miniatur|Seltener Buckelgong aus Eisen des balinesischen Gamelan semar pegulingan, Vorläufer des heutigen Gamelan Gong Kebyar-Ensembles. Vor 1939
Ein Gong ist ein Aufschlag-Idiophon, also ein unmittelbar geschlagener, selbsttönender Klangkörper, der als Musik- oder Signalinstrument dient. Er besteht aus einer kreisrunden Metallplatte, die senkrecht am Rand frei schwingend aufgehängt ist oder an den Rändern waagrecht auf einem Gestell liegt. Die für die Tonerzeugung maßgeblichen Schwingungen nehmen zum Mittelpunkt zu. Im Unterschied dazu sind bei einer am Scheitelpunkt aufgehängten Glocke die Schwingungen im unteren Randbereich am größten.
Etymologie Nach der gängigen Etymologie ist gong ein onomatopoetisches Wort aus der javanischen Sprache. Diese Einschätzung scheint etwas eng gegriffen, da gong auch in den meisten anderen austronesischen Sprachen vorkommt. Ihr widerspricht auch, dass Indonesier ein feines Gespür für eine lautmalerische Sprachverwendung besitzen und die Silbe go-ng nicht den typischen schwebenden Nachklang eines javanischen Buckelgongs wiedergibt. Es handelt sich vermutlich um eine spätere Übernahme in das Javanische. Nach einer anderen, möglicherweise ebenso lokalpatriotisch gefärbten Herleitung soll gong auf Thailändisch khong zurückgehen. In einer chinesischen Chronik von 517 v. Chr. aus der Zhou-Dynastie bedeutete gong den Grundton der siebenstufigen Tonleiter.
In der altjavanischen Literatur steht nicht gong, sondern gubar für ein Metallidiophon unbekannter Form. Es dürfte ein hängender Gong für den Kriegseinsatz, also mit entsprechend lautem Klang gewesen sein. Eine tatsächliche Lautnachahmung ist das balinesische Wort girr für den Klang eines Gongs; als gong mit einem entsprechenden Zusatz bezeichnen Balinesen ihre verschiedenen Gamelan-Ensembles.
Das chinesische Schriftzeichen für gu („kurz klingend“) der Sui- (581–618) und Tang-Dynastie (618–907) bezeichnet Felltrommeln allgemein, aber bis auf die frühen bronzenen Kesselgongs (tonggu) keine Idiophone. Zusammen mit dem Zeichen tong („lang klingend“) stand tong-gu oder tanggu auch für lange nachklingende große Felltrommeln mit einem metallenen Korpus. Aus tong-gu könnte lautmalerisch umgebildet über gu-ng das javanische Wort entstanden sein: gu wäre der kurze Schlag auf die Felltrommel und ng der metallene Nachklang.András Varsányi: Gong Ageng. Herstellung, Klang und Gestalt eines königlichen Instruments des Ostens. (Tübinger Beiträge zur Musikwissenschaft, Band 21) Hans Schneider, Tutzing 2000, S. 266–270
Einteilung Gongs kommen in unterschiedlichen Größen und Formen vor, die beiden Hauptkategorien sind Flachgongs und Buckelgongs. Erstere bestehen aus einer flachen, leicht gekrümmten oder gewellten Platte, die am Rand umgebogen ist. Stark gekrümmte, schalen- oder gefäßförmige Platten werden zu Metalltrommeln, annähernd U-förmige Behälter heißen Kesselgongs. Die größte Bedeutung besitzen die in weiten Teilen Südostasiens verbreiteten Buckelgongs, sie charakterisiert eine deutliche Aufwölbung in der Mitte. Buckelgongs sind abhängig vom Durchmesser und im Unterschied zu flachen Gongs in einer bestimmten Tonhöhe herstellbar.
Zum westlichen Orchester gehört üblicherweise ein großer flacher Gong mit durchschnittlich 100 Zentimetern Durchmesser, einem umgebogenen schmalen Rand und unbestimmter Tonhöhe. Der Spieler schlägt ihn in der Mitte oder etwas außerhalb mit einem Gongschlägel an. Buckelgongs, die in Südostasien zu den melodieführenden Instrumenten gehören, werden in der Mitte angeschlagen. Der Kopf des Schlägels besteht aus Filz, Holz, Metall oder Kunststoff. Die meisten Gongs werden aus einer Bronzelegierung gewalzt und gehämmert.
Ein Gongspiel wie das chinesische yunluo fasst mehrere Gongs unterschiedlicher Tonhöhen in einer Rahmenkonstruktion zusammen. Zimbeln ähneln flachen Gongs, besitzen aber keinen umgebogenen Rand und werden nur an der Außenkante an- oder paarweise gegeneinander geschlagen.
Herkunft Die mehrfach im Alten Testament auftauchenden Instrumentennamen selslim und meziltajim bezogen sich wohl auf Zimbeln. Im Hohelied der Liebe heißt es in der Einheitsübersetzung „wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ (1. Korinther 13, 1), in anderen Übersetzungen wird an dieser Stelle „Erz“ mit „Gong“ wiedergegeben. Vermutlich gab es im Antiken Griechenland ein zumindest gongähnliches Schlaginstrument. In griechischen Mythen schlugen junge Männer auf Metallscheiben, um die Schreie des kindlichen Zeus zu übertönen.James Blades, James Holland, Jeremy Montagu: Gong. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments, S. 448 Die Römer besaßen Handglocken, Gongs und Metallscheiben (discus), die an einer durch ein mittiges Loch gezogenen Schnur herabhingen und als Signalinstrumente dienten. In das 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. datiert ein zwischen 1877 und 1882 in der Grafschaft Wiltshire im Südwesten Englands ausgegrabener römischer GongJeremy Montagu: What is a Gong. In: Man, Band 65. Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Januar – Februar 1965, S. 19.
Aus vorchristlicher Zeit stammen die ältesten chinesischen Kesselgongs. Jaap Kunst (1956) vertritt die Ansicht, dass sich der Gong in hellenistischer Zeit (ab dem 4. Jahrhundert v. Chr.) vom östlichen Mittelmeerraum bis nach China ausbreitete. Als Ursprung nahm er das bei altgriechischen Totenritualen geschlagene echeion an, das vielleicht ein Flachgong oder eine Schlagplatte war.Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. Doubleday, New York 1964, Stichwort Echeion, S. 165 Zur Unterstützung dieser These führt er den Namen der sassanidischen Laute barbat auf das griechische Wort barbitos für ein anderes Saiteninstrument zurück. Die Form der sassanidischen Laute lag wiederum der chinesischen Laute pipa zugrunde.Jaap Kunst: Gong. In: Friedrich Blume: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Band 5. 1. Auflage, 1956, S. 521 Diese Ausbreitungshypothese gilt heute nach archäologischen Funden in Südchina aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. als widerlegt.Gretel Schwörer-Kohl: Gong und Gongspiele. VI. Geschichte. In: MGG Online, November 2016
Ein früher Grabfund eines flachen Gongs aus der Region Guangxi wird in die Han-Zeit (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) datiert. Er misst in der flachen Mitte 22 Zentimeter im Durchmesser und einschließlich des schrägen Randes 32 Zentimeter. An drei durch den Rand gezogenen Ringen war der Gong aufgehängt. Ob zwischen den älteren Kesselgongs und den sonstigen Gongtypen eine Beziehung bestand, ist nicht bekannt. Andere chinesische Gongs waren seit Anfang des 6. Jahrhunderts in Gebrauch und sollen laut der Enzyklopädie Tongdian (fertiggestellt 801)Chinese Literature Tongdian 通典 "Comprehensive Statutes". Chinaknowledge von Zentralasien eingeführt worden sein. In chinesischen Quellen tauchen ab dem 9. Jahrhundert Gongs unter dem Sammelbegriff luo auf, ein Präfix charakterisiert einen bestimmten Gongtyp (shaluo, zhengluo) oder verweist auf die Herkunftsregion. Die in der heutigen chinesischen Musik verbreiteten flachen Gongs mit schmalen Rändern sind bereits in der Abhandlung Yue shu (um 1100) abgebildet und tragen dort die Namen zheng, tongzheng oder tongluo.
Zu Herkunft und Verbreitung der chinesischen Gongs siehe: Luo.
Als älteste Verwendung eines Gongs in einem westlichen Orchesterwerk gilt François-Joseph Gossecs Marche lugubre (1791) zum Tod von Mirabeau. Darauf folgten Daniel Steibelts 1793 in Paris uraufgeführte Oper Romeo und Julia, Jean-François Lesueurs Oper Ossian, ou les Bardes von 1804, Gaspare Spontinis Oper La vestale von 1807, die 1831 uraufgeführte Oper Norma von Vincenzo Bellini und die Oper Robert le diable (1831) von Giacomo Meyerbeer. Eine besondere musikalische Funktion haben Tamtams im Finale von Tschaikowskis 1893 uraufgeführter 6. Sinfonie und in Edward Elgars Oratorium The Dream of Gerontius von 1900.
John Cage verlangt in First Construction (in Metal) von 1939 zwölf Buckelgongs, vier auf Polstern ruhende Gongs, ein Gong, der in einer Wanne voller Wasser eingetaucht wird, und ein Tamtam. In Rituel in memoriam Bruno Maderna von Pierre Boulez (1975) spielt ein Perkussionist sieben Buckelgongs und ein weiterer sieben abgestufte Tamtams.James Blades, James Holland, Jeremy Montagu: Gong. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments, S. 449
Flachgongs miniatur|Bäuerliche Volksmusik (Pungmul), eine Form des koreanischen Musikstils (Samulnori), bei dem zwei Trommeln und zwei Flachgongs gespielt werden. Von links nach rechts: Gong (kkwaenggwari), Sanduhrtrommel (janggu), Fasstrommel (buk), Gong (jing) miniatur|Set aus mehreren Flachgongs gangsa in den Bergregionen der nordphilippinischen Insel Luzon. Mit Holzschlägeln bereit zum Spielen
Der Gong kann in der populären Musik ein ergänzender Teil des Schlagzeugs sein, im klassischen Orchester wird meist ein hängender Gong nach dem Vorbild des chinesischen Tamtam gespielt. Der Tamtam des westlichen klassischen Orchesters hat einen ungefähren Durchmesser von 90 bis 100, in seltenen Fällen bis 150 Zentimetern. Perkussionsensembles erzeugen mit ihm Effekte, indem sie ihn außerhalb der Mitte anschlagen. Flachgongs werden konzertant oder therapeutisch auch in der New-Age-Musik eingesetzt, um einen anhaltenden Klangteppich zu erzeugen. Melodische oder rhythmisierte Musik ist hier nicht beabsichtigt.
In der japanischen zeremoniellen Hofmusik Gagaku wird der schüsselförmige Gong shōko mit zwei Holzstöcken angeschlagen. Er ist mit dem chinesischen Gong zhenggu verwandt und blieb als ein Abkömmling der mittelalterlichen chinesischen Gongs erhalten.
Im Norden Chinas gibt es noch den bereits im 16. Jahrhundert erwähnten, tellerförmigen Gong dangdang mit 15 Zentimetern Durchmesser, der in Dörfern der Hebei-Provinz gespielt wird und in einem kleinen Rahmen mit Standbeinen hängt. Üblicherweise zehn ähnliche Gongs, die diatonisch gestimmt sind und in einem tragbaren Rahmen hängen, bilden das Gongspiel yunluo („Wolken-Gong“). Es gibt auch Gongspiele mit 7, 9, 14 und bis zu 40 Gongs. Yunluo sind tellerförmig mit einem breiten Rand parallel zum flachen Boden. Der vor dem Gestell sitzende Musiker schlägt die Gongs mit einem Stab in jeder Hand. In Korea heißt ein verwandtes Gongspiel ulla.Stephen Jones: Yunluo. In: Grove Music Online, 2001
Ein weiterer kleiner Gong aus Südchina ist der an einer Schnur mit der Hand gehaltene, neun Zentimeter große jiaoluo („Ruf-Gong“), noch kleiner der xiangzhan (sechs Zentimeter, „Resonanz-Tasse“) in der Provinz Fujian.
Besondere gewölbte Gongs mit einer flachen Mitte produzieren eine sich nach dem Anschlag ändernde Tonhöhe. In der Pekingoper und anderen chinesischen Opernstilen wird der xiaoluo, ein kleiner Gong von 22 Zentimetern Durchmesser, mit den Fingerspitzen am Rand gehalten und mit einem hölzernen Schlägel gespielt, wobei sich der Ton nach dem Anschlagen erhöht. Der mit 30 Zentimetern etwas größere Gong daluo hängt an einer Kordel, sein Ton erniedrigt sich nach dem Anschlagen. Die beiden waren im 16./17. Jahrhundert zunächst in der Kunqu-Oper im Einsatz.Gong in: New Grove, S. 134f
Bei mehreren indigenen Volksgruppen der Igorot in den Berggebieten der nordphilippinischen Insel Luzon sind gangsa genannte, flache Bronzegongs die einzigen traditionell nur bei Zeremonien verwendeten Musikinstrumente. Jeder Gong wird einzeln von einem Musiker mit den Händen oder einem Stöckchen geschlagen. Häufig sind Ensembles mit vier bis sieben Gongs, die zur Begleitung von Tänzen oder von den Tänzern selbst gespielt werden.