mini|Lindauer Hafen 1963 mit gelandetem Flugzeug auf dem Eis des Hafenbeckens und Auto in der Hafeneinfahrt In der Vergangenheit war es in einigen Wintern am Bodensee so kalt, dass (oft im Januar oder Februar) auf großen Teilen des Sees eine Eisschicht entstand, die auch Menschen tragen konnte. Dieses Phänomen wurde in deutschem Bodenseealemannisch Seegfrörne des Bodensees (Zufrieren des Bodensees) genannt und in Schweizer Hochalemannisch Seegfrörni. Auch der zuletzt zufrierende Teil, der Obersee, konnte dann zu Fuß überquert werden.
Der Bodensee ist einer der größten Seen Europas. Dokumente zu vergangenen Seegfrörnen gelten wegen seines großen Volumens (48 km³) und seiner großen Tiefe als bedeutendes Klimaarchiv für Kälteanomalien in Zentraleuropa, mit dem sich auch Klimamodelle kalibrieren lassen.
Der Bodensee war letztmals im Winter 1962/63 komplett überfroren. Der Winter 1962/63 in Europa war in Deutschland der strengste Winter des 20. Jahrhunderts.
Besonderheiten einer Seegfrörne Physikalische Gegebenheiten mini|Bodensee mit Untersee, Zeller See, Überlinger See und Obersee Ab einer Wassertiefe von 50 Meter und mehr hat der Bodensee bis hinunter zum Seeboden eine Temperatur von etwa 4 °Celsius. Wasser von 4 °Celsius hat die höchste Dichte und sinkt auf den Seeboden. Die darüber liegenden Wasserschichten von der Oberfläche bis zu 50 Meter Wassertiefe weisen wegen der Dichteanomalie des Wassers geringere Dichten auf und können auch auf niedrigere Werte abkühlen. Eis hat eine geringere Dichte als Wasser und schwimmt obenauf. So kann sich an der Oberfläche eine Eisdecke bilden.
Ablauf einer Seegfrörne Folgende Faktoren begünstigen eine Seegfrörne: früh beginnender Winter, aus östlichen Richtungen zuströmende Kaltluft, schwache Luftbewegungen, ein niedriger Wasserstand, wenig Sonnenschein und Lufttemperaturen, die von November bis Februar/März mehrere Grad unter dem langjährigen Mittelwert liegen.Werner Häusler, Willy Häusler: Seegfrörne 63. Das Tagebuch vom großen Eis. Verlag der Schwäbischen Zeitung, Leutkirch und Seekreis Verlag, Konstanz 1963. (Fotos und Tagebuch der Seegfrörne 1963). S. 4. Am Ablauf der Seegfrörne von 1963 ist zu sehen, dass die Eisbildung im Untersee beginnt. Sie fängt dort im flachsten Teil, dem Gnadensee mit 22 Meter Tiefe an, greift auf den Zeller See mit 26 Meter Tiefe über und ergreift den rheindurchströmten Teil mit 46 Meter Tiefe. Nach etwa zwei Wochen folgt die Eisbildung im Überlinger See und nach einer weiteren Woche im Obersee. Entsprechend dem zeitlichen Verlauf und der Wassertiefe weist bei einer Seegfrörne der Untersee Eisdicken bis 1 Meter, der Überlinger See bis 30 cm und der Obersee bis 20 cm auf. Zuerst wurde bei der Seegfrörne von 1963 die Überquerung des Untersees zwischen Hemmenhofen und Steckborn am 17. Januar 1963 frei gegeben. Dann wurde am 1. Februar der Überlinger See zwischen Überlingen und Dingelsdorf von Jugendlichen überquert. Am 6. Februar erkundeten Hagnauer Jugendliche die Passage des Obersees von Hagnau nach Münsterlingen für die Eisprozession.Die Chronik vom großen Eis. In: , S. 2–5
Eisbewegungen Bei sinkenden Temperaturen schrumpft das Eis.siehe auch Zahlenwerte zu Dichteanomalie und Ausdehnungskoeffizient von Eis und Wasser Dies verursacht Risse im Eis. Zwischen vorher verbundenen Eisflächen können große Risse mit offenem Wasser entstehen. Diese Wunen (auch Wunnen genannt) können entlang der Bruchstelle kilometerlang verlaufen. Bei steigenden Temperaturen, zum Beispiel beim Wechsel von Nachtkälte zu Tageswärme mit Sonneneinstrahlung, dehnt sich das Eis aus; Eisplatten und Eiswälle können sich auftürmen. Diese Bewegungen des Eises werden von heftigem Knallen begleitet. Weiter gibt es mitten im Eis kreisrunde Löcher von etwa einem Meter Durchmesser von Quellen am Seegrund. Dort können auch Gasblasen emporsteigen.Albert Steudel: Der gefrorene Bodensee des Jahres 1880. In: Deutscher Eissport. Fachzeitschrift für die Interessen des Eissports, VIII. Jahrgang, Nr. 3 vom 10. November 1898, S. 21–23, Nr. 5 vom 24. November 1898, S. 36–39, hier S. 38.Mit dem Eismeister unterwegs In: , S. 26–29
Offene Stellen im Bodensee Unter der Rheinbrücke von Konstanz sowie zwischen Friedrichshafen und Romanshorn (tiefste und breiteste Stelle des Sees sowie Fährverkehr) blieb der Bodensee am längsten ohne Eisdecke.Werner Häusler, Willy Häusler: Seegfrörne 63. Das Tagebuch vom großen Eis. Verlag der Schwäbischen Zeitung, Leutkirch und Seekreis Verlag Konstanz 1963. (Fotos und Tagebuch der Seegfrörne 1963). S. 32–33, 51. Dort sammeln sich die Belchen und Schwäne.Kurt Felix: Bodensee-Gfrörni. In: Schweizer Radio 1963 URL= . (Originalschilderungen von der Eisprozession 1963 Hagnau–Münsterlingen, Fütterung und Bergung der Belchen und Schwäne)
Tragfähigkeit der Eisdecke Die Teilnehmer einer Umrundung des Sees auf Schlittschuhen während der Seegfrörne des Bodensees 1880 hielten ihre Erfahrungen für künftige Generationen fest:
Bei einer Überquerung während der Seegfrörne 1963 von Langenargen nach Rheinspitz am Alten Rhein in der Schweiz erlebten zwei Freunde ein halbstündiges, sich von Ost nach West fortpflanzendes Geräusch, erreichten aber dennoch heil das Schweizer Ufer:
Ein Schlittschuhläufer, der 1963 den Obersee des Bodensees umrundete, fasste seine Erfahrungen folgendermaßen zusammen:
Eismeister überprüften die Tragfähigkeit der Eisdecke folgendermaßen:
Situation der Wasservögel Die Wasservögel (Möwen, Blesshühner, Schwäne und seltene Wildenten) drängen zu den immer kleineren offenen Wasserstellen, frieren fest und finden keine Nahrung mehr. Bei der Seegfrörne von 1963 wurden in der Umgebung von Konstanz die Wasservögel durch Tierfreunde, den Konstanzer Tierschutzverein, die Wasserschutzpolizei, Freiwillige Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, die Polizei, das Konstanzer Tiefbauamt, die Mannschaften der Fähre und durch Geschäftsleute gefüttert, gerettet und untergebracht.Hans Schuhmacher: Die Not der Tiere war groß. In: , S. 10–11 Die Jägervereinigung Konstanz versorgte aus dem Flugzeug, die Bundeswehr von Hubschraubern aus die Vögel mit Futter.Werner Häusler, Willy Häusler: Seegfrörne 63. Das Tagebuch vom großen Eis. Verlag der Schwäbischen Zeitung, Leutkirch und Seekreis Verlag Konstanz 1963. (Fotos und Tagebuch der Seegfrörne 1963). S. 51, 53.
Ende einer Seegfrörne Eine Seegfrörne wird durch Tauwetter, Westwinde oder Föhnstürme beendet. Für den Eisgang rheinabwärts müssen die Städte mit Rheinbrücken (Konstanz, Stein am Rhein, Diessenhofen, Schaffhausen und Neuhausen mit dem Rheinfall) Vorkehrungen treffen.Werner Häusler, Willy Häusler: Seegfrörne 63. Das Tagebuch vom großen Eis. Verlag der Schwäbischen Zeitung, Leutkirch und Seekreis Verlag Konstanz 1963. (Fotos und Tagebuch der Seegfrörne 1963). S. 60. Mitte Januar 1963 hatte das Oberflächenwasser in der Mitte des Obersees 3,6 °Celsius, bis Mitte April 1963 blieben die Temperaturen im ganzen Bodensee unter 4 ° Celsius.
Klimaschwankungen mini|300px|Rekonstruierter Temperaturverlauf der letzten 2.000 Jahre nach verschiedenen Quellen. Im Vergleich dazu auch die direkt gemessenen Temperaturen bis einschließlich 2004 Generelle Klimaschwankungen mit Ausprägungen wie die Mittelalterliche Warmzeit und die Kleine Eiszeit mit besonders kalten Wetterperioden von 1570–1630 und von 1675–1715 sind als Erklärung für die Seegfrörnen des Bodensees nicht geeignet. Regionale Temperaturuntersuchungen zeigen Temperaturrückgänge ab Mitte des 13. Jahrhunderts und im 14. Jahrhundert an (siehe u. a. Niculussi, Patzelt: Klima im Alpenraum.).Kurt Nicolussi: Klimaentwicklung in den Alpen während der letzten 7000 Jahre. Universität Innsbruck, Institut für Geographie.
Überlieferte Seegfrörnen Eine Seegfrörne wird derzeit erstmals für das Jahr 875 angenommen.Weitersagen. Wussten Sie eigentlich, dass… In: Südkurier vom 1. Dezember 2010. Überlieferte oder dokumentierte Seegfrörnen des Bodensees fanden nach Meichle statt in den Jahren:
875, 895 1074, 1076 1108 1217, 1227, 1277 1323, 1325, 1378, 1379, 1383 1409, 1431, 1435, 1460, 1465, 1470, 1479 1512, 1553, 1560, 1564, 1565, 1571, 1573 1684, 1695 1788 1830, 1880 1963Die Jahre 875 bis 1830 sind genannt, aber nicht belegt bei Albert Steudel: Der gefrorene Bodensee des Jahres 1880. In: Deutscher Eissport. Fachzeitschrift für die Interessen des Eissports, VIII. Jahrgang, Nr. 3 vom 10. November 1898, S. 21–23, Nr. 5 vom 24. November 1898, S. 36–39, hier S. 38–39. Verwendet, geändert und ergänzt, aber nicht alle belegt bei Verwendet bei Zur Tabelle umgewandelt bei:
mini|hochkant|Säule in Lochau-Hörbranz mit Hinweis auf dort bekannte Seegfrörnen Die Seegfrörne vom 9. bis ins 13. Jahrhundert sind nicht durch Dokumente von Zeitgenossen oder Zeitzeugen belegbar. Spätere Seegfrörne werden erst lange Zeiten nach dem Ereignis beschrieben. Erst ab 1830 gibt es ausführliche und zeitnahe Dokumentationen.Werner Dobras: Die Gfrörne von 1963. In: Das schöne Allgäu. Januar/Februar 2013, S. 67–69. Der Lindauer Heimatpfleger Werner Dobras schreibt hierzu:
Als Chronisten historischer Seegfrörnen nennt Meichle: Hans Stetter (spätes 14. Jahrhundert, Konstanz), Gebhard Dacher († 1472, Konstanz), Joachim von Watt (genannt Vadian 1484–1551, St. Gallen), Jakob Reutlinger (1545–1611, Überlingen), David Hünlin (1720–1783, Lindau), Johann Friedrich Spät (18. Jahrhundert, Konstanz), Gustav Schwab (1792–1850, Stuttgart), Joseph Laible (Konstanz). In der katholischen Pfarrkirche St. Georg von Wasserburg (Bodensee) sind auf Tafeln an drei der vier Hauptpfeiler die Seegfrörnen von 1573, 1830 und 1963 dokumentiert. Eine Marmorstele im Uferbereich von Lochau/Hörbranz dokumentiert Seegfrörnen in den Jahren 1830, 1880, auch 1929 sowie 1963.
Dokumentierte Seegfrörnen Seegfrörne von 1076 (teilweise)
Seegfrörne von 1277 (teilweise) Der Konstanzer Chronist Gebhard Dacher beruft sich mit einem Zitat auf seinen Vorgänger Hans Stetter zu einer Seegfrörne im Jahre 1277, wonach ein so scharfer und kalter Winter herrschte, der Bodensee so stark überfroren war, dass eine Katze und ein Hund darüber hätten laufen können, und dieser Zustand bis zum 14. Februar anhielt.
Seegfrörne von 1325/1326 Diese Seegfrörne bahnte sich Ende 1325 an.
Zwei Handschriften überliefern Details zum weiteren Verlauf der Seegfrörne Anfang 1326.
Seegfrörne von 1378 Nach der Chronik des Seckelmeisters Stetter um 1400 gab es am 24. Februar 1378 eine schwache Eisdecke zwischen Egg, Meersburg, Hagnau und Buchhorn (heute Friedrichshafen).
Seegfrörne von 1435 (komplett)
In einer Weingartner Handschrift wird erwähnt, dass der See von Fussach nach Lindau und von Arbon nach Langenargen begangen werden konnte. Am 23. Februar 1435 brach das Eis bei Wind und Regen.
Vom 10. bis 23. Februar 1435 war der gesamte Bodensee zugefroren und begehbar.Ph. Ruppert: Das alte Konstanz in Schrift und Stift. Die Chroniken der Stadt Konstanz. Münsterbau-Verein, Konstanz 1891, S. 182–184.
Seegfrörne von 1465 (teilweise) In einer Konstanzer Chronik schildert der Zeitzeuge Gebhard Dacher, dass er Anfang Februar 1465 den Überlinger See von Dingelsdorf nach Überlingen überquerte:
Seegfrörne von 1470 (teilweise) Die Konstanzer Chronik erwähnt, dass der Untersee zufror und dass es vor, am und nach dem 24. Februar 1470 sehr stark schneite.
Seegfrörne von 1517 (teilweise) Der Überlinger Chronist Reutlinger schildert, dass der Sohn des Amtsmannes von Dingelsdorf, der den Überlinger See von Dingelsdorf nach Überlingen und zurück überquerte, am Dingelsdorfer Ufer unter das Eis geriet und ertrank.
Seegfrörne von 1560 (komplett) Der See wurde von Romanshorn nach Buchhorn (heute Friedrichshafen) und Lindau überquert. Am 11. Februar 1560 nahmen Rebleute von der Haltnau bei Meersburg den Weg über das Eis nach Konstanz-Staad.
Seegfrörnen von 1564, 1565 Diese Seegfrörnen werden bei Dobras ohne weitere Schilderungen erwähnt.
Seegfrörne von 1571