Schafwolle ist das Haarkleid von Schafen.Paul-August Koch, Günther Satlow: Großes Textil-Lexikon: Fachlexikon für das gesamte Textilwesen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1965, Bd. L-Z, S. 295. Üblicherweise wird der Begriff nur für die Wolle vom Hausschaf (Ovis ammon f. aries L.) verwendet, die vom Menschen zu Textilien verarbeitet wird. Die Verwendung von Schafwolle begann in Europa spätestens um 3000 v. Chr.

Geschichte

Bis zum Ende der Jungsteinzeit Aus aDNA-Untersuchungen ließ sich 2020 zeigen, dass alle Hausschafrassen und -typen von nur einer Wildform, dem Armenischen Mufflon, abstammen. Die Domestizierung des Schafes wird für die Zeit zwischen 8200 und 7500 v. Chr. vermutet und fand höchstwahrscheinlich in Anatolien statt.Elena A. Nikulina, Ulrich Schmölcke: The first genetic evidence for the origin of central European sheep (Ovis ammonf. aries) populations from two different routes of Neolithisation and contributions to the history of woolly sheep. In: Wolfram Schier, Susan Pollock (Hrsg.): The Competition of Fibres: Early Textile Production in Western Asia, South-east and Central Europe (10,000-500 BC). Ancient Textiles 36, Oxbow Books, 2020 Die bereits im 6. Jahrtausend v. Chr. in Südosteuropa (Sesklo-Kultur) und dem Vorderen Orient auftretenden Spinnwirtel aus gebranntem Ton belegen das Spinnen, es ist jedoch unklar, ob diese ausschließlich für die Verarbeitung von Pflanzenfasern gedient haben oder bereits auch für das Spinnen von Schafwolle.

Erste Hinweise auf die Verwendung von Schafwolle gibt es in Mitteleuropa bei spät- bzw. endneolithischen Kulturen (um 3000 v. Chr.), zum Beispiel in der ostbayerischen Chamer Kultur. Einen Hinweis für die gezielte Haltung von Wollschafen bietet die veränderte Demographie spätneolithischer Schafherden, da dort eine Zunahme älterer Hammel zu verzeichnen ist. Zu den seltenen direkten Belegen gehören Wollhaare in der französischen Seeufersiedlung Clairvaux-les-Lacs (frühes 3. Jahrtausend v. Chr.) sowie Wollreste an einem endneolithischen Feuersteindolch aus Wiepenkathen, einem Ortsteil von Stade. Auch Ötzi trug einen „Pelzmantel“ aus Fellstreifen von Ziegen und Schafen.Gabriela Russ-Popa: Der Gebrauch von Schaffell in der mitteleuropäischen urgeschichtlichen Bekleidung. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien, Serie A, 120, Wien 15. Januar 2018, S. 157–176 ().

In Mittel- und Südeuropa scheint sich die Wollnutzung relativ unvermittelt innerhalb eines kurzen Zeitraumes im Übergang vom 4. zum 3. vorchristlichen Jahrtausend verbreitet zu haben. Auch die Sage vom Goldenen Vlies könnte ein Hinweis sein, dass sich die Wollschafzucht nicht in Griechenland entwickelte, sondern dass sie vom Schwarzen Meer aus dorthin gebracht wurde.

Bronze- und Eisenzeit mini|Replik des Gerumsmanteln (d. h. „Umhang von Gerum“) im Falbygdens Museum in Falköping, Västergötland, Schweden. Der Umhang wurde 1920 im Moor von Hjortamossen auf dem Tafelberg Gerumsberget, Västergötland, Schweden gefunden. Er ist oval, misst 200 × 248 cm und besteht aus Wollgewebe. Der Umhang wird auf die vorrömische Eisenzeit datiert. Die Wollnutzung des Schafes hat sich spätestens im Übergang zur Bronzezeit endgültig durchgesetzt, wie Funde der neolithischen Seesiedlungen der Schweiz aus dem 4. und 3. vorchristlichen Jahrtausend belegen.Norbert Benecke: Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung. Theiss Verlag, Stuttgart 1994.

Die Entwicklung des Haarkleides vom Haarschaf (Wildtyp) zum Wollschaf erfolgte in einem langen Züchtungsprozess mit folgenden Schritten:

Herausbildung eines Vlieses (die in einem flachen Stück zusammenhängende Wolle nach der Schur) durch Reduktion des Haardurchmessers der Deckhaare bzw. deren vollständige Eliminierung. Verlust der natürlichen Haarfärbung. Wegfall des jährlichen Fellwechsels, so dass die Wolle erhalten blieb und geschoren werden konnte.

Es finden sich in der Bronzezeit vor allem Schafe mit primitivem Vlies wie es bis heute die Soayschafe auf den St. Kilda-Inseln nordwestlich von Schottland haben, die möglicherweise direkt auf diese bronzezeitlichen Schafe zurückgehen. Über die Anfänge der Wollgewinnung und -verarbeitung in Europa weiß man nur wenig, da sich Wolle als organisches Material mit Ausnahme der Feuchtbodenfunde in Seesiedlungen unter europäischen Klimabedingungen nicht lange im Boden hält. Es stehen hier somit nur archäozoologische Befunde zur Verfügung, die sich vor allem auf den neu auftauchenden markanten Größenunterschied der Skelettreste von Schafen beziehen verglichen mit den bisherigen Schafrassen. Zuerst gilt dies für die Funde im Karpatenbecken im Zeitraum der späten Badener Kultur.

In der Eisenzeit wurden offenbar bereits Schafe mit immer dichterem Vlies gezüchtet, auch traten nun neben der Wildfärbung Schwarz, Weiß und Grau als Färbungen auf. Weiße Wolle findet sich aber bereits in der Bronzezeit. Es dominiert weiter wie in der Bronzezeit die Mischwolle, bei der es auch größere Bestandteile der durch Pflücken bzw. Auskämmen im Frühjahr gewonnenen feineren Unterwolle gibt.

Von den Kelten weiß man, dass Männer und Frauen über einem leinenen Hemd (die léine) den inar trugen, einen kurzen Überrock und darüber einen wollenen Mantel (brat).Miles Dillon, Nora K. Chadwick: Die Kelten. Von der Vorgeschichte bis zum Normanneneinfall (= Kindlers Kulturgeschichte). Parkland Verlag, Köln 2004, ISBN 3-89340-058-3, S. 196 f.

Antike Noch in der Römerzeit dominierte wie bei den Griechen und Etruskern die Mischwolle mit ihrem hohen Anteil an feiner, weißer Wolle (bis 40 %), die oft auch der Farbe und Weichheit wegen von Lämmern gewonnen wurde. In der Kaiserzeit wurden dann neue Wolltypen herausgezüchtet, insbesondere Feinwolle, wie sie bereits die Griechen kannten (5. Jh. v. Chr.) und wie sie auch in Palästina vorkam (4.–1. Jh.). Generell dominierten in der Römerzeit Wolle, Leinen und Leder als Kleidermaterial der Bevölkerung Europas. Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis historia (Naturgeschichte), dass die feinste Wolle aus Tarent stammte, wo es durch Selektion gelungen war, ein Schaf mit einem exzellenten Vlies zu züchten, das jedoch besonderer Pflege bedurfte. Seide und Baumwolle hingegen galten als extravagante und luxuriöse Ware, die aus dem Orient, insbesondere China und Indien, importiert wurden und die sich nur die Reichsten leisten konnten.

Auch im Germanischen Bereich Mitteleuropas gab es unabhängig davon Bemühungen, die Wollqualität der Schafe züchterisch zu verbessern, wie Befunde der Siedlung Feddersen Wierde belegen. Da die Herstellung von Wolltextilien von der Wollgewinnung und Vorbereitung über Spinnen und Weben eine lange und mühsame Handarbeit war, galten wollene Kleidungsstücke als Kostbarkeiten. Fürsten belohnten damit ihre Gefolgsleute, man zog sie vornehmen Toten an und opferte sie den Göttern. Leinen war ebenfalls begehrt, doch kam es wegen der schlechteren Anbaumöglichkeiten für Flachs in den nördlicheren Gebieten Mitteleuropas, dem Hauptsiedlungsgebiet der Germanen, erst relativ spät in Gebrauch außer als teure Handelsware, war dann aber ebenfalls Statussymbol.S. Fischer-Fabian: Die ersten Deutschen. Droemer Knaur Verlag, Locarno 1975, ISBN 3-85886-043-3, S. 191, 193.

Entwicklung seit dem Mittelalter am Beispiel Großbritanniens mini|Der Woolsack im ehemaligen irischen House of Lords Vor allem für England hat die Wollproduktion und -verarbeitung seit dem späten Mittelalter, teilweise in Konkurrenz mit Flandern, immer wieder große Bedeutung gehabt. Flüchtlinge aus den Niederlanden, die vor der dortigen religiösen Unterdrückung durch die Spanier geflohen waren, brachten neue Wolltechnologien nach England mit, insbesondere die Kammgarnherstellung, und machten so die ohnehin bedeutende Wollindustrie Englands zur wichtigsten Europas. Schon die Tatsache, dass der Lordkanzler (bzw. seit 2006 der Lord Speaker), der dem britischen Oberhaus vorsitzt, dies auf dem Woolsack tut, veranschaulicht die frühe Bedeutung der Wollindustrie. Unter der Regierung von Heinrich VII. begann sich ab 1485 die Wirtschaft nach den Schrecken der Pestepidemie in England wieder zu erholen, und zwar vor allem auf der Grundlage von Woll- und Textilproduktion und dem Handel und Export mit Wollprodukten. Diese Bedeutung hielt auch später an, und zeitweise war die Wollindustrie in England die einzig wichtige. Während Wollprodukte exportiert wurden, mussten Nahrungsmittel importiert werden, auch weil große Agrarflächen durch den wohlhabenden Adel als Schafweiden genutzt wurden. Dies führte zu starken sozialen Spannungen und beförderte auch ökonomisch die Hierarchisierung der englischen Gesellschaft. Da die Wollwirtschaft den Aufstieg Einzelner begünstigte, blieb die englische Gesellschaft andererseits flexibler als die übrigen europäischen Gesellschaften. Neue maschinelle Spinn- und Webtechnologien im 18. und 19. Jahrhundert führten dann analog zur Baumwollverarbeitung – in Verbindung mit dem stark ansteigenden Import von Wolle aus den Kolonien, insbesondere aus Australien (1851: 30 Millionen Pfund) – zu neuen sozialen Verwerfungen und zum Aufstieg der Trade Unions.

Andere Gebiete Von den vorderasiatischen Entstehungsgebieten breitete sich die Wolltechnologie auch weiter nach Asien und den Osten Afrikas aus, insbesondere der Iran und Ägypten wurden schon bald nach dem ersten Auftreten in Vorderasien von der neuen Technologie erreicht.

Über die Schafhaltung der Indus-Kultur ist relativ wenig bekannt. In den Texten des Rigveda finden sich verschiedene Angaben (1500–1000 v. Chr.), die sich auf die Schafschur und das Weben von Wollstoffen beziehen. In Ägypten kommen wolltragende Schafe ab dem Mittleren Reich vor. Sie sind vermutlich aus Vorderasien eingeführt worden. Ab der 18. Dynastie sind schraubenhörnige Haarschafe auf Abbildungen nicht mehr nachweisbar. Im Judentum Palästinas war das Schaf seit frühester Zeit ein wichtiges Haustier, von dem Fleisch, Milch, Fell und Haut sowie seine Wolle vielfach genutzt wurden, wie die Bibel an zahlreichen Stellen berichtet. Wolle war ein begehrtes Gut, das auch als Tributleistung gehandelt wurde (2. Kön. 3,4). Die Kleidung der jüdischen Tempelpriester bestand aus Leinen (2. Mose 28). Dies hatte keine religiösen Gründe, denn da Flachs in Palästina nur vereinzelt angebaut wurde, waren Leinengewänder, deren Stoffe dazu oft aus Ägypten importiert werden mussten, seltener und teurer als wollene und galten somit als angemessen für die überaus kostbaren Amtsroben der Priester. Leinenkleidung wurde daher kaum von Privatleuten getragen und galt auch als Kleidung himmlischer Wesen.

Religiöse Bedeutung Religionsgeschichtlich hat Wolle ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche symbolische Bedeutungen angenommen. Einerseits stand die durch ihre Saugfähigkeit bedingte reinigende Kraft im Vordergrund und machte Wollstoffe zum bevorzugten Material bei Opfer und Kult. In diesem Zusammenhang wurden ihr auch schützende Fähigkeiten zugeschrieben, die Kraft, Unheil abzuwenden.

Andererseits galt sie auch als unrein, so im alten Ägypten, bei den Orphikern und Pythagoreern, und Priester durften keine wollenen Gewänder tragen. Andererseits konnte das Weiß der Wolle im Judentum als Bild der Unschuld dienen (Jes. 1,18, Ps. 147,16). Lämmer und Widder dienten als Opfertiere.Klaus Koch, Eckart Otto, Jürgen Roloff, Hans Schmoldt (Hrsg.): Das Lexikon zu Bibel. Altes und Neues Testament. tosa Verlag, Wien 2004, S. 550. Im Mittelalter war Wolle dann in Mönchsgemeinschaften der bevorzugte Stoff für die einfachen Kutten. Das gilt auch im Islam, wo die Sufis möglicherweise sogar nach dem arabischen Wort für Wollstoff ‚suf‘ heißen. (Es gibt aber noch mindestens drei weitere Erklärungen.)

Terminologie