mini|Titelblatt Die Mecelle () war das in den Jahren 1869 bis 1876 maßgeblich unter der Federführung Ahmed Cevdet Paschas entstandene Zivilgesetzbuch des Osmanischen Reiches. Der „Gesetzeskodex“ war eine Kompilation beziehungsweise der erste Versuch einer Kodifikation vermögensrechtlicher Bestimmungen des islamischen Rechts. Grundsätzlich richtete sich das aus 16 Büchern bestehende Gesetz nach der hanafitischen Rechtsschule. Umfasst waren Schuldrecht sowie einige sachen-, personen- und prozessrechtliche Vorschriften, wogegen Erb- und Familienrecht sowie das Recht der frommen Stiftungen nicht behandelt wurden.

Die Mecelle trat stückweise ab 1870 durch imperiale Erlässe (irade) in den osmanisch beherrschten Gebieten mit Ausnahme Ägyptens in Kraft.

Geschichte Entstehung Die Reform des osmanischen Rechtssystems begann mit dem am 3. November 1839 von Außenminister Reşid Pascha im Gülhane-Park verlesenen Hatt-ı Şerif (), womit die Epoche der Tanzimat, also der Neuordnung, eingeläutet wurde. Die Reformen bestanden, wie im Falle des aus dem Französischen übersetzten Handelsgesetzbuches () vom 28. Juli 1850,Sabri Şakir Ansay: Das Türkische Recht. In: Bertold Spuler u. a. (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband III, Orientalisches Recht. Brill, Leiden, Köln 1964, ISBN 90-04-00867-5, S. 444. vornehmlich aus der Rezeption ausländischer Gesetze.

Verbunden mit dem Krimkrieg (1853–1856) zwischen dem Osmanischen Reich, Frankreich und Großbritannien auf der einen und dem Russischen Reich auf der anderen Seite wurde der Handel mit den Europäern weiter ausgedehnt. Naturgemäß führte die Zunahme der Handelsbeziehungen zu einem Zuwachs an Prozessen, die vor den gemischten Gerichten () nach den Vorschriften des Handelsgesetzbuches von 1850 geführt wurden. Die Folge war, dass die Gerichte der erheblichen und ansteigenden Anzahl an Rechtsstreitigkeiten nicht gewachsen waren. Die verfügbaren Scheriatgerichte wurden nicht von den Europäern angesprochen, da vor diesen das Zeugnis eines Nichtmuslims gegen einen Muslim sowie eines Musta'mins gegen einen Dhimmi unzulässig war. Zur Lösung dieses Problems wurde die Übersetzung und Anwendung des Code civil vorgeschlagen, was zwar Befürworter fand, wogegen sich jedoch die Ulama verschlossen. Die Regierung entschied sich für eine Zusammenstellung vermögensrechtlicher Bestimmungen des islamischen Rechts (). Es sollte ein allgemein verständliches Gesetzbuch () erarbeitet werden.Ahmed Cevdet Pascha, Cavid Baysun (Hrsg.): Tezâkir. Bd. 1 (1–12), Türk Tarih Kurumu Basımevi, Ankara 1953, S. 62 f.

Die Arbeit am Metn-i Metîn begann am 2. November 1855 unter Vorsitz Rüşdi Molla Efendis, eines Mitglieds des Hohen Rats der Tanzimat (). Weitere Mitglieder waren der Istanbul Kadısı Tahir Efendi, der Hofchronist () Cevdet Efendi sowie Hüsam Efendi und Ali Ratib Bey, beides Mitglieder im Rat für allgemeine Erziehung ().Richard L. Chambers: The Ottoman Ulema and the Tanzimat. In: Nikki R. Keddie (Hrsg.): Scholars, saints, and sufis. Muslim religious institutions in the Middle East since 1500. University of California Press, Berkeley, Los Angeles 1972, ISBN 0-520-02027-8, S. 43 f. Der Ausschuss stellte zwar einen Teil beziehungsweise ein erstes Buch fertig, nämlich das Kitâbü'l-Büyû (), löste sich dann aber wegen der ungeeigneten Auswahl der Ausschussmitglieder unverrichteter Arbeit auf.

mini|Mehmed Emin Ali Pascha, einer der Hauptbefürworter einer Rezeption des Code civil. Am 30. November 1867 verfasste Großwesir Mehmed Emin Ali Pascha ein Memorandum an Sultan Abdülaziz, in dem er sich eindringlich am Beispiel Ägyptens, wo der Code civil ins Arabische übersetzt worden war, für die Rezeption des französischen Zivilgesetzbuches aussprach.Vgl. Engin Deniz Akarlı: Belgelerle Tanzimat. Osmanlı sadrıazamlarından Ali ve Fuad Paşaların siyasî vasiyyetnâmeleri. Boğaziçi Üniversitesi Yayınları, Istanbul 1978, S. 16. Auch der Handelsminister Mehmed Kabûlî Pascha sowie der französische Botschafter Nicolas Prosper Bourée übten dahingehend Druck aus. Tatsächlich hatte Ali Pascha zu diesem Zeitpunkt bereits Said PaschaSiehe Ebül’ulâ Mardin: Medenî Hukuk Cephesinden Ahmet Cevdet Paşa. Cumhuriyet Matbaası, Istanbul 1946, S. 174. mit der Übersetzung aus dem Arabischen beauftragt und dafür einen Ausschuss gegründet.Telegramm des französischen chargé d’affaires M. Outrey vom 10. Juli 1867.

Zur Klärung der weiteren Vorgehensweise wurde schließlich eine Spezialkommission einberufen, wo sich die Paschas Ahmed Cevdet, Mehmed Fuad und Şirvânîzâde Mehmed Rüşdi erfolgreich gegen eine Rezeption durchsetzen konnten.Vgl. Ebül’ulâ Mardin: Medenî Hukuk Cephesinden Ahmet Cevdet Paşa. Cumhuriyet Matbaası, Istanbul 1946, S. 63 f. Der von Said Pascha geleitete Ausschuss, welcher bis zum März 1868 schon 1.500 bis 1.600Niyazi Berkes: The Development of Secularism in Turkey. Routledge, New York 1998, ISBN 0-415-91983-5, S. 168 f. Artikel fertiggestellt hatte, wurde aufgelöst. Die sogenannte „wissenschaftliche Gesellschaft“ (), der Seyyid Halil, Seyfeddin, Seyyid Ahmed Hulusi, Seyyid Ahmed Hilmi, Mehmed (auch Muhammed) Emin und Ibn Âbidinzâde Alâeddin angehörten, begann unter dem Vorsitz des zum Justizminister ernannten Ahmed Cevdet Pascha mit der Erstellung der Mecelle. Die fertiggestellte Einleitung () und das Kitâbü'l-Büyû wurden am 22. März 1869 zur Prüfung vorgelegt und traten am 20. April 1869 in Kraft. Es folgten das Kitâbü'l-Icârât () am 7. Februar 1870 und das Kitâbü'l-Kefâle () am 20. April 1870.

Während das Kitâbü’l-Havâle () noch zur Prüfung vorlag und das Kitâbü’r-Rehn () vor der Fertigstellung stand, wurde Ahmed Cevdet Pascha Ende April 1870 infolge der starken Opposition des Scheichülislams Hasan Fehmi Efendi und der Ulama als Justizminister abgesetzt und von der Mecelle-Kommission abberufen. Hasan Fehmi Efendi, ein Günstling des Großwesirs Ali Pascha,Bernard Lewis: Ḥasan Fehmī Efendi. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 3, Brill, Leiden, S. 250. vertrat die Ansicht, dass die Erstellung der Mecelle nicht Aufgabe des säkularen Justizministeriums war, sondern vielmehr in den Zuständigkeitsbereich des Bâb-ı Meşîhat () fiel. Der nun dem Bâb-ı Meşîhat angehörige Mecelle-Ausschuss erarbeitete unter der Leitung Gerdankıran Ömer Efendis das Kitâbü'l-Vedîa (), das jedoch ob seines Inhalts und der Gesetzestechnik heftiger Kritik gegenüberstand und dazu führte, dass die Führung am 24. August 1871 erneut Ahmed Cevdet Pascha anvertraut wurde. Dieser ließ die betroffenen Exemplare beschlagnahmen und vernichten.Richard L. Chambers: The Ottoman Ulema and the Tanzimat. In: Nikki R. Keddie (Hrsg.): Scholars, saints, and sufis. Muslim religious institutions in the Middle East since 1500. University of California Press, Berkeley, Los Angeles 1972, ISBN 0-520-02027-8, S. 45.

Unter der Federführung Ahmed Cevdet Paschas konnten trotz der nach wie vor bestehenden „religiösen Opposition“ elf weitere Bücher fertiggestellt werden. Schließlich löste sich die Mecelle-Kommission faktisch 1876 mit der Thronbesteigung Abdülhamids II., offiziell jedoch im Jahr 1888 auf, ohne dass das islamische Erb- und Familienrecht behandelt wurde.

Aufhebung In der Türkei trat die Mecelle nach Art. 43 i. V. m. Art. 48 des Gesetzes Nr. 864 vom 29. Mai 1926 über das Inkrafttreten und die Form der Anwendung des ZivilgesetzbuchesArt. 43: “[…] mecelle mülgadır.”, Art. 48: “İşbu kanun 4 teşrinievvel 1926 tarihinden itibaren mer’idir.”; Justizministerium der Republik Türkei, abgerufen am 7. Februar 2010. am 4. Oktober 1926 außer Kraft. In Albanien wurde sie 1928, im Libanon 1932, in Syrien 1949, im Irak 1953 und auf Zypern in den 1960ern aufgehoben.Carter Vaughn Findley: Medjelle. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 6, Brill, Leiden, S. 972. In Israel bewahrte die Mecelle offiziell bis zum Gesetz zur Aufhebung der Mecelle () vom 28. Juni 1984 ihre Gültigkeit. Zuvor wurden jedoch schon einzelne Regelungen und ganze Bücher, wie etwa das erste Buch mit Art. 36 des Verkaufsgesetzes (חוק המכר) von 1968, außer Kraft gesetzt. In den Palästinensischen Autonomiegebieten gilt sie bis heute als Zivilgesetzbuch.

Aufbau Die kasuistisch aufgebaute Mecelle bestand aus einer 100 Artikel umfassenden Einleitung () sowie 1.751 Artikeln in 16 Büchern. Die Einleitung setzte sich aus einer ersten (Art. 1) und einer zweiten Vorrede (Art. 2–100) zusammen. Während die erste Vorrede den Begriff des Fiqh definierte, enthielt die zweite Vorrede 99 Rechtsmaximen, die im Wesentlichen von Ibn NudschaimCarter Vaughn Findley: Medjelle. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 6, Brill, Leiden, S. 971. stammen.Sabri Şakir Ansay: Das Türkische Recht. In: Bertold Spuler u. a. (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband III, Orientalisches Recht. Brill, Leiden, Köln 1964, ISBN 90-04-00867-5, S. 450.

Name Artikel 1–100 101–403 404–611 612–672 673–700 701–761 762–832 833–880 881–940 941–1044 1045–1448 1449–1530 1531–1571 1572–1612 1613–1675 1676–1783 1784–1851

Literatur Mehmet Âkif Aydın: Mecelle-i Ahkâm-ı Adliyye. In: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi. Bd. 28, Türkiye Diyanet Vakfı Yayınevi, Ankara 2003, S. 231–235 (türkisch). Robert H. Eisenman: Islamic Law in Palestine and Israel. A History of the Survival of Tanzimat and Sharī'a in the British Mandate and the Jewish State. Brill, Leiden 1978, ISBN 90-04-05730-7, S. 19–26 (englisch). Carter Vaughn Findley: Medjelle. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 6, Brill, Leiden, S. 971 f. (englisch). Osman Kaşıkçı: İslâm ve Osmanlı hukukunda mecelle. Istanbul 1997. Hilmar Krüger: Zum zeitlich-räumlichen Geltungsbereich der osmanischen Mejelle. In: Ebül’ulâ Mardin: Medenî Hukuk Cephesinden Ahmet Cevdet Paşa. Cumhuriyet Matbaası, Istanbul 1946 (türkisch). Sıddık Sami Onar: The Majalla. In: Majid Khadduri, Herbert J. Liebesny (Hrsg.): Law in the Middle East, Vol I: Origin and Development of Islamic Law. Lawbook Exchange, Clark, New Jersey 2008, ISBN 978-1-58477-864-6, S. 292–308 (englisch).

Kommentare Hafız Mehmed Ziyâeddin: Mecelle-i Ahkâm-ı Adliyye Şerhi. Istanbul. Hoca Emin Efendizâde Ali Haydar: . Âlem Matbaası, Istanbul 1895/96. Kırımlı Abdüssettâr Efendi: . Mihran Matbaası, Istanbul (online). Hacı Reşid Pascha: . Istanbul. Salīm b. Rustam Bāz: . Beirut 1888.

Übersetzungen Englisch William Ebenezer Grigsby: The Medjellè or Ottoman Civil Law. Stevens & Sons, London 1895. Sir Charles Robert Tyser u. a.: The Mejelle. Government Printing Press, Nikosia 1901.

Französisch Démétrius Nicolaides: Code civil ottoman. Istanbul 1881. George Young: Code Civil Ottoman. In: Corps de Droit Ottoman. Recueil des Codes, Lois, Règlements, Ordonnances et Actes les plus importants du Droit Intérieur, et d’Études sur le Droit Coutumier de l’Empire Ottoman. Bd. 6, Clarendon Press, Oxford 1906, S. 176–446.

Weblinks

Aristarchi, Grégoire (Bey) (1873, 1874, 1878, 1881) Legislation ottomane, : ou Recueil des lois, reglements, ordonnances, traités, capitulations et autres documents officiels de l'Émpire Ottoman. Constantinople: Imprimerie, Frères Nicolaides (in French) Bibliothèque nationale de France (BnF) Gallica: Volumes 6 and 7 Also at Universität Kreta - Has downloadable PDF files Also at HeinOnline Copies of the Mecelle in Greek - Universität Kreta Gesetzestext in englischer Sprache. International Islamic University Malaysia.

Einzelnachweise

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