Marktversagen bezeichnet in der Wohlfahrtsökonomik eine Situation, in der die Koordination über den Markt nicht zu einer Pareto-effizienten Allokation der Ressourcen führt.
Begriff 270px|mini|Entstehung des Gleichgewichtspreises In der neoklassischen Theorie der Volkswirtschaftslehre kommt es durch den Preismechanismus in einem modellhaft angenommenen vollkommenen Markt zu einem Marktgleichgewicht, das eine effiziente Ressourcenallokation herbeiführt. Eine Situation wird dann als effizient bezeichnet, wenn sie Pareto-optimal ist, das heißt keine andere Güterverteilung möglich ist, durch die mindestens ein Akteur besser gestellt würde, ohne gleichzeitig einen anderen schlechter zu stellen. Die neoklassische Theorie definiert eine konkrete Marktsituation dann als Marktversagen, wenn die Allokation durch Abweichungen vom vollkommenen Modellmarkt nicht Pareto-optimal ist. Marktversagen geht also mit der Verschwendung bzw. dem Brachliegen gesellschaftlich knapper Ressourcen einher. Im Extremfall kann es zum Zusammenbruch des Marktes kommen.G. A. Akerlof: The Market for „Lemons“. In: Quarterly Journal of Economics. Vol. 84, 1970, S. 489 f.
Gäbe es, dem Ersten Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik entsprechend, für alle knappen Ressourcen vollkommene Märkte, dann wäre im Gleichgewicht Marktversagen nicht möglich. Da aber in der Realität das Funktionieren des Preismechanismus immer mit Kosten verbunden ist, würde – gemessen an diesem unrealistischen Maßstab – stets ein relatives Marktversagen vorliegen (Nirwana-Vorwurf).Michael Fritsch, Thomas Wein, Hans-Jürgen Ewers: Marktversagen und Wirtschaftspolitik. Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns. 7. Auflage. Franz Vahlen, München 2007, S. 64 f. Nach Kenneth Arrow ist Marktversagen daher nur gegeben, wenn die „Transaktionskosten so hoch sind, dass sich die Existenz des Marktes nicht mehr lohnt.“Peter-J. Jost: Organisation und Koordination: Eine ökonomische Einführung. 2. Ausgabe. Gabler Verlag, 2008, S. 199. Arrow spricht auch von der failure of markets to exist.K. J. Arrow: The Organization of Economic Activity: Issues Pertinent to the Choice of Market versus Non-market Allocation. In: W. Patman, W. Proxmire (Hrsg.): The Analysis and Evolution of Public Expenditure: The PPB system. Vol. 1, U.S. Joint Economic Committee, 91st Congress, 1st Session, United States Government Printing Office, Washington D. C. 1969, S. 60. Deshalb ist der Begriff „Marktversagen“ für Johannes Berger „irreführend“.Johannes Berger: Der diskrete Charme des Marktes. VS Verlag, 2009, ISBN 978-3-531-15967-6, S. 113, Fn. 16. Es sei keineswegs so, „dass bestehende Märkte nicht richtig funktionieren und in diesem Sinne ‚versagen‘, sondern dass es aus den verschiedensten, meist technisch bedingten Gründen nicht möglich ist, Märkte für bestimmte Aufgaben einzurichten.“Johannes Berger: Der diskrete Charme des Marktes. VS Verlag, 2009, S. 113, Fn. 16.
Die neoklassische Theorie trennt scharf zwischen Allokation und Distribution, wobei sie Marktversagen als rein allokativen Defekt definiert, nicht als Bewertung der Verteilung von Wohlstand und Einkommen. Neben dem allokativen Marktversagen wird unter Bezugnahme auf Richard Musgrave (1959) auch von distributivem (sowie ferner konjunkturellem) Marktversagen gesprochen.Alan J. Auerbach, Martin S. Feldstein (Hrsg.): Handbook of public economics. Band 3, Elsevier 2002, ISBN 0-444-87667-7, S. xiii.Engelbert Theurl, Hannes Winner, Rupert Sausgruber (Hrsg.): Kompendium der österreichischen Finanzpolitik. Springer, 2002, S. 37ff. Distributives Marktversagen liegt demnach vor, wenn das Ergebnis des Marktprozesses nicht mit den Vorstellungen darüber übereinstimmt, was in einem normativen Sinne fair und richtig ist.P. Thuy: 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft: Anspruch und Wirklichkeit einer ordnungspolitischen Konzeption. In: ORDO. 49, 1998, S. 287. Kritisiert wird an dieser begrifflichen Erweiterung, dass der Markt vernünftigerweise nicht für eine gerechte Einkommensverteilung in Anspruch genommen werden und in dieser Hinsicht daher auch nicht versagen könne.Susanne Hartnick: Kontrollprobleme bei Spendenorganisationen: ein Rechtsvergleich zwischen Deutschland und den USA. Mohr Siebeck, 2007, S. 53, Fn. 8.
Anwendungsbereiche des neoklassischen Modells Asymmetrische Information Asymmetrische Information liegt vor, wenn die potenziellen Vertragspartner in einem Markt nicht über gleiche Informationen über die Qualität einer angebotenen Ware oder Dienstleistung oder hinsichtlich eines zu versichernden Risikos verfügen. Das bekannteste Beispiel für eine sich daraus ergebende suboptimale Ressourcenallokation ist das von George A. Akerlof aufgezeigte Lemons-Problem auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Die Sorge der schlechter informierten Marktteilnehmer, benachteiligt zu werden, führt zu einem Marktpreis, zu dem nur noch die schlechtesten Anbieter ihre Gebrauchtwagen verkaufen. Es kommt zu keiner vollständigen Markträumung, sondern zu einer negativen Auslese oder in Extremfällen zu einem vollständigen Marktzusammenbruch. Auch asymmetrische Information auf Finanzmärkten werden als Grund für Marktversagen genannt,Stephany Griffith-Jones: International Financial Markets: A Case of Market Failure. In: Christopher Colclough, James Manor: States Or Markets? Oxford University Press, 2000, ISBN 0-19-828811-5, S. 101 f. da die meisten Bankgläubiger nicht in der Lage seien, die Qualität des Bankmanagements einzuschätzen.Werner Lachmann: Volkswirtschaftslehre. Band 2: Anwendungen. Ausgabe 2, Springer, 2003, S. 311.
Staatseingriffe als Lösungsmechanismen Der Verhinderung von Desinformation anderer Marktteilnehmer dienen aber auch Teile des Wirtschaftsrechts (in Deutschland zum Beispiel die Bestimmungen über Allgemeine Geschäftsbedingungen im Bürgerlichen Gesetzbuch); zugleich sollen gesetzliche Gewährleistungsrechte den schlechter Informierten schützen.
Aufbau von Markenreputation bei Informationsdefiziten Die Informationsprobleme können zum Teil auch ohne direkte Staatsintervention durch Marken oder Zertifikate einer vertrauenswürdigen Quelle behoben werden, welche die Qualität signalisieren sollen.A. M. Spence: Job Market Signaling. In: Quarterly Journal of Economics. The MIT Press, 87 (3), 1973, S. 355–374.
Öffentliche Güter Märkte können hinsichtlich einer Pareto-effizienten Bereitstellung öffentlicher Güter versagen.
Insbesondere bei öffentlichen Gütern mit Rivalität und im Regelfall mit Nichtausschließbarkeit im Konsum kann es zu einem Marktversagen kommen.Frank Schimmelfennig, Internationale Politik, 5. Auflage, Ferdinand Schöningk, 2017, S. 31 Das Marktversagen tritt in Form von externen Effekten beim Überkonsum auf. Die Nutzung dieser Güter ist für jeden kostenlos, jedoch ist nur eine begrenzte Menge von ihnen vorhanden. Das Straßennetz beispielsweise ist ein solches öffentliches Gut, das für jeden Verkehrsteilnehmer kostenlos zugänglich ist (ausgenommen bei der Maut), aber nur begrenzt vorhanden ist (Unterproduktion). Es kann zu einem Überkonsum (Übernutzung) kommen, der Verkehrsstau genannt wird und ein negativer externer Effekt darstellt.Fabian Dittrich, Was ich im BWL-Studium hätte lernen sollen, Springer/Gabler, 2020, S. 97 Dabei neigen die Empfänger negativer externer Effekte zu Überkonsumtion (Verkehrsteilnehmer), Absender zu Unterproduktion (Straßenbau). Positive externe Effekte sind im Regelfall mit einem Unterkonsum des Gutes auf einem Markt verbunden, negative externe Effekte mit einem Überkonsum im Vergleich zum Pareto-Optimum.Friedrich Breyer, Gesundheitsökonomik, 5. Auflage, Springer, 2005, S. 175 Im Alltag ist dies beim Fischfang als negativem externen Effekt am ehesten nachvollziehbar. Jeder fängt so viele Fische wie es geht, und irgendwann kommt es zur Überfischung (Überkonsum), der staatlich durch Fangquoten begegnet werden muss.
Die private (d. h. über Märkte oder ähnliche auf Freiwilligkeit beruhende) Bereitstellung derartiger Güter leidet unter Trittbrettfahrerverhalten, welches darin besteht, das Gut von den anderen bereitstellen zu lassen, um dann in den kostenfreien Genuss des Gutes zu kommen. Auch wenn insgesamt u. U. eine hinreichend große Zahlungsbereitschaft vorhanden wäre, käme aufgrund der Nichtausschließbarkeit dennoch keine kaufwirksame Marktnachfrage nach diesem Gut zustande.
Lösungsmechanismen Aufgrund des Versagens dezentraler Allokationsmechanismen für öffentliche Güter wird oft deren gesellschaftlich organisierte (i. d. R. also staatliche) Bereitstellung gefordert. Zwar kann der Staat durch Rückgriff auf Steuern und ähnliche vorgeschriebene Abgaben die Finanzierung öffentlicher Güter sicherstellen, ungelöst bleibt aber die Festlegung einer effizienten Bereitstellungsmenge für das öffentliche Gut. Um diese bestimmen zu können, sind Informationen über die individuellen Wertschätzungen (Zahlungsbereitschaften) unerlässlich. Die zuverlässige Erhebung derartiger Informationen ist aber schwierig oder gar unmöglich (so genanntes Gibbard-Satterthwaite-Theorem), jedenfalls aber mit Informationsbeschaffungskosten verbunden, welche das Erreichen einer effizienten Allokation be- oder verhindern. Im Übrigen gehen die Kosten jedes zusätzlichen Konsums dieses Gutes gegen Null, ein Ausschluss zusätzlicher Nutzer bedeutet damit Pareto-Ineffizienz, da umgekehrt aufgrund des nichtrivalisierenden Konsums ein höheres Nutzenniveau erreicht werden kann.
Externe Effekte mini|Umweltverschmutzung ist ein (technologischer) externer Effekt Ein Grund für Marktversagen können auch externe Effekte sein.N. Gregory Mankiw: Microeconomics. Elsevier, 1998, S. 10.Paul Anthony Samuelson, William D. Nordhaus: Volkswirtschaftslehre das internationale Standardwerk der Makro- und Mikroökonomie. MI Wirtschaftsbuch, 2007, S. 237. Ein externer Effekt tritt auf, wenn ein Handel zweier Marktteilnehmer (negative oder positive) Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte hat. So schädigen die Abgase eines LKWs (negativ) nicht nur den Sender und Empfänger der Güter, und die Verschönerung eines Gebäudes kann umliegende Gebäude aufwerten (positiv). Nach der neoklassischen Theorie werden die Interessen dieser Dritten im Marktgeschehen, also von den am Markt handelnden Parteien, nicht berücksichtigt, so dass die Zuteilung der Ressourcen volkswirtschaftlich betrachtet nicht mehr effizient sei. Da die Auswirkungen auf Dritte nicht in das Preiskalkül von Anbieter und Nachfrager einbezogen würden, hätten sie keinen Einfluss auf den Preis. In der Volkswirtschaftslehre wird daher bei Umweltschäden ein allokatives Marktversagen angenommen.Heinz-Dieter Hardes/Alexandra Uhly, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2007, S. 65 f.
Externe Effekte führen zu einem Marktversagen, weil die tatsächliche Marktentwicklung und die Pareto-effiziente Ressourcenallokation nicht mehr übereinstimmen.Bodo Sturm/Carla Vogt, Umweltökonomik: Eine anwendungsorientierte Einführung, 2018, S. 28 Die ökonomische Ursache für Marktversagen besteht darin, dass bestimmte Kosten (externe Kosten) bei Entscheidungen der Marktteilnehmer nicht berücksichtigt werden. Der Verkehrsteilnehmer beispielsweise geht bei seiner Entscheidung, am Straßenverkehr teilzunehmen, nicht davon aus, dass er in einen Verkehrsunfall verwickelt wird.Bodo Sturm/Carla Vogt, Umweltökonomik: Eine anwendungsorientierte Einführung, 2018, S. 31 Diese Marktineffizienz kann dadurch beseitigt werden, dass die externen Kosten dem physischen Verursacher dieses externen Effekts angelastet werden. So werden die Unfallkosten bei einem Verkehrsunfall dem Unfallverursacher als Kostenträger angelastet.
Staatseingriffe als Lösungsmechanismen