miniatur|Der durch Hecken angezeigte frühere Standort von Gebäuden des Klosters Lützel

Die Geschichte des Klosters Lützel behandelt detailliertere Aspekte der Vorgeschichte und Geschichte des vermutlich 1123 oder 1124 gestifteten und 1792 aufgehobenen Klosters Lützel (frz. Abbaye de Lucelle). Lützel war eine Abtei der Zisterzienser. Das ehemalige Klostergelände liegt heute an der Grenze zwischen Frankreich (Département Haut-Rhin) und der Schweiz (Kanton Jura).

Für eine zusammenfassende geschichtliche Übersicht siehe Kloster Lützel#Geschichte, für ergänzende oder allgemeinere Informationen siehe die entsprechenden Abschnitte in Kloster Lützel, unter anderem Kloster Lützel#Nachgeschichte.

Vorgeschichte miniatur|Das Herzogtum Schwaben und das Königreich Hochburgund im 10. Jahrhundert. Eingetragen auch die für Lützel relevanten Gaue Elsgau (Ajoie), Sornegau und Sundgau, südlich von Basel noch der Augstgau.

Während der Eisenzeit war der Nordjura von Kelten (Rauriker) dünn besiedelt. Von etwa 58 v. Chr. bis 476 n. Chr. lag der Lützeler Raum im römischen Herrschaftsgebiet. In diese Zeit fällt die Ausbreitung des Christentums und die Gliederung in Diözesen und Dekanate. Im 5. Jahrhundert lag das spätere Lützel im sich ausbildenden burgundisch-alemannischen Grenzsaum und einer romanisch-germanischen Sprachgrenzzone.Vgl. Bienz u. Galluser 1962, S. 74. Alemannen und Burgunden wurden im 6. Jahrhundert Teil des Frankenreichs, das im 8. Jahrhundert in Gaugrafschaften gegliedert wurde. Das Elsass mit Basel reichte um 800 südlich bis zur Aare. Das 888 gegründete Königreich Hochburgund beinhaltete die jurassischen Teile des Elsass und hatte in Basel seinen Nordostpfeiler. Das restliche Sundgau wurde Teil des 917 eingerichteten Herzogtums Schwaben. Das 933/948 geschaffene vereinigte Königreich Burgund (Arelat) umfasste auch die Burgundische Pforte und war im Norden unterteilt in die Grafschaft Burgund (mit der Ajoie?) und Transjuranien (mit dem Sornegau?). Das Königreich Burgund fiel 1033 ans Kaiserreich, Transjuranien wurde zähringischer Machtbereich.Für den gesamten Absatz vgl. Historischer Weltatlas, hrsg. von Walter Leisering, Wiesbaden 2004.

Neben anderen Grenzen verliefen bei Lützel auch Grenzen mehrerer Gaugrafschaften. Im Hochmittelalter lag das fast unbesiedelte und ungerodete Lützeltal in einer unbestimmten Grenzlage zwischen dem schwäbisch-elsässischen Sundgau im Norden und den beiden burgundischen Gauen Sornegau im Süden und Ajoie (Elsau) im Westen.Vgl. Meyer 1968, S. 5. Bedeutende Gaugrafenrechte ausübende Familien dieser burgundisch-alemannischen Übergangsregion waren u. a. die Grafen von Montbéliard (Ajoie), von Pfirt (Sundgau), von Montfaucon (Ajoie) und von Soyhières (Sornegau). Die drei erstgenannten Familien waren eng miteinander verwandt.Müller 1953, S. 42–44.

Auch kirchliche Verwaltungsgrenzen trafen sich im Lützeler Raum.Bienz u. Galluser 1962, S. 77. Bei Lützel verlief die Grenze zwischen dem Bistum Basel und dem Erzbistum Besançon. Der Basler Bischof, anfangs nur Herr über dieses geistliche Bistum, war seit 999 mit der Schenkung von Moutier-Grandval auch weltlicher Fürst (Fürstbistum Basel).Müller 1953, S. 42.

Ob die bis ins 17. Jahrhundert stark bewaldete Lützelregion vor der Klostergründung bereits auf die Gemarkungen der umliegenden Hofgenossenschaften bzw. Dorfgemeinschaften verteilt war, ist offen. Chèvre meint vage, dass sich die Gebiete von 5 oder 6 Orten im Lützeler Kessel trafen.Chèvre 1973, S. 28. Meyer 1968, S. 5. Eine wichtige Nord-Süd-Verbindung war die Route Blochmont-Movelier-Soyhières östlich von Lützel.Meyer 1968, S. 6.

Seit dem 12. Jahrhundert drangen in den burgundisch-alemannischen Grenzraum im Jura romanisch-burgundische Adlige („Walchen“) vor.Meyer 1968, S. 10. Die Grafen von Montfaucon, aus der Umgebung von Besançon (Grafschaft Burgund), erhielten in der Gegend des späteren Lützel beträchtliche Gebiete, die sie vom Bistum Basel zu Lehen nahmen.Le Haut-Rhin 1981, S. 822.

Geschichte bis 1792

Dies ist eine ausführliche geschichtliche Übersicht und berücksichtigt vor allem Ereignis- und Territorialgeschichte. Für eine zusammenfassende geschichtliche Übersicht vgl. Kloster Lützel#Geschichte. Für die Zeit nach 1792 siehe v. a. Kloster Lützel#Nachgeschichte und Kloster Lützel#Gegenwart.

1123 bis 1324

miniatur|Die burgundischen Territorien im 12./13. Jahrhundert mit Hochburgund (Arelat) im Nordosten. Die Ajoie gehörte zur hochburgundischen Grafschaft Burgund (später Freigrafschaft Burgund / Franche-Comté), der Sornegau zum zähringischen (transjuranischen) Teil Hochburgunds, der Sundgau zum nördlich Hochburgunds gelegenen Elsass bzw. zum Herzogtum Schwaben

Vermutlich 1123 oder 1124 stifteten die Grafenbrüder Hugues, Amadée und Richard von Montfaucon (Falkenberg) das Kloster LützelChèvre 1982, S. 291. Eine Gründungsurkunde ist nicht (mehr?) vorhanden. Die Gründungsdaten gehen zurück auf zwei Einträge im Anniversarienverzeichnis Lützels aus dem 15. Jahrhundert: Dort finden sich sowohl der 25. März 1123 als auch der 6. April 1124 als Gründungsdatum., unter Einverständnis ihres Onkels Berthold von Neuchâtel, Bischof von Basel. Richard von Montfaucon hatte 1119 durch Stiftungen bereits an der Gründung des Zisterzienserklosters Bellevaux in der Franche-Comté mitgewirkt.René Locatelli: Sur les chemins de la perfection: moines et chanoines dans le diocèse de Besançon vers 1060-1220, Saint-Etienne, 1992, S. 205 Von dort kamen der erste Abt und die ersten Mönche, sodass Lützel zum ersten Tochterkloster von Bellevaux wurde, das wiederum von Morimond abstammte, einer der vier Primarabteien des Ordens. Zwischen dem neugegründeten Kloster und den umliegenden Adelsherrschaften kam es zu Reibereien, da beide ihren Besitzstand vergrössern und arrondieren wollten. Das Lützeltal wurde zur unmittelbaren Interessensphäre des Klosters und der ebenfalls bereits bestehenden, unmittelbar östlich benachbarten Herrschaft Löwenberg.Meyer 1968, S. 11. Das Kloster Lützel wurde von romanisch-burgundischen Adligen gegründet, wuchs im Laufe der Zeit aber eher in den oberdeutschen Machtzusammenhang hinein.Chèvre 1973, S. 28, 284. Noch im 12. Jahrhundert erschien das Kloster als Teil der elsässischen Grafschaft Pfirt.Zimmermann 1999, S. 11. Auch der Sornegau kam zu einem unklaren Zeitpunkt an Pfirt, Lützel lag damit vollständig in deren Machtbereich.

Mit 1136 ist datiert eine Bestätigung der Besitztümer durch die Bischöfe von Basel und Besançon, mit 1139 eine Bestätigungsurkunde durch König Konrad III. und Papst Innozenz II. und mit 1147 eine weitere Bestätigungsurkunde durch Papst Eugen III. 1180 befreite Papst Alexander III. die Abtei von der Zehntpflicht.Chèvre 1982, S. 290. Etwa 1180 wurden die Habsburger anstelle des Königs Schirmvögte des Klosters.Meyer 1968, S. 10–11. 1194 wurde die Abtei von der bischöflichen (geistlichen?) Gerichtsbarkeit befreit,Chèvre 1973, S. 62. Kirchlich-geistliche Gerichtsbarkeit? und erwarb damit vermutlich gewisse Rechte in seinem unmittelbaren Territorium. 1225 erhielt Lützel von Friedrich II. das Recht zur Jagd in den eigenen Wäldern.Müller 1953, S. 297. Auch die Grafen von Pfirt scheinen dem Kloster relativ freie Hand gelassen zu haben.Zimmermann 1999, S. 36. 1259 befreite Ulrich II. von Pfirt die Abtei von allen gräflichen Steuern.Zimmermann 1999, S. 35.

Die Ajoie mit dem Hauptort Porrentruy wurde 1270 Teil des Fürstbistums Basel.Müller 1953, Karte. Kurz darauf (1271, endgültig 1278) kam der Sornegau von den Pfirt an das Fürstbistum und wurde mit dem neuen Hauptort Delémont als Herrschaft Delémont organisiert.Bühler 1972, S. 7–8, 12; Zimmermann 1999, S. 11. Dabei soll 1271 die Lützel als Grenze zwischen der Herrschaft Delsberg und der Grafschaft Pfirt festgelegt worden sein.Chèvre 1973, S. 28, 75. Damit wurden sowohl der befestigte innere Klosterbezirk als auch das umgebende Klosterterritorium hoheitsrechtlich in zwei Teile geschieden. Die Hauptgebäude des Klosters, nämlich Kirche und Konvent, und damit das Kloster als Institution, lagen dabei nördlich des Flusses, also in der Grafschaft Pfirt. Beim Bau von Klostergebäuden wurde für die Lützel ein neues Bett gegraben, die Grenze folgte jedoch weiterhin dem alten Verlauf, weswegen die Grenze mitten durch die Konventsküche gegangen und durch ein am Herd befestigtes Metallstück angezeigt worden sein soll.Zimmermann 1999, S. 11. Stintzi 1961, S. 28. Beide geben jedoch hierfür keine Belege an.

Die Grafschaft Pfirt, seit 1274 Lehen des Bistums Basel, und mit ihr der nördliche Teil des Lützeler Territoriums, kam 1324 durch Heirat an Vorderösterreich.Chèvre 1973, S. 28. Im Gegensatz zu den Pfirter Grafen hat Habsburg landesherrliche Rechte wahrgenommen; Lützel kann daher seitdem als landsässiges Kloster Österreichs angesehen werden.Vgl. Zimmermann 1999, S. 36.

Die Ausweitung des umgebenden Klosterterritoriums

mini|links|Ehemaliges Klostergebäude auf französischer Seite (eventuell die ehemalige Kellerei)

Der Ort der Klostergründung bot ergiebige Rodungsflächen beiderseits der Lützel.Bienz u. Galluser 1962, S. 74–75. En detail ist der Verlauf der Kulturlandgewinnung um Lützel unbekannt.Bienz u. Galluser 1962, S. 75. Erste Grangie der Abtei war das wenige Meter nördlich gelegene Scholis, an der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhône.Chèvre 1973, S. 29. Lützelabwärts, an der Stelle des heutigen St-Pierre, befand sich die Grangie Oberlümschwiller, die etwa bis 1339 in den Quellen erwähnt ist. Später erschien Oberlümschwiller als Weiler namens St-Pierre (St. Peter).Le Haut-Rhin 1981, S. 827. Dort steht, dass Oberlümschwiller von 1152 bis 1339 als "zisterziensische Grangie" erwähnt werde. Meyer meint hingegen, dass Oberlümschwiller erst 1194 an Lützel verkauft wurde (Meyer 1968, S. 14–15, 142–143, Karten 1 und 2). Oberlümschwiller war zuvor Teil der benachbarten Herrschaft Löwenberg (siehe unten) und war an die Abtei verkauft worden. Im 13. Jahrhundert wurde der zwischen Lützel und Pleigne gelegene Courtine de Lucelle (später auch «Pleenhof-le-Haut», heute «La Courtine») gegründet; dieser Hof war vermutlich auch Ausgangspunkt weiterer Rodungen. Südlich der Lützel lagen auf dem Klosterterritorium ausserdem die Höfe SchellochUnklar, welchen Hof Müller damit meint, vielleicht Le Moulin., SteinbodenVielleicht das heutige Lai Prirre. und Richterstuhl (Selle au Roi).Müller 1953, S. 224. Unklar ist, ob Mühle und Hof von Bavelier (Baderschwiler) zum Altlützeler oder zum 1526 erworbenen Löwenburger Territorium (siehe unten) gehörten.Vgl. Müller 1953, S. 224. 1716 wurden zwei Häuser im Gebiet Steinboden errichtet.Meyer 1968, S. 245.

Die unklaren Rechts- und Territorialverhältnisse bestimmten auch die Beziehungen der Abtei zu den Nachbargemeinden, vor allem Pleigne und Pleujouse.Chèvre 1973, S. 75–76. Es wird gestritten um Gemarkungsgrenzen, Nutzungsrechte und Gerichtsbarkeiten. 1340 verpflichtete der Vogt der Ajoie die Gemeinde Charmoille zur Entfernung von durch das Kloster gesetzten Grenzsteinen.Chèvre 1973, S. 99. In einem Streit mit der Gemeinde Oberlarg um das Eigentum an einem Waldstück setzte sich hingegen die Abtei durch, Ulrich von Pfirt wies die entsprechende Klage des Dorfes ab.Chèvre 1973, S. 99–100. Abt Hillweg (1495–1532) führte Prozesse mit drei Nachbargemeinden um Nutzungsrechte an Wald- und Weideflächen: Mit Winkel ging es um den Filzwald, mit Bourrignon um die Combe-Juré (Combe Girard); die Fälle wurden 1515 bzw. 1535 geregelt. Mit Pleigne ging es um mehrere Rechte in Gebieten zwischen dem Dorf Pleigne und dem Lützelfluss; die Auseinandersetzungen dauerten bis ins 18. Jahrhundert an.Chèvre 1973, S. 129.

16. Jahrhundert

Während der Reformation hatten die Ämter des geistlichen Bistums Basel die Stadt Basel verlassen und sich grossräumig um Lützel herum angesiedelt: Der Bischof zog mit der Hauptverwaltung dauerhaft in den Hauptort des Ajoie, nach Porrentruy, das Kapitel schliesslich nach Freiburg im Breisgau und das Offizialat ins oberelsässische Altkirch.Bühler 1972, S. 14.