mini|Eine Seite aus dem Manuskript zu Suite française Suite française ist der Titel eines auf fünf Teile geplanten, aber unvollendet gebliebenen Romans von Irène Némirovsky, einer französischen Schriftstellerin mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln. Nachdem sie nur zwei Teile des Romans fertiggestellt hatte („Sturm im Juni“ und „Dolce“), wurde sie im Juli 1942 als Jüdin in Pithiviers festgenommen und dann nach Auschwitz deportiert, wo sie am 17. August 1942 an Fleckfieber starb.

Das Manuskript der ersten beiden Romanteile wurde von ihren Töchtern in einem Koffer aufbewahrt, die es aber erst 1998 als Romanmanuskript erkannten. Es wurde in einem Band unter dem Namen Suite française 2004 auf Französisch veröffentlicht, war sofort ein Erfolg und führte seither zur Wiederentdeckung ihres Werkes, das seit Ende der 1920er Jahre eine bekannte Schriftstellerin aus ihr gemacht hatte, die dann vergessen wurde. 2005 erschien die deutsche Übersetzung von Eva Moldenhauer im Knaus Verlag. Das Buch schildert im ersten Teil die überstürzte Flucht von Pariser Bürgern unterschiedlicher Schichten, sowohl von Intellektuellen und Angehörigen der Bourgeoisie als auch einfachen Menschen, angesichts der drohenden Eroberung der Stadt durch die Deutschen im Juni 1940. Der zweite Teil handelt von der Einquartierung eines deutschen Regiments in dem kleinen Ort Bussy im Jahr 1941 und von den Beziehungen der Besatzer zur einheimischen Bevölkerung.

Inhalt Sturm im Juni Die Handlung beginnt mit dem Tagesanbruch des 4. Juni 1940 in Paris, nachdem tags zuvor zum ersten Mal deutsche Bomben auf die Stadt gefallen sind und die Bewohner sich auf die Flucht aus der Stadt vorbereiten, um dem von Norden vorrückenden Feind zu entkommen. Némirovsky stellt ausgewählte Personengruppen wie auch Individuen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten vor, die sich nach der Niederlage der französischen Truppen in der schnellen Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung und dem Zerfall der Institutionen um ein Davonkommen bemühen und in Richtung Süden aufbrechen. Die 31 Kapitel sind vor allem durch diesen Rahmen und nur teilweise durch Personen, die mit solchen anderer Handlungsstränge zu tun haben und auch im zweiten Teil vorkommen, miteinander verbunden.Die Seitenangaben beziehen sich auf: Irène Némirovsky, Suite française, Albrecht Knaus: München 2005. – Die 2007 bei btb erschienene Taschenbuchausgabe ist bis auf das Nachwort von Myriam Anissimov mit der gebundenen Ausgabe seitengleich.

Die großbürgerliche Familie Péricand wird von der Mutter Charlotte geführt. Ihr Mann, als Konservator in der staatlichen Museumsverwaltung tätig, muss noch für die Bewahrung von Kunstschätzen sorgen und vorläufig zurückbleiben. Frau Péricand kümmert sich um ihren vermögenden alten Schwiegervater und vier ihrer fünf Kinder im Alter zwischen 2 und 17 Jahren. Der älteste Sohn ist Pfarrer in der Auvergne, hält sich gerade in Paris auf und soll eine 30-köpfige Gruppe von verwaisten Fürsorgezöglingen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren in die Nähe seiner Gemeinde in Sicherheit bringen. Sie werden von einer vom alten Péricand ins Leben gerufenen Stiftung betreut. Charlotte möchte mit Schwiegervater, Kindern und Dienstpersonal nach Nîmes zu ihrer Familie gelangen. Auf der kaum planbaren Reiseroute wird bei einem Halt und der überstürzten Abreise aus einem in Brand geratenen Dorf der auf seinen Rollstuhl angewiesene Schwiegervater – versehentlich? (S. 139) – zurückgelassen, nachdem der 17-jährige Hubert heimlich die Familie verlassen hat, um sich noch kämpfenden Truppenteilen anzuschließen. In ein Hospital gebracht, lässt der sterbende Péricand einen Notar rufen, dem er sein Testament diktiert. Die christliche Nächstenliebe von Philippe Péricand, dem Pfarrer, wird von der Jungengruppe in der Nähe der Loire auf die Probe gestellt. Er findet zu den verschlossenen Jungen keinen rechten Zugang und will sie schnell loswerden. Jedoch verliert er die Kontrolle über sie, die sonst gefügig auf die Töne der Trillerpfeife reagieren, als sie in der Nähe eines verlassenen Schlosses lagern. Zwei der 18-Jährigen, die nachts im Schloss plündern wollen und denen er folgt, schlagen ihn nieder, während die anderen herbeikommen und ihn aus einem Schlossfenster werfen, zum Teich schleppen und mit Steinen bewerfen. Dort bleibt er im Schlamm stecken und stirbt. Charlotte Péricand erfährt, im Juli in Nîmes angelangt, dass ihr Schwiegervater gestorben und angeblich ihre Söhne Philippe bei einem Unfall und Hubert bei Kämpfen bei Moulins gegen die Deutschen ums Leben gekommen seien. Noch bevor das für die Toten anberaumte Requiem stattfindet, taucht Hubert aber unversehrt auf.

Gabriel Corte, anerkannter Schriftsteller und mit der Abfassung eines neuen Werkes beschäftigt, möchte die Unglücksnachrichten am liebsten gar nicht wahrhaben und in Paris bleiben, wo er sich um einen Sitz in der Académie française bemüht, um zu den 40 „Unsterblichen“ zu gehören, wie deren auf Lebenszeit gewählte Mitglieder genannt werden. Seine Geliebte Florence muss zum Aufbruch rüsten und darf vor allem das Romanmanuskript nicht vergessen. Die Flucht zwingt ihm die Nähe mit Menschen auf, mit denen er sonst nichts zu tun haben will und die ihm Ekel einflößen. Er muss die Erfahrung machen, dass seine Geldmittel nicht reichen, ihm zum Beispiel in Orléans zu einer angemessenen Unterkunft zu verhelfen. Er erwägt, Frankreich über Bordeaux zu verlassen, erlebt aber so viele Unannehmlichkeiten, dass er schließlich unter Verzicht auf alle Privilegien für die einfachsten Dinge dankbar ist, weil er ganz einfach hungrig und durstig ist (Kapitel 17). Mit Florence gelangt er nach Vichy, wo sich noch im Juni das von den Deutschen geduldete Vichy-Regime für die „unbesetzte Zone“ bildet, wird im Grand Hôtel vom Direktor sogleich als Stammgast willkommen geheißen und kann wieder mit seinesgleichen verkehren. Denn es sind bereits fünf der französischen Schriftsteller von Rang dort eingetroffen. Er fragt sich jedoch, ob sein angefangener Roman noch in die Zeit passe (S. 191).

Das kleinbürgerliche Ehepaar Maurice und Jeanne Michaud arbeitet in der Bank des mit dem Grafen Furière assoziierten Corbin und soll in Corbins Pkw mit nach Tours reisen, wo die Fortsetzung der Banktätigkeit von einer Filiale aus geplant ist. Maurice Michaud ist seit 15 Jahren Buchhalter, Jeanne seit Kriegsbeginn Corbins Sekretärin. Ihr einziger Sohn Jean-Marie ist zum Kriegsdienst eingezogen. Da Corbin aber von seiner Geliebten, der Tänzerin Arlette Corail, gedrängt wird, sie im Wagen nach Tours mitzunehmen, müssen die beiden versuchen, mit dem Zug ans Ziel zu gelangen. Der Bahnhof ist überfüllt, so dass sie sich vergeblich um Zugang bemühen und auf die Straße ausweichen müssen, um im Treck der flüchtenden ärmeren Bevölkerung zu Fuß mitzulaufen. Sie geraten in Fliegerangriffe, da sich unter den Flüchtenden auch Truppenteile befinden, steigen auf einen Militär-LKW und erleben, wie ein Bahnhof, wo ein Zug nach Tours zusammengestellt werden soll, bombardiert und ein Sanitätskonvoi getroffen wird. In diesem Konvoi befindet sich der verletzte Jean-Marie, der auf einen Lkw in ein abgelegenes Bauernhaus transportiert wird. Dort wird er von drei Frauen der Familie Labarie versorgt und erholt sich vor allem durch die Zuwendung Madeleines, die dem Sohn des Hauses versprochen ist.Jean-Maries Eltern kommen nicht weiter, da die Bahngleise zerstört sind, und kehren nach 14 Tagen nach Paris zurück, wo sie brieflich Verbindung zur Bank aufzunehmen versuchen. Kein einziger Angestellter hat sich nach Tours durchgeschlagen. Auch Corbin hat in der überfüllten und zerstörten Stadt keine Unterkunft gefunden und Arlette Corail verloren. Die flieht mit Corbins Wagen aufs Land, wo sie in einem Gasthof unterkommt und sich um den vor den Deutschen geflohenen Hubert Péricand kümmert, den sie in die Liebe einführt.Corbin gelangt nach Paris zurück, wo er mit Furière die über ganz Frankreich zerstreuten Bankangelegenheiten wieder zusammenführt und beginnt, sich mit den Deutschen auf Geschäfte einzulassen. Er weiß seine Frau in der unbesetzten Zone und Arlette in Bordeaux. Den Michauds wirft er vor, sich zu spät gemeldet zu haben, und lässt ihnen die fristlose Kündigung zukommen, die nur dadurch abgemildert wird, dass es Jeanne gelingt, von Furière sechs Monatsgehälter als Abfindung zu bekommen.Jean-Marie Michaud verlässt nach seiner Genesung den Bauernhof, auf den der Sohn Benoît zurückkehrt, nachdem er mit einem Freund aus deutscher Gefangenschaft geflohen ist. Er findet in Paris seine Eltern wieder.

Charlie Langelet ist ein gut situierter 60-jähriger Junggeselle, dessen ganze Leidenschaft seiner Porzellansammlung gilt und der die allzu große Nähe zu seinen Mitmenschen meidet. Er zählt sich zu den „happy few“ (S. 141), zu den wenigen Glücklichen, ein Begriff, der bei Shakespeare („Heinrich V.“) Eingang in die Literatur fand. Ausgesuchte Exemplare seiner Sammlung begleiten ihn auf seiner Flucht, die er nach Spanien plant. In Lissabon möchte er „das abscheuliche, bluttriefende Europa“ verlassen (S. 51). In der Nähe von Gien geht ihm, der ohne Dienstboten allein reist, das Benzin aus. An den Tankstellen gibt es keines mehr. Es gelingt ihm bei einer Rast, ein junges Paar zu übertölpeln und es um dessen Reservekanister zu bringen. Nach halbjähriger Abwesenheit kehrt er, ohne dass seine weiteren Stationen Erwähnung finden, nach Paris zurück, wo er, nachdem er neues Dienstpersonal engagiert hat, bei einem Gange zu einem Treffen mit Bekannten beim unvorsichtigen Überqueren einer Straße stürzt, vom Auto von Arlette Corail, die gerade aus Bordeaux zurückgekehrt ist, erfasst wird und mit zertrümmertem Schädel stirbt.

Dolce Der zweite Teil trägt den aus der Musik entlehnten Titel (dolce = sanft, weich, lieblich). Er umfasst 22 Kapitel und spielt in dem fiktiven Dorf Bussy im südlichen Burgund im Zentrum Frankreichs, unweit von Moulins und Vichy noch im von Deutschen besetzten Landesteil am Rande zur unbesetzten Zone.Némirovsky hatte mit ihrer Familie ebenfalls in Südburgund in Issy-l’Évêque Zuflucht gefunden und dort mit der Arbeit an dem Roman begonnen.