mini|Mohandas Karamchand Gandhi (Porträtfotografie von 1931) rahmenlos|150px|zentriert|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Mahatma Gandhi Mohandas Karamchand Gandhi (Gujarati: , ; genannt Mahatma Gandhi; * 2. Oktober 1869 in Porbandar, Provinz Bombay, Britisch-Indien; † 30. Januar 1948 in Neu-Delhi, Delhi, Republik Indien) war ein indischer Rechtsanwalt, Publizist, Morallehrer, Asket und Pazifist, der zum geistigen und politischen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung wurde.

Bereits an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert setzte sich Gandhi in Südafrika für die Gleichberechtigung der Inder ein und entwickelte dabei Methoden des gewaltlosen, politischen Kampfes. Nach seiner Rückkehr nach Indien 1915 unterstützte er den Widerstand der Kongresspartei gegen den britischen Raj und stieg in den 1920er Jahren zum entscheidenden Vorkämpfer für ein freies Indien auf. Als einer der ersten setzte er den Hungerstreik als politische Waffe ein. Gandhi wandte sich gegen koloniale Ausbeutung und forderte die Einhaltung der Menschenrechte auch für Dalit, die so genannten Unberührbaren, ohne jedoch das indische Kastensystem insgesamt in Frage zu stellen. Er wünschte sich Indien als säkularen Staat, in dem Hindus und Moslems friedlich zusammenleben sollten. Er favorisierte eine auf Arbeit beruhende Autarkie und ein Wirtschaftssystem auf landwirtschaftlich-kleinbäuerlicher Grundlage. Die Unabhängigkeitsbewegung, die Gandhis Ideen von gewaltfreien Aktionen und zivilem Ungehorsam aufgriff, erreichte im August 1947 das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien. Ein halbes Jahr danach fiel Gandhi, der die mit der Unabhängigkeit verbundene Teilung Indiens stets abgelehnt hatte, dem Attentat eines Hindu-Nationalisten zum Opfer.

Gandhi verbrachte in Südafrika und Indien insgesamt acht Jahre in Gefängnissen. Seine Grundhaltung Satyagraha, das beharrliche Festhalten an der Wahrheit, hat er in zahlreichen Schriften dargelegt und immer weiter entwickelt. Es umfasst neben Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, noch weitere ethische Forderungen wie etwa Swaraj, was sowohl individuelle als auch politische Selbstkontrolle und Selbstbestimmung bedeutet.

Schon zu Lebzeiten weltweit bekannt, ist Gandhi bis heute für viele ein Vorbild. Er wurde mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert, der in seinem Todesjahr aus symbolischen Gründen nicht vergeben wurde. Ebenso wie Nelson Mandela oder Martin Luther King gilt er als herausragender Vertreter im Freiheitskampf gegen Kolonialismus, Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit.

Ehrennamen Mahatma Der sanskritische Ehrenname Mahatma ( , „große Seele“) stammt wahrscheinlich von dem indischen Philosophen und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore, der Gandhi bei seiner Ankunft in Bombay am 9. Januar 1915 nach seinem Aufenthalt in Südafrika so begrüßte. Gandhi tat sich lange Zeit schwer mit diesem Beinamen, der gegen seinen Willen gebräuchlich wurde, denn er verzichtete strikt auf jede Art von Kult um seine Person. In seiner Autobiographie mit dem Untertitel Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit (1927–1929) schreibt er, dass der Titel Mahatma für ihn nicht nur keinen Wert besitze, sondern ihn oft tief gepeinigt habe.M. K. Gandhi: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. Gladenbach 1977, S. 12. Später akzeptierte er den Ehrennamen und wollte ihm gerecht werden.Karen E. James: From Mohandas to Mahatma: The Spiritual Metamorphosis of Gandhi. Essays in History: Volume Twenty-Eight (1984), S. 5–20; Corcoran Department of History at the University of Virginia. Abgerufen am 8. Februar 2012. Conrad (2006) zufolge ließ er sich „trotz manchen sympathischen Sträubens“ Mahatma nennen.Dieter Conrad: Gandhi und der Begriff des Politischen. Staat, Religion und Gewalt. München 2006, S. 28. Der Name Mahatma Gandhi ist heute weitaus geläufiger als der Geburtsname.

Bapu – „Vater (der Nation)“ Ein anderer in Indien häufiger Ehrenname, den er allerdings gern trug und mit dem ihn auch seine Frau und seine Freunde anzusprechen pflegten, war Bapu (Gujarati: , „Vater“). Subhash Chandra Bose benutzte ihn erstmals in einer Radioansprache (1944). Später wurde der Titel auf Vater der Nation (father of the nation) ergänzt und von der indischen Regierung offiziell anerkannt.

Frühe Jahre (1869–1892) mini|150px|Gandhis Vater Karamchand mini|150px|Gandhis Mutter Putali Bai mini|150px|Der siebenjährige Knabe Mohandas Karamchand Gandhi, 1876

Kindheit und Jugend Mohandas Karamchand Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 als jüngster von vier Söhnen in der vierten Ehe seines Vaters Karamchand Gandhi (1822–1885) mit Putali Bai (1839–1891) geboren. Die anderen Ehefrauen seines Vaters waren früh gestorben. Er wuchs in Porbandar, einer kleinen Hafenstadt im heutigen Westgujarat, auf. Sein Vater Karamchand und sein Großvater Uttamchand waren beide Diwans (Premierminister) von Porbandar, das zwar offiziell autonom war, aber unter der Kontrolle der britischen Kolonialmacht stand. Im Haus der Familie wohnten auch die fünf Brüder des Vaters mit ihren Familien.

Die Familie gehörte der Bania-Kaste an, die zum Stand der Vaishya, der Kaufleute, gehört. Die Gandhis waren damit in der dritten Kaste, deren Mitglieder die gesellschaftliche und politische Oberschicht bilden. Als Kaufleute arbeiteten die Familienmitglieder jedoch seit mehreren Generationen nicht mehr; schon der Urgroßvater diente den Fürsten als Ratgeber in politischen Angelegenheiten und in der Verwaltung.

Die Gandhis praktizierten den Vishnuismus, eine eher monotheistische Form des Hinduismus, der Gebet und Frömmigkeit hervorhebt. In ihrem Haus verkehrten auch Angehörige anderer hinduistischer Strömungen sowie Muslime, Parsen und Anhänger des Jainismus. Diese im 6./5. Jahrhundert vor Christus entstandene Religion war in Gujarat weit verbreitet, betont strikte Gewaltlosigkeit im Alltag (das Ahimsa) und die Verbindung von Geist und Materie. Diese Prinzipien haben Gandhis Philosophie geprägt. Er ging lebenslang davon aus, dass das Verhalten des Individuums metaphysische Konsequenzen nach sich zieht.Dietmar Rothermund: Mahatma Gandhi. München 2003, S. 12. In seinem Elternhaus liegen einerseits die Ursprünge seiner religiösen Toleranz, andererseits übte seine tief religiöse Mutter Putali Bai einen großen Einfluss auf ihren Sohn aus.

1876 zog die Familie in die Stadt Rajkot, das politische Zentrum von Gujarat. Mohandas Gandhi war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt und wurde in die Grundschule Taluka eingeschult, die er bis zu seinem zwölften Lebensjahr besuchte. Der Unterricht in englischer Sprache bereitete ihm Schwierigkeiten, da selbst seine Eltern die Sprache kaum beherrschten. Sein Vater Karamchand war Richter am Fürstengericht und außerdem als Mediator tätig. Hier lernte Mohandas, Streit zu schlichten.

Ein älterer muslimischer Freund soll Gandhi in seiner Jugend überredet haben, Ziegenfleisch zu kosten, obwohl der Verzehr von Fleisch unter Vishnuiten als eine Sünde galt, weil sie jegliche Gewalt gegen Lebewesen ablehnen. Ebenso brach er das Verbot, Zigaretten und Wein zu konsumieren, und stahl seinen Eltern Geld. Nach eigener Aussage hatte er ein Bordell aufgesucht und sich danach geschämt.Angelika Franz: Der eitle Asket. Kritische Betrachtung Gandhis in der Zeit vom 24. Februar 2005. Sein schlechtes Gewissen ließ ihn einen Suizid in Erwägung ziehen; letztlich kam er zu dem Entschluss, seinem Vater sein Fehlverhalten schriftlich einzugestehen. Gandhi erreichte, indem er sich in seinem späteren Leben mit seinen eigenen Fehlern in der Jugend beschäftigte, eine hohe Selbstdisziplin und erkannte dies als Quelle der Selbsterkenntnis. Seine Lebensgeschichte wird häufig hagiographisch überhöht dargestellt.

1885 starb Gandhis Vater an den Folgen eines Unfalls, und Mohandas’ ältester Bruder Lakshmidas wurde Familienoberhaupt. Gandhi besuchte die Oberschule (Rajkot High School) mit großem Erfolg und erwarb 1887 die Zulassung zu Universitäten.

Ehe mit Kasturba Makthaji mini|Gandhi und seine Frau Kasturba, 1902

Gandhi wurde bereits im Alter von sieben Jahren mit der gleichaltrigen Kasturba Makthaji (auch: Kasturbai oder einfach: Ba) verlobt, die ebenfalls aus der Bania-Kaste stammte und deren Familie ein hohes Ansehen genoss. 1882 wurde er im Alter von 13 Jahren durch seine Familie mit ihr verheiratet; gleichzeitig wurden aus finanziellen Gründen auch sein Bruder Karsandas und ein Cousin verheiratet.

Gandhi kritisierte später sowohl in seinen Werken als auch in der Öffentlichkeit die Kinderheirat, die damals in Indien üblich war und auch heute noch existiert. In seiner Autobiographie Mein Leben schreibt er: „Ich sehe nichts, womit man eine so unsinnig frühe Heirat wie die meine moralisch befürworten könnte.“Mahatma Gandhi: Mein Leben. Frankfurt am Main 1983, S. 11.

Als Ehefrau stand Kasturba in der Familienhierarchie an letzter Stelle, allerdings wurde sie von Gandhis Familie gut behandelt. Mit sechzehn Jahren bekamen sie ihr erstes Kind, welches nach wenigen Tagen verstarb.Mahatma Gandhi: Mein Leben. Frankfurt am Main 1983, S. 30. Weitere Kinder waren Harilal (1888–1948), Manilal (1892–1956), Ramdas (1897–1969) und Devdas (1900–1957).

Ba Makthaji begleitete ihren Mann bei politischen Aktionen und lebte mit ihm auch gemeinsam in Südafrika, wo sie während der Proteste gegen die Arbeitsbedingungen für indischstämmige Südafrikaner inhaftiert wurde. Zurückgekehrt nach Indien, sprach sie auf politischen Veranstaltungen im Namen ihres Ehemanns. Zudem gab sie Alphabetisierungskurse und vermittelte die Grundlagen der Hygiene.

Ab 1908 pflegte Gandhi seine Frau während ihrer Krankheit und war auch bei ihrem Tod 1944 bei ihr. Dessen ungeachtet hatte er bereits 1906 ein Gelübde der sexuellen Enthaltsamkeit abgelegt.vgl. Sigrid Grabner: Mahatma Gandhi. Politiker, Pilger und Prophet. Hier 1. Auflage. Berlin 1983, S. 103.

Studium in London Seine Mutter sprach sich gegen ein Studium in London aus, weil die Ozeanüberquerung im Zuge der damals notwendigen Schiffsreise dorthin für einen Hindu Sünde sei. Außerdem befürchtete sie, dass ihr Sohn der westlichen unmoralischen Lebensart mit Fleisch- und Alkoholkonsum oder der Prostitution verfallen könne.Matthias Eberling: Mahatma Gandhi – Leben, Werk, Wirkung. Frankfurt am Main 2006, S. 16. Deshalb besuchte Gandhi ab November 1887 ein Semester lang erfolglos das indische Samaldas College in Bhavnagar.Robert Payne: The Life and Death of Mahatma Gandhi. London 1969, S. 45. Auf Wunsch seines verstorbenen Vaters sollte er Rechtsanwalt werden. Die Familie beriet darüber mit einem Freund des Vaters und kam im Mai 1888 zu dem Entschluss, er solle ein Jurastudium aufnehmen. Er selbst favorisierte das Studienfach Medizin, was sein Bruder jedoch ablehnte, da den Mitgliedern der Bania-Kaste das „Zerlegen“ von Fleisch und damit die Tätigkeit als Mediziner aus religiösen Gründen untersagt war.

mini|hochkant|Gandhi als Student in London (Ende 1880er Jahre)

Das Familienoberhaupt, sein ältester Bruder, lieh ihm das Geld für Reise und Studium. Gandhi legte ein Gelübde ab, während seines Aufenthaltes in England den Hinduismus weiter zu praktizieren, und versprach seiner Mutter, den westlichen Verlockungen zu widerstehen.Mike Nicholson: Mahatma Gandhi. Würzburg 1989, S. 13. Weil bis dahin kein Angehöriger der Bania-Kaste im Ausland gewesen war, wurde am 10. August 1888 eine Kastenversammlung einberufen, um über den Fall zu beraten. Trotz des Verweises auf sein Gelübde beschloss die Versammlung, ihm im Falle einer Auslandsreise die Kastenzugehörigkeit zu entziehen. Gandhi hielt jedoch an seiner Entscheidung fest und galt seitdem als Kastenloser, was einen weitgehenden Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutete.