Die Australische Verfassungskrise von 1975 bezieht sich auf Ereignisse, auf deren Höhepunkt der damalige Generalgouverneur von Australien, Sir John Robert Kerr, den Premierminister Gough Whitlam der Australian Labor Party entließ und stattdessen den Oppositionsführer Malcolm Fraser zum Premierminister ernannte. In Australien ist die Bezeichnung The Dismissal (Die Entlassung) weit verbreitet. Zahlreiche Labor-Politiker bezeichnen die Entlassung noch heute als The Coup (Der Putsch).

Hintergrund mini|280x280px|Generalgouverneur John Kerr Entsprechend den Konventionen des Westminster-Systems, in dessen Tradition das australische Regierungssystem steht, hat der Monarch bzw. der Gouverneur als dessen Stellvertreter den Rat (advice) des Regierungschefs als Anordnung zu befolgen. Ein Beispiel dafür ist die Ernennung des ersten in Australien geborenen Generalgouverneurs des Landes, Isaac Isaacs 1931, die ursprünglich vom Establishment abgelehnt wurde, das den Gewohnheiten jener Tage entsprechend einen britischen Adeligen bevorzugte. Die Durchsetzung von Isaacs erforderte seinerzeit eine Reise des damaligen Ministerpräsidenten James Scullin nach London, wo er nach anhaltendem Widerstand König George V. letztendlich mit den direkten Worten „“ zur Ernennung von Isaacs zwang. Es sei angemerkt, dass dieses Ereignis auch die formelle konstitutionelle Separation zwischen dem Vereinigten Königreich und Australien darstellt, da hiermit etabliert war, dass der Monarch unabhängig von der britischen Regierung auch dem Rat der australischen Regierung Folge zu leisten hatte. So wurden Entlassungen üblicherweise nur aufgrund eines Misstrauensvotums gegen die Regierung oder eines Rücktrittsgesuchs des Premierministers durchgeführt. mini|280x280px|Premierminister Gough Whitlam Der Generalgouverneur mutierte in diesem Moment von einem persönlichen Repräsentanten des Monarchen zu einem Organ der australischen Verfassung. Ob der Monarch, bzw. dessen Stellvertreter allgemein oder in besonderen Fällen auch ohne Rat des Regierungschefs handeln können, und wenn ja unter welchen Umständen, ist umstritten. Beim Handeln ohne Rat des Regierungschefs ist der Monarch darauf angewiesen, Teile der Verfassung als Reservegewalten zu interpretieren.

Gough Whitlam hatte die Australian Labor-Partei im Jahr 1967 den Parteivorsitz erlangen können und die Partei von einer sozialistischen Partei, deren Programmatik größtenteils auf die weiße Arbeiterklasse zugerichtet war, in eine sozialdemokratische Partei reformieren können, die sich dem Mittelstand öffnete. Der charismatische Whitlam hatte mit seiner medialen Kampagne „It's Time“ große Popularität erreicht und beendete mit einem Sieg bei den Unterhauswahlen 1972 23 Jahre sukzessive Regierung der Coalition aus Liberaler Partei sowie Country-Partei. Am 5. Dezember wurde er als Premierminister vereidigt.

Unter Whitlams Regierung kam es zu weitreichenden Reformen, darunter der Abschaffung der White Australia Policy und Aussöhnung mit den Aborigines (Racial Discrimination Act), der Abschaffung der Wehrpflicht, dem Abzug aus Südvietnam, der Einführung einer flächendeckenden Kanalisation sowie der Krankenversicherung Medibank, gleiche Bezahlung von Mann und Frau sowie Investitionen in Bildung.

Whitlams Amtszeit war allerdings auch von Skandalen, einsetzender Stagflation aufgrund der Ölkrise sowie offenen Konflikten mit dem von der Liberalen Partei kontrollierten Senat, der Bürokratie sowie dem linken Parteiflügel (aufgrund Whitlams Unterstützung der Annexion Osttimors durch Indonesien) geprägt. Größter Skandal war die Loans-Affäre, als der Whitlam-Regierung vorgeworfen wurde, unter Umgehung des Schatzamts Geld beim pakistanischen Banker Tirath Khemlani zu leihen versucht zu haben. Im Zuge des Skandals mussten zwei Minister, darunter Whitlams Schatzmeister und Vize-Premierminister Jim Cairns, wegen Falschaussage vor dem Parlament sowie einer außerehelichen Affäre (Cairns) zurücktreten. Whitlam nahm 1974 die bizarre Affäre um Senator Vince Gair (Gair Affair) zum Anlass, um den Senat und das Repräsentantenhaus aufzulösen (Double Dissolution) und Neuwahlen ausrufen.

Bei den Neuwahlen im Mai 1974 erzielte Labor zwar leichte Verluste im Unterhaus, blieb dort aber trotzdem in der Mehrheit und konnte Erfolge im Oberhaus erzielen. Labor erreichte im Senat wie die Coalition 29 Sitze. Die zwei überbliebenen Sitze gehörten Crossbenchers, mit denen Whitlam es mehrmals schaffte, Abmachungen zu schließen und Gesetzesvorschläge durchzubringen. Um erneut die Macht über den Senat zu erlangen brach die Coalition mit mehreren parlamentarischen Konventionen, darunter dem sogenannten Pairing-System sowie der Konvention, dass beim Scheiden eines Parlamentsmitglieds ein Mitglied der gleichen Partei nachnominiert werden muss („like for like“):

Nach dem Rücktritt des Labor-Senatoren Lionel Murphy im Januar 1975, der von Whitlam in den High Court of Australia ernannt wurde, wurde kein Labor-Politiker, sondern der unabhängige Cleaver Bunton von der liberalen Regierung in New South Wales nominiert, was einen Sitz für Labor eliminierte. Die Liberalen begründeten dies damit, dass diese Konvention nur für das Scheiden aufgrund von Krankheit oder Tod zutreffen würde. Nach dem Tod von Labor-Senator Bert Milliner im Juni 1975 überging die von der Country-Partei gestellte Regierung von Queensland den von Labor vorgeschlagenen Kandidaten und nominierte den größtenteils unbekannten, aber formalen Labor-Politiker Albert Field, der als Konservativer und Gegner Whitlams galt. Labor sowie auch Malcolm Fraser kritisierten die Wahl. Field wurde zwar sofort aus der Labor-Partei ausgeschlossen, aber trotzdem Senator, wodurch die Opposition nun wieder die Hoheit im Senat hatte und die Blockadepolitik erneut durchsetzte.

Im Zuge dessen verankerte ein Referendum im Jahr 1977 diese Konvention in der Verfassung.

Ausgangslage Im Oktober 1975 nutzte die Liberale Partei ihre Mehrheit im Senat, in dem jeder Bundesstaat gleich viele Stimmen hat, um mehrere wichtige Gesetze der Regierung abzulehnen, bis Premierminister Whitlam der Ausrufung von Neuwahlen des Repräsentantenhauses zustimmte. Während Whitlam sich weigerte, zurückzutreten und Neuwahlen auszurufen, weigerte sich Oppositionsführer Fraser die Haushaltsgesetze im Senat passieren zu lassen. Da der Senat nur das Recht hat, Haushaltsgesetze abzulehnen, nicht aber, alternative Gesetze einzubringen, lag eine durch Fraser verursachte Blockadesituation vor, die vordergründig nur durch die Regierung Whitlam gelöst werden konnte, indem sie sich der politischen Erpressung der Opposition beugte. Die Opposition begründete dies mit der Khemlani-Loans-Affäre. Whitlam wiederum hatte seinerzeit als Oppositionsführer mit genau derselben Blockadepolitik gedroht. Wenn es zu einer Fortführung dieser ausweglosen Situation gekommen wäre, wäre der Regierung schließlich das Geld ausgegangen und sie hätte keine finanziellen Verpflichtungen tätigen können. Es wurde erwartet, dass diese Situation Ende November 1975 eintreten würde. mini|266x266px|Oppositionsführer Malcolm Fraser Whitlam war sicher, dass einige liberale Senatoren von dieser extremen Haltung Abstand nehmen würden, wenn er selbst auf seinen Standpunkt beharrte. Außerdem nahm er an, dass die öffentliche Meinung wegen der Taktik Frasers auf seiner Seite sei und er in einem passenden Augenblick die Nachwahl der Hälfte des Senats ausrufen könnte, um den Stillstand aufzubrechen und seine Regierung zu stärken.

Fraser nahm diese Abwägungen ebenfalls vor, da ihm bekannt war, dass einige liberale Senatoren tatsächlich unsicher wegen der Blockade der Gesetze waren und für eine baldige Aufgabe des Stillstandes eintraten. Er sah auch, dass die öffentliche Meinung mit dem Ausnutzen der Blockademöglichkeit im Senat nicht einverstanden war. Aus diesem Grund war er bemüht, einen baldigen Höhepunkt der Krise zu erreichen, und sah den schnellsten Weg hierzu in einer Intervention des Generalgouverneurs.

Oppositionelle Hinterbänkler begannen, Kerr um die Entlassung von Premierminister Whitlam im Laufe des Oktobers 1975 zu bitten. Am 16. Oktober 1975 veröffentlichte allerdings mit dem früheren Solicitor General Robert Ellicott ein führender Abgeordneter der Liberal Party ein von Fraser gebilligtes und für das Schattenkabinett verfasstes Rechtsgutachten, in dem Ellicott darstellte, dass Kerr nicht nur das Recht, sondern die Pflicht zur Entlassung der Regierung hätte, falls diese keine Unterstützung hätte. Whitlam vertrat weiterhin die Auffassung, dass der Generalgouverneur nicht intervenieren könnte, da er immer auf Ratschlag des Premierministers handeln müsste. Kerr aber sah dies als Einschüchterung ihm gegenüber und auch als Ausdruck eines Standpunktes zur Betrachtung der Reserve Powers, die er nicht teilte.

Kerr sah sich daher selbst als aktiv Handelnden in dieser sich entfaltenden politischen Situation. In mehreren Gesprächen verdeutlichte er gegenüber Ministern der Regierung Whitlam die Ansicht, dass er als Generalgouverneur aktiv einem drohenden Geldausgehen der Regierung begegnen müsste. Zu diesem Zweck unterbreitete er am 30. Oktober 1975 Whitlam und Fraser eine Kompromisslösung, die die Genehmigung des Haushalts durch Fraser im Austausch zur Aufgabe von Whitlams Plänen zur Ausrufung von Nachwahlen zum Senat vorsah und somit ein Aufgeben von Fraser bedeutete. Fraser lehnte dies am 2. November 1975 ab und schlug stattdessen die Genehmigung des Haushalts zu Lasten einer Neuwahl zum Repräsentantenhaus im ersten Halbjahr 1976 vor, was Whitlam wiederum ablehnte, da nach Westminster-System nicht der Führer der Opposition, sondern der Premierminister den Zeitpunkt von Wahlen bestimme.

Entlassung Whitlams Generalgouverneur Kerr, der zu diesem Zeitpunkt keine starke Beziehung zum Premierminister hatte, sah Whitlam als unversöhnlich an. Insbesondere betrachtete er das Vorgehen des Bundesverwaltungsrates (Federal Executive Council) während der Khemlani-Loans-Affäre als unangemessen. Kerr befürchtete ferner, dass Premierminister Whitlam die Königin bitten würde, Kerr zu entlassen, falls Whitlam erfahren würde, dass Kerr die Entlassung des Premierministers plante. Die Königin wäre in dem Falle verfassungsrechtlich verpflichtet, dem Premierminister folge zu leisten und Kerr abzuberufen, wie es Kerr in den sogenannten Palastbriefen versichert wurde.

Whitlam andererseits ging davon aus, dass Kerr in der gewohnten Art und Weise der bisherigen Generalgouverneure die Haltung der Regierung akzeptieren und keine Schritte gegen diese unternehmen würde. Aus diesem Grund unternahm er nichts zu einer Entlassung des Generalgouverneurs, führte trotz Verfassungskrise allerdings auch keine Gespräche mit Kerr.

Am 6. November 1975 sprach Kerr, mit Kenntnis von Whitlam, abermals mit Oppositionsführer Fraser. Fraser erklärte, dass die Opposition nicht ihre Haltung ändern und keinen Kompromiss akzeptieren würde. Darüber hinaus drohte er Kerr damit, dass die Opposition dem Generalgouverneur öffentlich Versagen in der Amtsführung vorwerfen werde. Damit wollte er Kerr zu Neuwahlen bis Ende 1975 zwingen. Der Zeitdruck ergab sich insbesondere daraus, dass nach dem damals geltenden Wahlsystem eine Neuwahl bis zum Jahresende nur noch bis zum 11. November 1975 ausgerufen werden konnte und Kerr daher nur maximal fünf Tage Bedenkzeit hatte. Fraser glaubte nach diesem Treffen, dass Kerr Premierminister Whitlam entlassen würde.