miniatur|Dominoeffekt miniatur|Komplexes Layout für spektakulären Dominoeffekt Der Begriff Dominoeffekt () bezeichnet metaphorisch eine Kausalkette von ähnlichen oder identischen Ereignissen, von denen jedes einzelne Ereignis zugleich Ursache des folgenden ist und die alle auf ein einzelnes Anfangsereignis zurückzuführen sind.

Steigt die Wirkung der Ereigniskette im Verlauf des Gesamtereignisses an, weil immer größere Energien freigesetzt werden oder sich die Kette immer weiter aufteilt, spricht man von einem Schneeball- oder Lawineneffekt.

Allgemeines Der Dominoeffekt ist die durch ein Ereignis als Ursache ausgelöste Reihe von weiteren ähnlichen oder identischen Ereignissen. Mathematisch ausgedrückt liegt ein Dominoeffekt vor, wenn in einer Struktur eine Menge von Graphen durch Kanten miteinander in Beziehung steht und ein Graph oder eine Kante seine Funktion nicht erfüllt, so dass zwingend die gesamte Struktur gestört ist. Bei Dominosteinen ist stets Voraussetzung, dass sie einen bestimmten Abstand zueinander aufweisen und in einem bestimmten Winkel zueinander ausgerichtet sind. Wenn der erste Dominostein fällt (das ist der Induktionsanfang) und die weiteren Dominosteine so aufgestellt sind, dass durch jeden fallenden Stein der nächste umgestoßen wird (entspricht dem Induktionsschritt), dann wird jeder Dominostein umfallen.Michael Merz/Mario V. Wüthrich, Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler, 2012, S. 27

Herkunft aus dem Dominospiel Ein Dominoeffekt im engeren Sinn liegt vor, wenn innerhalb von Ketten, Netzen, Netzwerken, Reihen, Strukturen oder Systemen technisch-physikalische Verbindungen von Gliedern vorhanden sind, aus denen eine zwangsläufige Abhängigkeit resultiert. Tritt ein Ereignis beim Anfangsglied ein (der erste Dominostein kippt um), setzt sich das Umkippen in der gesamten Reihe zwingend fort. Kippt ein in der Mitte der Reihe stehender Dominostein um, ist nur der Rest der Reihe betroffen, nicht dagegen der vorherige Teil. Deshalb liegt keine Interdependenz der Dominosteine vor.

Physikalische Grundlagen Der Länge einer solchen Ereigniskette sind physikalisch keine Grenzen gesetzt, da (beispielhaft am Dominospiel erläutert) jeder fallende Stein genügend Energie an den nächsten abgibt, um ihn ebenfalls zu Fall zu bringen. Jeder Dominostein hat durch das Aufstellen potenzielle Energie gespeichert und befindet sich zugleich in einem metastabilen Kräftegleichgewicht – die Menge gespeicherter Energie kann durch Einwirkung einer kleineren Menge kinetischer Energie freigesetzt werden. Da die kinetische Energie eines umfallenden Dominosteins genügt, um mehrere andere umzuwerfen, muss die Ereigniskette nicht linear bleiben, sondern kann sich in beliebig viele Ketten aufspalten und so zu einem exponentiellen Anwachsen von Ereignissen führen. Praktisch begrenzt wird die Ereigniskette allein durch die Anzahl aufgestellter Steine, deren Ausmaße (bei endlicher Größe können sie maximal im Kreis angeordnet werden und so von einem Zentrum wegführen; die Ausbreitung wäre damit nicht mehr exponentiell, sondern nur noch quadratisch) und den zur Verfügung stehenden Raum.

mini|Dominosteine beim Umfallen Verallgemeinert kann von einem Dominoeffekt stets dann gesprochen werden, wenn (a) ein Anfangsereignis mindestens so viel Energie freisetzt wie zu seiner unmittelbaren Herbeiführung aufgewendet werden muss (einschließlich aller Verluste durch Reibung u. ä.) und (b) die freigesetzte Energie ein oder mehrere Folgeereignisse auslöst, die ebenfalls diese Bedingungen (a) und (b) erfüllen. Wird an einer Stelle der Ereigniskette eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, kommt sie zum Erliegen. Ausnahme: Bei einer Verkettung ungleicher Ereignisse braucht Bedingung (a) in bestimmten Einzelfällen nicht erfüllt zu werden: immer dann, wenn das Auslösen des Folgeereignisses weniger Energie verbraucht als das Auslösen des vorhergehenden. Für eine dauerhafte Ereigniskette muss dann eines der nachfolgenden Ereignisse wieder mehr Energie freisetzen als zu seiner Herbeiführung aufgewendet wurde.

Der Dominoeffekt vermittelt die Illusion, ein „Fingerschnippen“ genüge, um eine beliebig große Wirkung zu erzielen. Tatsächlich löst es aber nur eine Kaskade von Umwandlungen vorher gespeicherter Energie in Bewegungsenergie aus. Am Beispiel der Dominosteine bedeutet das: Zur Arbeit des Fingerschnippens muss die des Aufstellens aller Steine hinzugerechnet werden.

Anwendung im Spiel und Rekordversuche Durch die relativ hohe Bekanntheit des Effekts probieren ihn viele Menschen mit einer (relativ kleinen) Anzahl an Dominosteinen aus einem Dominospiel zu Hause aus. Die theoretisch beliebige Verlängerbarkeit der Dominostein-Kette wird auch zu Rekordversuchen genutzt. Dabei wird eine große Anzahl von Steinen in teils kunstvollen geometrischen Formen so aufgestellt, dass bis zu einige Millionen Steine nach dem Anstupsen des ersten Steins fallen. Dabei werden auch Verzweigungen, Überführungen und Mehrspurigkeit eingebaut und eigens hergestellte Steine in verschiedenen Farben benutzt. Dabei kann z. B. durch Steine mit zwei unterschiedlich farbigen Seiten beim Umfallen ein Farbwechsel erzielt werden. Entsprechende Rekorde sind im Guinness-Buch der Rekorde verzeichnet. In Europa war die bekannteste Veranstaltung, bei der Rekordversuche mit dem Dominoeffekt im Zentrum standen, bis 2009 der Domino Day. Im Jahr 2009 wurden dabei 4,8 Millionen Steine mit einem Gewicht von rund 33 Tonnen aufgebaut. Wegen der benötigten Aufstellungsfläche von bis zu einigen tausend Quadratmetern finden solche Veranstaltungen oft in Sport-, Mehrzweck- oder Messehallen statt.

Bedeutung im übertragenen Sinne Der nach den Dominosteinen benannte Effekt kommt im übertragenen Sinne in vielen Fachgebieten vor.

Chemie/Atomphysik Eine Kettenreaktion kann in der Chemie als Spezialfall des Dominoeffekts angesehen werden. Sie ist eine Reaktion, bei der ein Startereignis eine chemische Reaktion auslöst, deren Zwischenprodukt (häufig Radikale) insgesamt oder teilweise als Ausgangspunkt für ein oder mehrere nachfolgende Reaktionen dienen und die durch eine Abbruchreaktion beendet wird. Derartige Kettenreaktionen gibt es auch in der Atomphysik, entweder kontrolliert im Kernkraftwerk oder unkontrolliert bei der Atombombe.Dieter Hombach, Der Dominoeffekt: über Ursprung und Wesen abendländischen Denkens, 1996, S. 12 f.

Epidemien/Pandemien Ein typischer Dominoeffekt wird von Viren ausgelöst, die sich durch ihre Übertragbarkeit zu weltweiten Epidemien/Pandemien auf Mensch und/oder Tier ausbreiten können. Dieser DominoeffektIna Knobloch, Shutdown: Von der Corona-Krise zur Jahrhundert-Pandemie, 2020, o. S. wird in der Epidemiologie als Infektion bezeichnet. Um zum Dominoeffekt zu werden, muss sich bei Wirtschaftssubjekten (Privatpersonen, Unternehmen, Behörden) ein Herdenverhalten entwickeln, wonach sich die Mehrheit in einer bestimmten Art verhält.Jochen Bigus/Patrick C. Leyens, Einlagensicherung und Anlegerentschädigung, 2008, S. 30 So hat beispielsweise die Covid-19-Pandemie in den meisten hiervon betroffenen Staaten dazu geführt, dass es ab Mai 2020 zu Kontaktbeschränkungen im Privatbereich und Betriebsunterbrechungen insbesondere in der Industrie und in Dienstleistungsunternehmen (Friseure, Gastronomie) durch den Lock-Down kam, wodurch auch deren Zulieferer in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Die hierdurch folgende Kette von Insolvenzen wird als Dominoeffekt bezeichnet.Euler Hermes Deutschland (Hrsg.), Insolvenzrisiko: Den Covid-19-Dominoeffekt verstehen, 2021 Als Folge kam es zur Rezession in der gesamten Wirtschaft, Arbeitslosigkeit und Existenzangst, Überforderung des Gesundheits- und Bildungswesens, sozialer Isolation und Stillstand der Kultur.Remo H. Largo, Zusammen leben. Das Fit-Prinzip für Gemeinschaft, Gesellschaft und Natur, 2020, S. 2

Informatik Dominoeffekte für Fehler von Rechnersystemen können auftreten, wenn bei voneinander abhängigen Aufträgen und Operationen Fehler bei der Ausführung eines Auftrags auch Fehler für andere Aufträge verursachen. Peter Paul Spies, Dominoeffekt, in: Manfred Broy/Otto Spaniol (Hrsg.), VDI-Lexikon Informatik und Kommunikationstechnik, 1999, S. 209 f.

Das Internet als weltweites Rechnernetz ist vulnerabel für Cyberattacken. Hacker und sonstige Computerkriminelle programmieren und verbreiten Computerviren, die innerhalb weniger Sekunden ganze Computernetzwerke schädigen oder gar stilllegen können. Auch über soziale Netzwerke kann ein Dominoeffekt entstehen, wenn Teilnehmer etwa bei WhatsApp dazu aufgefordert werden, eine erhaltene Nachricht zu kopieren und an mehrere weitere Empfänger zu versenden.

Politik mini|350px|Illustration der politischen Domino-Theorie der US-Außenpolitik in Bezug auf Asien. Besonders aus Sicht der Geopolitik können Staaten oder Gesellschaften unter dem Einfluss von Ereignissen in Nachbarstaaten oder anderen Gesellschaften in gleiche Konflikte (wie etwa Revolutionen) hineingeraten.

Die im April 1954 von US-Präsident Dwight D. Eisenhower verkündete Domino-Theorie ging davon aus, dass die sich geographisch in der Nähe eines kommunistischen Landes befindenden Staaten durch die „populistische Kraft“ der kommunistischen Ideologie ebenfalls kommunistisch werden würden. Sie prognostizierte, dass der kommunistische Umsturz in nur einem Land oder einer Region praktisch zwangsläufig den Sieg des Kommunismus in weiteren, benachbarten Ländern nach sich ziehen würde.

Diese Domino-Theorie diente den USA während des Kalten Krieges als Begründung zur aktiven Eindämmung (Containment-Politik) bzw. auch des gewaltsamen Zurückdrängens (Rollback-Politik) politisch linksgerichteter Tendenzen und Bewegungen weltweit. Zusammen mit der Doktrin eines strikten Antikommunismus diente sie unter anderem als eine der Begründungen für die Teilnahme der USA am Vietnamkrieg und an vielen anderen Konflikten, insbesondere in Lateinamerika, in Südostasien und in Afrika.

In einer späteren Variante brachte die US-Regierung die Dominotheorie auch als eine Begründung des von ihr begonnenen dritten Golfkriegs gegen den Irak 2003 vor: Der gewaltsame Sturz der Regierung Saddam Husseins und die folgende Demokratisierung des Irak sollte demnach weitere Demokratisierungsbestrebungen in benachbarten Staaten auslösen, und so in einem Dominoeffekt langfristig die Umwandlung nahöstlicher Diktaturen in demokratische Gemeinwesen bewirken. Dadurch hätte auch dem islamistischen Terrorismus der Boden entzogen werden sollen. Diese Überlegungen bewahrheiteten sich jedoch in den folgenden Jahren nicht, ganz im Gegenteil nahmen islamistisch-fundamentalistisch orientierte Anschläge sogar zu. Erst die Revolution in Tunesien 2010/2011 löste einen Dominoeffekt in der arabischen Welt aus und führte zu ähnlichen Aufständen in vielen arabisch geprägten Ländern.

Wirtschaft In der Wirtschaft gibt es meist keine technisch-physikalischen Verbindungen, sondern Wirtschaftssubjekte weisen wegen ihrer Wirtschaftsobjekte eine Geschäftsbeziehung, Handelsbeziehung oder Vertragsbeziehung zu anderen Wirtschaftssubjekten auf. Die Störung bei einem Wirtschaftssubjekt (Betriebsstörung, Unternehmenskrise) muss sich deshalb nicht zwangsläufig auf andere auswirken. In solchen Fällen wird vom Ansteckungseffekt gesprochen.

Ein Domino- oder Ansteckungseffekt liegt vor, wenn in Ketten oder Netzwerken eine Störung bei lediglich einem Glied auftritt, die sich jedoch wegen der hohen wirtschaftlichen Abhängigkeit auf alle Glieder auswirken kann. So können sich Fehlmengen bei einem Hersteller als Dominoeffekt über Absatzketten, Handelsketten, Lieferketten, Transportketten und Vertriebsketten durch einen Lieferengpass bis zu Regallücken im Einzelhandel fortsetzen. Das kann zu Hamsterkäufen führen, selbst wenn diese Fehlmengen auf eine temporäre Betriebsstörung und nicht auf dauerhafte Knappheit zurückzuführen sind. Hier können Sicherheitsbestände in der Lagerhaltung bei temporären Fehlmengen einen Lieferengpass vermeiden helfen.