mini|Ehemaliges Rathaus Kirchardt
Kirchardt ist eine Gemeinde im Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg (Deutschland). Sie gehört zur Region Heilbronn-Franken und zur Randzone der europäischen Metropolregion Stuttgart.
Geographie Geographische Lage Kirchardt liegt im Nordwesten des Landkreises Heilbronn und gehört zur Randzone der Metropolregion Stuttgart.
Nachbargemeinden Nachbarstädte und -gemeinden Kirchardts sind (im Uhrzeigersinn, beginnend im Norden): Bad Rappenau, Massenbachhausen, Gemmingen, Eppingen, Ittlingen (alle Landkreis Heilbronn) und Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis). Mit Bad Rappenau und Siegelsbach ist Kirchardt eine Vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft eingegangen.
Gemeindegliederung Zu Kirchardt gehören neben der Kerngemeinde Kirchardt auch die Ortsteile Berwangen und Bockschaft. Ein abgegangener, also nicht mehr bestehender Ort namens Lauterstein befand sich teilweise auf der Gemarkung Kirchardts.Quelle für den Abschnitt Gemeindegliederung: Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band IV: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverbände Franken und Ostwürttemberg. Kohlhammer, Stuttgart 1980, ISBN 3-17-005708-1. S. 57–58
Die Gemeinde Kirchardt hat (Stand Ende Mai 2025) 6.064 Einwohner, von denen 4.167 im Ortsteil Kirchardt, 1.455 im Ortsteil Berwangen und 442 im Ortsteil Bockschaft leben.
Flächenaufteilung
Nach Daten des Statistischen Landesamtes, Stand 2023.Statistisches Landesamt, Fläche seit 1988 nach tatsächlicher Nutzung für Kirchardt.
Geschichte Frühe Besiedlung durch Kelten, Römer und Alemannen Erste menschliche Spuren in Kirchardt datieren auf die Bronzezeit zurück, die erste Besiedlung auf dem heutigen Gebiet von Kirchardt ist aus der Zeit der Kelten im 6. Jahrhundert v. Chr. im Gewann Kreuzend nachgewiesen. Die Römer errichteten während ihrer Besatzungszeit von 90 bis 260 n. Chr. an verschiedenen Stellen in „civitas alisinensis“ (Elsenzgau) Straßen und Bauten zur Versorgung des Neckar-Odenwald-Limes, darunter auch auf dem heutigen Gemeindegebiet eine Villa rustica, die 1832 im Haftenwald gefunden wurde, sowie ein Gehöft mit Tiefbrunnen auf dem Schneckenberg. Eine wichtige Römerstraße verlief durch den heutigen Ortsteil Berwangen, wo auch eine so genannte Jupitergigantensäule gefunden wurde. Mit dem Abzug der Römer aus den rechtsrheinischen Gebieten um das Jahr 260 und dem gleichzeitigen Vordringen der Alemannen verfielen die römischen Bauten allerdings wohl wieder.
Erste Erwähnung im Lorscher Codex und Bedeutung des Ortsnamens Kirchardt und seine Ortsteile werden wie viele andere Städte und Gemeinden im Norden des heutigen Baden-Württembergs im Lorscher Codex erstmals namentlich erwähnt. Eine Klosterfrau Egilrat übereignete im Jahr 791 dem Kloster Lorsch einen Hof und dazugehörige Freiflächen in villa Kyrih-Hart.Der Ortsname Kyrih-Hart steht in Originaldokument in der Zeilentrennung. Ohne Zeilentrennung würde der name Kyrihart lauten. Der Ortsname ist ein ursprünglicher Flurname und bedeutet möglicherweise „Kirche im Wald“ oder „Wald im Besitz einer Kirche“, bezeichnet wahrscheinlicher aber einen „Wald, in dem Kürweihen leben“.Nach Gustav Neuwirth (1978) steht der Ortsname analog zu Speßhart (Hart (Wald), in dem Spechte leben) für „Wald in dem Kürweihen (alte Bezeichnung für Rotmilane) leben“. Der Lorscher Codex erwähnt auch erstmals den heutigen Ortsteil Berwangen im Zusammenhang mit einer Schenkung im Jahr 793 sowie den heutigen Ortsteil Bockschaft bei einer Schenkung des Jahres 829. Die Nennung als villa deutet darauf hin, dass Kirchardt damals erst am Anfang seiner Besiedlung stand. Da der Siedlungskern von Kirchardt direkt an der nördlichen Grenze der früheren Berwanger Gemarkung sowie nahe dem Quellgrund des südlich nach Berwangen und von dort aus weiter nach Richen fließenden Birkenbachs liegt, nimmt man an, dass Kirchardt vom vermutlich älteren und einst bedeutenderen Berwangen aus besiedelt wurde, bzw. dass beide Orte sukzessive Richener Gründungen waren.
Im frühen Mittelalter bestand die „Hohe Straße“ genannte Straßenverbindung von Heilbronn nach Heidelberg, die von Heilbronn bis nach Sinsheim annähernd analog zur heutigen B 39 verlief. Kirchardt liegt etwas abseits dieser historischen Strecke am Rand der Kraichgau-Hügellandschaft und ist von Feldern, Wiesen und Eichenmischwäldern umgeben. Über Jahrhunderte bestand die Einwohnerschaft ausschließlich aus Bauern, die Felder bewirtschaftet und Schweine gemästet haben. Wichtige Futtermittel für die Schweinezucht waren dabei stets auch Eicheln, weswegen seit 1769 eine solche Frucht das Wappen von Kirchardt ziert. Der Ortsname im 13. bis 16. Jahrhundert war Kirchart (in verschiedenen Schreibweisen), im 17. und 18. Jahrhundert jedoch Kirhart, und hat sich erst im 19. Jahrhundert wieder auf Kirchardt verfestigt.
Pfälzisches Dorf ab dem 14. Jahrhundert mini|In den Burggärten in Kirchardt In Kirchardter Gewannnamen haben sich Hinweise auf eine Burg erhalten. So bestand ein Burghof als Erblehenshof, der lange Zeit im Besitz des Dominikanerklosters Wimpfen war, und es gibt ein Gewann In den Burggärten. Da es keinerlei Bodenfunde einer am Ort befindlichen Burg gibt, deuten diese Namen höchstwahrscheinlich auf die abgegangene Burg Lauterstein bei Massenbachhausen hin. Im 14. Jahrhundert gelangte der Ort an die Pfalzgrafen bei Rhein. Somit war Kirchardt pfälzisch und blieb es – zunächst unter dem Amt Steinsberg, ab 1521 unter der Kellerei Hilsbach im Oberamt Mosbach – bis zum Ende der Kurpfalz im Jahre 1803. Die kirchlichen Rechte lagen dagegen seit dem späten 14. Jahrhundert beim Deutschen Orden, der den Frucht- und Weinzehnt erhielt, aber dessen Einfluss nach der Reformation der Pfalz 1556 schwand.
Der Ort wurde in pfälzischer Zeit von einem Schultheißen geleitet, der durch die Landesherrschaft bzw. den Amtskeller in Hilsbach eingesetzt wurde und eine gewisse Selbstverwaltungsbefugnis hatte. Außerdem bestand ein Ortsgericht mit zwölf, nach dem Dreißigjährigen Krieg auch mit nur acht oder neun Mitgliedern. Das erste Rathaus in Kirchardt wurde um 1570 erbaut.
Die Gemarkung des Ortes war im Mittelalter von einem Bannzaun (Etter) umgeben und in Eigengüter von freien oder halbfreien Bauern sowie in als Erblehen an Bauern vergebenes Herrenland eingeteilt. Die Erblehen durften zwar nicht aufgeteilt oder geschmälert werden, unterlagen aber den entwicklungsgeschichtlichen Notwendigkeiten gezollten häufigen Bestandsveränderungen durch Tausch und aufgrund ihrer Vergabe als Kunkellehen dem Auftreten einer Vielzahl von Anteilseignern. Die bäuerlichen Eigengüter hingegen mündeten durch Erbteilung in zersplitterter Parzellierung mit ebenso komplizierten Besitzverhältnissen. Außerdem verdichtete sich die ursprünglich lockere Siedlungsform innerhalb des Etters mit einem Anwachsen der Bevölkerung und der Höfe zu einem enggedrängten Straßendorf entlang der heutigen Hauptstraße mit östlicher Ausbuchtung um die Kirche. Die 1496 erstmals erwähnte, aber wahrscheinlich wesentlich ältere Kirche teilte den Ort in Oberdorf (von der Kirche nördlich bis zum Falltor nach Grombach), Mitteldorf (Bereich östlich der Kirche) und Unterdorf (von der Kirche südlich bis zum Falltor nach Berwangen). Ursprünglich bestanden im Ort hauptsächlich strohgedeckte Holzhäuser. Nach der Pfälzischen Landesordnung von 1531 waren Wohnhäuser, Ställe und Scheunen künftig mit einem steinernen Fundament zu unterfangen, nach einem kurfürstlichen Befehl von 1700 waren Strohdächer durch Ziegeldächer zu ersetzen.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg, unter dessen Verwüstungen mitsamt der nachfolgenden Pest das gesamte Umland zu leiden hatte, gab es in Kirchardt noch etwa 80 Einwohner. Die Bevölkerung stieg dann bis 1686 auf etwa 280, bis zum Jahr 1746 auf 420, und bis 1774 auf 509 Einwohner an.
Im Jahr 1701 gab der ruinöse Zustand von Kirche und Pfarrhaus Anlass zu einem Gutachten darüber, ob der Deutsche Orden als Zehntempfänger auch für den Unterhalt der einfachen Kirche zuständig sei. Der Orden wurde jedoch nur noch für den steinernen Teil des Kirchturms und das Pfarrhaus in die Pflicht genommen.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand unter Kurfürst Carl Theodor die Kirchardt passierende Chaussee, eine neue Landstraße von Steinsfurt zur Posthalterei nach Fürfeld, die die Hohe Straße genannte alte Landstraße weiter nördlich bei Grombach ersetzte, und der heute die B 39 in diesem Abschnitt folgt. Die Intensivierung des Verkehrs in Kirchardt führte um 1800 zum Wegfall der Falltore und zur allmählichen Aufgabe der Begrenzung des Ortes durch den Etter.
Übergang zu Baden im 19. Jahrhundert
Nach dem Ende der Kurpfalz kam Kirchardt mit Dekret vom 27. November 1802 kurzzeitig zum neugebildeten Fürstentum Leiningen, um dann ab 1806 gemeinsam mit Berwangen und Bockschaft an das Großherzogtum Baden zu fallen, wo das Dorf dem standesherrlichen fürstlich-leiningischen Amt Hilsbach unterstellt war. Bis 1813 gab es noch leiningensche Vögte, danach großherzoglich-badische Vögte und ab 1831 Bürgermeister. An die Stelle des Ortsgerichts trat der Gemeinderat. Um 1810 war das renaissancezeitliche Rathaus baufällig geworden, so dass es bis 1813 abgerissen und durch einen Neubau an selber Stelle (Ecke Hauptstraße/Heilbronner Straße) ersetzt wurde.
Um das Jahr 1800 hatte Kirchardt etwa 750 Einwohner, die fast ausschließlich in der Landwirtschaft tätig waren, wohingegen in Berwangen zu dieser Zeit bei etwa gleich vielen Einwohnern bereits einige Gewerbebetriebe verzeichnet waren. 1825 hatte Kirchardt bereits 1030 Einwohner erreicht, befand sich aber immer noch weitgehend in den Grenzen des mittelalterlichen Etters, so dass große Enge und soziale Probleme (Armut, Hunger) herrschten. Über 100 Einwohner sind deswegen zwischen 1835 und 1860 meist nach Amerika ausgewandert.
1868 wurde die Bahnlinie von Heidelberg nach Heilbronn mit Bahnhof im benachbarten Grombach erbaut, 1876 wurde die Straße nach Grombach für damalige Verhältnisse verkehrsangemessen ausgebaut. 1880 wurde ein neues Schulhaus an der Heilbronner Straße errichtet. Einen ersten wirtschaftlichen Aufschwung brachte ab 1885 die Ansiedlung von später insgesamt sieben Zigarrenfabriken in Kirchardt, die den in der Umgebung wachsenden Tabak verarbeiteten und bei denen um 1900 bereits etwa 200 Personen in Lohn und Brot standen. Bis 1914 blieben diese Zigarrenfabriken allerdings auch die einzigen größeren Gewerbebetriebe in dem bäuerlichen Dorf, in dem inzwischen rund 1300 Menschen lebten. Der Baubestand wuchs von 1817 (96 Gebäude) bis 1925 auf 210 Gebäude an. Adolf von Oechelhäuser führt in seinem 1909 erschienenen Verzeichnis der Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Sinsheim in Kirchardt im Wesentlichen nur die Kirche des Ortes auf. Die älteren Wohnhäuser würden „trotz ihrer Verwahrlosung zum Teil, wie in Richen, hübsche, künstlerisch bedeutungslose, aber malerische Einzelheiten an Vorbauten, Erkern, Treppenbedachungen u. dgl. aufweisen.“
Inflation und Weltwirtschaftskrise sorgten für weiter bestehende Armut und auch zunehmende Arbeitslosigkeit in Kirchardt und den umliegenden Dörfern. Dennoch begann sich auch in Kirchardt eine bürgerliche Kultur abzuzeichnen. 1910 war ein Volksturnfest des Elsenz-Turngaus veranstaltet worden, 1920 konnte ein Sportplatz eröffnet werden.
Im Jahr 1933 hatte Kirchardt weiterhin etwa 1300 Einwohner, Berwangen 750 und Bockschaft 130. Nach der Erhebung von Sinsheim zur Kreisstadt 1936 wurde aus dem Amtsbezirk Sinsheim der Landkreis Sinsheim dem Kirchardt, wie auch Berwangen und Bockschaft, angehörte. 1939 wurden 1312 Einwohner gezählt, Ende 1945 waren es 1475.Mitteilungen des Württ. und Bad. Statistischen Landesamtes Nr. 2: Ergebnisse der Einwohnerzählung am 31. Dezember 1945 in Nordbaden
Kirchardt nach dem Zweiten Weltkrieg