Der Warthin-Tumor (benannt nach Aldred Scott Warthin, US-amerikanischer Pathologe, Ann Arbor, 1866–1931) ist eine gutartige Neoplasie oder tumorartige Läsion, die sich nahezu ausschließlich im Bereich der Ohrspeicheldrüse, selten in benachbarten Halslymphknoten oder anderen Lokalisationen manifestiert.R. H. W. Simpson, J. W. Eveson: Warthin tumour. In: Pathology and Genetics of Head and Neck Tumours. IARCPress, Lyon 2000.A. Teymoortash: Head and neck: Salivary gland: Warthin's Tumors. In: Atlas Genet Cytogenet Oncol Haematol. April 2008. http://atlasgeneticsoncology.org//Tumors/WarthinsTumID5424.html Nach dem pleomorphen Adenom ist der Warthin-Tumor der zweithäufigste benigne Speicheldrüsentumor.S. Dubner: Parotid Tumors, Benign (20. November 2008); http://emedicine.medscape.com/article/1289560-overview
Klinisch zeichnet sich der Tumor durch ein langsames Wachstum aus; eine maligne Entartung wird in wenigen Einzelfällen beobachtet. Ein Rezidiv nach chirurgischer Entfernung ist selten.
Synonyme Gleichbedeutend gebraucht werden bisweilen Bezeichnungen wie Adenolymphom, Zystadenolymphom, papilläres Cystadenoma lymphomatosum, Cystadenoma lymphomatosum papilliferum oder Cystadenolymphoma papilliferum. Um eine Verwechslung mit malignen Lymphomen oder dem Lymphadenom zu vermeiden, wird jedoch empfohlen, die Bezeichnung Warthin-Tumor zu verwenden. Nur noch historische Bedeutung haben die Begriffe Albrecht-Arzt-Tumor oder Albrecht-Arzt-Warthin-Tumor.
Geschichte Die Ersterwähnung des Warthin-Tumors erfolgte bereits 1895 durch den deutschen Chirurgen Otto Hildebrand (1858–1927) unter der Bezeichnung Adenolymphom.O. Hildebrand: Über angeborene epitheliale Cysten und Fisteln des Halses. In: Arch Klin Chir. 49, 1895, S. 167–206. Nach der genaueren Beschreibung der Entität durch Heinrich Albrecht und Leopold Arzt um 1910H. Albrecht, L. Arzt: Beiträge zur Frage der Gewebsverirrung. Papilläre Cystadenome in Lymphdrüsen. In: Frankfurt Ztschr f Path. 4, 1910, S. 47. führte Warthin den Begriff 1929 als papilläres Cystadenoma lymphomatosum. in das amerikanische Schrifttum ein.A. S. Warthin: Papillary cystadenoma lymphomatosum. A rare teratoid of the parotid region. In: J Cancer Res. 13, 1929, S. 116.
Epidemiologie Der Altersgipfel des Warthin-Tumors liegt in der 6.–7. Lebensdekade, wobei das mittlere Erkrankungsalter mit 62 Jahren angegeben wird. Eine Manifestation bereits im Kindesalter ist zwar möglich, jedoch tritt der Tumor nur selten vor dem 40. Lebensjahr auf. Die historische deutliche Präferenz des Tumors für das männliche Geschlecht, die noch 1953 mit 10 : 1 angegeben wurde, hat sich mutmaßlich aufgrund geänderter Lebensgewohnheiten (Tabakabusus) deutlich zuungunsten des weiblichen Geschlechts verschoben. Neuere Zahlen zeigen nur noch eine gering erhöhte Krankheitshäufigkeit bei Männern oder gar ein ausgeglichenes Geschlechtsverhältnis. Die Inzidenz der Erkrankung bei Afroamerikanern und Schwarzafrikanern ist niedriger als bei Weißen, wobei jedoch bei Afroamerikanern in den vergangenen Dekaden eine Häufigkeitszunahme beobachtet werden konnte.G. H. Yoo, D. W. Eisele, F. B. Askin, J. S. Driben, M. E. Johns: Warthin's tumor: a 40-year experience at The Johns Hopkins Hospital. In: Laryngoscope. 104(7), Jul 1994, S. 799–803.M. A. Yaor: The pattern of presentation of salivary gland tumors in Africa: A review of published reports. In: Ear Nose Throat J. 89(2), Feb 2010, S. E17–E21. PMID 20155665
Ätiologie Die eigentlichen, der Tumorentstehung zugrundeliegenden Ursachen sind weitgehend unbekannt. Die Läsion wird überwiegend als echte Neoplasie eingestuft, könnte nach einer Hypothese zufolge aber auch zu einer Gruppe erworbener multizystischer reaktiver Erkrankungen im Bereich von Kopf und Hals zählen; letzterer Ansatz wird durch die in einigen Studien beobachtete Polyklonalität der epithelialen Tumorkomponente gestützt.S. Suster, J. Rosai: Multilocular thymic cyst. An acquired reactive process. Study of 18 cases. In: Am J Surg Pathol. 15, 1991, S. 388–398. PMID 2006719K. Honda, K. Kashima, T. Daa, S. Yokoyama, I. Nakayama: Clonal analysis of the epithelial component of Warthin's tumor. In: Hum Pathol. 31, 2000, S. 1377–1380. Auch das lymphoide Stroma des Warthin-Tumors ist neueren Erkenntnissen zufolge polyklonalen Ursprungs und damit vermutlich lediglich reaktiv und nicht neoplastisch.K. Song, J. D. Cotelingam, M. Lowery-Nordberg, W. Sun: Characterization of the lymphoid stroma in Warthin's tumor of salivary gland by immunohistochemistry, heavy chain gene and Bcl-2 gene rearrangement. In: Am J Transl Res. 1(4), 5. Apr 2009, S. 352–357. PMID 19956447 Andere Arbeiten wiederum konnten zumindest bei einem Teil der Warthin-Tumoren eine Translokation zwischen Chromosom 11 und 19 mit Ausbildung eines Fusionsgens (CRTC1-MAML2) demonstrieren. Diese Veränderung wird interessanterweise auch beim mukoepidermoiden Karzinom gefunden.I. D. O'Neill: New insights into the nature of Warthin's tumour. In: J Oral Pathol Med, 38(1), Jan 2009, S. 145–149. PMID 18647217 Es wird vermutet, dass sich der Tumor von heterotopen, in Lymphknoten gelegenen Speicheldrüsenausführungsgängen herleitet.A. S. Thompson, H. C. Bryant: Histogenesis of papillary cystadenoma lymphomatosum (Warthin's tumor) of the parotid salivary gland. In: Am J Pathol. 26, 1950, S. 807–849. PMID 15432614 Hierfür spricht auch die Tatsache, dass Warthin-Tumoren am häufigsten oberflächlich am unteren Pol der Ohrspeicheldrüse gefunden werden, wo üblicherweise die meisten intraparotidealen Lymphknoten vorhanden sind.G. Colella, P. Biondi, A. Itro, D. Compilato, G. Campisi: Warthin's tumor distribution within the parotid gland. A feasible etiologic source from lymph nodal tissue. In: Minerva Stomatol. 59(5), May 2010, S. 245–249, 250–252. Eine andere Hypothese fasst den Warthin-Tumor als adenomatöse Proliferation auf, die sekundär eine lymphozytäre Infiltration nach sich zieht.J. M. Aguirre, M. A. Echebarría, R. Martínez-Conde, C. Rodriguez, J. J. Burgos, J. M. Rivera: Warthin tumor. A new hypothesis concerning its development. In: Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod. 85(1), Jan 1998, S. 60–63. PMID 9474616 Ein signifikanter Risikofaktor ist das Zigarettenrauchen, das die Erkrankungshäufigkeit Studien zufolge durchschnittlich um den Faktor 8-15 erhöht. Hierbei besteht offenbar eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, wobei das Risiko linear mit der Dauer und nichtlinear mit der Intensität des Tabakabusus ansteigt.S. Sadetzki, B. Oberman, L. Mandelzweig, A. Chetrit, T. Ben-Tal, A. Jarus-Hakak, S. Duvdevani, E. Cardis, M. Wolf: Smoking and risk of parotid gland tumors: a nationwide case-control study. In: Cancer. 112(9), 1. Mai 2008, S. 1974–1982. PMID 18361448L. S. Freedman, B. Oberman, S. Sadetzki: Using time-dependent covariate analysis to elucidate the relation of smoking history to Warthin's tumor risk. In: Am J Epidemiol. 170(9), 1. Nov 2009, S. 1178–1185. PMID 19755633 Der positive Effekt der Intensität des Tabakabusus nimmt dabei bei hohen Intensitäten ab. In einer Studie waren 89 % der an einem Warthin-Tumor erkrankten Patienten Raucher und 66 % starke Raucher. Auch das Risiko eines beidseitig auftretenden Warthin-Tumors ist bei Rauchern signifikant erhöht.Peter Klussmann J, Wittekindt C, S. Florian Preuss, A. Al Attab, U. Schroeder, O. Guntinas-Lichius: High risk for bilateral Warthin tumor in heavy smokers--review of 185 cases. In: Acta Otolaryngol. 126(11), Dez 2006, S. 1213–1217. PMID 17050316 Eine mögliche Erklärung liegt in der Schädigung mitochondrialer DNS durch reaktive Sauerstoffspezies bei Rauchern. Tatsächlich zeigen die epithelialen Zellen des Warthin-Tumors häufig einen Verlust mitochondrialer DNS und strukturell abnorme Mitochondrien mit verminderter metabolischer Funktion. Ein Einzelfallbericht beschreibt ein familiäres Auftreten von Warthin-Tumoren bei eineiigen Zwillingen.L. Gallego, L. Junquera, P. Villarreal, L. Villalaín: Familial Warthin Tumor: Occurrence in Monozygotic Twins. In: J Oral Maxillofac Surg. 68(6), Jun 2010, S. 1400–1401. PMID 19944513
Eine erhöhte Krankheitshäufigkeit wurde auch nach Exposition gegenüber ionisierender Strahlung, etwa bei Atombomben-Überlebenden, beobachtet.J. Sandros, G. Stenman, J. Mark: Cytogenetic and molecular observations in human and experimental salivary gland tumors. In: Cancer Genet Cytogenet. 44, 1990, S. 153–167. PMID 2153439
Diskutiert wird auch die Möglichkeit einer Beteiligung von Viren an der Krankheitsentstehung. So wird etwa das Humane Herpes Virus Typ 8 (HHV-8) häufig in Warthin-Tumoren gefunden.E. Dalpa, V. Gourvas, S. Baritaki, S. Miyakis, V. Samaras, C. Barbatis, G. Sourvinos, D. A. Spandidos: High prevalence of Human Herpes Virus 8 (HHV-8) in patients with Warthin's tumors of the salivary gland. In: J Clin Virol. 42(2), Jun 2008, S. 182–185. PMID 18339579 Eine ätiologische Rolle des Epstein-Barr-Virus (EBV) oder des Cytomegalievirus (CMV) gilt hingegen mittlerweile als unwahrscheinlich.C. J. Laane, A. H. Murr, A. N. Mhatre, K. D. Jones, A. K. Lalwani: Role of Epstein-Barr virus and cytomegalovirus in the etiology of benign parotid tumors. In: Head & Neck. 24(5), Mai 2002, S. 443–50. PMID 12001074 Die Inzidenz von Warthin-Tumoren soll bei HIV-infizierten Patienten höher sein.E. Francavilla, P. Boccato, M. Carretta, G. Gava, F. Breda, P. Cadrobbi: Warthin's tumor during HIV infection. In: Int Conf AIDS. 8, 19-24. Jul 1992, S. 80.
Schließlich wird auch eine Assoziation des Warthin-Tumors mit verschiedenen Autoimmunerkrankungen berichtet.O. Gallo, C. Bocciolini: Warthin's tumour associated with autoimmune diseases and tobacco use. In: Acta Otolaryngol. 117(4), Jul 1997, S. 623–627. PMID 9288224
Pathologie mini|Ein rundlich-ovalärer, scharf abgegrenzter Warthin-Tumor von graubräunlicher Farbe (rechte Bildmitte). Links: Normales Speicheldrüsengewebe. mini|Histologie des Warthin-Tumors. Der Tumor manifestiert sich fast immer innerhalb der Ohrspeicheldrüse (> 90 %), bevorzugt in deren unterem Organpol. 3–8 % der Patienten zeigen extraglandulär gelegene Tumoren, üblicherweise in hoch gelegenen Halslymphknoten. Dies darf nicht mit einer Lymphknotenmetastasierung verwechselt werden, die beim reinen Warthin-Tumor nicht beobachtet wird.M. Ellies, R. Laskawi, C. Arglebe: Extraglandular Warthin's tumours: clinical evaluation and long-term follow-up. In: Br J Oral Maxillofac Surg. 36(1), Feb 1998, S. 52–53. Einzelfallberichte beschreiben Warthin-Tumoren im Bereich der Unterkieferspeicheldrüse, der Tränendrüse,G. Bonavolontà, F. Tranfa, S. Staibano, G. Di Matteo, P. Orabona, G. De Rosa: Warthin tumor of the lacrimal gland. In: Am J Ophthalmol. 124(6), Dez 1997, S. 857–858. PMID 9402842 des Kehlkopfes, der Wangenschleimhaut,S. Saunders, U. Igbokwe, D. Harmse: Warthin tumour of the buccal mucosa. In: Br J Oral Maxillofac Surg. 46(4), Jun 2008, S. 332–333. PMID 17933444 des harten GaumensR. Becelli, R. Morello, G. Renzi, C. Dominici: Warthin's tumor of the hard palate. In: J Craniofac Surg. 18(5), Sep 2007, S. 1182–1184. PMID 17912110 oder der Lippe.A. D. Almeida, J. A. Hanemann, D. T. Oliveira: Warthin Tumor of the Upper Lip: An Unusual Location. In: Int J Surg Pathol. 2009 Feb 3. [Epub ahead of print] PMID 19189998 In 7–12 % der Fälle liegen beidseitige, in 2–6 % multifokale Tumoren vor.J. M. Hilton, J. S. Phillips, H. B. Hellquist, D. J. Premachandra: Multifocal multi-site Warthin tumour. In: Eur Arch Otorhinolaryngol. 265(12), Dez 2008, S. 1573–1575. Warthin-Tumoren machen 14–30 % aller Speicheldrüsentumoren insgesamt und 70 % aller beidseitig auftretenden Speicheldrüsenneoplasien aus.