Das Man’yōshū ( bzw. , in Umschrift auch Manioschu,rororo Lexikon in neun Bänden: Duden-Lexikon – Taschenbuchausgabe, Mannheim 1966, S. 1347 (Bd. 6). dt. „Sammlung der zehntausend Blätter“) ist die erste große japanische Gedichtanthologie. Es handelt sich um eine Sammlung von 4.496 Waka-Gedichten, die unter anderem den Kokashū und den Ruijū Karin () enthält. Das Man’yōshū nimmt in der vorklassischen Literatur Japans (Nara-Periode) eine besondere Stellung ein. Es wurde um 759 und im Unterschied zu allen nachfolgenden Sammlungen der Heian-Zeit nicht auf kaiserlichen Geheiß, sondern von privater Hand, vornehmlich von dem Dichter Ōtomo no Yakamochi nach chinesischem Vorbild, kompiliert. Der von ihm mehr oder minder zufällig angelegte Umfang von 20 Bänden diente den folgenden kaiserlichen Gedichtsammlungen als Vorbild.
Die ältesten Gedichte lassen sich nach traditioneller Jahreszählung bis ins 4. Jahrhundert zurückdatieren,Es handelt sich um die ersten vier Tanka des zweiten Buches, die Iwa no hime, Gemahlin des Kaisers Nintoku (traditionelle Regierungszeit: 313–399), verfasste. die meisten stammen jedoch aus dem Zeitraum zwischen 600 und 750.
Die Zusammenstellung ist in der Man’yōgaki, in der chinesische Schriftzeichen zur Darstellung der Aussprache dienen, geschrieben. Die Aufzeichnung der Gedichte erfolgte ausschließlich in Kanji, den von den Japanern übernommenen chinesischen Schriftzeichen. Diese Schriftzeichen wurden sowohl logografisch als auch phonetisch genutzt. Letztere werden auch als Man’yōgana bezeichnet.
Im Man’yōshū werden 561 Verfasser mit Namen genannt, darunter 70 Frauen. Darüber hinaus bleiben ein Viertel der Dichter anonym, sodass man weitere 200 Verfasser annehmen kann. Darunter waren unter anderem Ōtomo no Tabito (665–731), Yamanoue no Okura (660–733) und Kakinomoto no Hitomaro. mini|Man’yōshū-Textausgabe, 12. Jahrhundert
Titel und Gliederung Der Titel hat den Übersetzern seit jeher Schwierigkeiten bereitet. Insbesondere das zweite der drei Logogramme im Titel man–yō–shū kann unterschiedlich verstanden werden. Das Schriftzeichen man () bedeutet heute gemeinhin Zehntausend, wurde aber auch verwendet, um eine unbestimmt große Zahl, vergleichbar dem Begriff Myriade, auszudrücken. Das Schriftzeichen shū (集) = Sammlung ist in seiner Bedeutung weitgehend eindeutig. Das Logogramm yō (葉) ist häufig in der Bedeutung Blatt verstanden worden und zu Koto no ha, wörtlich: Wort-Blatt (, kotoba) im Sinne von Wort, Rede, Gedicht expandiert wordenKarl Florenz bemerkt hierzu, dass diese Verwendung erstmals in der Vorrede zum Kokinshū Anfang des 10. Jahrhunderts gebraucht worden sein könnte, wodurch diese Auslegung zeitlich ausfiele.Geschichte der japanischen Litteratur, S. 80.. Diese Auffassung führt zu der wohl häufigsten Übersetzung des Begriffs „Sammlung der zehntausend Blätter“. Das zweite Logogramm ist darüber hinaus auch in der Bedeutung mansei (万世), manyō (万葉) = viele Generationen aufgefasst worden. In diesem Fall lautete der Titel etwa Gedichte vieler Generationen.
Die Herausgeber des Werkes sind unbekannt, jedoch dürfte der Dichter Ōtomo no Yakamochi maßgeblich zu der Entstehung der Sammlung beigetragen haben. Namentlich bekannt sind über 561 Poeten, jedoch sind ca. 25 % der Dichter, die zu der Vielfalt des Man’yōshū beigetragen haben, unbekannt geblieben. Die ältesten Gedichte stammen bereits aus dem 4. Jahrhundert. Die meisten Gedichte der Anthologie stammen jedoch aus dem Zeitraum zwischen 600 und 750. Den Großteil des Werkes machen 4173 kurze Dichtungen Mijika-uta, die sogenannten Tanka aus. Daneben enthält das Man’yōshū 261 Langgedichte Naga-uta oder Chōka, und 61 ausdrücklich gekennzeichnete Sedōka, symmetrisch aufgebaute sechszeilige Gedichte.
Während die späteren kaiserlichen Gedichtsammlungen einem strengen inhaltlichen Gliederungsprinzip (Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Abschied, Liebe etc.) folgen, ist die Anordnung der Gedichte im Man’yōshū noch weitgehend ungeordnet. Die Gedichte können in sechs Gruppen eingeteilt werden, die über den ganzen Textkorpus verteilt sind:
Kusagusa no uta oder Zōka () – vermischte Gedichte, wie zum Beispiel Glückwunschgedichte, Reiselieder und Balladen. Sōmon () – Gedichte in gegenseitiger Äußerung eines freundlichen Gefühls. Beispielhaft dafür ist ein Gedicht, das Nukada, die Nebenfrau des Kaisers Tenji an den jüngeren Bruder des Kaisers, Prinz Ōama, schrieb, als er während eines Jagdausflugs ihr zu verstehen gab, dass er um sie werbe. Banka () – Elegien, zu denen Lieder über den Tod der Mitglieder der kaiserlichen Familie gehören. Hiyuka () – allegorische Gedichte Shiki kusagusa no uta oder Eibutsuka () – vermischte Gedichte mit besonderer Berücksichtigung der Natur und der vier Jahreszeiten Shiki Sōmon – gegenseitige Äußerungen mit Berücksichtigung der JahreszeitenFlorenz nennt sechs Gruppen, Katō Shūichi hingegen drei Gruppen: Zōka, Sōmonka und Banka. History of Japanese Literature, S. 59.
Entstehung Schon zu Beginn des 10. Jahrhunderts konnte man nicht mehr recht sagen, von wem und wann das Man’yōshū zusammengestellt worden war. Dies war vor allem dem Umstand zu schulden, dass sich die Tenno und mit ihnen der Hof in den nachfolgenden Regierungsperioden bis zur Engi-Zeit wieder der chinesischen Poesie zuwandten. Man kann daher nicht mit Gewissheit sagen, wer die Zusammensteller dieses umfangreichen Werkes waren. Sicher ist nur, dass die Sammlung in der späten Nara-Zeit beendet wurdeNach Angaben aus dem Eiga- () und Yotsugi-Monogatari () waren Tachibana no Moroe () und einige Würdenträger die Kompilatoren des Man’yōshū. Es ist jedoch zweifelhaft, ob diese Angaben verlässlich sind, da einerseits die Quellen aus dem 11. Jahrhundert stammen und weil andererseits die Kompilierung über den Tod Tachibanas 757 hinaus fortgesetzt wurde..
Den Ausführungen des Priesters Keichū ()Es handelt sich um den 31-bändigen Kommentar Manyō-Daishōki (). zufolge entstand das Man’yōshū im Unterschied zu den Sammlungen aus einundzwanzig Epochen, die auf kaiserlichen Befehl zusammengestellt wurden, als private Sammlung des Poeten Yakamochi von dem Klan ŌtomoFlorenz: Geschichte der japanischen Litteratur, S. 81.. Er selbst, in diverse politische Angelegenheiten verwickelt, verstarb unter dubiosen Umständen 785. Der Klan Ōtomo verschwand daraufhin vollständig bis zum Ende des 9. Jahrhunderts.
Die Hauptquellen des Man’yōshū, das Kojiki und das Nihonshoki (oder auch Nihongi genannt) sind selbst in der Anthologie erwähnt. Des Weiteren dienten als Quellen Werke einzelner Dichter, Memoiren, und Tagebücher, aber auch mündlich überlieferte Dichtungen. In manchen Fällen ist die Originalquelle oder sogar die persönliche Meinung des Zusammenstellers zu dem Gedicht angegeben worden. Ein weiteres Charakteristikum des Man’yōshū ist die Wiederholung der Gedichte in leicht abgewandelten Versionen.
Erst Kaiser Murakami befasste sich wieder mit der Sammlung. In den bis dahin verstrichenen zwei Jahrhunderten war weitgehend vergessen worden, wie die durchweg chinesischen Schriftzeichen zu lesen waren. Murakami setzte daher eine fünfköpfige Kommission ein, die begann die Lesung in Kana zu notieren. Diese als Koten („alte Lesung“) bekannte Notation von 951 folgte die Jiten („zweite Lesung“) einer sechsköpfigen Kommission. Die Lesung von danach noch 152 verbleibenden Gedichten wurde dann im 13. Jahrhundert von dem Mönch Sengaku erarbeitet (Shinten, „neue Lesung“).
Eines der wichtigsten Quellbücher des Man’yōshū war das Ruijū Karin (, „Wald eingeordneter Verse“), das in späterer Zeit verloren gegangen ist. Fertiggestellt wurde es von Yamanoe Okura, einem der ersten Man’yōshū-Poeten und einem begeisterten Verehrer der chinesischen Literatur. Es ist nicht viel über das Werk bekannt, aber man nimmt an, dass es mindestens als Vorlage für die ersten zwei Bände diente. Eine weitere Quelle stellte das Kokashū (, „Sammlung alter Gedichte“) dar. Darüber hinaus werden im Man’yōshū die als Hitomaro, Kanamura, Mushimaro und Sakimaro bekannten Sammlungen erwähnt.
Normalerweise geht einer Dichtung oder einer Gruppe von Dichtungen im Man’yōshū der Name des Autors, ein Vorwort und nicht selten ein Vermerk voraus. Im Vorwort und Vermerk ist zumeist der Anlass, Datum und Ort, aber auch die Quelle des Gedichtes angegeben. Geschrieben ist all dieses in Chinesisch. Sogar chinesische Dichtungen, auch wenn ganz selten, kommen in den Büchern des Man’yōshū vor. Die Gedichte selbst sind in chinesischen Schriftzeichen, den Kanji geschrieben. Bemerkenswert ist, dass die Zeichen meistens wegen ihres phonetischen Wertes aus dem Chinesischen entliehen wurden, was als Manyōgana bezeichnet wird. Teilweise wurden die Zeichen auch semantisch verwendet, mit der entsprechenden japanischen Lesung (logografische Verwendung). Erst aus den Manyōgana entwickelten sich die Kana, die Silbenschrift Japans. Mehrere Kanji konnten ein und denselben phonetischen Wert haben. Das stellte eine große Herausforderung für die Übersetzung des Man’yōshū dar.
Lyrische Formen Das Gedicht (Lied) im Man’yōshū besteht aus mehreren Versen, die in der Regel abwechselnd fünf und sieben Moren beinhalten. Notiert wurde original vermutlich in Zeilen zu sechzehn oder siebzehn Zeichen.
Tanka Die am häufigsten vorkommende und bis heute erhaltene Form in der Anthologie ist das Tanka. Diese Gedichtform besteht aus fünf Versen mit 31 Moren: 5/7/5/7/7.
Chōka Daneben finden sich im Man’yōshū die sogenannten Langgedichte oder Chōka. Ein Chōka besteht auch aus 5 oder 7 Moren je Vers und wird mit einem siebenmorigen Vers abgeschlossen: 5/7/5/7/5…7/7. Die Langegedichte sind nach chinesischem Vorbild gebildet. Ihnen folgen häufig Kurzgedichte, sogenannte Kaeshi-uta oder Hanka (, Wiederholungsgedicht). Formal handelt es sich dabei um Tanka, die in prägnenater Form eine Zusammenfassung oder einen Nachtrag darstellen.
Das längste Chōka in der Anthologie überschreitet 150 Verse jedoch nicht. Insgesamt befinden sich 262 der Langgedichte im Man’yōshū, davon einige aus der Feder von Kakinomoto Hitomaro, einem der bedeutendsten Poeten. Das Chōka selbst verlor im 8. Jahrhundert an Bedeutung, während die Bedeutung des Tanka zunahm.
Sedōka Neben diesen beiden Formen findet man zudem das „Kehrverslied“ (Sedōka). Es kommt in der Sammlung der Zehntausend Blätter 61 Mal vor. Es handelt sich dabei um die Kombination zweier Halbgedichte, dem Kata-uta (), das charakterisiert ist durch die zweimalige Wiederholung des Tripletts 5/7/7, also: 5/7/7/5/7/7. Das Sedōka wurde mit der Zeit immer ungebräuchlicher und geriet schließlich in Vergessenheit.
Bussokusekika Zuletzt ist noch eine Sonderform, das Bussokusekika (, wörtlich „Buddhafußspurgedichte“) mit nur einem Exemplar im Man’yōshū existent. Es erinnert an ein Steinmonument, das die Form des Fußabdruck Buddhas besitzt und das 752 im Yakushi-Tempel nahe Nara entstand. Darin eingraviert sind 21 Lieder, die bis auf den heutigen Tag erhalten blieben. Charakteristisch für diese Form sind sechs Verse mit 38 Silben: 5/7/5/7/7/7.
Rhetorische Mittel Weder Betonungen, Tonhöhen, Silbenlängen noch Reim werden für die Wirkung des Gedichts eingesetzt. Dies wird auf die Eigenheit der japanischen Sprache zurückgeführt, in der jede Silbe mit einem Vokal endet.