hochkant|mini|Brot, Neuausgabe bei Otto Müller, Salzburg 1986 Brot ist der 1930 bei Insel in Leipzig erschienene Debütroman des österreichischen Schriftstellers Karl Heinrich Waggerl. Seine antimoderne Tendenz sowie Äußerungen Waggerls selbst machten den seinerzeit überaus erfolgreichen Bauern- und Siedlerroman offen für eine vereinnahmende Rezeption im Geiste der Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten.Richard Faber: Säkularisierung und Resakralisierung: Zur Geschichte des Kirchenlieds und seiner Rezeption, Königshausen & Neumann 2001; S. 177 Dennoch gilt das Werk, das seinem Autor Ende 1931 sogar einen Vorschlag für den Literaturnobelpreis einbrachte, der Literaturkritik bis heute als Waggerls bester Roman, wenn ihm auch darüber hinaus inzwischen kaum noch Bedeutung beigemessen wird.

Entstehung mini|hochkant|Knut Hamsun schrieb 1917 mit Segen der Erde das direkte literarische Vorbild für Brot Brot entstand und erschien zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Die in ihm geschilderte „rückwärts gewandte Utopie ländlichen Lebens, die beherztes Selbsthelfertum und ein gerechtes Schicksal feiert“Olaf Kutzmutz: Werksartikel „Brot“. In: Reclams Romanlexikon; Phillip Reclam Junior, CD-Rom-Ausgabe Stuttgart 2002, steht im Zusammenhang mit dieser Entstehungszeit, mit welcher auch die schwerste Krise der österreichischen Land- und Forstwirtschaft in der Zwischenkriegszeit einherging. In der Zeitkonstellation ist gleichfalls eine Motivierung des enormen Publikumserfolges des Buches zu sehen.

Waggerl schrieb das Werk in kaum vierzig Tagen niederDeutsch-Österreichische Literatur-Gesellschaft: Die Literatur. Monatsschrift für Literaturfreunde, Deutsche Verlags-Anstalt 1932; S. 376, angeblich „mit Blut“ und „zuweilen unter schrecklichen körperlichen Schmerzen“Brief Waggerls an Kippenberg vom 10. Oktober 1929, einsehbar im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, so zumindest äußerte sich der Autor selbst im Oktober 1929 gegenüber dem späteren Verleger des Romans Anton Kippenberg. Neben dem unübersehbaren Versuch einer Knut-Hamsun-Adaption (in erster Linie von Segen der Erde (1917)Autoren- und Werklexikon: Waggerl, Karl Heinrich, S. 1. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 21602 (vgl. Killy Bd. 12, S. 83)) prägte auch Autobiografisches den Roman stark.

Der Titel „Brot“ ist einer zentralen Gedankenäußerung der Protagonisten des Romans entnommen: „Brot! dachte Simon. Ruhm! dachte der Müller“. So wird an dieser Stelle die Unvereinbarkeit zweier Lebenseinstellungen deutlich. Um die Titelwahl ergab sich im Vorfeld der Veröffentlichung allerdings ein Disput: Der österreichische Schriftsteller Georg Rendl hatte dem Insel-Verlag um die Zeit der Entstehung des Buches ebenfalls ein Romanmanuskript mit dem Titel Brot angeboten, das zudem mit Hamsun verglichen wurde, nachdem es später bei der Deutschen Verlags-Anstalt unter dem Titel Vor den Fenstern erschienen war. Hier sah man Bezugspunkte vor allem zu Hamsuns Roman Hunger. Möglicherweise hatte auch eben dessen Titel Waggerl wie Rendl zu der antithetischen Betitelung Brot inspiriert, Rendl bezeichnete Waggerls Titelgebung später jedoch als eine Anleihe bei ihm. Waggerl gab Jahre danach Auskunft, aus jugendlicher Halsstarrigkeit bei der Titelwahl unnachgiebig gewesen zu sein.Karl Müller: Karl Heinrich Waggerl. Eine Biographie mit Bildern, Texten und Dokumenten. Salzburg u. a.: Müller 1997, S. 144

Werkbeschreibung Handlungsgerüst Die Handlung des Romans spielt in erster Linie weit oben im rauen Gebirge der Alpen am Rande Ebens. Diese verlassene karge Örtlichkeit hat der patente Simon Röck, ein Mann im mittleren Alter (laut Romantext „von irgendwoher“), ausgewählt, um eine bäuerliche Existenz aufzubauen. Die ihm feindlich gesinnte Umwelt, die Unfruchtbarkeit des Landes sowie raue Wetter machen ihm zu schaffen und bringen ihm den Spott der Bewohner des Dorfes am Fuße des Berges ein, doch Simon gewinnt den Kampf, wird zum „Mann im Triumph, (…) König David in seiner Glorie“. Er baut einen florierenden Handel mit Holz und Viehfutter auf und mit Hilfe der zupackenden Regina, die er im Dorf kennen gelernt hat und die bei ihm aus zunächst undurchsichtigen Motiven einzieht, erarbeitet er sich schließlich auch noch eine Mühle. Unterdessen hat Reginas Schwester das Kind Sebastian auf Simons Hof gebracht, das sich als der uneheliche, kränkliche Sohn Reginas herausstellt und fortan zusammen mit den Hofeignern eine kleine Familie bildet. Ein später geborener leiblicher Sohn Simons und Reginas, Peter, entwickelt sich im Gegensatz zu dem Halbbruder prächtig, obschon sich die Schwangerschaft für die werdende Mutter lebensbedrohlich auswirkte.

Im Dorf vollzieht sich derweil begünstigt durch die Entdeckung einer Heilquelle der Wandel zur hektisch betriebsamen Stadt. Die Quelle hat der Müller und sozusagen Besitzer der Siedlung in seinem Steinbruch gefunden. Der arbeitsame Simon aber ist dem reichsten Mann des Dorfes ein Dorn im Auge und er schmiedet Intrigen gegen den Konkurrenten. Schließlich aber verstrickt er sich in diese und seine Fehlkalkulationen befördern am Ende den Ruin des ganzen Dorfes, woraufhin er sich das Leben nimmt.

Dabei wird zunächst Simon des Mordes an dem Müller verdächtigt und bis zur Klärung der Beweislage inhaftiert. Ein halbes Jahr dauert es, bis er zu seiner Familie zurückkehren kann. Derweil ist Peter zu einem Mann herangewachsen, der allmählich alle Tätigkeiten des Vaters auf den Feldern übernommen hat. Der ältere Sebastian hingegen hat eine begonnene Lehre zum Uhrmacher abgebrochen und ist als Landstreicher geendet, scheint als wanderlustiger Geselle, der er ist, damit allerdings durchaus zufrieden. Am Schluss der Erzählung können die in die Jahre gekommenen Röcks in einem Herbstidyll auf ein erfülltes Leben zurückschauen. Gleichzeitig sehen sie dabei der inzwischen bevorstehenden Geburt eines Enkels entgegen.

Die in dem Roman beschriebene „Landnahme“ Simons und seiner Familie wird dabei laut Walther Killys Literaturlexikon

von sozialen, politischen und ökonomischen Zusammenhängen abstrahiert und eine archaisch anmutende, »natürliche« und patriarchalische Welt vorgestellt, in der der Mensch sich in einer scheinbar ewigen, unveränderlichen Ordnung aufgehoben weiß, deren Kontinuität durch den Kreislauf der Natur noch unterstrichen wird.Autoren- und Werklexikon: Waggerl, Karl Heinrich, S. 1 f. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 21602 f. (vgl. Killy Bd. 12, S. 83)

Aufbau und Stil Der lebendige, anschauliche Stil wird in dem der Hauptströmung des Realismus zuzuordnenden Werk von einer im Wesen schlichten Sprache getragen. Poetische Mittel finden sich nur wenig, dafür ist das Dichterische vor allem in Rhythmus und Klang der Sprache sowie in der geschlossenen Komposition des Textes unverkennbar. Die durchgängige Dichotomie in der Struktur ist streng bis ins Letzte ausgestaltet – Erzählpole wie „Sesshaftigkeit“ und „Wurzellosigkeit“, „Land“ und „Stadt“, „Bergbauern“- und „Maschinenwelt“, „Subsistenz“ und „Gewinnorientierung“vgl. Richard Faber: Säkularisierung und Resakralisierung: Zur Geschichte des Kirchenlieds und seiner Rezeption, Königshausen & Neumann 2001; S. 177 werden grundsätzlich als „unvereinbar“ gegenübergestellt. Waggerls Erzählhaltung ist auktorial, hierbei nimmt der Autor bereits die später für sein Erzählwerk typisch werdende, von Bescheidenheit und konservativen Werten geprägte Erzählrolle ein. Eine äußerst sparsam eingesetzte, eigentümlich auf den Punkt kommende wörtliche Rede unterstreicht den im Roman beschriebenen bergbäuerlichen Menschentypus. Kindlers Literatur Lexikon bemerkt zudem auch stilistische Anleihen bei Hamsun.

Stoffe und Motive Stoff- und motivgeschichtlich prägen den Roman Vorstellungen wie Autarkismus und Patriarchat sowie eine mythisierte Betrachtungsweise des ländlichen Lebens. Auch archaische und antizivilisatorische Ideen seiner Entstehungszeit finden sich wieder. Motive beziehungsweise Zitate entnimmt Waggerl für Brot auch eigenen früheren Erzählungen sowie der Bibel. mini|Sinnbild autarker Lebensform: Bergbauern bei der Arbeit (1943) Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise war eine mögliche Unabhängigkeit von der Industrie und eine autarke Daseinsführung ein die Menschen bewegendes Thema. Dieses Motiv durchzieht den gesamten Roman. Mit Simon schildert Brot einen Menschen, der aus dem Nichts und ohne Hilfe von Außen seine Existenz aufbaut. Das Stück Land, auf welchem dem Protagonisten dieses möglich ist, wird im Anfang des Romans folgendermaßen beschrieben: „Vielleicht ist seit Jahrzehnten niemand mehr in diese Einöde gekommen, niemand, seit die Bauern von Eben ihr Land verlassen haben, dieses verwunschene Land, so arm, dass sich kein Käufer dafür finden ließ.“ Dagegen steht der Müller, der an der Industrialisierung nach anfänglichem Überreichtum zugrunde geht. Schon zuvor wird der Aufstieg des Dorfes zur Stadt als Negativvision geschildert, die Zivilisation quasi als Schreckgespenst. Stattdessen wirbt der Roman für eine scheinbar ewige, unabänderliche Lebensordnung des Menschen im Einklang mit der Natur.

Die gesamte Fabel von Brot ist schon durch ihre wesentlichen Protagonisten, Müller und Simon, männlich geprägt. Während der Müller bereits von Anfang des Romantextes an als Besitzer, ja Herrscher über ein ganzes Dorf gezeichnet wird (der Erzähler bezeichnet ihn wie Simon „ein Wegbereiter, ein Prophet“), ist Simon der „Ursiedler“, der über den „männlichen Aufbau- und Fortpflanzungsweg“Karl Müller: Karl Heinrich Waggerl. Eine Biographie mit Bildern, Texten und Dokumenten. Salzburg u. a.: Müller 1997, S. 150 Gründer einer neuen Gemeinschaft wird. Dass diese auch patriarchalisch ausgerichtet bleiben soll, zeigt sich am Ende des Buches: „Ein alter Baum stirbt ab, (…) zur guten Zeit hat er Samen ausgeworfen, der jetzt heranwächst und groß wird. Ein gleicher Baum, fast an derselben Stelle“ heißt es; gemeint ist Simons Sohn Peter. Auch ist von der „Zukunft“ als ein Enkel im Schoß der Schwiegertochter die Rede, als das Geschlecht des Ungeborenen noch gar nicht klar sein kann. Stärkere Frauenfiguren wie die Frau und die Schwiegertochter Simons bleiben dann auch freilich stark der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau verhaftet. Und in ihnen werden auch weitere patriarchale Vorstellungen deutlich; so ist die künftige Schwiegertochter Simons quasi aus einer natürlichen Notwendigkeit heraus die Tochter des Schmieds: der Metallbearbeiter, der die Landwirtschaftsgeräte herstellt und der Bauer, der sie zu nutzen weiß, seien „von gleichem Geschlecht“.

Das Mythische in Waggerls Roman ergibt sich zum einen aus der ungewissen Herkunft seines Protagonisten und sein Gestelltsein in die Antizivilisation. Wie ein Schöpfer am Anbeginn der Zeit wird der Bauer hier geschildert. Ihm wird die Natur bisweilen auch zum Gegner, Rückschläge werden etwa als Strafen für Hochmut empfunden. In Brot ist von Nächten der „Prüfung“ die Rede, vom Südwind, der „am neunten Tage Wildwasser in die Halde“ bringt und alles Holz wegschwemmt, wundergleich geschilderte Wendungen finden sich (auf der Suche nach Holz für „seine letzte Suppe (…) gegen Ende des Tages“ entdeckt Simon den Bretterboden auf der Tenne) und die „Zukunft“, die die Schwiegertochter in Form eines Enkels „in ihrem Schoß“ trägt, wird beschworen.

Das Landstreicher-Motiv, das in Brot durch die Figur des Sebastian eingeführt wird, ist ein bei Waggerl recht häufiges:

Es sind sensible, psychisch schwächliche, intellektuell dominierte, sprunghafte, nervöse, auch kranke Menschen, die aber nicht nur in dichotomischer Spannung zu den Sesshaften, den Starken, den „Heimatmenschen“ stehen, sondern durchaus auch als sympathische Figuren auftauchen.Karl Müller in Friedrich Stadler (Hg.): Kontinuität und Bruch 1938-1945-1955; LIT Verlag 2004, S. 192