Neue Soziale Bewegungen oder Alternativbewegungen (als Adjektiv links-alternativ) sind Bewegungen, die im Gefolge der 68er-Bewegung im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts entstanden. Sie zielen auf eine Reform der als starr empfundenen gesellschaftlichen Normen und Prozesse ab und wollen diese auch unabhängig vom etablierten Parteien- und Institutionensystem umzusetzen versuchen.

Entstehung Neue Soziale Bewegungen (vgl. auch Alternativbewegung, Soziale Bewegung) entstanden zunächst in Westeuropa und Nordamerika nach der Studentenbewegung und der APO ab Ende der 1960er-Jahre. Seit Mitte der 1990er-Jahre breiteten sich diese Bewegungen mit dem Erstarken der internationalen globalisierungskritischen Bewegung auch auf Entwicklungs- und Schwellenländer aus. Aufgrund ihrer Kritikansätze, ihrer Versuche, Veränderungen zu erreichen, und teilweise der Wahl ihrer Mittel sind diese Bewegungen oftmals auf Widerstände gestoßen. Manche Teile der Neuen Sozialen Bewegungen sind Splittergruppen geblieben oder waren nur kurze Zeit aktuell; andere wuchsen zeitweilig zu Massenbewegungen heran. Einige von zuerst aus den Neuen Sozialen Bewegungen heraus vertretene Inhalte und Positionen, beispielsweise aus der Ökologiebewegung oder der neuen Frauenbewegung, waren oder sind in einigen gesellschaftlichen Gruppen verbreitet.

Die Protestbewegungen der 1960er-Jahre hatten zusammen mit den Jugendkulturen und Subkulturen dieser Zeit, z. B. der Flower-Power- oder Hippiebewegung, ein neues politisch-soziales Bewusstsein und eine neue kulturelle Identität begründet. Getragen wurden die neuen Bewegungen zunächst vor allem von Jugendlichen aus den bürgerlichen Mittelschichten. Diese wandten sich gegen traditionelle kulturelle, moralische und gesellschaftspolitische Wertvorstellungen der Elterngeneration, der oft Doppelmoral und Heuchelei vorgeworfen wurde. Abgrenzungen gab es auch gegenüber der Arbeiterbewegung als „alter“ sozialer Bewegung. Dieser wurde teilweise ein „Verrat“ an ihren ursprünglichen Utopien vorgeworfen; wichtig war auch eine veränderte politische Kultur im Westeuropa der Nachkriegszeit.Ralf Hoffrogge etwa stellt die These auf, dass die Politikformen der Arbeiterbewegung als disziplinierte, tendenziell konformistische Massenbewegung mit dem Generationenbruch der 1960er Jahre an ihre Grenzen stießen – Vgl. Ralf Hoffrogge: Fordismus, Eurokommunismus und Neue Linke. Thesen zu Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Arbeiterbewegung und linker Szene in der BRD, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, Aufbau-Verlag, Berlin 2012.

Analyse und rationale Systemkritik, wie sie noch in der Studentenbewegung der 1960er Jahre für die 68er-Bewegung bedeutend waren, traten in den neuen Bewegungen zunächst in den Hintergrund – zugunsten von verstärkt emotional geprägtem (nicht nur) politisch motiviertem Aktivismus. Das Individuum und die Individualität des Einzelnen hatten eine größere Bedeutung als in den vorherigen sozialen Bewegungen.

Kennzeichen Die politisch aktiven „Neuen Sozialen Bewegungen“ agieren in der Regel außerparlamentarisch und versuchen, Einfluss auf lokale, regionale, nationale und auch internationale Bereiche von Politik, Kultur oder Wirtschaft zu nehmen. Dabei kamen und kommen Nichtregierungsorganisationen in verschiedenen Formen zum Einsatz.

Einigen der Neuen Sozialen Bewegungen ist ein moralischer Wertkonservativismus gemeinsam, der sich mit einer allgemeinen antikapitalistischen Gesellschaftskritik verbindet, mit der neben anderem insbesondere die Verschwendung der natürlichen Ressourcen der Erde und die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums thematisiert werden. Politisch-ideologisch ist in den Bewegungen ein breites und buntes Spektrum an Weltanschauungen vertreten, die im politischen Bereich von anarchistischen über linke bzw. sozialistische bis hin zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Positionen reichen.

In eigenen Medien (Graswurzel-Journalismus) und im Internet ist eine sich als oppositionell verstehende Gegenöffentlichkeit entstanden.

Organisationsform Es gab und gibt unterschiedliche Organisationsgrade der Neuen Sozialen Bewegungen. Sie reichen von informellen selbstorganisierten kleinen örtlichen und regionalen Basisgruppen ohne Vereinsstatus bis hin zu teils großen überregionalen, bisweilen auch internationalen Verbänden und Organisationen, speziell bei der globalisierungskritischen Bewegung (z. B. attac) oder der Ökologiebewegung (z. B. Greenpeace).

In neuerer Zeit hat sich für solche und andere auch nicht den Neuen Sozialen Bewegungen zugeordnete von staatlichen Stellen unabhängige Organisationen der englische Begriff „Non-Governmental Organisations“ (NGOs) eingebürgert.

In ihren Mitteln und Aktionen berufen sich die meisten Gruppen und Organisationen auf das Prinzip der Gewaltfreiheit, die teilweise unterschiedlich radikal ausgelegt wird, indem zum Beispiel zwischen der Gewalt gegen Sachen und der Gewalt gegen Menschen unterschieden wird. Dabei schließen manche Aktivisten gegebenenfalls auch Sabotage und andere, militantere Aktionsformen mit ein und erfüllen somit Straftatbestände (z. B. der Sachbeschädigung). Das Gewaltmonopol des Staates und dessen Umsetzung wird dabei oft ebenfalls in Frage gestellt. Vereinzelt kam und kommt es bei verschiedenen Aktionen, vor allem in Auseinandersetzungen, bei denen von staatlicher Seite Polizei gegen die Aktivitäten der neuen sozialen Bewegungen eingesetzt wird, auch zu personenverletzender Gewalt.

Rezeption

In der Öffentlichkeit werden die Neuen Sozialen Bewegungen trotz ihrer ideologischen Vielfalt größtenteils als politisch links orientiert wahrgenommen. In den Zeiten des Kalten Krieges bis zum Ende der 1980er-Jahre wurde von vielen konservativen Bürgern das teils polarisierende Auftreten verschiedener Gruppen als Provokation empfunden, was zu Anfeindungen bis hin zu körperlichen Attacken auf Einzelne führen konnte. Die Länge der Haare, das Aussehen der Kleidung oder andere äußere Merkmale konnte in einzelnen Fällen dafür schon genügen. Häufig wurde den Bewegungen Antiamerikanismus, Unterwanderung durch osteuropäische Geheimdienste oder Ähnliches unterstellt; – ihren Anhängern wurde zumindest politische Einseitigkeit oder einfach nur Naivität, teilweise auch „Berufsrevoluzzertum“ oder „Arbeitsscheu“ und Ähnliches vorgeworfen. Diese Vorurteile und Klischees haben sich erhalten und werden teilweise auch auf die Neuen Sozialen Bewegungen angewandt.

Kritiker halten den Neuen Sozialen Bewegungen auch Tendenzen zum Narzissmus vor: Sie würden individuelle Befindlichkeiten trotz scheinbarer politischer Tätigkeit in den Vordergrund stellen und versuchten diese durch verbalradikale Parolen zu verbergen.

Alternative Lebens- und Wirtschaftsformen Innerhalb der Neuen Sozialen Bewegungen wurde mit alternativen Formen des Zusammenlebens experimentiert. Viele Gruppen suchten ein sinnerfüllteres Dasein in einem vermeintlich einfacheren Leben auf dem Lande. Insbesondere in den USA wurden Landkommunen gegründet, in denen ein Leben im Einklang mit der Natur gesucht wurde. Dabei spielte auch die Hinwendung beziehungsweise Wiederentdeckung animistischer Lokalreligionen, beispielsweise derjenigen der nordamerikanischen indigenen Bevölkerung, die im Zuge der politischen und kulturellen Widerstandsaktionen des American Indian Movement in den 1970er-Jahren zu neuer Popularität gekommen waren, eine zunehmende Rolle bei der Entwicklung einer neuen Spiritualität. Dazu trugen auch Vermischungen mit buddhistischen und hinduistischen Elementen in einer teils verfremdeten westlichen Auslegung bei. In ihrer Sinnsuche wendeten sich Teile der Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre esoterischen Inhalte verschiedener Prägungen zu, was auch zu einer gewissen Entpolitisierung der Bewegungen beitrug.

Mit der Gründung genossenschaftlich orientierter Landwirtschaftsprojekte entstanden auch neue landwirtschaftliche Betriebe, in denen nicht-hierarchische Strukturen vorherrschten, und wo vorrangig ökologische Bewirtschaftung betrieben wurde. Im Lauf der 1970er und 1980er Jahre wurden auch in anderen Wirtschaftsbereichen selbstverwaltete Betriebe aufgebaut, in denen nach ähnlichen Grundsätzen gearbeitet wurde. Mitte der 1980er-Jahre kam es in der Bundesrepublik Deutschland zur Gründung der Ökobank, die das Geld ihrer Anleger vor allem in ökologische Technologien und in sozial gerechten, nicht ausbeuterischen Wirtschaftszweigen investieren sollte.

mini|Das Kollektiv von Oktoberdruck in den 1990er Jahren

Ein 1973 in der Alternativbewegung gegründetes Wirtschaftsunternehmen hat sich bis heute seine basisdemokratische Betriebsorganisation erhalten: Oktoberdruck in Berlin.

Nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten bildeten sich Kommunen und Wohngemeinschaften, aus denen heraus alternative Modelle zu herkömmlichen Formen der sozialen Gemeinschaft entwickelt wurden – auch außerhalb und unabhängig von traditionellen kleinfamiliären Bezügen. Dabei kam es auch zu einer verstärkten Enttabuisierung der Sexualität (siehe auch: sexuelle Revolution). Mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen wurde offener und toleranter umgegangen, zumindest herrschte im Umfeld der Neuen Sozialen Bewegungen ein entsprechender Anspruch vor. Allerdings war die neue sexuelle Freizügigkeit im Allgemeinen nicht so stark ausgeprägt, wie dies in manchen konservativen Medien jener Zeit oft mit einer Mischung aus Faszination und moralischer Empörung behauptet wurde.

Der Begriff „Alternativbewegung“ wurde zu einem Synonym für die Neuen Sozialen Bewegungen. Die gesuchten und teilweise gefundenen Alternativen zu vorherrschenden Ausdrucksformen der „bürgerlich-konservativen“, im Verständnis großer Teile der Bewegungen auch „biederen“ Gesellschaft hatten Auswirkungen auf Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Medizin, Religion, Politik und andere gesellschaftliche Bereiche, in denen kulturelle Wandlungsprozesse innerhalb der westlichen Industriegesellschaften in Gang gesetzt wurden.

Teilbewegungen Sehr schnell bildeten sich unterschiedliche Teilbewegungen mit größeren und kleineren, kurz- und langlebigen Organisationen und Vereinigungen heraus, die sich speziellen Einzelthemen („Ein-Punkt-Bewegungen“) besonders widmeten. Untereinander gab es Vernetzungen und oft auch themenübergreifende Verbindungen, insbesondere zwischen der Ökologie-, Anti-Atomkraft- und der neuen Friedensbewegung.

Neue Frauen-, Schwulen- und Lesbenbewegung Im gesellschaftlichen Bereich traten beispielsweise die neue Frauenbewegung und die Schwulen- und Lesbenbewegung der Homosexuellen mit einer bis dahin nicht gekannten Offensivität an die Öffentlichkeit. Mit zunehmendem Erfolg, wenn auch bis dato nicht abgeschlossen, schafften es diese Bewegungen, das traditionelle geschlechtliche Rollenverständnis in Frage zu stellen und teilweise aus ihren Jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendealten Rollenfestlegungen auszubrechen, beziehungsweise gegebene Diskriminierungsschemata zu überwinden, indem sie immer offensiver ihre gesellschaftliche Stigmatisierung als soziale Randgruppe aufbrachen und aus dieser heraustraten.

Aus diesen Positionen heraus wurden vielfach neue Theorien erarbeitet, die dauerhaft auf den akademischen Diskurs wirkten und zur Herausformung neuer Studiengänge wie Gender Studies und Queer Studies führten.