Ewiges Leben ist ein Begriff (Theologem) der jüdischen, christlichen und islamischen Theologie, der sich sowohl auf Gott als auch auf den Menschen bezieht. Im Pentateuch, dem ältesten Kanon-Teil der Bibel, wird ein ewiges Leben nur für Gott angenommen und dem Menschen abgesprochen. In spät entstandenen alttestamentlichen Schriften hingegen wird den „Gerechten“ in Aussicht gestellt, dass Gott sie ewig leben lässt.

Das Neue Testament enthält eine Reihe von Aussagen über ein ewiges Leben des Menschen. Dieses wird als Gabe Gottes aufgefasst, die nur den Gläubigen gewährt wird. Dabei spielt der Glaube an Jesus Christus als Grundvoraussetzung ewigen Lebens die wichtigste Rolle.

Auch im heiligen Text des Islams, dem Koran, der dritten abrahamitischen Religion, wird ein ewiges Leben durch und in Allah bestimmt. Ein Engel führt die Seele zu einem vorläufigen Gericht. Hat der Verstorbene sein Leben in Taten und Glauben nach dem Willen Allahs geführt, wird ihm mitgeteilt, dass seine Sünden vergeben seien. Sie darf aber noch nicht ins Paradies (Dschanna) eintreten. Wenn sein Leben jedoch nicht den Ansprüchen Allahs entsprochen hat, wird die Seele für die ewige Verdammnis (Dschahannam) bestimmt.

Hebräische Bibel und Altes Testament

Im Alten Testament bzw. der hebräischen Bibel wird das ewige Leben als Merkmal Gottes hervorgehoben. So sagt Gott nach dem 5. Buch Mose: (), und in sagt König Nebukadnezar II.: Den Gegenpol dazu bildet das Leben der Geschöpfe, dessen Flüchtigkeit, Kürze und Vergänglichkeit oft hervorgehoben wird.Horst Seebass: Leben: II. Altes Testament. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 20, Berlin 1990, S. 520–524, hier S. 521.

Mit Bezug auf den Menschen ist schon im Buch Genesis, einem der ältesten Bücher des Alten Testaments, von einem ewigen Leben die Rede. Dort wird es aber verneint. Die Stelle lautet: (). Der Urheber der Erzählung vom Sündenfall spricht hier die theoretische Möglichkeit an, dass der Mensch ewig lebt, falls er die Frucht vom Baum des Lebens im Paradies isst. Es kommt aber nicht zur Verwirklichung dieser Möglichkeit, denn sie entspricht nicht Gottes Willen: Adam und Eva erhalten keine Gelegenheit, die Frucht zu verzehren, vielmehr werden sie aus dem Paradies vertrieben. Im Buch Genesis wird die Vergänglichkeit des Menschen betont: 1. Buch Mose 6,3. Vergleiche Hermann Spieckermann: Eternal Life: I. Ancient Near East and Hebrew Bible/Old Testament. In: Encyclopedia of the Bible and its Reception (EBR). Band 8, Berlin/Boston 2014, Spalte 59–61; Bernd Janowski: Ewiges Leben: III. Altes Testament. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4., neu bearbeitete Auflage. Band 2, Tübingen 1999, Spalte 1762/1763.

Zweifelnd und skeptisch äußerte sich der Urheber eines Ausspruchs im Buch Kohelet (Prediger), das wohl aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammt. Er schrieb:

Mit „Atem“ bezeichnete der Autor hier, einer damals gängigen Ausdrucksweise folgend, die den Körper belebende Kraft und damit das Leben des Lebewesens und dieses selbst.Vergleiche zur Interpretation der Stelle Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet. Freiburg im Breisgau 2004, S. 282–286.

Eine andere, optimistische Sichtweise findet sich in drei spät entstandenen alttestamentlichen Schriften: dem heute in das 2. Jahrhundert v. Chr. datierten Buch Daniel und dem Buch der Weisheit und dem 2. Buch der Makkabäer (beide 1. Jahrhundert v. Chr.). Die beiden letztgenannten Schriften werden von katholischen Theologen als deuterokanonisch, von evangelischen als apokryph bezeichnet. In diesem späten Schrifttum äußerten sich Juden der hellenistischen Zeit, die glaubten, dass Gott seine rechtschaffenen Diener nicht mit dem Tode zugrunde gehen lasse, sondern sie belohne, indem er ihnen ein ewiges Leben gewähre. So wird im Buch Daniel eine Auferstehung der Toten verkündet: Daniel 12,2–3. Vergleiche Hermann Spieckermann: Eternal Life: I. Ancient Near East and Hebrew Bible/Old Testament. In: Encyclopedia of the Bible and its Reception (EBR). Band 8, Berlin/Boston 2014, Spalte 59–61, hier Spalte 60. Ähnlich lauten Verheißungen im Buch der Weisheit: Weisheit 3,1–8. und Weisheit 5,14–15.

Während die Gerechten in ihrer Hoffnung auf Unsterblichkeit bestätigt werden, ist das Schicksal der Gottlosen ewiger Tod bzw. die Hölle.Siehe dazu Mareike V. Blischke: „Die Gerechten aber werden ewig leben (Sap 5,15)“: Begrenzte und entgrenzte Zeit in der Sapientia Salomonis. In: Reinhard G. Kratz, Hermann Spieckermann (Hrsg.): Zeit und Ewigkeit als Raum göttlichen Handelns. Berlin 2009, S. 187–212, hier S. 195–201. Im zweiten Makkabäerbuch formulieren Märtyrer ihren Glauben an ein ewiges Leben, das nur den frommen Dienern Gottes, nicht ihren Verfolgern zuteilwerden soll: 2 Makk 7,8. 2 Makk 7,14. 2 Makk 7,36.

Gemeinsam ist den jüdischen Autoren, die ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. in biblischen Schriften ihren Glauben an ein menschliches ewiges Leben ausdrücken, dass dieses als Privileg der Gerechten aufgefasst wird. Es steht demnach nicht allen Menschen bevor. Die Exklusivität dieser Daseinsform wird betont. Im Danielbuch ist zwar auch von einem künftigen „Erwachen“ (Auferstehung) der Frevler die Rede, doch wird dieses scharf vom „ewigen Leben“ abgegrenzt, das den „Verständigen“ vorbehalten bleibt. Während im Danielbuch noch eine irdische Auferweckung und ein künftiges Gottesreich auf Erden erwartet wird, verlagert der Verfasser des zweiten Makkabäerbuchs das erhoffte ewige Leben in den Himmel, in den die verstorbenen Gerechten versetzt werden sollen. Das geschieht nach der Meinung dieses Autors nicht nach einem künftigen Gericht Gottes, sondern bereits unmittelbar nach dem Tod. Einen Sonderfall bildet die Entrückung einzelner besonders Frommer, die von Gott in den Himmel aufgenommen werden; namentlich genannt werden Henoch (schon im Buch Genesis1. Buch Mose 5,24.) und Elija. In allen genannten Fällen gilt die Auferweckung zum ewigen Leben oder Entrückung in den Himmel als exklusiver Akt Gottes, der nur seinen Auserwählten zugutekommt.Ulrich Kellermann: Auferstanden in den Himmel: 2 Makkabäer 7 und die Auferstehung der Märtyrer. Stuttgart 1979, S. 9–12, 79–85 und 90–93. Nach dem Buch der Weisheit ist der Tod des Gerechten, der um der Tora willen leidet und getötet wird, nur Schein. In Wirklichkeit befindet sich ein solcher Gerechter in einer unzerstörbaren Gemeinschaft mit seinem Schöpfer, der ihn zum Bild seiner eigenen Ewigkeit geschaffen hat.Ulrich Kellermann: Auferstanden in den Himmel: 2 Makkabäer 7 und die Auferstehung der Märtyrer. Stuttgart 1979, S. 102/103.

Neues Testament

Im Neuen Testament ist der Begriff „ewiges Leben“ stark präsent. Gemeint ist ein unzerstörbares, von Gott geschenktes Leben der Glaubenden, das mit dem griechischen Ausdruck zōḗ bezeichnet und als aiṓnios (ewig) charakterisiert wird. Es unterscheidet sich von bíos, dem irdischen, vergänglichen Leben, und von psychḗ, der vom Tod bedrohten physischen Lebenskraft des Lebendigen. Allerdings wird zōḗ im Neuen Testament nicht ausschließlich in diesem Sinn verwendet, sondern mitunter auch in biologischer Bedeutung.Hubert Ritt: Ewiges Leben: II. Neues Testament. In: Lexikon für Theologie und Kirche. 3., neu bearbeitete Auflage. Band 3, Freiburg 1995, Spalte 1078/1079, hier Spalte 1078; Jan G. van der Watt: Eternal Life. II. New Testament. In: Encyclopedia of the Bible and its Reception (EBR). Band 8, Berlin/Boston 2014, Spalte 61–64. Das ewige Leben ist kein Aspekt der menschlichen Natur, vielmehr setzt es den Glauben an Jesus Christus voraus und ist an die Beziehung des Glaubenden zum Erlöser geknüpft. In diesem Sinne schreibt der Verfasser des ersten Johannesbriefs: . Dem Evangelium nach Johannes zufolge sagte Jesus: .

Die jenseitige Daseinsform der Nichtglaubenden, welche die Erlösung nicht erlangen und dem Gericht Gottes und der Verdammnis verfallen, wird nicht als „ewiges Leben“ in diesem Sinne aufgefasst und daher nicht so bezeichnet. Ebenso wie im Alten Testament gilt das ewige Leben, soweit es dem Menschen zuteilwerden kann, als Lohn der Gerechten. Es wird der „ewigen Strafe“ der Verdammten gegenübergestellt, so im Evangelium nach Matthäus: .

Meist wird das ewige Leben eschatologisch als Zustand im künftigen Gottesreich thematisiert, den man „ererben“ kann, das heißt: den man als Belohnung für richtiges Verhalten während des gegenwärtigen Lebens erlangen kann. Im Johannesevangelium und den Johannesbriefen hingegen wird das Konzept des ewigen Lebens näher an das irdische Dasein herangerückt; es erscheint als etwas schon im vergänglichen Dasein Erfahrbares. Das irdische Leben kann aus dieser Perspektive als Anfang oder Vorwegnahme des ewigen verstanden werden, sofern es dessen Bedingungen entspricht. Dadurch wird – zumal aus der Sicht der johanneischen Theologie – die Bedeutung des Todes und die Differenz zwischen Leben und Tod relativiert.Jan G. van der Watt: Eternal Life. II. New Testament. In: Encyclopedia of the Bible and its Reception (EBR). Band 8, Berlin/Boston 2014, Spalte 61–64; Gerhard Dautzenberg: Leben: IV. Neues Testament. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 20, Berlin 1990, S. 526–530, hier S. 529/530.

Der Apostel Paulus legt u. a. Gewicht auf den Lohngedanken. Er stellt die Gerechtigkeit des Frommen, der das ewige Leben „erben“ werde, eindringlich der Ungerechtigkeit gegenüber, die mit Gottes Zorn, mit Tod und Vergänglichkeit verknüpft sei.Siehe dazu François Vouga: Ewiges Leben. IV. Neues Testament. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4., neu bearbeitete Auflage. Band 2, Tübingen 1999, Spalte 1763–1765, hier Spalte 1764/1765.

Spätantike und mittelalterliche Theologie

In der Kirchenväterzeit wurde bei der Erörterung des ewigen Lebens nicht dessen zeitliche Dauer, sondern die Qualität betont. Man assoziierte damit Frieden, Seligkeit und Heil, insbesondere Freiheit von den Übeln und Gefahren des irdischen Daseins. Die Vorstellung einer unbegrenzten zeitlichen Dauer in der Art des irdischen Zeitablaufs galt als unzulängliches Verständnis der Ewigkeit. So schrieb der Kirchenvater Augustinus, im „glückseligen Leben“ sei nicht der Anfang des einen Tages das Ende des anderen. Es gebe in dieser Daseinsweise kein Kommen und Vergehen der Tage, vielmehr sei dort, wo das Leben kein Ende habe, die Gesamtheit der Tage zugleich gegeben.Augustinus, Brief 130,8,15. Nach der Definition des spätantiken christlichen Philosophen Boethius ist Ewigkeit der gleichzeitige und vollständige Besitz unbegrenzbaren Lebens.Boethius: Consolatio philosophiae. 5,6,4.

In der Dogmatik wurde die Lehre vom ewigen Leben in den Glaubensbekenntnissen festgehalten. So enthält das Apostolische Glaubensbekenntnis die Aussage Credo in […] vitam aeternam („Ich glaube an das ewige Leben“). Im Nicäno-Konstantinopolitanum, dem Credo der Liturgie, lautet die Formel: Et expecto […] vitam venturi saeculi („Und ich erwarte das Leben der kommenden Welt“). Im Athanasischen Glaubensbekenntnis bekennt der Gläubige: (Und die Gutes getan haben, werden ins ewige Leben eingehen, die hingegen Böses [getan haben], in das ewige Feuer). Auch hier ist „ewiges Leben“ gleichbedeutend mit „ewige Seligkeit“ und schließt die ewige Existenz der Verdammten nicht mit ein.Jürgen Hübner: Leben: V. Historisch/Systematisch. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 20, Berlin 1990, S. 530–561, hier S. 531/532.