mini|Geschnitztes Eidechsenköpfchen von der Osterinsel Die fein bearbeiteten, hoch polierten Holzschnitzereien der Osterinsel gehören zu den schönsten Kunstobjekten, die die Kulturen Ozeaniens hervorgebracht haben. Die Holzschnitzkunst der Osterinsel – und die Steinbildhauerkunst gleichermaßen – hatte stets eine religiöse Zweckbestimmung.
Allgemeines Das gesamte Kunstschaffen diente, wie aus den in den Völkerkundemuseen erhaltenen Werken ersichtlich ist, ausschließlich der Herstellung von Ritualobjekten. Der Begriff der „l’art pour l’art“ war den polynesischen Kulturen fremd. Dabei ist jedoch zu beachten, dass in der Kultur der Osterinsel religiöse und weltliche Macht eng verzahnt und oft in denselben Personen vereint war. So hatten die weltlichen Herrscher (ariki = Häuptling, Stammesoberer) immer auch priesterliche Funktionen. Die Ritualobjekte dienten daher zugleich als Symbole weltlicher Macht. Besonders deutlich wird dies bei den Ao und Rapa genannten Zeremonialpaddeln, die bei rituellen Tänzen Verwendung fanden, gleichzeitig aber auch Zeichen der Autorität hoher Würdenträger waren.
Wann die Holzschnitzkunst auf der Osterinsel entstanden ist, lässt sich wegen des vergänglichen Materials archäologisch nicht mehr nachvollziehen. Es besteht das Problem, dass kein einziger Kunstgegenstand aus einer stratigraphischen Grabung stammt. Alle erhaltenen Objekte gelangten durch Kauf oder Tausch mit den europäischen Expeditionen in den Bestand der Sammlungen.Heide-Margaret Esen-Baur: 1500 Jahre Kultur der Osterinsel – Schätze aus dem Land des Hotu Matua. Katalog zur Ausstellung veranstaltet von der Deutsch-Ibero-Amerikanischen Gesellschaft Frankfurt a. M. vom 5. April bis 3. September 1989, Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 1989 Sie sind insofern undatiert, da keine Angaben zur Herstellungszeit überliefert sind. Wenn überhaupt, ist lediglich das Jahr des Erwerbes nachzuvollziehen. Die frühesten Gegenstände kamen mit der zweiten Südseereise von James Cook (1772–1775) in die Völkerkundemuseen.
Anhand der Objekte in den Sammlungen lässt sich eine künstlerische Fortentwicklung kaum nachvollziehen. Entweder wurde der Stil über Jahrhunderte unverändert beibehalten oder – das dürfte wahrscheinlicher sein – es sind einfach keine Holzfiguren aus der Frühzeit der Osterinselkultur erhalten geblieben. Von einigen Statuetten lässt sich vermuten, dass sie viel später, nach der europäischen Einflussnahme, entstanden und speziell als Tauschobjekte hergestellt wurden. Sie unterscheiden sich von den klassischen Figuren durch einen deutlich wahrnehmbaren Verfall der handwerklichen Fertigkeiten und die Verwendung anderer Materialien, z. B. von minderwertigem Schwemmholz oder nichtheimischen Hölzern.
Angesichts der Kunstfertigkeit der Objekte dürften sie wohl überwiegend von Experten (tohunga, eine Art Priester-Handwerker) hergestellt worden sein. Da es auf der Osterinsel keine Metallwerkzeuge gab, wurden in der Hochblüte der Kultur Haifischzähne und Obsidiansplitter als Arbeitsgeräte benutzt. Als Material diente überwiegend das Holz des heute in der freien Natur ausgestorbenen Toromiro-Baumes (Sophora toromiro). In jüngerer Zeit gelang es, anhand von Holzproben aus einem Toromiro im Botanischen Garten von Göteborg die Zellstruktur mikroskopisch zu identifizieren, sodass nunmehr die Echtheit von Kunstobjekten aus der klassischen Zeit der Osterinsel zweifelsfrei nachzuweisen ist.Catherine Orliac: Sophora Toromiro, One of the Raw Materials Used by Pascuan Carvers in Courier Forschungsinstitut Senckenberg, Band 125, S. 221–227 Wie kostbar und selten das Holz auf der ab dem 11. Jahrhundert zunehmend entwaldeten Insel war, lässt sich daran erkennen, dass menschliche Figuren oft unnatürlich verkrümmt dargestellt wurden, um auch kleinste Äste noch für die Schnitzereien verwenden zu können. Gleichzeitig zeigt dies die besondere Begabung des Schnitzers, der in der Lage war, solche Unregelmäßigkeiten als natürliche Gegebenheiten in sein Werk einzuarbeiten.
Kennzeichnend für das Kunstschaffen der Osterinsel ist eine gewisse Standardisierung. Die Objekte wurden nach gleichem Grundmuster, jedoch stets individualisiert, hergestellt, d. h. trotz äußerlich gleichen oder ähnlichen Aussehens stellten die Figuren individuelle Personen dar. Das gilt sowohl für die großen steinernen Bildwerke – insbesondere sind hier die gigantischen Moai zu nennen – als auch für die kleinformatige, figurale Kunst. Diese weitgehende Standardisierung erleichtert die Klassifizierung.
Die Holzschnitzereien der Osterinsel lassen sich in folgende Kategorien einteilen:
Moai Moai Kavakava Moai Tangata Moai Papa Moai Tangata Manu Moko Rei Miro Tahonga Ao und Rapa Ua Rongorongo-Tafeln Sonstige Holzobjekte
Über die Funktion und die religiöse bzw. machtpolitische Bedeutung der Gegenstände liegen im Einzelfall Aufzeichnungen der Europäer vor. Sie werden ergänzt durch mündlich tradierte Angaben der Inselbewohner, die jedoch erst ab dem späten 19. Jahrhundert systematisch erhoben und aufgezeichnet wurden.
Die Kunstobjekte der Osterinsel sind heute über die Museen der ganzen Welt verstreut, auf der Insel selbst ist nur wenig davon verblieben. In Deutschland befinden sich Holzschnitzereien verschiedener Art u. a. im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, im Ethnologischen Museum in Berlin, im Museum für Völkerkunde Dresden, im Museum für Völkerkunde zu Leipzig und im Überseemuseum Bremen.
Moai mini|hochkant|Moai Kavakava Als Moai (polynesisch für Figur, Statue) bezeichnet man nicht nur die großen Steinfiguren der Osterinsel, sondern auch kleine, durchschnittlich vierzig Zentimeter hohe, menschliche Holzfiguren.
Moai Kavakava Die am meisten verbreitete Holzfigur der Osterinsel ist der Moai Kavakava. Das polynesische Wort kavakava heißt übersetzt Rippen. Folgerichtig zeigt die Statue einen ausgehungert wirkenden Mann mit deutlich vorstehenden Rippen, einem überdimensionierten, schädelartigen Kopf, großen Augenbrauen, langen Ohrläppchen mit Ohrpflöcken, einer ausgeprägten Nase und einem Spitzbart. Über hohen Backenknochen sind die Augen mit Knochenplättchen und Obsidian eingelegt. Der herabhängende Mund ist halb geöffnet und zeigt die Zähne. Die Beine sind unverhältnismäßig kurz, die herabhängenden Arme unverhältnismäßig lang dargestellt. Der Spitzbauch steht deutlich hervor, der Penis der Figur ist halb erigiert. Insgesamt erinnert die Gestalt an eine Mumie oder einen halbverwesten Leichnam.
Bei wenigen Figuren sind Haare angedeutet, die meisten Schädel sind kahl und zeigen Kopfglyphen unterschiedlicher Art wie Vögel, Fischmenschen, geometrische Symbole und zoomorphe Gestalten, einige davon sind Motive der Rongorongo-Schrift. Wahrscheinlich handelt es sich um Tätowierungen, obwohl sie nicht genau mit den von der Osterinsel überlieferten Kopf-Tattoos übereinstimmen. Daher könnten sie möglicherweise auch Stammesembleme darstellen.
Über den Zweck der 30 bis 50 cm hohen Bildnisse ist wenig bekannt. Sie werden heute als Ahnenbildnisse mit der Funktion eines Schutzgeistes gedeutet, möglicherweise stellen sie Aku Aku dar.
Die Figuren waren ausschließlich Männern zugeordnet und wurden bei religiösen Festen oder anderen bedeutenden Gelegenheiten an einer Schnur um den Hals getragen.Alfred Métraux: Ethnology of Easter Island. Bernice P. Bishop Museum Press, Honolulu 1940 Bei den meisten noch erhaltenen Holzfiguren ist eine Öse oder Bohrung im Nackenbereich nachweisbar.
Wilhelm Geiseler, ein deutscher Besucher der Osterinsel im späten 19. Jahrhundert, berichtet, dass Würdenträger bei Prozessionen zehn bis zwanzig solcher Figuren an Schnüren um den Hals getragen hätten. In der übrigen Zeit seien die Bildnisse, in Tapa-Säckchen eingehüllt, in den Hütten aufgehängt worden.Kapitänleutnant Wilhelm Geiseler: Die Osterinsel – eine Stätte prähistorischer Kultur in der Südsee. Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1882
Der Legende nach war der Schöpfer der ersten Moai Kavakava ein begnadeter Holzschnitzer namens Tuu-ko-ihu, der Schwager von Hotu Matua dem mythischen Gründervater der Osterinselkultur. Er war einer der Gefolgsleute Hotu Matuas und kam mit den ersten Siedlern auf die Insel.Sebastian Englert: Island at the center of the world – New light on Easter Island. Charles Scribner’s Sons, New York 1970, S. 61 Die Statuetten sollen Abbilder von zwei Geistern sein, denen er persönlich begegnet war.Eric Kjellgren: Splendid Isolation – Art of Easter Island. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Metropolitan Museums, Yale University Press, New Haven 2001, ISBN 0-300-09078-1
Es war Sitte, Moai Kavakava bei Festen aufzustellen, um so die Ahnen teilhaben zu lassen und sich gleichzeitig deren Schutz zu versichern. Alle Moai Kavakava konnten sich angeblich aus eigener Kraft fortbewegen sowie ihre Besitzer, wenn sie ihnen wohlgesinnt waren, im Traum vor bevorstehendem Unglück warnen. Andererseits waren sie aber auch in der Lage Schaden anzurichten. Eine Legende berichtet von einem Mann namens Rua Nuka, der sich von Tuu-ko-ihu sieben Moai Kavakava für ein Fest auslieh. Er stellte die Figuren in einer Hütte auf, doch in der Nacht vor dem Fest brannte die Hütte ab. Rua Huka ging am folgenden Morgen zu Tuu-ko-ihu, um von dem Unglück zu berichten und ihm Schadenersatz anzubieten. Doch als er dessen Hütte betrat, sah er zu seinem Erstaunen, dass alle sieben Moai Kavakava unversehrt dort standen. Tuu-ko-ihu erzählte, dass er in der Nacht geträumt habe, seine Moai hätten laute Schmerzensschreie angestimmt, woraufhin er sie aufforderte, sich in Sicherheit zu bringen. Als er Morgen erwachte, habe er die Figuren an ihrem gewohnten Platz vorgefunden.Hans Felbermayer: Sagen und Überlieferungen der Osterinsel, Verlag Hans Carl, Nürnberg 1970, S. 82–83.
Moai Tangata mini|hochkant|Moai Tangata Das polynesische Substantiv tangata bedeutet Mensch. Moai tangata sind realistisch geschnitzte männliche Figuren, mit meist knabenhaftem Körperbau, obwohl bei einigen Figuren auch ein deutlicher Bauchansatz zu erkennen ist. Thor Heyerdahl schreibt treffend, dass die Schnitzerei gewöhnlich den Eindruck hervorruft, einen wohlgenährten Knaben darzustellen.Thor Heyerdahl: Die Kunst der Osterinsel. Bertelsmann Verlag, München-Gütersloh-Wien 1975 Das männliche Geschlechtsteil der nackten Statuen ist deutlich ausgeprägt.
Die naturalistisch gestalteten Gesichtszüge in dem verhältnismäßig großen Kopf werden von übergroßen, runden Augen aus Knochenplättchen und Obsidian dominiert. Fast alle Figuren tragen einen Spitzbart. Die Frisur ist unterschiedlich. Ein Exemplar im Musée de l’Homme in Paris trägt ein mit einer Schnur hochgebundenes Bündel aus Menschenhaar auf dem ansonsten kahlen Schädel. Andere Statuetten sind kahlköpfig, manchmal mit Tätowierungen auf der Kopfhaut, bei wieder anderen ist eine Frisur mit eingeschnitzten Kerben angedeutet.
Um die Hüften ist erhaben ein Muster eingeschnitzt, das einen Lendenschurz mit einem Knoten über dem Gesäß oder auch eine Tätowierung darstellen könnte. Insoweit besteht Ähnlichkeit mit den großen, steinernen Moai, die ein vergleichbares Muster aufweisen. Die erwähnte Figur im Musée de l’Homme, Paris, ist als einzig erhaltene mit einem Lendenschurz aus Tapa-Rindenbaststoff bekleidet.
Moai Tangata sind in den Sammlungen wesentlich seltener als die Moai Kavakava. Möglicherweise repräsentieren sie Vorfahren, die tatsächlich gelebt haben, sie könnten also individuelle Porträts sein. Thor Heyerdahl vermutete, dass die Figuren im Gegensatz zu den geisterhaften Moai Kavakava und den mit der Erdmutter assoziierten Moai Papa die Menschheit als Ganzes darstellen.