Der Begriff Angst (Originaltitel: Begrebet Angest) ist eine Schrift des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, die er unter dem Pseudonym Vigilius Haufniensis („der Hüter Kopenhagens“) 1844 veröffentlichte. Zumeist als Ausgangspunkt der Existenzphilosophie eingestuft, erlangte das Werk seine Bedeutung mit dem Grundlagenthema zur Angst, die unter psychologischen, religiösen Gesichtspunkten beleuchtet wird.
Kierkegaard stellt drei durch den Angstbegriff miteinander verflochtene Zustände des menschlichen Geistes vor. Im Ausgangszustand unbefangener Unschuld kennt der träumende Geist nicht sich selbst, nimmt seine Wirklichkeit als Nichts wahr. Auf der Suche nach einem Verhältnis zu sich selbst begegnet er der Angst vor dem Nichts, die ihn bei Ausübung seiner Freiheit zwischen Möglichkeiten zu wählen, in gleicher Weise anzieht wie abstößt. Auch weitergehend bewirkt die Angst, dass Versuche der Selbstverhältnissuche fehlgehen und der Geist stattdessen an die Sünde fällt, Resultat und Zustand des freien, aber fehlgehenden Akts der Auswahl. Die Angst, die unmittelbar grundlos sich selbst ist und selbst frei von Sünde, ist erneut da, denn mit der Angst kam die Sünde in den Geist und die Sünde wiederum brachte die Angst. Die Ausweglosigkeit führt in die totale Verzweiflung, der Geist findet sich nicht. Aus der Aporie heraus, findet er allein durch Glauben. Allein der Glaube hebt den Geist zur Erlösung an.
Inhalt Aufbau Die Kapitel lassen sich (bei Beibehaltung der Originaltitel) wie folgt skizzieren: Vorwort: Eine geistreiche Satire auf den Literaturbetrieb, die das ursprüngliche Vorwort des „Begriffs Angst“ (nachträglich unter Pseudonym wiedergegeben) ersetzte Einleitung: Beobachtungen zur Analyse des Begriffes → Entscheidung eines psychologischen Zuganges; Kritik am Systematiker Hegel (der am konkreten Menschen vorbeidenkt) Erstes Kapitel: Angst als Voraussetzung der Erbsünde und als das die Erbsünde nach rückwärts auf ihren Ursprung Erklärende: Adam und die Erbsünde, Adam als Prototyp Zweites Kapitel: Angst als die Erbsünde im Fortschreiten: die Bedeutung der Erbsünde für die folgenden Generationen Drittes Kapitel: Angst als Folge derjenigen Sünde, welche das Ausbleiben des Sündenbewusstseins ist: Was ist wenn ein Sündenbewusstsein fehlt oder ausbleibt? Viertes Kapitel: Die Angst der Sünde oder Angst als Folge der Sünde in dem Einzelnen: Analyse der Angst vor dem Bösen (erneuten Sünde) und vor dem Guten (als Neurose) Fünftes Kapitel: Angst als das kraft des Glaubens Erlösende: Angst als Erzieherin, die mithilfe des Glaubens die Erlösung ermöglicht
Stil Der Text ist an die Kopenhagener Leserschaft gerichtet, was an vielen Anspielungen zu sehen ist. Solche für den heutigen Leser nicht unmittelbar verständlichen Seitenbemerkungen und die komprimierte Form der Darstellung seiner Gedanken erschweren den Zugang zum Text.
Kierkegaards Thesen Ursünde und Sünde
Kierkegaard beschreibt, dass sich jede Wissenschaft im Rahmen ihrer (je eigenen) Aufgabe bewegen muss, um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen. Der Sünde entspricht keine Wissenschaft, am ehesten noch die Ethik (weil die ihr entsprechende Stimmung der Ernst ist). In der psychologischen Analyse werden daher nur Erscheinungen analysiert (die reale Möglichkeit von Sünde), es kann aber nicht erklärt werden, dass die Sünde in die Welt kommt (ideelle Möglichkeit der Sünde). Kierkegaard sinniert: Was Sünde ist, weiß „jeder Mensch einzig und allein aus sich selbst; will er es von einem anderen lernen, so will er es eo ipso missverstehen. Die einzige Wissenschaft, die ein bisschen tun kann (sic!), ist die Psychologie, die aber selber einräumt, dass sie keine Erklärung gibt und hierüber hinaus nichts erklären kann noch will.“Transferiert von Gunther Wenz, vgl. Weblink, S. 10.
Vor dem Sündenfall besteht Unwissenheit, diese muss nicht (wie im hegelschen Denken) zwangsläufig aufgehoben werden. Adam hatte also die Möglichkeit, nicht zu sündigen. Kierkegaard legt großen Wert darauf, abweichend von der überlieferten Dogmatik, Adam als Teil der Menschheit sowie als Einzelnen zu beschreiben („Er ist er selbst und das Geschlecht“): Wenn im Hinblick auf Adam nicht dasselbe wie für jeden anderen Menschen gilt, dann steht dieser außerhalb des Geschlechts. Es müssen also für ihn dieselben Bedingungen gelten wie für jeden anderen Menschen auch. Da aber Adam keinen Begriff von Sünde hatte, weil dieser erst mit der Erbsünde geschaffen wurde, bestand die Angst der Möglichkeit nach nur als Angst vor dem Nichts; Adam konnte ja nicht wissen, was er wählte, Gut und Böse zu unterscheiden war ihm unmöglich. Weder vom einen noch vom anderen hatte er sich einen Begriff bilden können, auch von Sterblichkeit wusste er nichts. Insofern ging keine Anziehungskraft des von Gott Versprochenen für ihn aus. Die Sünde kam also durch eine (Ur-)Sünde in die Welt und mit ihr auch das Bewusstsein um dieselbe. Und die (Ur-)Sünde geht alle Menschen an, da Adam Repräsentant seiner Gattung war. Adam setzte die erste Sünde, quantitativ gemessen, die erste von vielen in der Geschichte der Menschheit und das Sündenkonto wächst.
Für die nachfolgenden Generationen besteht nun dieselbe Situation wie für Adam. Für sie alle besteht die Sünde zunächst nur der Möglichkeit nach. Wie die Sünde konkret ins Leben eines Einzelnen eintritt, ist eine subjektive Frage. Sie kommt immer wieder durch den Einzelnen in die Welt.
Daher stellt sich für Kierkegaard die Frage nach dem Unterschied der Ursünde zu den übrigen Sündenfällen. Den Unterschied macht er zunächst daran fest, dass Adams Sünde nicht rein quantitativ, sondern wesentlich qualitativ verschieden ist, was darauf aufbaut, dass für Kierkegaard die Welt in Quantität und Qualität zerfällt. Dasjenige, was zählbar ist, ist das Quantitative. Quantität ist nicht identisch mit Qualität, da Qualität dasjenige ist, was Identität stiftet. Daher ist die „erste“ Sünde für Kierkegaard „die“ Sünde und damit das abstrakte Ärgernis für die abstrakte Verständigkeit, die da meint, einmal sei keinmal, aber vielmals sei etwas, was ganz und gar verkehrt ist, da die vielen Male entweder jedes für sich genau soviel bedeuten wie das erste Mal oder alle zusammen nicht annähernd soviel.
Kierkegaard bezeichnet den individuellen Sündenfall als einen „qualitativen Sprung“. Gemeint ist damit ein Sprung aus der je gewählten Möglichkeit in die Sünde. Ein Sprung, der in die Faktizität der Sünde führt. Durch diesen „Sprung“, der selber keine kausale Wirkmächtigkeit besitzt, da er dasjenige ist, was Möglichkeit und Notwendigkeit verbindet, durch ebendiesen Sprung wird die Sünde der Qualität nach bestimmt. Den Sprung selbst kennzeichnet die Grund- und Sinnlosigkeit seiner Setzung. Er ist unmittelbar und vermittelt die Sünde, die allein sich selbst voraussetzt. Ihre Faktizität kam mit Adam in die Welt; Spekulationen darüber, wie sich aus Unschuld Schuld überhaupt herleiten lässt, erübrigt sich aufgrund des sich selbst genügenden Grundes der Sünde. Unschuld bezeichnet den arglos-natürlichen Ausgangszustand des menschlichen Geistes, der im Naturzustand in Unkenntnis um Gut und Böse ist. Kierkegaard führt aus: „Der Unschuldige würde niemals darauf kommen, so zu fragen; der Schuldige aber sündigt, wenn er so fragt; denn er möchte in seiner ästhetischen Neugier ignorieren, dass er selbst die Verschuldung in die Welt gebracht hat, selber die Unschuld durch Schuld verloren hat.“Zusammenfassung aus Gunther Wenz, vgl. Weblink, S. 7–8. In der Unschuld träumt der Geist, strebt zugleich aber nach dem Bewusstsein und Wissen um sein Selbst. Und: jede einzelne Wahl einer Möglichkeit bedeutet den Sprung in die Sünde. Die Sünde lässt die Endlichkeit an die Stelle der Unendlichkeit treten und verhält sich damit wider die menschliche Bestimmung.
Die Vielzahl der Sünden, die auf Adams Ursünde folgten, sind lediglich quantitativ umfassender, der Qualität nach jedoch nicht dieselben wie diese erste. Daher ist Adams Ursünde der Anfang der Geschichtlichkeit von Sünde. Wäre diese Sünde nur eine von vielen, d. h. rein quantitativ bestimmt, dann wäre Adam vom Menschengeschlecht ausgeschlossen – und damit seine theologische und lebensweltliche Relevanz für die Christenheit. Die Ursünde ist folglich dasjenige, welches im Christentum das geschichtliche Bewusstsein für die Sünde als solches schafft. Unschuld als Ausgangszustand ist der Mangel an Bewusstsein um die Möglichkeit der Sünde. Die Unschuld wird zur Schuld, hebt sich in demselben Moment auf, da sie das Bewusstsein um die Möglichkeit erlangt und sich zu sich selbst verhält.
Dieses „Selbst“ beschreibt Kierkegaard als eine Synthese, eine Synthese von Körper und Seele – die durch den Geist gehalten – Wirklichkeit gewinnt. Im reflektierenden Moment, in dem der Mensch sich zur Sünde verhält, tritt der Geist zu Seele und Körper hinzu und schafft die Synthese. Es entsteht ein dynamisches Verhältnis. Daraus folgt auch unmittelbar die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz, weil: ist das Verhältnis gestört, ist der Mensch verstört. Zugleich verdeutlicht dies die christliche Aufgabe: Selbstwerdung, um aus sich eine Einheit zu schaffen.
Eine Einheit schafft der Mensch insofern, als sein Verhältnis zu seiner Existenz nicht gestört ist. Diese menschliche Existenz ist wesentlich durch das Verhältnis des Menschen zu Gott bestimmt. Denn: Als Synthese aus Zeitlichkeit und Ewigkeit verhält sich der christliche Mensch als sterbliches Wesen zu seiner möglichen Ewigkeit. Karl Jaspers erklärt dazu „Der Weg des Offenbarwerdens ist die Innerlichkeit, diese ist ein Verstehen der Ewigkeit“.Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen. Springer, Berlin 1919, ISBN 3-540-05539-8. (Inhaltsübersicht; PDF; 275 kB) S. 373 f. Kierkegaard richtet sich direkt und unmittelbar an die christliche Bevölkerung in Kopenhagen. Seine Überlegungen sind folglich unmittelbar an den westlichen Kulturkreis gebunden.
Dabei beschreibt er die Situation des Christenmenschen mit dem Bild des Schwindels als Atmosphäre, in der die Sünde geschieht: Für ihn liegt es zum einen am beängstigenden Abgrund, zum anderen an der Betrachtungsweise des Menschen. Er blickt in die Möglichkeit seiner Freiheit, gerät ins Taumeln und ergreift taumelnd das Falsche. Nolens volens ist die Sünde geschehen und der Mensch blickt zurück und kann es nicht mehr ändern. Die Möglichkeit der Sünde schlug um in Faktizität und unterliegt damit der Notwendigkeit.
Mit der Sündigkeit ist auch die Sinnlichkeit gesetzt. Es erscheint, als würden Anklänge an die Pubertät erhoben, denn mit dem Eintreten der Sinnlichkeit, begänne auch die Geschichte des Menschen. Mit der Setzung des Geistes wird der Mensch zum einen zum Individuum. Zum anderen entsteht im Augenblick die „Synthese des Zeitlichen und Ewigen“.Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen. Springer, Berlin 1919, ISBN 3-540-05539-8. (Inhaltsübersicht; PDF; 275 kB) S. 93 f. Der Mensch steht also augenblicklich im Zentrum einer doppelte Synthese. Diese Synthese wird durch den Geist gesetzt.
Das „religiöse Genie“ zeichnet sich schließlich dadurch aus, dass es durch sich selbst, für sich selbst in die Tiefe des Sündenbewusstseins versinkt.BA 112; vgl. Luther „totus peccatus“. Anders verhält es sich im Heidentum, das dem „Schicksal“ hold ist und auch im Judentum mit seiner „Schuld“. Sie verunmöglichen dies.
Angst und ihre Arten