich mit ihrer jeweiligen einheimischen Fangemeinde durchaus messen kann:Elizabeth R. Epperly, Irene Gammel: L.M. Montgomery and Canadian Culture. University of Toronto Press, 1999, ISBN 0-8020-4406-9, S. 201–205. Little Women, Der geheime Garten und Anne auf Green Gables.
Übersetzungen Heidi kam als Nachzügler der zahlreichen Kinderbuch-Übersetzungen, die durch die Öffnungen der Meiji-Zeit ausgelöst wurden, nach Japan. Die Übersetzung fiel in die Spätphase einer Periode, in der in Japan gezielt westliche Kinderbücher übersetzt wurden. Das erst wenige Jahrzehnte vorher geöffnete Japan befand sich nach Meinung seiner Bildungspolitiker noch im Rückstand gegenüber dem Westen. Die japanischen Kinder sollten aus westlichen Kinderbüchern lernen. Die Rolle Heidis als eines der meistübersetzten Bücher, das immer noch zu den bestverkauften fremdsprachigen Literaturerzeugnissen in Japan gehört,Saito S. 186–187 zeichnete sich dabei keineswegs von Anfang an ab. Während andere Klassiker wie Der Wolf und die sieben jungen Geißlein 1880, Gullivers Reisen 1896 oder Der kleine Lord 1897 übersetzt wurden, musste Heidi noch mehrere Jahrzehnte warten.Saito S. 183–185
Der erste Heidi-Roman erschien 1920 in einer Übersetzung von Nogami Yaeko in einer Reihe von Klassikern weltweiter Kinderliteratur. Sie übersetzte nicht aus dem deutschen Original, sondern aus einer Version im amerikanischen Englisch. Insgesamt kam Nogami Yaeko auf 460 Seiten im Format 18 × 11 cm. Die wenigen Illustrationen sind nicht signiert und stammen im Original vermutlich aus einer älteren europäischen Ausgabe.
Während die erste Übersetzung noch eine direkte Titelübertragung in Katakana (, Haiji) war, entschied sich die zweite Übersetzung für eine japanische Umbenennung der Figuren. Aus Heidi wurde Kaede (Ahorn), das Buch hieß Kaede monogatari (Die Geschichte von Kaede). Der 1925 bei Fukuin Shokan in der Präfektur Shimane erschienene Band folgte damit einem Trend, bei dem zahlreiche europäische Figuren japanische Namen erhielten, um die Bücher für ihr junges Publikum besser verständlich zu machen. Ebenso wie die erste Übersetzung folgte diese einem englischen Text; in diesem Fall war es die Heidi-Übersetzung von Helen B. Dole. Diese Ausgabe enthielt keine Illustrationen.
1934 folgte eine Taschenbuch-Neuausgabe der Nogami-Übersetzung, die ebenfalls auf alle Illustrationen verzichtete. Sie erschien bei Iwanami-Verlag in Tokio und war mindestens bis 2004 eine der erfolgreicheren Ausgaben mit 200.000 verkauften Exemplaren in 30 Auflagen. Ein großer Teil dieser Auflagen erschien Jahrzehnte nach der Erstauflage.
Wirklich erfolgreich in Japan wurde Heidi in den 1950er Jahren. Derselbe Verleger wie 1934, Iwanami-Verlag, publizierte 1950 eine Reihe von Büchern aus der ganzen Welt, die japanischen Kindern helfen sollten, die Erfahrungen und Traumata des Zweiten Weltkriegs zu überwinden. Im Rahmen der Serie erschien eine Heidi-Übersetzung aus dem Deutschen von Michio Takeyama mit Illustrationen des Amerikaners Leonard Weisgard. Davon wurden bis 2004 insgesamt 110.000 Exemplare in 40 Auflagen verkauft; wie schon das 1934er-Taschenbuch ist diese Ausgabe immer noch im Handel erhältlich.
In der Nachkriegszeit begann sich die Herangehensweise der Heidi-Übersetzungen zu ändern. Die Übersetzer stellten weniger die Figur Heidi in den Vordergrund, sondern fokussierten vor allem auf die Natur und die Reinheit der kindlichen Seele. Nogami nannte das Buch in den 1950er Jahren Arupusu no Yama no Otome (, dt. „Ein junges Mädchen der Berge der Alpen“). Ein anderer Übersetzer, Yoshio Minami, entschied sich 1954 für Arupusu no Shōjo („Ein alpines Mädchen; Ein Alpenmädchen“), womit beide den Topos der Alpen und damit den der unberührten Natur betonten. In heutigen Übersetzungen sind sowohl Heidi/Haiji als auch Arupusu no Shōjo gebräuchlich.
Die literarische Bedeutung des Stoffes wuchs derart, dass der spätere Nobelpreisträger für Literatur, Kawabata Yasunari, 1959 ebenfalls eine Heidi-Nacherzählung herausbrachte. Ebenfalls in Japan erschien die erste Gesamtausgabe weltweit von Johanna Spyris Werken in einer zwölfbändigen Ausgabe von 1962.Swiss News: Heidi's Real Mom In dieser Zeit begannen japanische Wissenschaftler ebenso die eigenständige japanische Adaption des Stoffes aufzuarbeiten. So stellte der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Kenji Takahashi 1968 die erste ausführliche Liste aller bis dahin vorhandenen Heidi-Übersetzungen zusammen.Domenig S. 164–165
Besonders in den 1960er und 1970er Jahren gehörte Heidi, nach Anne auf Green Gables, zur typischen Jungmädchenliteratur Japans.Rebecca L. Copeland: Woman critiqued: translated essays on Japanese women’s writing. University of Hawaii Press, 2006, ISBN 0-8248-2958-1, S. 181–183 In den Jahren zwischen 1920 und 1974 wurden insgesamt vierundzwanzig Neuübersetzungen, Bilderbücher und ein Manga veröffentlicht. Neben der Johanna-Spyri-Werkausgabe erschien außerdem eine umfangreiche textkritische Heidi-Ausgabe.Singer S. 140 Einzelne Ausgaben wie die seit 1973 geplante 1975er-Übersetzung von Sumiko Yagawa mit den Illustrationen von Paul Hey erreichten bis 2004 insgesamt 32 Auflagen und 128.000 verkaufte Exemplare. Neuübersetzungen erscheinen regelmäßig bis heute und tragen dazu bei, Heidi zu einem festen Bestandteil von öffentlichen und Schulbibliotheken zu machen.
Adaptionen Die Übersetzungen und Adaptionen folgen im Wesentlichen dem originalen Heidi-Roman von Johanna Spyri. Zwar lässt es das genutzte Medium des Öfteren opportun erscheinen, Nebenhandlungen wegzulassen oder hinzuzuerfinden. Jedoch gingen die japanischen Adapteure behutsamer mit ihrem Ausgangsstoff um als Übersetzer und Interpreten in anderen Ländern. Keine der wichtigen Adaptionen etwa ging so weit wie beispielsweise die stark modernisierte Schweizer Version von 2001 oder gar wie der französische Übersetzer Charles Tritten, der noch zwei Fortsetzungen schrieb.
In den japanischen Varianten kommt Heidi nach dem überraschenden Tod ihrer Eltern zum Großvater (Alpöhi) auf die Alm. Dieser hat sich mit der Dorfgemeinschaft entzweit und lebt dort mit Geißenpeter und Heidi in ziemlicher Einsamkeit. Nach einiger Zeit wird Heidi überraschend nach Frankfurt am Main geholt, wo sie ihre behinderte Cousine Klara kennenlernt. Nachdem sie dort eine unglückliche Zeit verbrachte, kann sie wieder auf die Alp zurückkehren. Klara folgt ihr. Peter stößt aus Eifersucht Klaras Rollstuhl den Berg hinunter, woraufhin Klara, durch die Umstände gezwungen, das Gehen wieder erlernt. Am Ende versöhnt sich die Dorfgemeinschaft wieder mit dem Alpöhi.
Arupusu no shōjo Haiji – der Anime Während Heidi in ihrer Romangestalt vor allem als reine Literatur für Mädchen wahrgenommen wurde, gelang es dem Anime, die Geschlechtsschranke zu überspringen und auch männliche Zuschauer zu begeistern. Die Schöpfer Hayao Miyazaki und Isao Takahata versahen das Schweizer Mädchen Heidi mit einem süß-liebenswürdigen Kawaii-Appeal, der sich zu jener Zeit in Japan etablierte. Dadurch, dass sie bewusst und gezielt auf Action-Elemente verzichteten und ein langsames Erzähltempo wählten, schufen sie im Mainstream-Anime eine neue Ästhetik, die die Kawaii-Ästhetik sowohl innerhalb wie auch außerhalb Japans stark förderte.
Heidi stand damit an einer Weggabelung des Anime in den 1970er Jahren, als sich die oft chaotisch-kreative Szene der 1960er Jahre professionalisierte. Es etablierten sich mehrere Hauptstränge in der Entwicklung des Anime: Action-Serien, Shōjo wie Candy Candy, Sport-Animes und schließlich die Kinderbuchadaptionen des World Masterpiece Theater, deren Erfolg Heidi begründete.Fred Patten, Carl Macek: Watching anime, reading manga Stone Bridge Press, LLC, 2004, ISBN 1-880656-92-2, S. 76
Mindestens Isao Takahata war bereits vor der Produktion des Animes Leser der Heidi-Romane.Tagesschau: Big in Japan Vor der Entstehung der Serie reisten die beiden Schöpfer Isao Takahata und Hayao Miyazaki einen Monat in die Schweiz und die Gegend von Maienfeld, um die Landschaft möglichst realistisch zu gestalten und der Serie eine authentische Stimmung zu geben. Anders als beispielsweise die amerikanischen Verfilmung von 1937, die vollständig in den Schwarzwald gelegt wurde, gaben sich Miyazaki/Takahata Mühe, die Alpen naturgetreu nachzuempfinden. Ihr Produkt ist bis auf wenige Details ungewöhnlich textgetreu für eine Fernsehadaption.Hintereder-Emde S. 377–380
Anders als bei späteren Animes legten die Gestalter bei Heidi noch großen Wert auf einen international verständlichen Zeichenstil, der die Heidi-Geschichte weiter entgrenzte und die Tendenzen zu einer zeit- und ortsunabhängigen Parabel verstärkte.Volker Schubert: Pädagogik als vergleichende Kulturwissenschaft: Erziehung und Bildung in Japan VS Verlag, 2005, ISBN 3-531-14824-9, S. 121 Sie internationalisierten Heidi und schafften es, die Geschichte ebenso einer neuen Generation von Kindern zu vermitteln. Langfristig brachten sie Heidi überdies in das Museum of Modern Art.Anime News Network: MOMA Presents Tribute to Miyazaki and Takahata
Da sie nicht weniger als 52 Folgen produzierten, gelang es ihnen, alle Haupt- und Nebenhandlungen des Romans in der Serie aufzugreifen. Dennoch setzten sie neue Schwerpunkte; so betonten sie Heidis Tierliebe und die Rolle der Natur, indem sie weitere Tiere wie den Bernhardiner Joseph oder den Vogel Piep einführten. Sie entschärften den Konflikt mit Peter, der im Anime weniger grummelig und sympathischer als im Buch dargestellt wird. Besonders auffallend ist, dass im Anime Klaras Rollstuhl durch einen Unfall zerschellt, während Peter ihn im Buch aus Eifersucht den Berg hinunterwirft. Vor allem änderten sie jedoch den Charakter der Geschichte, indem sie die christlichen Untertöne, die sich in den religiös aufgeladenen Motiven von Schuld, Sühne und Vergebung zeigen, komplett wegließen, da diese dem sowohl shintoistisch wie buddhistisch geprägten Publikum zu unverständlich gewesen wären.Helen Hirt: Heidi, Zeichentrick, J/D, 1974: Die japanisch popularisierende Adaption Volkskundliches Seminar, Universität Zürich 2004