Nationalismus ist eine Denkhaltung oder eine politische Bewegung, die eine Identifizierung und Solidarisierung aller Mitglieder einer Nation anstrebt und Letztere in einem souveränen Staat verbinden will. Nationalismen werden (zunächst) von Nationalbewegungen getragen und in Nationalstaaten auch durch das jeweilige Staatswesen reproduziert. Je nach Entstehungsgeschichte des jeweiligen Nationalismus ist die durch ihn beförderte Identität der Nation unterschiedlich ausgefüllt. Unterscheidungsmarker können Staatsangehörigkeit, kulturelle, ethnische, religiöse oder Abstammungsmerkmale umfassen.
Das 19. Jahrhundert kannte den Begriff Nationalismus zunächst nicht, sondern lediglich den des Nationalstaatsprinzips (Eric Hobsbawm). Ziel nationaler Bestrebungen war es, zersplitterte Territorien zu vereinigen, großräumige Handelszonen zu schaffen, Kultur, Administration und die Verkehrssprache im Interesse einer effektiven Volkswirtschaft zu vereinheitlichen. Die Nation im rechtlich-philosophischen Sinne ist das „Staatsvolk“. Zu diesem müssen nicht alle Bewohner eines Territoriums zählen; die Vereinigten Staaten von Amerika beispielsweise rechneten afrikanische Sklaven sowie indigene Indianervölker bis ins 20. Jahrhundert nicht dazu. Im 19. Jahrhundert erweiterten die meisten Nationalstaaten ihr „Staatsvolk“ um ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen und gewährten allen Bürgern umfangreichere Rechte.Rein verfassungsrechtlich wurden in den USA die afrikanische Sklaven erst 1870 zu Staatsbürgern ohne Wahlrecht erklärt, die Indianer 1924. Das Frauenwahlrecht wurde 1920 eingeführt. Vgl. zur Geschichte des Hautfarbenrassismus in der Amerikanischen Revolution insbesondere Gerald Horne: The Counter-Revolution of 1776: Slave Resistance and the Origins of the United States of America. 2014, ISBN 978-1-4798-9340-9. Insgesamt ist der Nationalstaatsgedanke untrennbar mit der modernen Idee von Staatlichkeit verbunden. Dementsprechend wurden Judenemanzipation, freies Wahlrecht, einheitliche Gesetzgebung, Gleichberechtigung aller Bürger im Rahmen des Nationalstaatsgedankens durchgesetzt.
Der Nationalismus als Massenideologie gewann im 19. Jahrhundert zunehmend an Kraft und vereinte heterogene Staatsvölker durch ein vereinheitlichendes Selbstverständnis.Eric Hobsbawm: Die Blütezeit des Kapitals: Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1875 (Das lange 19. Jahrhundert, Bd. 1), Darmstadt 2017, S. 105 ff. Historisch erreichten nationalistische Ideen erstmals im ausgehenden 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der Französischen Revolution politisch bedeutsame Auswirkungen. Im 19. Jahrhundert kam es zu europäischen Nationenbildungen, die ein im Vergleich zur französischen Staatsnation stärker ethnisches Nationenbild transportierten, so zum Beispiel die deutsche Kulturnation oder die Bulgarische Wiedergeburt (siehe auch: Bulgarophilie). Außerhalb Europas entstanden durch Unabhängigkeitsbestrebungen vom Kolonialismus neue Nationalstaaten. Spätestens seit der Etablierung des Selbstbestimmungsrechts der Völker auf völkerrechtlicher Ebene im 20. Jahrhundert sind Nationalismen eine hegemoniale Ideologie auf globaler Ebene.
Nationalismus ist nicht an ein bestimmtes politisches System gebunden: Herrschten zu Beginn des Erfolgs von Nationalismen aufklärerische Staatsmodelle vor, so verbanden sich später unterschiedliche Nationalismen auch unter anderem mit monarchistischen, postkolonialen, sozialistischen und faschistischen Systemen bis hin zum Nationalsozialismus. Auch von Demokratien werden nationalistische Ziele verfolgt.
Nationalismen können – wie in den Jugoslawienkriegen – zum Zerfall von Staaten führen, oder aber – wie im italienischen Risorgimento – Staaten vereinen.
Ideologie Nationalismus ist keine einheitliche Ideologie, aber verschiedene Nationalismen weisen bestimmte Ähnlichkeiten auf.
Der britische Soziologe Anthony D. Smith identifizierte 1971 vier Überzeugungen, die alle Nationalisten verbinden: Die Menschheit teile sich von Natur aus in Völker auf, wobei jedes Volk seinen Nationalcharakter habe. Nur durch deren Entfaltung könne es zu einer fruchtbaren und harmonischen Völkergemeinschaft kommen. Um diese nationale Selbstverwirklichung zu erreichen, müssten sich die Menschen mit ihrem Volk, ihrer Nation identifizieren. Die daraus erwachsende Loyalität stehe über allen Loyalitäten. Nationen könnten sich nur in eigenen Staaten mit eigenen Regierungen voll entwickeln; sie hätten deshalb ein unveräußerliches Recht auf nationale Selbstbestimmung (Selbstbestimmungsrecht der Völker). Die Quelle aller legitimen politischen Macht sei daher die Nation. Die Staatsgewalt habe allein nach deren Willen zu handeln, sonst verliere sie ihre Legitimität.Anthony D. Smith: Theories of Nationalism. Harper & Row, New York 1971., ebenso: Anthony D. Smith: Nationalism. Theory, Ideology, History, Malden 2001, S. 20 f.
Nationalismen stiften eine besondere Form kollektiver Identität. „Wenn die emotionale Bindung an die Nation und die Loyalität ihr gegenüber in der Skala der Bindungen und Loyalitäten oben steht,“Peter Alter: Nationalismus. Frankfurt am Main 1985, S. 14. liegt ein erfolgreicher Nationalismus vor. Nationen stellen den primären politischen Bezugsrahmen dar, nicht Stände wie im Feudalismus, Religion, Dynastien, Staaten, soziale Klassen oder die Menschheit im Sinne des Kosmopolitismus. Die Nation vermittele Lebensraum, ein Teil „Lebenssinn in Gegenwart und Zukunft“. Alter verweist auf Friedrich Meinecke, der den Prozess der geistigen Umorientierung vom aufklärerischen Humanismus zur Nation aufgewiesen habe.
Die Definition des Soziologen Eugen Lemberg beschreibt den Nationalismus als eine Bindekraft, „die nationale oder quasinationale Großgruppen integriert“ und eine Abgrenzung nach außen übt.Eugen Lemberg: Nationalismus. Reinbek 1964, S. 52. Als Zusammengehörigkeitsfaktoren sind laut Lemberg besonders einheitliche beziehungsweise gleiche Aspekte zu nennen: Sprache, Abstammung, Gleichheit des Charakters und Kultur sowie die Unterordnung unter eine gemeinsame Staatsgewalt. Nach Wilhelm Heitmeyer bietet der Nationalismus einen unkündbaren, von Geburt an bestehenden Identitätsanker, der besonders in Krisenzeiten Zuflucht bieten könne.
Karl W. Deutsch versteht unter Nationalismus eine Geistesverfassung, die ein am nationalen Interesse orientiertes Ordnungsprinzip sein kann: Die Nation hat einerseits einen bevorzugten Platz in gesellschaftlicher Kommunikation, andererseits legitimiert und orientiert sich die Politik dieser Gesellschaft nach ihr. Ein Nationalist würde dementsprechend besonders den „nationalen Nachrichten“ seine Aufmerksamkeit zuwenden. Es sei jedoch zu betonen, dass Nationalismus in vielen Erscheinungsformen auftreten kann und es deswegen verschiedene Definitionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt.
Analytische Konzepte Ernest Gellner, Eric Hobsbawm, Benedict Anderson, Robert Miles und andere betonen, dass es sich bei einer Nation um eine „imaginierte Gemeinschaft“ handele. Für Gellner ist Nationalismus „keineswegs das Erwachen von Nationen zu Selbstbewusstsein: man erfindet Nationen, wo es sie vorher nicht gab“.Ernest Gellner: Thought and Change. 1964, S. 169. Dementsprechend ist der Nationalismus eine gelebte Fiktion, in der zwar Gemeinschaften willkürlich entstehen, Institutionen aber reale Macht ausüben können, z. B. durch das Ausweisen von Reisepässen. Anderson versteht eine Nation als eine „vorgestellte politische Gemeinschaft“Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Frankfurt am Main/New York 2005 (1983), S. 15. (imagined communities),Benedict Anderson: Imagined Communities. Reflections on the origin and spread of nationalism. Verso, London 1983, ISBN 0-86091-059-8. definiert aber imagined (vorgestellt) im Sinne von created (geschaffen), nicht im Sinne von false (falsch, künstlich).englischer Originaltext in der zweiten Auflage: With a certain ferocity Gellner makes a comparable point when he rules that 'Nationalism is not die awakening of nations to self-consciousness: it invents nations where they do not exist.'11 The drawback to this formulation, however, is that Gellner is so anxious to show that nationalism masquerades under false pretences that he assimilates 'invention' to 'fabrication' and 'falsity', rather than to 'imagining' and 'creation'. In this way he implies that 'true' communities exist which can be advantageously juxtaposed to nations. In fact, all communities larger than primordial villages of face-to-face contact (and perhaps even these) are imagined. Benedict Anderson, Imagined Communities, Introduction, S. 49. Nach Robert Miles geht der Nationalismus von der Existenz „naturgegebener Unterteilungen der Weltbevölkerung“ aus und verkörpert ein politisches Projekt, ein Territorium in Beschlag zu nehmen, „in dem das ‚Volk’ sich selbst regieren kann“.Robert Miles: Rassismus. Hamburg 1991, S. 118 f. Vgl. dazu Robert Miles: Der Zusammenhang von Rassismus und Nationalismus. In: Roland Leiprecht (Hrsg.): Unter Anderen: Rassismus und Jugendarbeit. Duisburg 1992, S. 20–43.
Im Gegensatz zu modernistischen Theoretikern gestehen eine Reihe anderer Nationalismusforscher (z. B. Anthony D. Smith oder Clifford Geertz) ethnischen Nationen, die sich über Sprache, Religion, Verwandtschaftsnetzwerke, kulturelle Eigenarten oder quasi-rassische Gemeinsamkeiten definieren, ein Eigenleben ohne Nationalismus zu. Für diese Theoretiker ist Nationalismus zumindest teilweise eine Manifestation eines primordialen (uranfänglichen) Zusammengehörigkeitsgefühls. Ähnlich argumentiert auch Karl Popper bereits 1945 im zweiten Band seines Werkes Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Er sieht Nationalismus als ein Relikt eines ur-instinktiven Gefühls der Stammeszugehörigkeit, dominiert von Leidenschaft und Vorurteilen. Außerdem bedeutet Nationalismus für Popper ein nostalgisches Verlangen nach dem Ersatz von individueller durch kollektive Verantwortung. Für Popper ist der Nationalstaat an sich schon nur ein Mythos, der durch nichts zu rechtfertigen ist, sondern lediglich eine irrationale und romantische Utopie darstellt; er sei Karl Raimund Popper: The Open Society and Its Enemies. Vol. 2: The High Tide of Prophecy: Hegel and Marx, and the Aftermath. Princeton (5)1966, S. 49–51.
Im Marxismus-Leninismus galten Nationalismus und Chauvinismus als bürgerliche Ideen, die die Arbeiter von ihrem Klassenfeind ablenken, die Arbeiterbewegung spalten sowie die Bande der Internationalen Solidarität zerstören sollen.Hans Werner Kettenbach: Lenins Theorie des Imperialismus. Köln 1965, S. 98 f. (=Abhandlungen des Bundesinstituts zur Erforschung des Marxismus-Leninismus Band X.)
Der britische Politikwissenschaftler Michael Freeden bestreitet, dass Nationalismus eine eigenständige Ideologie ist, da er sich so gut wie immer in eine der klassischen Ideologien wie Konservatismus, Liberalismus oder Faschismus integrieren würde. Nur gelegentlich versuche er, sich als unabhängiges Weltanschauung zu etablieren, und dann komme seine „gedankliche Armseligkeit“ zum Vorschein.Michael Freeden: Is Nationalism a Distinct Ideology?. In: Political Studies XLVI (1998), S. 748–765.
Abgrenzung