Die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens (von lateinisch unitas „Einheit“) sind eine Religionsgemeinschaft des Unitarismus in Deutschland, die historisch den freireligiösen Gemeinschaften zugeordnet wird. Die Gemeinschaft hat etwa 500 Mitglieder.Laut Kassenbericht 2017 gab es bundesweit 468 Mitglieder. Bis 2015 führte sie den Namen Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft.

Inhalte Die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens sind nach ihrem Selbstverständnis eine freiheitliche, nicht-christliche, pantheistische, humanistischeEberhard Achterberg formuliert als Unitarier in seinem Aufsatz Größe und Grenzen eines religiösen Humanismus z. B. folgenden kategorischen Imperativ eines religiösen Humanismus: „Handle stets so, daß du dir bei all deinem Tun deiner Verantwortung für deine Mitmenschen bewußt bist“. Vgl. Eberhard Achterberg: Die Kraft, die uns trägt – Suche nach Sinn in einer bedrohten Welt. Verlag Deutsche Unitarier, München 1985, S. 177–188. Religionsgemeinschaft in der Tradition der Religionsauffassung der Aufklärung,Die Aufklärung, nach der die Menschen grundsätzlich zur Selbstbestimmung fähig sind, wird von den Empiristen ebenso vertreten wie von den Rationalisten. Der Empirismus ist wesentlich durch den englischen Deismus begründet, der seine Wurzeln im Unitarismus hat. Dass die rationalistische Position der Aufklärung ebenfalls wesentlich auf unitarischer Grundlage steht, wofür die Worte antitrinitarisch und sozinianisch nur andere Bezeichnungen sind, wird von Wilhelm Dilthey ausdrücklich hervorgehoben. Vgl. dazu Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften, II. Band, Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation, Teubner Verlag, Leipzig/Berlin 1923, darin das Kapitel: „Das natürliche System der Geisteswissenschaften im 17. Jahrhundert“ und darin vor allem der Abschnitt: „Der Rationalismus. Auflösung der Kirchenlehre durch Socinianer und Arminianer“, S. 129–144. Ferner ist durch Lessing der Briefwechsel zwischen dem jungen Leibniz, dem späteren deutschen Hauptvertreter des Rationalismus, und dem schon ziemlich alten polnischen Unitarier Wissowatius erhalten, in dem sich Leibniz ausdrücklich für die Anregungen bedankt, die ganz in der Art der religio rationalis gehalten waren, die Andreas Wissowatius in den Jahren zwischen 1676 und 1678 geschrieben hat.Vgl. den Beitrag von Wolfgang Deppert: Die zweite Aufklärung (Ausgearbeitete Fassung eines am 28. November 1999 gehaltenen Vortrags zum Thema „Auf dem Weg zur zweiten Aufklärung: Von der Vernunft der Allgemeinheit zur Vernunft des Einzelnen“ während der DfW-Tagung „Wege in die Freiheit – Zur Zukunft der Freigeistigen individualistischen Bewegung“ in Klingberg/Scharbeutz vom 26. bis 28. November 1999) leicht verändert erschienen in: Unitarische Blätter, 51. Jahrgang, Heft 1,2,4 und 5 (2000), S. 8–13, 86–92, 170–186, 232–245. in der auch die freireligiösen Gemeinden stehen.Wolfgang Seibert: Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft. 1989, S. 17 ff.

Sie besitzen kein religiöses Dogma und sind deshalb eine freie Religionsgemeinschaft. Es gibt aber Grundgedanken der Gemeinschaft, die dem Einzelnen als Interpretationsmöglichkeit angeboten werden.

Zentrale Grundsätze sind der Glaube an die Einheit allen Seins, das vom Wesen des Göttlichen durchdrungen ist, und der Glaube an die menschliche Vernunft. Außenstehende meinen oft, die Deutschen Unitarier würden als Gegenstück zu den christlichen Leitbildern von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ lediglich „Freiheit, Vernunft, Toleranz“ einsetzen. Unitarier geben demhingegen an, dass sie an ein zusammenhangstiftendes Weltprinzip glauben, das sie oft als das Göttliche bezeichnen. Dieses überall wirksame Zusammenhangstiftende ist ein profaner Ausdruck für eine allumfassende Liebe, an die die Unitarier glauben und auf deren Wirksamkeit sie all ihre Hoffnung stützen.

Die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens sehen sich im Gegensatz zu anderen unitarischen Religionsgemeinschaften, die entweder noch einen christlich-antitrinitarischen Glauben praktizieren oder ihren Mitgliedern einen solchen Glauben als Möglichkeit einräumen, als völlig losgelöst vom Christentum; sie erkennen jedoch den historischen Ursprung aus dem antitrinitarischen Christentum an.

Religiosität wird als dem Menschen angeborene Sinnstiftungsfähigkeit angesehen, durch die er sein Leben mit Sinn erfüllen kann und durch die er freiheitlicher, toleranter und liebesfähiger wird. Die Interpretation der Welt bleibt dabei unbedingt dem Einzelnen überlassen. Damit wird auch die Verantwortung für das eigene Handeln und Unterlassen vom Menschen als unverzichtbar eingefordert.

Gemeinsame unitarische Glaubensaussagen werden in Form von „Grundgedanken“ in unregelmäßigen Abständen durch Konsens innerhalb der Gemeinschaft den sich wandelnden Überzeugungen der Mitglieder und womöglich auch den Erkenntnissen der Zeit angepasst und schließlich auf einer Hauptversammlung beschlossen. Die Grundgedanken der Deutschen Unitarier sind damit das erste historische Beispiel für eine Religionsgemeinschaft, die auf den religiösen Überzeugungen der einzelnen Mitglieder gegründet ist und deren gemeinsame Glaubensaussagen basisdemokratisch festgestellt werden, wobei diese nur dann verbindlichen Charakter haben, wenn sich ein Unitarier über die Unitarier allgemein äußert.

Veranstaltungen Unitarier halten Feierstunden anstelle von Gottesdiensten. Diese Feierstunden werden beispielsweise als „Stunde der Besinnung“ oder Morgenfeier bezeichnet. Da die Traditionen in den Gemeinden und der Stil der Vortragenden unterschiedlich sind, weisen unitarische Feierstunden keinen starren Ablauf auf. Neben den regionalen Angeboten der Gemeinden wie Gesprächskreise, soziale Aktivitäten, Vorträge und die Feierstunden existieren überregionale Treffen wie der jedes zweite Jahr stattfindende Unitariertag und Seminare. Die Feierstunden im Lebenslauf und im Jahreskreis sind Unitariern besonders wichtig.

Geschichte Die deutschen Unitarier haben sich aus dem Christentum und organisatorisch aus den Freiprotestanten heraus entwickelt, die sich ursprünglich noch als Christen empfanden. 1876 gründete sich in Rheinhessen die Religionsgemeinschaft Freier Protestanten als unabhängiger Verein aus Protest gegen Änderungen der landeskirchlichen Verfassung. Am Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte die Bezeichnung deutsch-unitarisch erstmals auf. Aufgrund der Ausweitungsbestrebungen der Gemeinschaft auf ganz Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stießen neue Mitglieder aus verschiedenen kirchenfernen Kreisen, insbesondere aus der ehemaligen Deutschen Glaubensbewegung, zu den Freien Protestanten. Nach der Umbenennung in „Deutsche Unitarier“ 1950 kam es in den folgenden vier Dekaden wiederholt zu internen Richtungskämpfen, aus denen die pantheistisch-humanistisch gesinnte Mehrheit in den 1990er Jahren gestärkt hervorging, während anders orientierte Mitgliedergruppen die Gemeinschaft verließen. Ab 1990 verstärkte die Gemeinschaft ihr Engagement für gesellschaftspolitische und soziale Belange in Deutschland und Europa.

Vorgeschichte (1876 bis 1945) mini|Postkarte vom Weltkongress für freies Christentum und Religiösen Fortschritt

1876 wurde in Rheinhessen die „Religionsgemeinschaft Freier Protestanten“ gegründet. Die Gründung erfolgte im Zuge der Auswirkung einer neuen Kirchenverfassung der Hessischen Landeskirche, mit der Kirchensteuern eingeführt wurden. Die Kirchensteuer sollte die Kirche unabhängig machen, führte jedoch zu einem Proteststurm der rheinhessischen Gemeinden, wobei die Ablehnung damit begründet wurde, dass Geldopfer freiwillig, aus Liebe, gegeben werden müssten. Es gab zahlreiche Protestversammlungen im ganzen Land, die in einer Austrittswelle mündeten.

Der Pfarrer Balthasar Matty, der bereits eine wichtige Rolle in den Märztagen der Revolution von 1848 spielte und damals für die Einführung der Republik eintrat, übernahm die Führung und erreichte die Bildung einer Organisationsstruktur. Das von ihm entworfene Bekenntnis war noch christlich-trinitarisch geprägt. 1878 umfassten die Freiprotestanten 4779 Mitglieder.

Im Jahr 1909 wurde Rudolf Walbaum (1869–1948) Pfarrer der freiprotestantischen Religionsgemeinschaft in Rheinhessen. Er war nach dem Studium der Theologie zunächst seit 1897 Pastor der lutherischen Landeskirche in Hannover, wurde aber wegen liberaler Äußerungen gemaßregelt und 1900 in eine Landgemeinde im Harz versetzt. Nachdem er ab 1901 in den Dienst der evangelischen Bewegung Österreichs und Böhmens trat und Pfarrer in Wiener Neustadt und Haida war, fand er schließlich zu den rheinhessischen Freiprotestanten und übernahm 1909 die Pfarrstelle in Alzey; seit 1912 war er auch Prediger der Freireligiösen Gemeinde Worms. Auf einem Kongress liberaler Theologen des Weltkongresses für freies Christentum und religiösen Fortschritt 1910 in Berlin fand er Kontakt zu amerikanischen Unitariern.Auch am Weltkongress 1913 in Paris nahm Walbaum teil. Vgl. Stefan Kalk: Rudolf Walbaum. In: Lexikon freireligiöser Personen. Peter Guhl, Rohrbach/Pfalz 1997, S. 172. Walbaum gab 1911 den Freiprotestanten den Beinamen „Deutsche Unitarier“, und ihre Zeitschrift „Der Freiprotestant“, die Walbaum ab 1911 herausgab, erhielt den Untertitel Deutsch-unitarische Blätter.Stefan Kalk: Rudolf Walbaum. In: Lexikon freireligiöser Personen. Hrsg. von Eckart Pilick. Peter Guhl, Rohrbach/Pfalz 1997, S. 172. Walbaums Aktivität für den Unitarismus regte auch Clemens Taesler, Prediger der Freireligiösen Gemeinde Görlitz, an, sich seit 1915 zum Unitarismus zu bekennen und für dessen Verbreitung zu sorgen. Seit Oktober 1918 war Taesler Pfarrer der freireligiösen Gemeinde in Frankfurt, die sich durch seinen Einfluss seit 1926 offiziell zum Unitarismus bekannte und sich in Unitarische freireligiöse Gemeinde umbenannte.Was glauben Sie eigentlich? 2000, S. 119 f.; Herbert Todt (Hrsg.): Unitarische Freie Religion. Quellensammlung zur Geschichte ihrer Entfaltung in Frankfurt a. M. Frankfurt a. M. 1970, S. 3 f. 1927 gründeten Walbaum und Taesler den Deutschen Unitarierbund. Vor 1933 schloss sich Walbaum dem Bund der Köngener von Wilhelm Hauer an und war aktiv an den Vorbereitungen zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Glaubensbewegung beteiligt.Ulrich Nanko: Die Deutsche Glaubensbewegung: eine historische und soziologische Untersuchung. Diagonal-Verlag 1993, S. 301, 115–120. Um einem Verbot durch die Nationalsozialisten auszuweichen, vereinigte sich der Deutsche Unitarierbund 1934 mit den noch bestehenden freireligiösen Gemeinden des Verbands Freireligiöser Gemeinden Deutschlands zur Freien Religionsgemeinschaft Deutschlands.Festschrift zur 125-Jahrfeier der Freireligiösen Gemeinde Mainz und 25-Jahrfeier der freien Religionsgemeinschaft Rheinland. Hrsg. von der Freireligiösen Gemeinde Mainz, Mainz 1972, S. 13 ff. 1935 wurde der Deutsche Unitarierbund aufgrund seiner internationalen Verbindungen aufgelöst.Was glauben Sie eigentlich? 2000, S. 119 f. Zu den führenden Persönlichkeiten der Freien Religionsgemeinschaft gehörten neben Georg Pick (Mainz), Karl Weiß (Mannheim), Max Gehrmann (Offenbach) auch Rudolf Walbaum und Clemens Taesler. In der Freien Religionsgemeinschaft Deutschlands konnten Walbaum und Taesler bis zum Ende des Krieges ungehindert weiterarbeiten.

Unter der Führung Walbaums fand nicht nur die Abkehr vom trinitarischen Christentum statt, sondern generell die Abkehr von einem verbindlichen Glaubensbekenntnis. An dessen Stelle trat die „vollständige geistige Freiheit in religiöser Hinsicht statt Gebundensein an Glaubensbekenntnisse oder Konfessionen“. Es wurde der Gebrauch der Vernunft in religiöser Hinsicht sowie „weitgehende Toleranz gegenüber den verschiedenen religiösen Ansichten und Bräuchen“Walbaum: Religiöser Unitarismus, 1947. postuliert. Walbaum war über 40 Jahre die maßgebliche Persönlichkeit der rheinhessischen Freiprotestanten und der Deutschen Unitarier.