mini|Die Vertreter der klassischen deutschen Philosophie: Kant, Fichte, Schelling, Hegel
Als Deutscher Idealismus oder Klassische deutsche Philosophie wird die Epoche der deutschen Philosophie von Immanuel Kant über Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich Hegel bis Friedrich Wilhelm Joseph Schelling bezeichnet. Als zeitliche Rahmendaten gelten meist das Erscheinen von Kants Kritik der reinen Vernunft (1781) und der Tod Hegels (1831). Sie gilt vielfach als Blütezeit der deutschen Philosophie und wird hinsichtlich seiner philosophiegeschichtlichen Bedeutung mit der klassischen griechischen Philosophie verglichen. Alternativ zur Bezeichnung „Deutscher Idealismus“ wird daher diese Epoche häufig auch als „Klassische deutsche Philosophie“ bezeichnet.So z. B. Walter Jaeschke und Andreas Arndt in ihrem Standardwerk: Die Klassische Deutsche Philosophie nach Kant: Systeme der reinen Vernunft und ihre Kritik 1785 – 1845. Beck, München 2012.
Der Deutsche Idealismus war um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in Deutschland die vorherrschende philosophische Strömung, die sich zur Aufgabe gesetzt hatte, in einem die verschiedenen philosophischen Sparten (Erkenntnistheorie, Logik, Naturphilosophie, Ethik, Staatslehre und Metaphysik) umfassenden Gesamtentwurf („System“) das Ganze der Welt auf „wissenschaftliche“ Weise erschöpfend zu erkennen und darzustellen. In Auseinandersetzung mit den von Kant in der Kritik der reinen Vernunft aufgeworfenen Problemen entstand eine Fülle sich abwechselnder Systementwürfe, wobei die Werke von Fichte, Hegel und Schelling eine zentrale Stellung einnehmen. Die Klassische deutsche Philosophie stand mit der Weimarer Klassik und der Romantik in vielfältiger Wechselwirkung.
Einführung Begriff Der Terminus Deutscher Idealismus wurde von seinen Vertretern nicht verwendet. Er wurde erst in den 1840er Jahren von seinen materialistischen Gegnern eingeführt;Vgl. Karl Marx, Friedrich Engels; Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, 1845. in neutraler Bedeutung tauchte der Begriff erst ab den 1860er Jahren auf.Vgl. z. B.: F. A. Langes: Geschichte des Materialismus, 1865.
Der Begriff ist bis heute nicht unumstritten, da er die Vorstellung einer Einheitlichkeit oder eines Aufeinander-Folgens innerhalb dieser Denkbewegung in den Vordergrund stellt und dabei die Konflikte zwischen ihren Vertretern in den Hintergrund rückt. Zudem ist die Wortwahl „Deutscher Idealismus“ etwas irreführend, denn er war keine rein deutsche Erscheinung, sondern interagierte mit den Philosophien anderer nationaler Kulturen auf unterschiedlichste Weise.
Strittig ist auch die Stellung von Immanuel Kant und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling innerhalb dieser Epoche. Die klassische Sicht von Richard KronerVgl. R. Kroner: Von Kant bis Hegel, 1921–24. begreift den Denker Kant als Anfang und Hegel als Ende und Höhepunkt dieser Bewegung. Für Nicolai Hartmann dagegen ist der Deutsche Idealismus eine „nachkantische“ Bewegung, die sich in einen Gegensatz zu Kant und seinem kritizistischen Ansatz setzt.Nicolai Hartmann: Die Philosophie des Deutschen Idealismus, 3. Auflage. Berlin / New York 1974. Walter Schulz und Harald Holz betrachten, letztgenannter unter Einbeziehung des Neuplatonismus, schließlich nicht Hegel, sondern Schelling als Vollender des Deutschen Idealismus.Walter Schulz: Die Vollendung des Deutschen Idealismus in der Spätphilosophie Schellings, 2. Auflage. Pfullingen 1975.
Bisweilen werden die vertretenen Varianten des Idealismus in einen kritischen und einen spekulativen Idealismus unterschieden.Vgl. z. B. Detlev Petzold, in Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Handbuch Deutscher Idealismus, 22. Zur ersteren Variante werden die Philosophien Kants, des frühen Fichte und frühen Schelling gezählt, zur letzteren die Spätphilosophien Fichtes und Schellings und die gesamte Philosophie Hegels.
Merkmale Die Hauptmerkmale des Deutschen Idealismus sind die Thesen der Existenz geistiger Entitäten (Wesenheiten), einer von den Vorstellungen denkender Subjekte nicht unabhängig existierenden Außenwelt und die am MenschenbildErhard Lange (Hrsg.): Philosophie und Humanismus – Beiträge zum Menschenbild der deutschen Klassik. (Beiträge zur Geschichtsphilosophie der deutschen Klassik. Collegium Philosophicum Jenense. Heft 2) Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1978. verdeutlichte Überzeugung von der Begründbarkeit des menschlichen Handelns aus Vernunftprinzipien. Die für diese Philosophie charakteristische Textform ist die große, systematisch aufgebaute Lehrdarstellung, die den Inhalt nach einem einheitlichen Prinzip deduktiv (Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere) entwickelt. Diese Darstellungen zeichnen sich durch eine hohe Dichte und Genauigkeit aus. Sie zählen nicht nur zu den gehaltvollsten und einflussreichsten Schriften der Philosophiegeschichte, sondern auch zu den am schwersten zugänglichen. Viele davon wurden bis heute nicht vollständig aufgearbeitet.
Die Philosophie Kants als Ausgangspunkt Die Philosophie Kants ist der Anknüpfungspunkt für die Philosophie des Deutschen Idealismus. Grundsätzlich wird anerkannt, dass das folgende Prinzip der kantischen Philosophie den Prinzipien aller vorkantischen Philosophie überlegen ist: Alles Wissen auf dem Wege der transzendentalen Reflexion (vertieftes Nachdenken) ist in der Einheit des Ichbewusstseins verankert (transzendentale Apperzeption). Kant hatte jedoch offene Probleme bezüglich des Verhältnisses von Anschauung und Denken, theoretischer und praktischer Vernunft, Subjekt und Objekt hinterlassen, die der Deutsche Idealismus zu überwinden trachtete.
Kant hatte in der Kritik der reinen Vernunft Anschauung und Denken als die zwei Stämme der Erkenntnis angegeben. Die Frage nach ihrer gemeinsamen Wurzel wurde von ihm offengelassen. Die theoretische Vernunft blieb auf den Bereich möglicher Erfahrung und bloßer Erscheinung beschränkt. Metaphysik als Wissenschaft war demzufolge nicht möglich. Die theoretische Vernunft konnte dem Handeln keinerlei Normen geben und die unbedingte Verbindlichkeit des sittlichen Sollens nicht begründen. Das Sittengesetz wurde alleine in der praktischen Vernunft verankert. Deren „Postulate“ (Freiheit des Willens, Unsterblichkeit der Seele, Existenz Gottes) wurden bei Kant zwar als Voraussetzung sittlichen Handelns gedacht, konnten aber das theoretische Wissen nicht erweitern. So fielen beide Bereiche auseinander, obwohl es sich doch um ein und dieselbe Vernunft – in ihrer theoretischen und praktischen Funktion – handeln sollte.
Die zentrale Hinterlassenschaft Kants war das ungeklärte Verhältnis von Subjekt und Objekt. Kants „kopernikanische“ Einsicht war, dass nicht unsere Erkenntnis sich nach den Gegenständen, sondern umgekehrt die Gegenstände sich nach der Erkenntnis richten. Zugleich aber hielt er daran fest, dass die menschliche Erkenntnis kein produktives, sondern ein rezeptives Vermögen sei – affiziert von einem unerkennbaren „Ding an sich“.
Fragestellungen
Erkenntnis und Wissen Kant Kants Theorie der Erkenntnis knüpft an den britischen Empirismus, den kontinentalen Rationalismus und sensualistisch-materialistische Theorien der französischen Aufklärung an. Sein Ausgangspunkt ist die praktische Frage der Aufklärung, wie sich die Menschen aus ihrer „beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herausarbeiten“ können. Kant konzentriert sich zunächst auf eine Kritik der reinen Vernunft, die zu einer Erneuerung der Erkenntnistheorie führt und auch zur Veränderung der allgemeinen intellektuellen Kultur beiträgt.
Sein vorrangiges Interesse gilt dem Zusammenhang von Sinnlichkeit und Verstand als den beiden komplementären „Säulen“ des menschlichen Erkenntnisvermögens. Seine zentrale Fragestellung ist, wie apriorische (vor der Erfahrung) Erkenntnis und objektives Wissen bzw. „synthetische Sätze a priori“ möglich sind.Kant: Kritik der reinen Vernunft B 74 ff./A 50 f. Die dabei von Kant neu in die erkenntnistheoretische Debatte eingeführten Elemente sind vor allem:Zum Folgenden vgl. Hans Jörg Sandkühler, in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Handbuch Deutscher Idealismus, S. 89. Die Theorie von Raum und Zeit als notwendige Formen der Anschauung. Raum und Zeit sind hinsichtlich aller möglichen Gegenstände der Sinne objektiv gültig und haben empirische Realität; sie „hängen“ aber nicht an den Dingen an sich, sondern sind Zuschreibungen erkennender Subjekte. Die transzendentale Deduktion der Kategorien als Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung. Die Theorie der transzendentalen Apperzeption. Das „Ich denke“ begleitet all unsere Vorstellungen und stellt die Bedingung der Möglichkeit der Einheit des Selbstbewusstseins dar. Die Lehre vom Schematismus, in der das Verhältnis zwischen Kategorien, reinen Anschauungen und in der Anschauung gegebenen Sinnesdaten bestimmt wird. Die Theorie von den Ideen der Vernunft, die eine regulative Funktion haben, obwohl sie die Grenzen der Erfahrung überschreiten (Gott, Freiheit und Unsterblichkeit).
Fichte Fichtes Programm ist die Befreiung „von den Fesseln der Dinge an sich“ und die Auflösung von Kants Dualität (Zweiheit) von Denken und objektiver Welt. Dazu arbeitet er – inspiriert von Kant und Carl Leonhard Reinhold – in verschiedenen Varianten von 1794 bis 1813 in seiner Wissenschaftslehre einen Systemansatz aus, in dem er eine monistische, subjekt-zentrierte Konzeption des Wissens entwickelt. Fichte sieht seine Wissenschaftslehre selbst in der Kantischen Tradition.Fichte: System der Sittenlehre, § 13, SW IV, S. 156.
Während jedoch bei Kant die Dinge, wie sie an sich selbst sind, eine subjektunabhängige Erkenntnisquelle darstellen und als Ursache des Anschauungsmaterials angenommen werden, lässt Fichte die Vernunft aus sich selbst und frei von äußerer Determination sich selbst und ihre Objekte „setzen“.Vgl. Maciej Potepa, Lothar Knatz, Hans Jörg Sandkühler, in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Handbuch Deutscher Idealismus, S. 94.
Der Grund aller Erfahrung muss für Fichte „notwendig außer aller Erfahrung“Fichte: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, in: Fichte, J. G: Erste und zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, hrsg. v. F. Medicus, Hamburg 1961, S. 10 f. sein. Dies ist für ihn das erkennende Ich, das sich selbst und frei von äußerer Determination zugleich seine Objekte, das Nicht-Ich, „setzt“. Fichte sieht zwei Erklärungssysteme in Konkurrenz zueinander: den Idealismus und den Dogmatismus. Während der Dogmatismus zugunsten des Dings an sich von der Intelligenz abstrahiert, abstrahiert der Idealismus, dem Fichtes Wissenschaftslehre folgt, im Interesse der Rettung der Freiheit der Intelligenz von den realen Gegenständen.Fichte: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, in: Fichte, J. G: Erste und zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, hrsg. v. F. Medicus, Hamburg 1961, S. 12 ff. Das Ding an sich ist so für Fichte „eine bloße Erdichtung und hat gar keine Realität“. Fichte führt dagegen ein „Ich an sich“ als Grundlage aller Erfahrung ein.Fichte: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, in: Fichte, J. G: Erste und zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, hrsg. v. F. Medicus, Hamburg 1961, S. 14. Der Unterschied zwischen dem Apriori und dem Aposteriori entfällt so für Fichte.Fichte: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, in: Fichte, J. G: Erste und zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, hrsg. v. F. Medicus, Hamburg 1961, S. 34. Am Nicht-Ich hat das Ich eine selbstgesetzte Grenze, die es überschreitet, sobald es das, was nicht Ich ist, als Produkt des eigenen Handelns begreift.
Schelling