Das Erdbeben vor Kreta 365 n. Chr. war ein unterseeisches Erdbeben im östlichen Mittelmeer, dessen nachfolgender Tsunami im Morgengrauen des 21. Juli 365 Zerstörungen in den Küstenregionen Zentral- und Südgriechenlands, Libyens, Ägyptens, Zyperns und Siziliens anrichtete.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562 (doi:10.1016/S0191-8141(00)00118-8), hier S. 558–560, Appendix B. Das Epizentrum wird heute in der Nähe Kretas angenommen. Die Stärke des Bebens dürfte bei einer Magnitude von 8 oder höher gelegen haben.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562, hier S. 545 f.;
Von der Zerstörung durch den Tsunami waren insbesondere die Küsten des östlichen Mittelmeeres, das Nildelta und Alexandria betroffen, wo laut Ammianus Marcellinus tausende Menschen getötet und Schiffe bis zu zwei Meilen weit ins Landesinnere getragen wurden.Ammianus Marcellinus, Res Gestae, 26,10,15–19. Auf Kreta wurden fast alle Städte beschädigt oder zerstört. Das Beben hinterließ einen tiefen Eindruck im kollektiven Gedächtnis der spätantiken Bevölkerung. Viele der damaligen Schriftsteller bezogen sich auf dieses Ereignis.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562 (doi:10.1016/S0191-8141(00)00118-8), hier S. 557 f., Appendix A.
Geologischer Nachweis mini|Kreta Einige Studien sehen das Erdbeben auf Kreta von 365 n. Chr. in Zusammenhang mit einer Häufung von großen seismischen Aktivitäten im östlichen Mittelmeer zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert nach Christus, welche vielleicht eine Reaktivierung aller größeren Plattengrenzen in der Region hervorrief. Das Erdbeben soll die Ursache für eine Anhebung der Insel Kreta um 9 Meter gewesen sein. Dies lässt auf ein geschätztes Seismisches Moment von ≈1021 Nm schließen. Ein Erdbeben solchen Ausmaßes übertrifft alle heutigen in dieser Region.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562, hier S. 545. Allerdings legt eine Neubewertung der Radiokohlenstoffdatierung nahe, dass die Anhebung der Insel erst später stattfand.Gavin Kelly: Ammianus and the Great Tsunami. In: The Journal of Roman Studies. Band 94, November 2004 (doi:10.2307/4135013), S. 141–167, hier S. 144.
Literarischer Nachweis Historiker diskutieren weiterhin über die Frage, ob die historischen Ereignisse sich auf ein einziges katastrophales Erdbeben im Jahre 365 beziehen oder ob sie – aufgrund von Vermischungen im Laufe der Geschichte – eine Serie von Erdbeben, die sich zwischen 350 und 450 ereigneten, repräsentieren.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562, hier S. 545 f. Die Auslegungen der zeitgenössischen Schriften werden von den Deutungen späterer antiker Schriftsteller überlagert, die Naturkatastrophen als göttliche Antworten oder Warnungen auf politische oder religiöse Ereignisse beschreiben.Gavin Kelly: Ammianus and the Great Tsunami. In: The Journal of Roman Studies. Band 94, November 2004 (doi:10.2307/4135013), S. 141–167, hier S. 145.
mini|Weite Teile von Apollonia in Libyen gingen unter Insbesondere die scharfen Gegensätze zwischen dem aufstrebenden Christentum und den traditionellen Religionen zu dieser Zeit verleiteten zeitgenössische Schreiber dazu, Nachweise zu verfälschen. So versuchten zum Beispiel der Sophist Libanios und der Kirchenhistoriker Sozomenos das Erdbeben von 365 zusammen mit anderen schwächeren Beben, abhängig vom Standpunkt, entweder als göttliche Trauer oder als Wut anlässlich des Todes des römischen Kaisers Julian zwei Jahre zuvor darzustellen. Dieser Herrscher hatte versucht, den heidnischen Glauben wiederherzustellen.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562 (doi:10.1016/S0191-8141(00)00118-8), hier S. 547, 557 f.
Die relativ häufigen Hinweise auf Erdbeben in einer Zeit, die sonst von einem Mangel an historischen Aufzeichnungen geprägt ist, weisen darauf hin, dass es damals eine Phase erhöhter seismischer Aktivität gab.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562 (doi:10.1016/S0191-8141(00)00118-8), hier S. 553. Von Kourion auf Zypern beispielsweise ist bekannt, innerhalb von 80 Jahren von fünf starken Erdbeben heimgesucht worden zu sein, die zur dauerhaften Zerstörung der Stadt führten.D. Soren: The Day the World Ended at Kourion. Reconstructing an Ancient Earthquake. In: National Geographic. Band 174, Nr. 1, Juli 1988, S. 30–53. Einen weiteren Anhaltspunkt für die besonders verheerende Wirkung des Erdbebens von 365 liefern die Auswertungen von Ausgrabungen, die die Zerstörungen um 365 in vielen spätantiken Siedlungen und Städten im östlichen Mittelmeerraum dokumentieren.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562 (doi:10.1016/S0191-8141(00)00118-8), hier S. 558–560, Appendix B.
Tsunami Der römische Historiker Ammianus Marcellinus beschrieb, wie der Tsunami Alexandria und andere Orte in den frühen Stunden des 21. Juli 365 n. Chr. traf. Sein Bericht ist besonders bemerkenswert wegen der klaren Unterscheidung der drei Hauptphasen eines Tsunamis, nämlich das anfängliche Erdbeben, der plötzliche Rückzug des Meeres und die darauf folgende gigantische Flutwelle, die in das Landesinnere rollte:
mini|Nildelta
Der Tsunami von 365 n. Chr. war so vernichtend, dass man sich noch am Ende des 6. Jahrhunderts in Alexandria am Jahrestag der Katastrophe an den „Tag des Schreckens“ zurückerinnerte.Stathis C. Stiros: The AD 365 Crete earthquake and possible seismic clustering during the fourth to sixth centuries AD in the Eastern Mediterranean: a review of historical and archaeological data. In: Journal of Structural Geology. Band 23, 2001, S. 545–562 (doi:10.1016/S0191-8141(00)00118-8), hier S. 549, 557; Jeff Hecht: Mediterranean’s ‘horror’ tsunami may strike again. In: NewScientist.com news service, 10. März 2008. Die Zerstörungen erreichten aber auch deutlich weiter westlich entfernte Küstenstädte der afrikanischen Küste, wie z. B. Neapolis im heutigen Tunesien, das schwer zerstört wurde, wie Unterwasserarchäologen 2017 feststellen konnten.;
Galerie Sichtbare Spuren des Erdbebens der Antike überdauerten bis heute.
Siehe auch Erdbeben im Golf von Euböa 426 v. Chr.
Literatur
Zur literarischen und kulturellen Wirkung des Erdbebens G. J. Baudy: Die Wiederkehr des Typhon. Katastrophen-Topoi in nachjulianischer Rhetorik und Annalistik: zu literarischen Reflexen des 21. Juli 365 n.C. JAC, Band 35 (1992), S. 47–82. M. Henry: Le temoignage de Libanius et les phenomenes sismiques de IVe siecle de notre ere. Essai d'interpretation. In: Phoenix. Band 39, 1985, S. 36–61. F. Jacques, B. Bousquet: Le raz de maree du 21 juillet 365. In: Mélanges de l’Ecole française de Rome. Antiquité (MEFRA), Band 96, Nr. 1, 1984, S. 423–61. C. Lepelley: Le presage du nouveau desastre de Cannes: la signification du raz de maree du 21 juillet 365 dans l’imaginaire d’ Ammien Marcellin. In: Kokalos. Band 36–37, 1990–1991, S. 359–374. M. Mazza: Cataclismi e calamitä naturali: la documentazione letteraria. In: Kokalos. Band 36–37, 1990–1991, S. 307–330.
Geologische Literatur Bibliographie in: E. Guidoboni (mit A. Comastri und G. Traina. Übersetz. B. Phillips): Catalogue of Ancient Earthquakes in the Mediterranean Area up to the 10th Century. 1994 D. Kelletat: Geologische Belege katastrophaler Erdkrustenbewegungen 365 AD im Raum von Kreta. In: E. Olhausen, H. Sonnabend (Hrsg.): Naturkatastrophen in der antiken Welt. Stuttgarter Kolloquium zur historischen Geographie des Altertums, Band 6, 1996 (1998), S. 156–161. P. Pirazzoli, J. Laborel, S. Stiros: Earthquake clustering in the Eastern Mediterranean during historical times. Journal of Geophysical Research, Band 101 (1996), S. 6083–6097. S. Price, Thomas Higham, L. Nixon, J. Moody: Relative sea-level changes in Crete: reassessment of radiocarbon dates from Sphakia and West Crete. In: BSA, Band 97 (2002), S. 171–200. B. Shaw et al.: Eastern Mediterranean tectonics and tsunami hazard inferred from the AD 365 earthquake. In: Nature Geoscience, S. 1–9, Veröffentlichung online: 9. März 2008 G. Waldherr: Die Geburt der „kosmischen Katastrophe“. Das seismische Großereignis am 21. Juli 365 n. Chr. In: Orbis Terrarum. Band 3, 1997, S. 169–201.
Weblinks National Geographic: Ancient Mediterranean Tsunami may strike again Stanley, Jean-Daniel & Jorstad, Thomas F. (2005): The 365 A.D. Tsunami Destruction of Alexandria, Egypt Ammianus Marcellinus Online Project
Einzelnachweise
Kategorie:Griechische Geschichte (Antike) Kreta 0365 Kreta 365 Kategorie:365 Kategorie:Naturkatastrophe (4. Jahrhundert) Kategorie:Spätantike Erdbeben 365