Die Russische Befreiungsarmee (), nach ihrem Kommandeur auch Wlassow-Armee genannt, war ein russischer Kampfverband, der auf der deutschen Seite am Zweiten Weltkrieg teilnahm.

Bereits ab 1942 waren einzelne Bataillone russischer Freiwilliger aufgestellt worden, die schon ab Frühjahr 1943 unter dem Namen Russische Befreiungsarmee in der Wehrmacht dienten, aber keinen Großverband bilden durften, weil Adolf Hitler das verboten hatte.

Angehörige nichtrussischer Völker der Sowjetunion waren schon ab 1941 in den Ostlegionen organisiert worden.

Die ROA wurde von dem früheren Generalleutnant der Roten Armee Andrei Wlassow organisiert, der alle Russen im Kampf gegen die Sowjetunion vereinen wollte. Unter den Truppen waren Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und russische Emigranten.

Hitler hatte nie die Absicht, ein befreites Russland zu akzeptieren, ermöglichte aber wegen des Kriegsverlaufs die Bildung der Wlassow-Armee mit mehreren Divisionen Ende 1944. Die ROA erhielt den Status der Armee eines verbündeten Staates und war der Wehrmacht operativ unterstellt.

Geschichte

Ursprung NS-Propaganda Der Ursprung der russischen Befreiungsarmee lag in den Propaganda-Aktivitäten des Dritten Reiches. Maßgebliche Stellen waren das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda (kurz Propagandaministerium), das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (kurz Ostministerium) und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Die deutsche Propaganda gegen die Sowjetunion war auf russische Antibolschewisten mit Kontakten zur Emigration angewiesen. Anfänglich arbeiteten deshalb russische Emigranten aus dem zaristischen Russland für die deutsche Propaganda. Nach Kriegsbeginn kamen Kriegsgefangene und Überläufer dazu. Diese Maßnahmen mündete in die Aufstellung erster russischer Einheiten für den Geheimdienst der Wehrmacht, die Abwehr und in die Auswahl Gefangener für die Kolonisation des Ostens durch das Ostministerium.

Propagandaministerium Im Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels führte Eberhard Taubert den Propagandakrieg gegen die von Hitler deklarierten Hauptfeinde Judentum und Bolschewismus. Der Jurist Taubert bekämpfte als Abteilungsleiter Innenpolitik im Propagandaministerium bolschewistische und jüdische Weltanschauungen mit Antikommunismus und Antisemitismus. Das brachte ihm den Spitznamen „Dr. Anti“ ein. Zu den engsten Mitarbeitern von Taubert gehörten Melitta Wiedemann, Schriftleiterin verschiedener Zeitschriften der Antikomintern und die Propagandisten Alfred Gielen und Heinrich Kurtz.Erinnerungen von Eugen Dürksen, IfZ München, Verzeichnis der digitalen Bestände, Zeugenschrifttum ZS 0402_2 Blatt 53.

Mit Kriegsbeginn 1941 hatte Taubert mit Hilfe von Heinrich Kurtz die als Verlag getarnte geheime Dienststelle „Vineta“ in Berlin etabliert, die für die Aktivpropaganda (Desinformation und Zersetzung) gegen die Sowjetunion zuständig war und Rundfunksendungen in Ostsprachen ausstrahlte.Thorwald: Wen sie verderben wollen. S. 93. Taubert gab außerdem die Richtlinien der Propaganda für den Ostfeldzug heraus, die mit dem neuen Reichsministerium für die besetztes Ostgebiete (RmfdbO, kurz Ostministerium) unter Alfred Rosenberg und Georg Leibbrandt abzustimmen waren.

Ostministerium Etwas positiver gegenüber den Russen war die Propaganda durch das Außenpolitische Amt der NSDAP (ApA) unter Alfred Rosenberg. Der Leiter der Ostabteilung des ApA, Georg Leibbrandt, nutzte zur Beeinflussung der Exilrussen die russischsprachige Zeitung „Nowoje Slowo“ („Das Neue Wort“). Ursprünglich war die Zeitung eine Angelegenheit von Adolf Ehrt von Tauberts Antikomintern, die jedoch ab 1936 nicht mehr die Geldmittel dafür aufbringen konnte oder wollte. Danach übernahm Georg Leibbrandt die Finanzierung.Johannes Baur: Die russische Kolonie in München 1900–1945. Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden, 1998, S. 300–302.

Ferner war der „Verband der Deutschen aus Russland e. V. (VDR)“ für Leibbrandt aktiv, der die Russlanddeutschen als ein wertvolles Element zur Kolonisierung des Ostens brauchte.Ingeborg Fleischhauer: Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Nummer 46, Stuttgart, 1983, ISBN 3-421-06121-1, S. 49. Zu Leibbrandts wichtigen Bezugspersonen gehörten Wladimir Despotuli und Viktor Larionow, die beide Redakteure der Nowoje Slowo waren. Nach Kriegsbeginn wurde aus dem ApA das Ostministerium. Despotuli brachte seinen Vertrauten Konstantin Kromiadi im August 1941 in einer Kommission unter, die für das Ostministerium in den Kriegsgefangenenlagern Freiwillige herauspickte, die für das Ostministerium brauchbar waren.Otto Bräutigam: So hat es sich zugetragen. Holzner Verlag, Würzburg, 1968, S. 394. Führende Protagonisten dieser Entwicklung im Ostministerium waren die Abteilungsleiter Otto Bräutigam, Gerhard von Mende und Rudolf von Knüpffer.Rudolf von Knüpffer war Gruppenleiter Russland im Ostministerium. Seine Biografie findet sich hier.

Der Bedarf an Propagandisten war groß. Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD verfügte am 27. August 1941, dass für das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete nach Kriegsgefangenen Ausschau zu halten wäre, die zur antisowjetischen Agitation in den Lagern geeignet schienen. Am 2. Oktober 1941 meldete das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, der Bedarf an Gefangenen für die propagandistische Bearbeitung sei gedeckt.Reinhart Otto: Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 77, Oldenbourg, München, 1998, S. 83. Ende 1941 wurden die Kommissionen des Ostministeriums wieder aufgelöst.

Oberkommando der Wehrmacht Schließlich ist die dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) unterstellte Amtsgruppe Wehrmacht Propaganda (WPr) von Bedeutung, die mit dem Geheimdienst von Wilhelm Canaris im OKW kooperierte. Für die Gruppe WPr IV (Aktivpropaganda) im OKW war Oberst Hans-Leo Martin zuständig. Er war zugleich Verbindungsoffizier des Oberkommandos der Wehrmacht zum Propagandaministerium und sprach beinahe täglich mit Goebbels und Eberhard Taubert, sodass die Leitlinien von Goebbels unmittelbar in die Propaganda-Arbeit einfließen konnten. Später übernahm der Chef von WPr, Hasso von Wedel, selbst diese Arbeit. Die Abteilung IV C von WPr (Auslandspropaganda) leiteten der baltendeutsche Hauptmann Nikolaus von Grote und sein Vertreter Oberleutnant Eugen Dürksen, ein Mennonit aus Südrussland. Beide hielten die Kontakte zum Ostministerium. Etliche russische Propagandisten verstärkten das Team. Die wichtigsten waren Alexander Kasanzew, Georgi Schilenkow und Miletij Sykow.

Die Propaganda-Abteilung der Wehrmacht galt als „Herz und Seele der Befreiungsbewegung der Völker Russlands“.Hoffmann: Die Tragödie der "Russischen Befreiungsarmee". S. 25. Neben der Herausgabe russischer Zeitungen forderte die Aktivpropaganda mit großem Erfolg russische Soldaten zum Überlaufen auf, die dann allerdings in den Gefangenenlagern miserabel behandelt, teils ermordet oder dem Hungertod ausgesetzt wurden.Joachim Streit: Keine Kameraden - Die Wehrmacht und die Kriegsgefangenen 1941–1945. Verlag Dietz, 1991, ISBN 3-8012-5016-4, S. 128ff.

Erste russische Einheiten der Wehrmacht Zu den ersten russischen Einheiten der Wehrmacht gehörten Exilrussen und Freiwillige unter Boris Smyslowsky (Deckname „Arthur Holmston“ bzw. „von Regenau“), der Agentenschulen im Auftrag der Abwehr und dann Partisanenabwehr und Frontaufklärung für die Abwehr I unter Hermann Baun betrieb. Ab 1942 nannte sich die Einheit von Smyslovsky „Sonderstab R“.Geiger/Schlapp: Russen in Liechtenstein. S. 51–56.

Die Keimzelle der späteren Russischen Befreiungsarmee (ROA) hingegen war eine andere Sondereinheit der militärischen Abwehr der Wehrmacht, die im März 1942 aus den Kreisen russischer Emigranten unter Sergei Iwanow, Igor Sacharow und Konstantin Kromiadi gebildet wurde. Auch diese Gruppe hatte ihren Ursprung in der Abwehr unter Wilhelm Canaris.

Feldmarschall Günther von Kluge, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, hatte seinem Ia-Offizier Henning von Tresckow die Bildung dieser russischen Sondereinheit genehmigt. Tresckow war ein starker Förderer russischer Verbände und hatte schon 1941 die Aufstellung einer Russischen Freiwilligenarmee konzipiert.Thorwald: Wen sie verderben wollen. S. 82–83. Mit Canaris und Tresckow waren somit zwei der bedeutendsten Angehörigen des militärischen Widerstands gegen Hitler an der Gründung des Verbandes beteiligt.Schreiben Rudolf-Christoph von Gersdorff an Baron Boeselager vom 24. Oktober 1969, IFZ München, Repositorium, Archivsignatur ZS/A 31/2, Blatt 49–50.

Die Russen gehörten zum Abwehrkommando 203 der Heeresgruppe Mitte und waren als „Sonderverband Graukopf“ bzw. „Versuchsverband Mitte“ bekannt. Die Russen selbst nannten sich Russische Nationale Volksarmee (Russkaja Nationalnaja Narodnaja Armija, RNNA). Die militärische Abwehr II, zu der das Abwehrkommando 203 gehörte, hatte die Aufgabe der Sabotage und Zersetzung und diesem Zweck diente ursprünglich auch der Versuchsverband. Seine Hauptwaffe war im Sinne der Propaganda das Wort. Als Teil des Geheimdienstes führten die russischen Angehörigen Decknamen. „Graukopf“ war der Deckname des Gründers Sergei Iwanow, der auch die politische Verantwortung trug. Sacharow, war Iwanows Adjutant mit Decknamen „Lewin“, Kromiadi war als Oberst militärischer Leiter mit dem Decknamen „Sanin“.Kromiadi: Für das Land, für die Freiheit, S. 58.

Das 20-köpfige deutsche Verbindungskommando der Einheit gehörte zum Abwehrkommando 203 in Smolensk, geleitet von Werner Götting-Seeburg und dann von Wilhelm Hotzel. Die Einheit unterstand Tresckows Kollegen, dem Ic-Offizier der Heeresgruppe Mitte Rudolf-Christoph von Gersdorff und dessen Abwehroffizier Erich Herrlitz.

Der Verband war im Torfwerk Osintorf bei Osinowka in der Region Witebsk stationiert und wurde als militärischer Verband durch Freiwillige aus den Gefangenenlagern aufgefüllt. Der russisch organisierte Verband wurde propagandistisch mit dem Ziel der Befreiung Russlands vom Joch Stalins motiviert. Zu den Aufgaben der Einheit gehörten aber auch militärische Aktionen, die zur Demoralisierung der Roten Armee beitragen sollten. Die RNNA war erstmals im Mai 1942 in heftige Gefechte mit der Roten Armee verwickelt, als bei Dorogbusch russische Kavallerie erfolgreich bekämpft wurde.Kromiadi: Für das Land, für die Freiheit, S. 76ff. Zuletzt war die RNNA jedoch überwiegend gegen Partisanen im Einsatz. Im Mai 1942 hatten die politischen Leiter Iwanow und Sacharow versucht, den gefangenen russischen Generalleutnant Michail Lukin für die Sache der Russischen Befreiungsbewegung zu gewinnen. Dieser lehnte jedoch ab.Kromiadi: Für das Land, für die Freiheit, S. 64. Erfolgreicher waren die Deutschen dann bei einem anderen russischen General.

Wlassow als Propaganda-Waffe Der Generalleutnant Andrej Wlassow war am 12. Juli 1942 bei Leningrad in deutsche Gefangenschaft geraten. Im Verhör durch den Chefdolmetscher Wilfried Strik-Strikfeldt von Fremde Heere Ost unter Reinhard Gehlen und mit Unterstützung von Eugen Dürksen von WPr IV gelang es den Deutschen, den in Russland als Verteidiger Moskaus populären Armeeführer für die deutsche Propaganda zu gewinnen. Wlassow erklärte sich bereit, mit den Deutschen zu kooperieren. Mit Wlassow erhielt die Ostpropaganda beim OKW der Wehrmacht eine politische Dimension, denn Wlassow wurde dazu benutzt, sowjetische Soldaten zum Widerstand gegen Stalins Herrschaft aufzurufen. Das Ganze nannte sich „Wlassow-Aktion“.Steenberg: General Wlassow. S. 44ff; Thorwald: Wen sie verderben wollen. S. 137ff.