Das Lessing-Gymnasium ist ein Gymnasium im Berliner Ortsteil Wedding des Bezirks Mitte. Es trägt den Namen des deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing.
Die Lehranstalt blickt auf eine wechselvolle Chronik zurück, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Einst ein humanistisches Gymnasium für Bessergestellte, sieht sich die Schule nach wie vor der Werteerziehung verpflichtet. Die pädagogische Arbeit der Gegenwart resultiert aus dem soziokulturellen Umfeld im Ortsteil Wedding sowie der Notwendigkeit differenzierter Lehr- und Lernmethoden.
Nach mehr als 60 Jahren in der Pankstraße am Gesundbrunnen ist das Gymnasium seit 1945 in einem denkmalgeschützten Gebäude in der Schöningstraße beheimatet.
Geschichte Schulleiter 1882–1914 Johannes Quaatz 1914–1921 Rudolf Meyer 1921–1924 Karl Schmeing 1924–1934 Otto Freitag 1934–1939 Johannes Reiske 1939–1945 unbekannt 1945 Wilhelm Wendisch 1945–1958 Willy Werdermann 1958–1973 Rudolf Müller 1973–1988 Werner Lehert 1988–1989 Udo Gerrmann (komm.) 1989–1990 Herbert Klauß (komm.) 1990–2006 Anita Mächler 2006–2007 Manfred Heimberg (komm.) seit 2007 Michael Wüstenberg
1882–1945 mini|hochkant=0.85|Siegelmarke des Lessing-Gymnasiums Berlin (verwendet zwischen 1850 und 1923)
Das Lessing-Gymnasium wurde am 17. April 1882 als Städtisches Progymnasium für die Stadttheile Wedding und Gesundbrunnen mit sechs Klassen und 113 Schülern gegründet. In den ersten Jahren war das Gymnasium in der bestehenden 118. Gemeindeschule in der Pankstraße 7/8 und in gemieteten Privaträumen untergebracht. Von 1884 bis 1887 wurde für insgesamt 562.000 Mark wenige Häuserblocks entfernt ein Gebäudekomplex nach den Vorgaben des Stadtplaners Hermann Blankenstein errichtet. Die Investition umfasste unter anderem ein Klassengebäude für 316.000 Mark, eine Turnhalle für 76.500 Mark sowie ein Direktorenwohnhaus zur dienstlichen und privaten Nutzung für 100.000 Mark. Am 1. August 1886 wurde der Neubau bezogen und Ostern 1887 mit der Eröffnung der Prima unter dem Namen Lessing-Gymnasium als humanistisches Gymnasium anfangs ausschließlich für Jungen anerkannt. Erster Schulleiter war Johannes Quaatz, dessen besonderes Interesse nicht zuletzt durch seine 1867 veröffentlichte Dissertation De conscientiæ apud Kantium notione über Immanuel Kant philosophischen Themen galt. Der als streng charakterisierte Quaatz verstarb im Januar 1914, sein Nachfolger wurde Rudolf Meyer.
Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Schülerzahl kontinuierlich auf 400 bis 500 an. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums wurde der Schule 1907 eine Marmorbüste ihres Namenspatrons übereignet. Das Werk stammt von dessen Urgroßneffen Otto Lessing, einem bekannten Bildhauer des Historismus, und befindet sich heute an der Stirnseite der Aula. 1922 ergänzte der damalige Direktor Schmeing das Gymnasium um einen Realschulzweig und eine Aufbauschule. Letztere sollte es begabten „Volksschülern“ ermöglichen, die Reifeprüfung bereits nach jeweils sechs Grund- und Oberschuljahren abzulegen. Im Aufbauzweig waren ab etwa 1927 auch Mädchen zugelassen, das Lessing-Gymnasium wurde fortan als „besonders bedeutungsvolle Schule“ gewürdigt. Ostern 1928 legten die ersten elf Oberprimaner der Aufbauschule ihr Abitur ab. Das 50-jährige Bestehen unter dem Direktor Otto Freitag fiel 1932 mit dem 100. Todestag von Johann Wolfgang von Goethe zusammen.
Die Entwicklung der Schule von 1933 bis 1945 wurde durch das politische Umfeld des Nationalsozialismus geprägt. So waren Mädchen für den Aufbauschulzweig nicht mehr zugelassen, die Schulzeit betrug nur noch zwölf Jahre und der Gymnasialzweig musste 1937 vom damaligen Direktor Johannes Reiske auf Weisung der Hauptschulverwaltung in die „Hauptform“ umgewandelt werden. Dieser Bedeutungsverlust ging einher mit einer zwischenzeitlichen Umbenennung in Deutsche Oberschule für Jungen.
Trotz Beschädigungen blieben die Gebäude in der Pankstraße im Zweiten Weltkrieg mit Ausnahme der Sporthalle von der Zerstörung verschont. Dennoch wurde die Lessing-Oberschule 1945 an den gegenwärtigen Standort in der Schöningstraße verlegt. In die baufälligen Häuser der Pankstraße 18/19 zogen zunächst die 2. Mädchen-Mittelschule und wenig später die ersten drei Klassen einer Realschule ein. Diese erhielt am 6. Februar 1956 in Anwesenheit des Sohnes von Herbert Hoover den Namen Herbert-Hoover-Schule.
1945–1982 mini|Eingangsschild in der Schöningstraße
Nach Kriegsende wurde das Lessing-Gymnasium in der Schöningstraße 17 mit dem Schiller-Lyzeum (später: Charlotte-von-Lengefeld-Schule) und der 6. Oberrealschule (später: Mackensen-Schule) vereinigt. Am 3. Mai 1945 übernahm Wilhelm Wendisch die Oberaufsicht über 263 Schüler und 14 Lehrer in zehn Klassen. Die Aufräumarbeiten dauerten fast einen ganzen Monat, ehe der reguläre Unterricht am 28. Mai beginnen konnte. Zwei Tage später war die Anzahl Klassen bereits auf 13 angewachsen. Wendisch verstarb Ende 1945. Der neue Direktor Willy Werdermann führte die Schule anschließend durch die von weiteren Aufbau- und Konsolidierungsmaßnahmen gekennzeichneten Nachkriegsjahre. Die Schülerzahl stieg während dieser Zeit auf über 1000 an.
Am 1. April 1953 zog ein Teil der Lehrer und Schüler in die Lütticher Straße 47/48 um. Sie bildeten damit die personelle Basis für das Ranke-Gymnasium als neue Lehranstalt, welches später in die Putbusser Straße 12–15 verlegt und zu Beginn des Schuljahres 2001/2002 mit dem Diesterweg-Gymnasium zusammengelegt wurde. Im Lessing-Gymnasium verblieben 19 Klassen mit 583 Schülern und 21 Lehrern, mit der Aufnahme der 2. Grundschule (Goethepark-Schule) nahm die Zahl der Klassen auf knapp 40 zu.
Ein Jahr nach der 75-Jahr-Feier am 27. Mai 1957, deren Höhepunkt die Aufführung von Lessings Minna von Barnhelm als Schülertheaterstück darstellte, übernahm Rudolf Müller die Leitung. In dessen Amtszeit fiel ein wichtiger Beschluss: Im Rahmen der Kultusministerkonferenz vom September 1960 führte die Saarbrücker Rahmenvereinbarung zu einer Reduktion der Zahl der Pflichtfächer und eröffnete den Schülern neue Wahlmöglichkeiten mit dem Ziel einer Spezialisierung. Diese Ansätze wurden 1961 in den Stuttgarter Empfehlungen konkretisiert und mündeten zum Schuljahr 1973/1974 in die reformierte Oberstufe mit Kurssystem.
Von 1964 bis 1966 erfolgte die Instandsetzung und Modernisierung des Schulgebäudes sowie der Bau einer Turnhalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, deren feierliche Einweihung am 19. Dezember 1964 stattfand.
1969/1970 drehte der Regisseur Eberhard Fechner die zweiteilige Fernsehdokumentation Klassenphoto – Erinnerungen deutscher Bürger, in der die Aufarbeitung deutscher Geschichte anhand der persönlichen Lebenswege von ehemaligen Abiturienten des Lessing-Gymnasiums seit dem Abschlussjahr 1937 thematisiert wurde.
Nach der Pensionierung von Müller im Mai 1973 und der Berufung von Werner Lehert zum Direktor begannen im April 1977 weitere Sanierungsarbeiten, die im Sommer 1979 abgeschlossen waren. Ein Jahr nach dem 200. Todestag Lessings fand am 21. April 1982 zum 100-jährigen Bestehen des Gymnasiums ein Festakt im Carl-Friedrich-Gauß-Saal der Technischen Fachhochschule Berlin statt. In Anwesenheit der damaligen Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien, der Bezirksbürgermeisterin Erika Heß und des Altgermanisten Peter Wapnewski wurden unter anderem Szenen aus Emilia Galotti von Schülern des Kurses Darstellendes Spiel aufgeführt.
Seit den 1990er Jahren Nach der erneuten Renovierung im Jahr 1987 veränderte sich die Lage Berlins infolge einschneidender Ereignisse, zu denen insbesondere die deutsche Wiedervereinigung 1990 und das Gebietsreformgesetz von 1998 als Teil der Verwaltungsreform gehören. Durch verstärkte Zuwanderung nahm der Migrantenanteil der Schule im neuen Jahrtausend auf über 60 Prozent zu. Wurde das Gymnasium aus Anlass der 125-Jahr-Feier von Bildungssenator Jürgen Zöllner und Bezirksbürgermeister Christian Hanke noch am 3. Mai 2007 für seine vorbildliche Arbeit gelobt, so sahen sich im Januar 2009 mehrere Rektoren aus dem Bezirk Mitte gezwungen, in einem öffentlichen Brandbrief auf Missstände der Berliner Bildungspolitik hinzuweisen. Unter anderem forderte das Lessing-Gymnasium verlässliche Rahmenbedingungen für die Bewältigung der Probleme bei der Integration in sogenannten „Problemkiezen“ sowie die Bereitstellung ausreichender finanzieller Mittel zur Sanierung der teilweise maroden Bausubstanz.
Im Zuge der „strategischen Neuausrichtung des Schulversuchs zur Individualisierung des gymnasialen Bildungsgangs“ (Schnelllernerklassen) bietet das Lessing-Gymnasium seit dem Schuljahr 2011/2012 einen Bildungsgang beginnend mit der fünften Jahrgangsstufe für Intensivlerner an, der mit zusätzlichen Angeboten angereichert ist. Im sogenannten Enrichment-Bereich finden verpflichtend für alle Schüler der Schnelllernerklassen im fünften Schuljahr parallel zwei Kurse statt, deren Inhalte von den Fachbereichen konzipiert und jeweils an veränderte Bedingungen wie Schülerinteressen und Ausstattung angepasst werden. Begabte und hochbegabte Schülerinnen und Schüler werden dabei nach den Prinzipien von Akzeleration und Enrichment ohne kollektives Überspringen der 8. Klasse gefördert. In Zusammenarbeit mit Grundschulen koordiniert das Lessing-Gymnasium seit 2009 einen Verbund der beteiligten Schulen des Bezirkes Mitte zur Hochbegabtenförderung. Alle Maßnahmen zur Hochbegabtenförderung wurden seit 2004 im Rahmen des Schulversuchs „Regionale Begabtengruppen am Nachmittag“ erprobt. Beginnend mit dem Schuljahr 2013/2014 wurde der bisherige Schulversuch in ein Regelangebot der Berliner Schule überführt.
Architektur mini|links|Dockenbrüstung mini|hochkant=0.8|Relief (Dreifuß)
Das denkmalgeschützte Gebäude in der Schöningstraße ist das Ergebnis einer städtebaulichen Maßnahme vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu jener Zeit stieg die Einwohnerzahl im Wohngebiet nördlich der Seestraße schnell an. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann ließ daraufhin in den Jahren 1909–1911 am Schillerpark zwei neue Schulhäuser als 262. und 276. Gemeindeschule errichten.
Der viergeschossige Bau besteht aus einem Hauptflügel und zwei Seitentrakten, die den inneren der insgesamt drei Schulhöfe umschließen. Die zentrale Einfahrt verläuft unter dem dreistöckigen Lehrerwohnhaus, das eine Werksteinfassade mit klassizistischen und spätbarocken Elementen aufweist. Architektonisch bedeutsam sind neben vorgesetzten Kalksteinquadern im Erdgeschoss auch Wandpfeiler mit ionischen Kapitellen, Dockenbrüstungen vor den Fenstern im zweiten Geschoss, das Mansarddach im Barockstil sowie ein klassizistisch anmutendes Zwerchhaus mit Dreiecksgiebel. Die Reliefs zwischen den Fenstern wurden in Anlehnung an einen antiken Dreifuß vom Bildhauer Josef Rauch gefertigt.
Lehrangebot Der Unterricht ist auf eine Fünf-Tage-Woche verteilt. Im Schuljahr 2014/2015 wurde am Lessing-Gymnasium der offene Ganztagsbetrieb (OGT) mit zahlreichen zusätzlichen Angeboten an den Nachmittagen eingeführt.
Das Lessing-Gymnasium vergibt zwei schulische Abschlüsse des Landes Berlin: Mittlerer Schulabschluss (MSA) nach Klassenstufe 10 Abitur am Ende der Qualifikationsphase
eEducation Das Lessing-Gymnasium ist Modellschule im eEducation-Masterplan. Das von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport im September 2005 verabschiedete Investitionsprogramm versorgt ausgewählte Berliner Schulen mit einer umfangreichen IT-Ausstattung. Verträge mit externen Firmen sichern die „technische IT-Betreuung“ bei Wartung und Betrieb. Darüber hinaus stehen speziell ausgebildete Lehrkräfte dem gesamten Kollegium bei der Ausgestaltung IT-gestützter Unterrichtskonzepte als „pädagogische IT-Betreuung“ beratend zur Seite.