mini|Färöer-Shetland-Kanal südöstlich des Färöer-Schelfs. Der Abstand der Isobathen beträgt 500 m.
Der Färöer-Shetland-Kanal (englisch Faroe-Shetland Channel, FSC) ist ein tiefer untermeerischer Graben am Rand des Europäischen Nordmeers zwischen den Färöer-Inseln und den Shetlandinseln. Er erreicht Wassertiefen von über 1500 m und ist nach Südwesten durch den bis etwa 600 m aufragende Wyville-Thomson-Rücken vom Rockallgraben des offenen Atlantiks getrennt; nach Nordosten öffnet er sich zum Nordmeer, nach Westen besteht über den tiefen Färöer-Bank-Kanal eine Verbindung zum Islandbecken.Bogi Hansen, Svein Østerhus (2000): North Atlantic–Nordic Seas exchanges. In: Progress in Oceanography. Band 45 (2000), Ausgabe 2, S. 109–208.
Der Kanal ist eine der wichtigsten Verbindungen für den Wassermassenaustausch zwischen dem Nordatlantik und den Nordischen Meeren: In den oberen Schichten strömt warmes, salzreiches Atlantikwasser polwärts in Richtung Arktis, während in der Tiefe kaltes, dichtes Wasser aus dem Europäischen Nordmeer nach Süden zurückfließt. Damit ist der Färöer-Shetland-Kanal ein zentraler Engpass (gateway) der atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC).Barbara Berx, Bogi Hansen, Svein Østerhus, Karin M. Larsen, Toby Sherwin, Kerstin Jochumsen (2013): Combining in situ measurements and altimetry to estimate volume, heat and salt transport variability through the Faroe-Shetland Channel. In: Ocean Science. Band 9 (2013), S. 639–654. DOI:10.5194/os-9-639-2013.
Lage und Morphologie
Der Färöer-Shetland-Kanal erstreckt sich in südwest-nordöstlicher Richtung zwischen dem Färöer-Plateau und dem schottisch-shetländischen Schelf. Seine größte Tiefe liegt bei über 1500 m. Im Südwesten begrenzt ihn die Wyville-Thomson-Schwelle, deren Kamm in rund 600 m Tiefe das kalte Tiefenwasser des Kanals weitgehend vom Rockallgraben fernhält. Den tiefsten Ausgang nach Westen bildet der Färöer-Bank-Kanal, dessen Schwelle in etwa 840 m Tiefe die tiefste Passage über den Grönland-Schottland-Rücken in diesem Abschnitt darstellt und über die der Hauptteil des Tiefenwassers in das Islandbecken überläuft.M. B. Broadbridge, R. Toumi (2015): The deep circulation of the Faroe-Shetland Channel: Opposing flows and topographic eddies. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 120 (2015). DOI:10.1002/2015JC010833.
Geologie
Unter dem Kanal liegt das Faroe-Shetland-Becken, ein überwiegend mesozoisches Riftbecken, das in mehrere durch paläozoische Hochzonen (etwa den Rona- und den Corona-Rücken) getrennte Teilbecken gegliedert ist und auf präkambrischem kristallinem Grundgebirge ruht. Die känozoische Entwicklung ist von thermischer Absenkung mit Phasen von Hebung und Kompression geprägt; weite Teile des Beckens werden von paläozänen Flutbasalten und mächtigen Sillkomplexen der Nordatlantischen magmatischen Großprovinz überlagert, was die seismische Erkundung tieferer Schichten erschwert.Geology of the Faroe–Shetland Basin and adjacent areas BGS Research Report RR/11/01, British Geological Survey, abgerufen am 5. Juni 2026. Das Becken ist eine bedeutende Kohlenwasserstoffprovinz („West of Shetland“), in der seit den 1960er Jahren mehrere große Öl- und Gasfelder entdeckt wurden, darunter das Clair-Ölfeld, Schiehallion und Foinaven.
Strömungen und Wassermassen
Die Zirkulation im Färöer-Shetland-Kanal ist zweischichtig aufgebaut: Oberhalb etwa der Dichtefläche σ₀ = 27,8 kg/m³ (rund 400–500 m Tiefe) strömt warmes, salzreiches Atlantikwasser polwärts, darunter fließt kaltes, dichtes Wasser nach Südwesten zurück.
Atlantikeinstrom
Das einströmende Atlantikwasser wird vorwiegend an beiden Flanken des Kanals geführt: an der schottisch-shetländischen Seite durch den European Slope Current (dort als Shetland Current bzw. West Shetland Drift bezeichnet), an der Färöer-Seite durch atlantisches Wasser entlang des Färöer-Hangs. Dieser Einstrom macht mit rund 2,7 Sverdrup (Sv) einen erheblichen Anteil des gesamten Atlantikwasserzustroms in die Nordischen Meere aus; er ist etwas geringer als der Zustrom über den Island-Färöer-Rücken (rund 3,8 Sv) und deutlich größer als jener durch die Dänemarkstraße (rund 0,8 Sv). Der Einstrom zeigt eine ausgeprägte Saisonalität.
Zwischen- und Tiefenwasser
In den mittleren Tiefen treten Zwischenwassermassen wie das Modified East Icelandic Water (MEIW) und das Arktische Zwischenwasser auf, die nach Südwesten entlang des Färöer-Hangs strömen und an der Wyville-Thomson-Schwelle in den Kanal zurückgelenkt werden, um nordostwärts entlang des Shetland-Hangs zurückzukehren. Den Boden des Kanals füllt das kalte Färöer-Shetland-Kanal-Bodenwasser (, FSCBW) mit Temperaturen nahe oder unter 0 °C, ein Abkömmling des Tiefenwassers der Norwegischen See (, NSDW). Es strömt nach Südwesten und verlässt den Kanal überwiegend durch den Färöer-Bank-Kanal in das Islandbecken, wo es zum Island-Schottland-Überstromwasser wird; ein kleinerer Teil überquert die Wyville-Thomson-Schwelle und gelangt als Wyville-Thomson-Überstromwasser in den Rockallgraben. Insgesamt fließen auf diesen Wegen etwa 5,6 Sv kalten Wassers nach Süden in den Nordatlantik zurück, davon rund 2,2 Sv durch das Färöer-Kanal-System.Toby J. Sherwin, Colin R. Griffiths, Mark E. Inall, William R. Turrell (2008): Quantifying the overflow across the Wyville Thomson Ridge into the Rockall Trough. In: Deep-Sea Research Part I. Band 55 (2008), Ausgabe 4, S. 396–404. DOI:10.1016/j.dsr.2007.12.006.
Die Zusammensetzung des Bodenwassers ist veränderlich: Während es zwischen 1970 und 1985 noch zu etwa 60 % aus Norwegische-See-Tiefenwasser bestand, sank dieser Anteil seit 1990 auf rund 40 %. Die damit verbundene Aussüßung pflanzte sich aus dem Kanal heraus in den Nordatlantik fort und verringerte Salzgehalt und Transport des Island-Schottland-Überstromwassers.William R. Turrell, Graham Slesser, R. D. Adams, R. Payne, Philip A. Gillibrand (1999): Decadal variability in the composition of Faroe Shetland Channel bottom water. In: Deep-Sea Research Part I. Band 46 (1999), S. 1–25.
Bedeutung
Der warme Atlantikeinstrom durch den Färöer-Shetland-Kanal ist eine wesentliche Wärme- und Salzquelle für die Nordischen Meere und das Nordpolarmeer und trägt über die dortige Wärmeabgabe an die Atmosphäre zum vergleichsweise milden Klima Nordwesteuropas bei. Der kalte Tiefenwasserausstrom speist als Überstromwasser das Nordatlantische Tiefenwasser und damit den unteren, südwärts gerichteten Ast der Meridionalen Umwälzzirkulation. Beobachtungen zeigen, dass der Überstrom aus den Nordischen Meeren durch das Färöer-Kanal-System seit der Mitte des 20. Jahrhunderts abgenommen hat.Bogi Hansen, William R. Turrell, Svein Østerhus (2001): Decreasing overflow from the Nordic seas into the Atlantic Ocean through the Faroe Bank channel since 1950. In: Nature. Band 411 (2001), S. 927–930. DOI:10.1038/35082034. Schwankungen des Einstroms wirken sich zudem auf den Wärmehaushalt, die Meereisbedeckung und die Ökosysteme – einschließlich wirtschaftlich bedeutender Fischbestände – der angrenzenden Meere aus.
Einzelnachweise
Kategorie:Ozeanografie Kategorie:Meereskunde Kategorie:Europäisches Nordmeer Kategorie:Geographie (Färöer) Kategorie:Geographie (Schottland)