Die Doppelbindungstheorie (engl. double bind theory, franz. double-contrainte) ist ein kommunikationstheoretisches Forschungsergebnis zur Entstehung schizophrener Symptomatiken (Heidelberger Schule).Arnold, Eysenck, Meili: Lexikon der Psychologie. Double-bind-hypothesis, S. 390, Bechtermünz Verlag, 1996, ISBN 3-86047-508-8. Diese variieren kontextabhängig. Die Doppelbindungstheorie hat die Therapie revolutioniert. Die Theorie wurde von einer Gruppe um den Anthropologen und Kommunikationsforscher Gregory Bateson entwickelt. Sie identifizierten (im Gegensatz zu bis dahin geltenden intrapsychischen Hypothesen) Beziehungsstrukturen, welche zu Verhaltensformen führen können, die als Schizophrenie bezeichnet werden. Hierfür prägten sie den Ausdruck double bind.Gerhard Stumm (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Springer, 2006, ISBN 3-211-83818-X. Diese Verbindung zur Schizophrenie konnte allerdings empirisch nicht bestätigt werden.M. Pinquart: Soziale Bedingungen psychischer Störungen. In: H.U. Wittchen, J. Hoyer (Hrsg.): Klinische Psychologie und Psychotherapie. 2. Auflage. Springer, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-13017-5.K. Hahlweg: Schizophrenie. In: S. Schneider, J. Margraf (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 2: Störungen im Erwachsenenalter – Spezielle Indikationen – Glossar. Springer, Heidelberg 2006, ISBN 3-540-79542-1.E.-R. Rey: Schizophrenien. In: H. Reinecker (Hrsg.): Lehrbuch der klinischen Psychologie und Psychotherapie. Modelle Psychischer Störungen. 4. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2003, ISBN 3-8017-1712-7.
Die Doppelbindungstheorie beschreibt die lähmende, weil doppelte Bindung eines Menschen an paradoxe Botschaften oder Signale (sog. Doppelbotschaften) und deren Auswirkungen. Die Signale können den Inhalt der gesprochenen Worte betreffen oder Tonfall, Gesten und Handlungen sein.
Beschreibung Der Begriff Bindung ist in diesem Modell im Sinne der Etablierung einer Kopplung innerhalb eines behavioristischen Reiz-Reaktions-Musters zu verstehen (Botschaft = Reiz; Verhalten, Wahrnehmen oder bestimmte somatische Reaktionen = Reaktion). Gleichwohl sollten auch bestehende soziale Bindungen zwischen Personen bei der Gesamtbetrachtung berücksichtigt werden. Diese Botschaften oder Signale richten sich mit widersprechenden Reaktions- oder Handlungsaufforderungen auf unterschiedlichen Ebenen der Kommunikation (Inhalts- oder Sachebene bzw. Sachaussage, Beziehungsebene bzw. Beziehungsaussage, Appellebene bzw. Appell oder Ich-Aussage)Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden. Rowohlt Verlag (rororo), ISBN 3-499-17489-8. an einen Betroffenen.
Weiter erschwert wird die Auflösung einer solchen Doppelbindungssituation, wenn sich die Botschaften auch auf einer unbewussten Ebene an den Adressaten wenden oder Reaktionen hervorrufen (sollen), die nicht oder nur eingeschränkt der bewussten Kontrolle unterliegen. Der Adressat erlebt eine solche Doppelbindung als unhaltbar, unauflösbar, wenig durchschaubar und existentiell bedrohlich, weil:
ihm eine Wahl im Sinne der paradoxen Scheinalternativen tatsächlich nicht möglich ist, er die der sprachlich korrekten Botschaft innewohnende Paradoxie nicht erkennen kann/darf (z. B. unterstützt durch Verbot einer Metakommunikation), er sich aber aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnisses gezwungen sieht, der Aufforderung dennoch zu entsprechen und er die Situation nicht verlassen kann.
Der Zwangscharakter und die „Illusion der Alternativen“ in einer Doppelbindung schaffen für ihn eine „Lose/Lose-Situation“ (engl.: to lose = verlieren). Bateson sah in dem wiederkehrenden Einfluss solcher Kommunikationsmuster auf Kinder innerhalb ihrer Familie einen wesentlichen auslösenden Faktor für die spätere Entwicklung von Schizophrenie.
Aufbauend auf Batesons Arbeit formulierte dessen Schüler, der Psychotherapeut Paul Watzlawick, eine „Theorie menschlicher Kommunikation“. Er zeigte, dass die in Doppelbindungen enthaltenen kommunikativen Anomalien tatsächlich ein weitverbreitetes Risiko der Alltagskommunikation von Menschen sind. Watzlawick wies darauf hin, dass ein Krankheitsbild der Schizophrenie nicht mono-kausal auf Kommunikationsmuster nach dem Muster der Doppelbindung zurückgeführt werden kann: „Doppelbindung verursacht nicht Schizophrenie. Man kann lediglich sagen, dass dort, wo Doppelbindung zur vorherrschenden Beziehungsstruktur wird, … das Verhalten dieser Personen den diagnostischen Kriterien des klinischen Bildes der Schizophrenie entspricht. Nur in diesem Sinne kann die Doppelbindung ursächlich und pathogen genannt werden.“Watzlawick et al. 1969, zitiert nach: Reiner H. E. Bastine: Klinische Psychologie. Kohlhammer, Bd. 1, 3. Auflage, Stuttgart 1998.
Ingredienzen einer Doppelbindungskonstellation Das Paradoxon als notwendige Ingredienz Notwendige Ingredienzen Die notwendigen Ingredienzen einer Doppelbindungssituation sind:
Kommunikation Zwei oder mehr Personen, die miteinander kommunizieren Wiederholte Kommunikationserfahrungen (zum Etablieren bzw. Erlernen eines Reiz-Reaktions-Musters) Ein primäres negatives Gebot, das durch Strafen oder Signale (Sanktionen) verstärkt wird, während die Einhaltung des Gebotes für das Überleben essentiell ist und mit dem sekundären Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht. Ein sekundäres Gebot, das durch Strafen oder Signale (Sanktionen) verstärkt wird, während die Einhaltung des Gebotes für das Überleben essentiell ist und mit dem primären negativen Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht. Ein tertiäres Gebot, das dem Opfer den Versuch der Metakommunikation über die Beziehung oder Kritik und Metakommunikation verbietet und es dem Opfer unmöglich erscheinen lässt, den Schauplatz zu verlassen bzw. ihm zu entfliehen.
Schließlich ist die gesamte Menge von Ingredienzien nicht länger erforderlich, wenn das Opfer die Reiz-Reaktionsmuster hinreichend internalisiert hat (d. h. hinreichend konditioniert ist), sich die Reaktionsmuster somit einer bewussten Kontrolle und einer bewussten Selbstreflexion mehr oder weniger entzogen haben oder sich sogar im Zuge einer klassischen Konditionierung zunehmend generalisiert haben und das Opfer damit eine Selbststeuerungsmöglichkeit in dieser Hinsicht sukzessive verliert.
Der wichtigste Unterschied zwischen einer widersprüchlichen und einer paradoxen Handlungsvorschrift besteht darin, dass man im Fall der ersteren die Alternativen bewusst wahrnehmen und wählen kann und mit der Wahl einer Option aber die andere verliert und damit den Verlust bewusst auf sich nimmt. Dieses Ergebnis kann höchst unerfreulich sein, aber es bleibt eine logische Wahlmöglichkeit. Die paradoxe Handlungsvorschrift dagegen macht die Wahl (wegen der Unmöglichkeit der Erfüllung) selbst unmöglich.
Exemplarische Darstellung Ausgedrückte Botschaft (ggf. auch implizit oder nonverbal): „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“Angelika Kutz: Toxische Kommunikation als Krankheitsursache in Unternehmen: Das Double Bind-Phänomen – eine Einführung für Führungskräfte, Berater, Coaches, (essentials) Taschenbuch – Springer-Verlag 2016. 978-3-658-12892-0Angelika Kutz: Double-Bind-Kommunikation als Burnout-Ursache – Ein Theorie-Vorschlag zu Auswirkungen toxischer Kommunikation in Organisationen – Springer-Verlag 2018. 978-3-658-21916-1
Primäres negatives Gebot: Mach mich nicht nass Falls du mich nass machst, erfüllst du meine Erwartungen nicht bzw. wirst sanktioniert. Sekundäres Gebot: Wasch mir den Pelz Falls Du meine Handlungsaufforderung missachtest, erfüllst du meine Erwartungen nicht bzw. wirst sanktioniert. Tertiäres Gebot: Der Sender der Kommunikationsbotschaft verbietet Kritik an ihm/ihr, unterbindet einen Verständigungs- oder Einigungsversuch oder vereitelt eine Metakommunikation. In einem bestehenden Abhängigkeitsverhältnis erscheint ein Verlassen der Situation aus Sicht der Betroffenen nahezu unmöglich (z. B. Sorgerechts- bzw. Fürsorgepflichtsverhältnisse oder weisungsgebundene, abhängig beschäftigte Arbeitnehmer in Mobbingsituationen).
Formale Darstellung Die Person muss sich an das Gebot oder Verbot X halten. Die Person muss sich an das Gebot oder Verbot Y halten. Y widerspricht X. Die Person darf weder X noch Y ignorieren. Jeder Kommentar bezüglich der Absurdität der Situation ist streng verboten. Ein Verlassen der Situation ist oder erscheint unmöglich.
Abhängigkeitsverhältnisse als Rahmenbedingung Die klassischen Beispiele einer Doppelbindungskonstellation beziehen sich auf eine Situation, in der sich die betroffene Person (Opfer) in einer abhängigen Position befindet, in der Anpassung geboten ist und in der sich berechtigte Interessen und Grundbedürfnisse an dominante Bezugspersonen richten, im Negativfall jedoch nicht angemessen befriedigt werden, ggf. mit Scheinalternativen (umgangssprachlich mitunter auch Zwickmühle (Dilemma) genannt) beantwortet werden und ein Verlassen der Situation nicht möglich ist.
Insbesondere Kinder und Kleinkinder haben als Bezugsperson die Eltern bzw. Erziehungsberechtigte, die im Allgemeinen in dieser Lebensphase für die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Stufe 1 bis 3 bzw. 4 der Maslowschen Bedürfnispyramide (Körperliche Grundbedürfnisse, Sicherheit, Soziale Beziehung und soziale Anerkennung) angemessen Sorge tragen, während es im beruflichen Kontext abhängig Beschäftigter mehr die Grundbedürfnisse der Stufe 2 bis 5 (Sicherheit, …, Selbstverwirklichung) sind, deren Anerkennung im Negativfall jedoch (z. B. Mobbing) verweigert werden.
Auf Grund einer dominanten Stellung der übergeordneten Ebene bestimmt diese weitestgehend die Rahmenbedingungen, an die sich die abhängige Person anpassen muss. Die Doppelbindungstheorie betrachtet dabei (zunächst) zwei Ebenen: einen dominanten Elternteil und das abhängige Kind. Eine dritte übergeordnete Ebene (vgl.: Transaktionsanalyse), etwa gesellschaftliche Normen, Ideale, Idealbilder oder Ziele, der sich der dominante Sender der Doppelbindungs-Botschaft ggf. verpflichtet fühlt, bleibt bei dieser Betrachtung zunächst unberücksichtigt. Eine solche übergeordnete dritte (z. T. idealisierte) Ebene ist hingegen im Stanford-Prison-Experiment und auch im Milgram-Experiment erkennbar (vgl. Kapitel: Manipulation und Autoritätsdominanz). Im Milgram-Experiment wird die übergeordnete Ebene – aus Sicht des Lehrers – durch den Versuchsleiter bzw. auch durch die vorgegebene Wissenschaft (idealbildgebend = der gute Zweck) repräsentiert. Im Stanford-Prison-Experiment wird die übergeordnete dominante Ebene durch die Versuchsdefinition bzw. auch durch die Wissenschaft repräsentiert.
Der Anpassungsdruck, der von der jeweils dominanten Ebene ausgeht, bestimmt weitestgehend das Verhalten, Erleben und Lernen in dem Maße, wie es die Rahmenbedingungen zulassen (vgl.: Skinner-Box).
Unerfüllbarkeit als erweitertes Kriterium Mit Unerfüllbarkeit ist die notwendige Unmöglichkeit gemeint, dem Anspruch bzw. den Erwartungen des Senders der Botschaft gerecht werden zu können (damit eine doppelbindungsartige Situation aufrechterhalten wird).
Sprachanalogie Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes ist Ausdruck der Anpassung an die Umgebungssituation, in der sich das Kind befindet. Das Erlernen der Muttersprache ist eine Form der Anpassung an die soziale Umgebung und kann anschaulich als Analogie für die Anpassungsproblematik bei Doppelbindungen herangezogen werden. Wenn ein Kind, das eine Muttersprache erlernen soll, mit hundert verschiedenen Bezugspersonen konfrontiert wird, die alle eine andere Sprache sprechen, dann ist eine sprachliche Anpassung dessen neuronalen Systems an die Umgebung nicht mehr möglich. Gleichzeitig hat das Kind aber den Eindruck, es sei lebenswichtig, diese Bezugspersonen sprachlich zu verstehen. Diese Unvereinbarkeit von unmöglicher Anpassung und absolut notwendiger Anpassung verhindert die Entstehung einer intakten und stabilen Persönlichkeit.
Gedankenexperiment