Nation (um 1400 ins Deutsche übernommen, von , „Volk, Sippschaft, Herkunft“ oder „Geburt“, ursprünglich für eine „Geburtsgemeinschaft“,Hans-Jürgen Lüsebrink: L’Etat-Nation/Staatsnation. Zur frühmodernen Genese und postmodernen Infragestellung des Nationalen. In: Rainer Hudemann, Manfred Schmeling (Hrsg.): Die ‚Nation‘ auf dem Prüfstand/La ‚Nation‘ en question / Questioning the ‚Nation‘. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 3. abgeleitet vom Verb nasci, „geboren werden“) bezeichnet größere Gruppen oder Kollektive von Menschen, denen gemeinsame Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, Bräuche oder Abstammung zugeschrieben werden. Laut Eric J. Hobsbawm erfüllt keine Nation diese Definition vollumfänglich.Eric J. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus: Mythos und Realität seit 1780. Campus, Frankfurt am Main 2005, S. 16. Daher wird die Bezeichnung allgemeinsprachlich auch als Synonym für die Bezeichnungen Staatswesen und Volk gebraucht, von denen Nation in der wissenschaftlichen Darstellung getrennt wird. Die zugeschriebenen kulturellen Eigenschaften können dabei als der Nationalcharakter eines Volkes oder einer Volksgemeinschaft dargestellt werden. Der Begriff „Nation“ erweist sich als ein Konstrukt, das wirksam wird, indem Menschen sich handelnd auf ihn beziehen.Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. 2., um ein Nachw. erw. Aufl., Campus, Frankfurt am Main/New York 2005, ISBN 978-3-593-37729-2.
In der vorbürgerlichen Zeit wurden an den ersten Universitäten die Studenten aus bestimmten europäischen Regionen als jeweilige Nation (nationes) kategorisiert (z. B. germanische NationNatio Germanica Bononiae, abgerufen am 27. Juli 2024.). Die staatsbezogene Nationsentwicklung, bei der die (eigentlich verschiedenen) Begriffe Staat und Nation miteinander verbunden bzw. gleichgesetzt wurden, geschah zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters und der Moderne. Vor diesem Hintergrund ist zwischen Staat, Nation (Kulturnation) und Nationalstaat zu unterscheiden. Nur in einem Nationalstaat fällt das Staatsgebilde mit dem Begriff der Nation zusammen.Vgl. Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 5. Auflage, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2003, Stichwort „Nationalstaat“. Der Nationsbegriff hat Bedeutung für den völkerrechtlichen und den politischen Bereich.
Näheres Für politische Kollektive, die sich wie in der Französischen Revolution (1789–1799) in der Nationalversammlung zu einer Nation als Staat mit einer Verfassung konstituieren, bestehen Begriffe wie Willensnation oder Staatsnation. Staat und Nation werden hier synonym verwendet. Statt ethnischer Konstruktionen dienen hier vor allem gemeinsame Ideale wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ als Grundlage, die das Gemeinwesen der Nation willentlich zusammenhält. In diesem Zusammenhang wurde auch postuliert, dass territoriale oder sonstige partikulare Gruppenbindungen abgestreift werden müssten, um die Schaffung einer gemeinsamen Nation zu ermöglichen. Die Zugehörigkeit zur Nation wurde hier häufig an ein Emanzipationsversprechen und einen Zwang zur Assimilation geknüpft.
Als Willensnation mit einem heterogenen Staatsvolk gilt insbesondere die Schweizerische Eidgenossenschaft, die aus deutsch-, französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachigen Bevölkerungsgruppen besteht. Eine ethnische Nation oder Kulturnation bildet dagegen nicht zwingend ein einheitliches Staatsvolk, da auch ein überstaatlicher Kulturraum wie beispielsweise der arabische Sprach- und Kulturraum als nationaler Identifikationshorizont dienen kann. Menschen, die eine ethnische Nation bilden, werden auch im ethnologischen Sinn als Volk angesprochen. Dies kann neben den Ethnien oder Nationalitäten von Vielvölkerstaaten auch für ethnische Minderheiten innerhalb von Nationalstaaten zutreffen, beispielsweise die Tschuktschen innerhalb Russlands.
Die soziale Konstruktion der Nation zeigt sich an einer Reihe von Widersprüchen. Beispielsweise kann die Sprache nicht immer als nationales Definitionsmerkmal herangezogen werden. So bilden z. B. die deutschsprachigen Länder keine gemeinsame Nation. Auch Staaten wie Brasilien und Portugal sind trotz kultureller Zugehörigkeit zur Lusophonie keine gemeinsame Nation, weil sie unterschiedliche Staatsbildungsprozesse (→ Nationenbildung, Staatenbildung) erlebt haben.
Begriffsgeschichte Natio bezeichnete im Lateinischen ursprünglich eine Gemeinschaft von Menschen gleicher Herkunft, daran anschließend eine durch gemeinsame Sprache, Sitten und Bräuche kenntliche Gemeinschaft, und zwar im römischen Sprachgebrauch zunächst als Fremdbezeichnung für ein fremdartiges eingewandertes Volk, das mit der einheimischen Bevölkerung lebt. Mit dem Ius gentium wurde für den Umgang mit Menschen, die nicht das römische Bürgerrecht besaßen, eine eigene Rechtsgrundlage geschaffen.
Anknüpfend an den römischen Sprachgebrauch, sind im christlichen Latein die ‚nationes‘ oder ‚gentes‘ in erster Linie die nichtjüdischen Heidenvölker, als Anhänger heidnischer Kulte oder als bekehrungswillige Heiden, die mit den jüdischen Christen das Evangelium annehmen und mit ihnen die Gemeinschaft der Kirche bilden.
An der mittelalterlichen Universität mussten sich die Studenten nach ihren Herkunftsländern in Nationes mit eigenen Statuten und Prokuratoren einschreiben. Diese Universitätsnationen, meist gab es davon vier, wurden nach den wichtigsten Herkunftsgebieten der örtlichen Studenten benannt. An der Pariser Universität wurden die nationes gallicorum, normannorum, picardorum und anglicorum unterschieden, wobei zur „gallischen“ auch die Italiener, Spanier, Griechen und Orientalen zählten und zur „englischen“ auch die Deutschen und ihre nördlichen und östlichen Nachbarvölker. An der Prager Universität gehörten zur „polnischen“ Nation neben den Studenten aus dem Königreich Polen auch die Studenten der östlichen Reichsteile, zur „böhmischen“ auch Ungarn und Südslawen, zur „bairischen“ außer den Bajuwaren die Schwaben, Franken, Hessen, Rheinländer und Westfalen sowie zur „sächsischen“ die Norddeutschen, Dänen, Schweden und Finnen.
Als Selbstbezeichnung für ein Volk mit politisch-staatlicher Einheit und einer durch gemeinsame Vorfahren und Geschichte begründeten Eigenart gewinnt der Begriff nation im Französischen seit dem 16. Jahrhundert an Bedeutung, die sich im 18. Jahrhundert dann mit der Französischen Revolution unter Betonung der Gesamtheit und Souveränität des Staatsvolkes gegenüber ständischen und partikularen Ansprüchen auf staatliche Hoheit auch in den übrigen europäischen Sprachen verbreitet. Infolge der Revolution und wachsender Bevölkerungszahlen entfaltete die Idee der Nation als ein Gesamtstaat eine hohe Dynamik, die anfangs gegen autokratischen Feudalismus, wirtschaftlich und politisch einengende Kleinstaaterei und landsmannschaftliches Denken (deutsche Fürstenstaaten beziehungsweise deutscher Sprach- und Kulturraum) oder aber gegen imperiale fremde Herrschaft (Vielvölkerstaaten Russland, Österreich-Ungarn) gerichtet war.
Johann Christoph Adelung beschreibt in seinem Standardwerk Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart am Ende des 18. Jahrhunderts den Begriff Nation als „die eingebornen Einwohner eines Landes, so fern sie einen gemeinschaftlichen Ursprung haben, und eine gemeinschaftliche Sprache reden, sie mögen übrigens einen einzigen Staat ausmachen, oder in mehrere vertheilet seyn […] Auch besondere Zweige einer solchen Nation, d. i. einerley Mundart redende Einwohner einer Provinz, werden zuweilen Nationen genannt, in welchem Verstande es auf den alten Universitäten, wo die Glieder nach Nationen vertheilet sind, üblich ist […] Ehe dieses Wort aus dem Lateinischen entlehnet wurde, gebrauchte man Volk für Nation, in welchem Verstande es auch noch von alten Nationen üblich ist. Wegen der Vieldeutigkeit dieses Wortes aber hat man es in dieser Bedeutung großen Theils verlassen und Völkerschaft für Nation einzuführen gesucht, welches Wort auch bereits Beyfall gefunden“. Für das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm ist die Nation „das (eingeborne) volk eines landes, einer groszen staatsgesamtheit“. Der Begriff ist demnach „seit dem 16. Jahrh. aus dem franz. nation, ital. nazione (vom lat. natio)“ in die deutsche Sprache aufgenommen worden. Ähnlich sind die Begriffsbestimmungen in der etwa zeitgleich entstandenen Oeconomischen Encyclopädie von Johann Georg Krünitz und, sehr viel umfangreicher, in dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Meyers Konversations-Lexikon.
In seiner berühmten Rede von 1882 Qu’est-ce qu’une nation? benannte Ernest Renan Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als die Faktoren, die das principe spirituel der Nation konstituieren. Ein Volk bilde eine Nation nicht wegen einer gemeinsamen Rasse, Sprache oder Religion, nicht wegen gemeinsamer Interessen oder wegen der Geographie, sondern vielmehr aufgrund gemeinsamer Erinnerungen an die Vergangenheit sowie aufgrund des Wunsches, gegenwärtig und künftig zusammenzuleben. Insofern sei die Nation ein tägliches Plebiszit.
Sozialwissenschaftlicher Begriff Im sozialwissenschaftlichen Kontext wird der Begriff auf sehr unterschiedliche Weise verwendet. Die marxistische und die liberale Gesellschaftstheorie ignorieren weitgehend das Problem der Nation; es stellt für sie eine Art „Anomalie“ dar oder sie setzen die historische Existenz der Nationen einfach voraus, z. B. wenn Karl Marx im Kommunistischen Manifest davon ausgeht, dass das Proletariat sich zunächst mit der je nationalen Bourgeoisie auseinanderzusetzen hat, bevor es sich vereinigt.Benedict Anderson: Imagined Communities. 2. Aufl., London/New York 1991, S. 4.
Andere Sozialwissenschaftler begreifen die Nation z. B. als gewollte Gesellschaft (so Ferdinand Tönnies), als „kulturelles Artefakt“ in Form einer vorgestellten Gemeinschaft, deren Mitglieder sich nicht gegenseitig kennen (imagined political community, Benedict Anderson),Anderson 1991, S. 4 ff. als auf primordialen Bindungen beruhende Gruppe (vgl. Clifford Geertz), ferner als historisch kontingentes Konzept (vgl. Rogers Brubaker) oder auch als Kombination vorstehender Begriffe (vgl. Anthony D. Smith). Ernest Gellner wiederum argumentiert: „Nationalism […] invents nations where they do not exist“ und verweist den Begriff damit in die Nähe des Irrealen, Eingebildeten, Ideologischen.Ernest Gellner: Thought and Change, Weidenfeld & Nicolson, 1965, S. 169.
Der auf das 18./19. Jahrhundert spezialisierte Historiker und Nationalismusforscher Otto Dann definiert Nation sowohl historisch als auch teleologisch als Gesellschaft, die „eine politische Willensgemeinschaft“ bilde. Sie wurzele in einer gemeinsamen historischen Erfahrung und verstehe sich als Solidargemeinschaft. Alle Mitglieder einer Nation seien rechtlich gleichgestellt und teilten einen Grundkonsens über die gemeinsame politische Kultur. Als Substrat liege jeder Nation ein bestimmtes Territorium zugrunde, das sogenannte Vaterland. Hauptziel jeder Nation sei der Nationalstaat, in dem sie eigenverantwortlich die Lebensverhältnisse ihrer Bürger gestalten könne (Souveränität).Zitiert nach Dieter Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. C.H. Beck, München 2000, S. 39 f. Ein solches Verständnis, das von der Bildung der europäischen Nationalstaaten ausgeht, kritisiert Anderson, wenn er argumentiert, dass Nation und Nationalismus inkohärente und philosophisch schlecht begründete Begriffe sind.Anderson 1991, S. 5. Er wendet sich jedoch auch gegen Gellners Kritik des Nationenbegriffs: Entscheidend sei nicht, ob eine Nation „echt“ oder eingebildet sei, sondern in welcher Form sie imaginiert werde, z. B. als Verwandtschaftssystem wie im alten Königreich Java. Der Nationenbegriff sei also nur scheinbar universalistisch.Anderson 1991, S. 6.
Politikwissenschaftlicher Begriff