mini|Die deutsche Erstausgabe der Schachnovelle von 1942 in den Händen von Georg P. Salzmann, Bibliothek der verbrannten Bücher Schachnovelle ist eine Novelle von Stefan Zweig, die er 1941 und 1942 im brasilianischen Exil schrieb. Es ist sein letztes und zugleich bekanntestes Werk.
Im Zentrum der Handlung steht die Konfrontation der psychischen Abgründe, die ein ehemaliger Gefangener der Gestapo in sich trägt, mit der oberflächlichen Lebenswelt wohlhabender Reisender. Das Schachspiel hat anfangs nur die Rolle einer bloßen Unterhaltung bzw. eines einträglichen Sports an Bord des Schiffes und erhält erst durch die Figur des Gefangenen Dr. B., der sich während seiner Haftzeit intensiv mit Schach beschäftigt hat, seine tiefere Bedeutung.
Inhalt mini|hochkant|Elke Rehder, Holzschnitt zur Schachnovelle (1996) mini|hochkant|Die aufgeschlagene Erstausgabe der Schachnovelle (1942) Die Rahmenerzählung spielt an Bord eines Passagierdampfers. Der Ich-Erzähler, ein österreichischer Emigrant, erfährt von einem Bekannten, dass der amtierende Schachweltmeister Mirko Czentovic mit an Bord ist, ein zurückhaltender, verschlossener Sprössling einer einfachen Donauschifferfamilie. Czentovic wurde als Waise von einem Pfarrer aufgezogen, blieb jedoch ein langsamer und ungebildeter Landbursche, bis er ein durch Zufall zustande gekommenes Schachspiel gegen einen Freund des Pfarrers souverän gewann und damit seine Inselbegabung für das Schachspiel entdeckte. Im Alter von zwanzig Jahren erlangte er schließlich den Weltmeistertitel und reist nun als bezahlter Turnierspieler durch die Welt. Dass der einfache Junge ohne intellektuelle Begabung die gesamte Schachwelt düpiert und aus Gewinnstreben auch gegen Amateure spielt, bringt ihm die Missgunst der Schachspielerzunft ein.
Um den geheimnisvollen Czentovic kennenzulernen, sammelt der Ich-Erzähler eine Gruppe schachinteressierter Reisender um sich, darunter den ehrgeizigen Unternehmer McConnor, der für Czentovics Honorarforderung aufkommt. Czentovic erklärt sich zu einer bezahlten Schachpartie gegen die gesamte Gruppe bereit, die er mühelos gewinnt. McConnor verlangt Revanche und steht bereits kurz vor einer zweiten Niederlage, als sich ein Fremder ins Spiel einmischt und ihn vor einem verlockenden Zug warnt. „Dr. B.“, wie der Fremde in der Erzählung genannt wird, ist offenbar ein weitaus besserer Spieler als die anderen; Czentovic reagiert auf seinen Eingriff mit Erstaunen, als sei überhaupt erst jetzt ein Gegner vorhanden. Die Partie endet Remis. Dass Dr. B. nicht gewillt ist, anschließend noch eine weitere Partie zu spielen, weckt das Interesse des Ich-Erzählers, und er lässt sich von Dr. B. dessen Lebensgeschichte erzählen.
Im Österreich der 1930er Jahre, also im austrofaschistischen Ständestaat, war Dr. B. Vermögensverwalter des österreichischen Adels und Klerus. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich 1938 wollten ihn die Nationalsozialisten zur Preisgabe dieser Vermögenswerte zwingen und hielten ihn monatelang in Einzelhaft. Als nach mehrwöchiger völliger Isolation die Verhöre begannen, hatte sich Dr. B.s Geisteszustand durch die totale geistige Deprivation erheblich verschlechtert. Auf der Suche nach geistiger Beschäftigung gelang es ihm, ein Buch aus einer fremden Manteltasche in sein Zimmer zu schmuggeln. Zu seiner Enttäuschung handelte es sich dabei jedoch nicht wie erhofft um anregende Literatur, sondern um eine Sammlung berühmter Schachpartien. Dr. B. hatte während seiner Gymnasialzeit Schach gespielt, doch ohne besonderes Interesse. Aus Mangel an anderer Beschäftigung begann er nun die Partien nachzuspielen, zuerst auf einem karierten Betttuch, einige Monate später visualisierte er die Spiele vollständig im Kopf. Als er das Buch „durchgespielt“ hatte, erfand er neue Partien gegen sich selbst, wozu er zwei unabhängige geistige Instanzen erschuf, „Ich Schwarz“ und „Ich Weiß“, was zu einer Persönlichkeitsspaltung führte. Dass das jeweils unterlegene „Ich“ nach einer Partie sofort Revanche forderte, brachte Dr. B. in einen Zustand, den er „Schachvergiftung“ nennt. Er zeigte wahnhafte Symptome, griff seinen Zellenwärter an und schlug ein Fenster ein, wobei er sich schwer an der Hand verletzte. Der behandelnde Arzt erreichte seine Entlassung.
Dr. B. erfährt erst vom Ich-Erzähler, dass es sich bei seinem Gegner um den amtierenden Schachweltmeister handelt, und lässt sich aus Neugier zu einer Partie gegen diesen überreden – seit seiner Schulzeit seine erste Partie gegen einen realen Gegner. Um eine erneute Schachvergiftung zu vermeiden, stellt er die Bedingung, nur eine einzige Partie zu spielen, die er zum allgemeinen Erstaunen souverän gewinnt. Es macht ihn jedoch nervös, dass sich sein Gegner für jeden Zug sehr viel Zeit lässt. Czentovic bietet eine weitere Partie an, worauf Dr. B. sofort eingeht. Während der Meister nun absichtlich extrem langsam spielt, verfällt Dr. B. in typische Verhaltensweisen der Einzelhaft; er geht planlos hin und her, verspürt brennenden Durst und herrscht seinen Gegner unhöflich an. Während Czentovics Bedenkzeiten schweift Dr. B.s rastloser Geist ab zu anderen Partien, bis die Spiele im Kopf ihn so verwirren, dass er das reale Spiel nicht mehr fortsetzen kann. Auf einen eindringlichen Hinweis des Ich-Erzählers beendet Dr. B. die Partie durch Aufgabe, entschuldigt sich bei den Anwesenden für seine Einmischung und erklärt, nie wieder Schach zu spielen, was McConnor mit Unverständnis und Czentovic mit respektvoller Herablassung quittiert.
Personencharakteristik Mirko Czentovic: Der amtierende Schachweltmeister. Er tritt als primitiver halbanalphabetischer „Roboter“ auf, der fast automatisch die kalte Schachlogik beherrscht, spielt mit einer Art mechanischer Präzision und hat seit Monaten kein Spiel verloren. Er ist der Sohn eines armen südslawischen Donauschiffers. Nach dem Tod seines Vaters wird er als Zwölfjähriger von einem Pfarrer aufgenommen. Trotz aller Anstrengungen gelingt es dem Pfarrer nicht, Mirko zu erziehen und zu bilden: Er wird als „maulfaules, dumpfes, breitstirniges Kind“ beschrieben, dessen Gehirn nur schwerfällig arbeitet. Er verrichtet zwar alle ihm auferlegten Hausarbeiten, dies aber mit „totaler Teilnahmslosigkeit“. Erst als er sein Talent für das Schachspiel entdeckt, wendet sich sein Schicksal: Aus dem armen und tumben Schifferssohn wird ein höchst erfolgreicher Schachprofi. Der Ich-Erzähler begegnet ihm das erste Mal auf dem Schiff und beschreibt ihn als arroganten, abweisenden und primär an Geld interessierten Charakter.
McConnor: Ein schottischer Geschäftsmann. Er wird vom Ich-Erzähler so dargestellt: „Mister McConnor gehört zu jener Sorte selbstbesessener Erfolgsmenschen, die auch im belanglosesten Spiel eine Niederlage schon als Herabsetzung ihres Persönlichkeitsbewusstseins empfinden […], er ist es gewöhnt, sich im Leben durchzusetzen“. Wenn er Revanche fordert, vermittelt er den „Eindruck eines Boxers kurz vor dem Losschlagen“. Er handelt und lebt nach der Devise: „Ich bezahle die Musik, also bestimme ich auch, was gespielt wird.“ Für ein Honorar spielt Mirko Czentovic eine Schachpartie gegen ihn. McConnor versteht zwar selbst wenig von Schach, erreicht aber mit Hilfe von Dr. B. ein Remis.
Dr. B.: Er ist das genaue Gegenstück zu Mirko Czentovic: kultiviert, intelligent, redegewandt. Dr. B. erweist sich gegenüber dem Ich-Erzähler als aufgeschlossener Gesprächspartner und beginnt ohne direkte Aufforderung einen langen Bericht über seine Vergangenheit, insbesondere seine Gefangenschaft: Während seiner längeren Isolationshaft habe er alle Feinheiten des Schachspiels erlernt, um sich seine intellektuelle Widerstandskraft zu erhalten und nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Die fortgesetzte künstliche Situation des Spiels gegen sich selbst führte jedoch zu einem Nervenzusammenbruch, den er unter ähnlichem Stress später erneut erleidet. Es zeigt sich, dass er sich zwar mit Hilfe seines Intellekts vor dem Irrsinn und der Gefangenschaft retten konnte, jedoch Gefangener seiner Rettungsmethode (manisches Schachspielen) geworden ist.
Dr. B. hat während seiner Isolationshaft die Kunst des Blindschachs so sehr trainiert, dass ein Spiel mit Brett und Figuren ihm Probleme bereitet. Im Gegensatz dazu ist Czentovics Blick stets auf das Brett fixiert, um die Partie nachvollziehen zu können.
Darstellung des Schachspiels Stefan Zweig selbst war kein guter Schachspieler und verfügte über keine näheren Kontakte zur Schachszene. Der Schriftsteller Ernst Feder schrieb in seinen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Zweig im brasilianischen Exil: „Ich bin ein schwacher Spieler, aber seine Kenntnis der Kunst war so gering, daß es mich Mühe kostete, ihn gelegentlich eine Partie gewinnen zu lassen.“Ernst Feder: Stefan Zweigs letzte Tage. In: Hanns Arens (Hrsg.): Der große Europäer Stefan Zweig. Kindler, München 1956, S. 237. Es wird in der Novelle zwar eine Eröffnungsvariante, die Sizilianische Eröffnung, erwähnt, doch ihre Strategie und Taktik werden nicht näher erklärt.
Die Schachpartie Die Beratungspartie von Czentovic gegen die Amateure, in deren Verlauf Dr. B. erstmals ins Geschehen eingreift, erinnert Dr. B. an die Partie von Alexander Aljechin gegen Efim Bogoljubow auf dem Turnier in Bad Pistyan 1922. Sie war Zweig vermutlich aus dem Buch Die hypermoderne Schachpartie von Savielly Tartakower, der in der Schachnovelle als „bewährter Altmeister der Schachkunst“ erwähnt wird, bekannt. Das Buch befand sich in Zweigs Nachlass und gelangte von dort in die Stadtbibliothek von Petrópolis.Albert Dines: Morte no paraíso. Rio de Janeiro 1981. S. 415.
In dieser Stellung rät Dr. B. von dem verlockenden Zug c2–c1D ab, durch den Schwarz zwar eine Figur gewinnt, nach La3xc1 Sd3xc1 d6–d7 jedoch im Nachteil bliebe. Stattdessen empfiehlt er den von Bogoljubow in der realen Partie gespielten Zug Kg8–h7, nach dem es einige Züge später zu einem Remis kam.
Publikationen mini|hochkant|Europäische Erstveröffentlichung bei Bermann Fischer (1943) Zweig sandte das Typoskript der Schachnovelle kurz vor seinem Suizid an seinen Übersetzer und Freund Alfredo Cahn. Dieser sorgte für eine zeitnahe postume Veröffentlichung in Südamerika.
Im September 1942 erschien eine portugiesische Ausgabe in der Übersetzung von Elias Davidovich und Odilon Gallotti im Verlag Editora Guanabara in Rio de Janeiro. Die Erstausgabe in deutscher Sprache erschien am 7. Dezember 1942 in Buenos Aires in einer limitierten Auflage von 300 Exemplaren. 1944 erschien in New York die erste Übersetzung ins Englische.
In Europa wurde das Werk im Frühjahr 1943 im Stockholmer Exilverlag von Gottfried Bermann Fischer herausgegeben. Im deutschsprachigen Raum hat sich das Buch seit seinem Erscheinen im S. Fischer Verlag 1954 zu einem Dauerbestseller entwickelt.
Ein Typoskript der Erzählung befindet sich seit 2002 als Schenkung in der Reed Library der State University of New York at Fredonia.
Der Reclam-Verlag Stuttgart hat 2013 erstmals die Erzählung in jener Fassung veröffentlicht, in der Stefan Zweig sie hinterlassen hat.
Rezeption Die Schachnovelle gehört zum Kanon der Weltliteratur und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Im Jahr 2012 lagen insgesamt 58 Übersetzungsverträge vor, in manche Sprachen wurde die Novelle mehrfach übersetzt. Zur besonderen Popularität trug bei, dass sie über den deutschen Sprachraum hinaus häufig als Schullektüre eingesetzt wurde.Klemens Renoldner, Norbert Christian Wolf: Schachnovelle (1942). In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter 2018, S. 233, 239. Marcel Reich-Ranicki nahm die Novelle 2003 in seinen Kanon der deutschen Literatur auf.Der Kanon – Erzählungen auf dem Portal Marcel Reich-Ranicki. 2012 bezeichnete der Germanist Rüdiger Görner die Novelle als einen „Glücksfall ausgereifter Erzählkunst“.