Gars am Kamp (meist lediglich als Gars bezeichnet, bairisch-österreichisch Goasch ausgesprochen) ist eine niederösterreichische Marktgemeinde mit Einwohnern (Stand ) im Waldviertel, gelegen im Kamptal. Der Ort Gars war im Mittelalter unter den Babenbergern eine Zeit lang Regierungssitz Österreichs und fungierte im 19. und im 20. Jahrhundert als traditionelle Sommerfrische. Zum Ende des 20. Jahrhunderts erlebte der Luftkurort Gars durch den Gesundheitstourismus von Willi Dungl neuerlich einen Aufschwung.
Geografie Der Ort umfasst mit seinen 14 Katastralgemeinden (siehe unten) eine Fläche von 50,47 km². In der Ortsmitte werden 256 Meter Seehöhe über dem adriatischen Meer erreicht. Im nördlichen Teil von Gars am Kamp liegt der im Jahr 1928 eingemeindete Ortsteil Manigfall, auf der westlichen Kampseite Thunau am Kamp, das ehemalige Dorf Gars oder Neu Gars.
Gemeindegliederung Das Gemeindegebiet umfasst folgende 13 Ortschaften (in Klammern Einwohnerzahl Stand ):
Die Gemeinde besteht aus den 14 Katastralgemeinden Buchberg am Kamp, Burgholz, Etzmannsdorf am Kamp, Gars am Kamp, Kamegg, Kotzendorf, Loibersdorf, Maiersch, Nondorf bei Gars, Tautendorf, Thunau am Kamp, Wanzenau, Wolfshof und Zitternberg.
Die Marktgemeinde Gars ist Mitglied der Kleinregion Kamp-Taffatal.
In der Marktgemeinde Gars am Kamp finden zwei Postleitzahlen Verwendung. Die Katastralgemeinden Etzmannsdorf am Kamp und Wanzenau haben die Postleitzahl 3573. Gars am Kamp und alle anderen Orte der Marktgemeinde haben die Postleitzahl 3571.
Nachbargemeinden
Klima
Geschichte Ur- und Frühgeschichte Das Gebiet um Gars am Kamp mit seiner strategisch günstigen Lage an der Nord-Süd-Verbindung durchs Kamptal hat eine bis in die Altsteinzeit (Funde von Kamegg und vom Stranitzberg) zurückreichende Siedlungstradition. Jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Siedlungen bestanden an den Hängen zum Teichwiesenbach.
In der jüngeren und späten Urnenfelderzeit (um 1050–800 v. Chr.) bestand auf dem Höhenrücken oberhalb von Thunau (auf der „Holzwiese“) eine große dörfliche Anlage; der Wall dieser Siedlung ist teilweise noch erhalten. Es wurden im Gemeindegebiet auch Siedlungsnachweise der Hallstattkultur sowie Latène-zeitliche und markomannische Siedlungs- und Grabfunde gesichert.
Um 800 n. Chr. errichteten Slawen auf der „Holzwiese“ und der angrenzenden „Schanze“ eine stadtähnliche Siedlung, die von einem Burgwall umgeben war. Ausgrabungen förderten auch Reste einer Kirche sowie Fürstengräber aus jener Zeit zutage. Lange dachte man, dass diese slawische Stadt durch die Babenberger 1041 zerstört wurde, doch wahrscheinlicher ist, dass sie bereits im 10. Jahrhundert einem Ungarneinfall zum Opfer fiel.
Babenbergerresidenz Im 11. Jahrhundert nahmen die Babenberger – vom Donauraum aus nach Norden vorstoßend – die Region um Gars am Kamp in Besitz. Auf dem „Tabor“ errichteten sie die Garser Burg, und der Babenberger Markgraf Leopold II. „der Schöne“ (1075–1095) verlegte seine Residenz von Melk nach Gars am Kamp, um nach der Niederlage in der Schlacht bei Mailberg (12. Mai 1082) die Mark besser gegen die Bedrohung durch die Böhmen schützen zu können. Als Residenzort diente Gars am Kamp den Babenbergern von 1075 bis Anfang des 12. Jahrhunderts als Zentrum der Landnahme nördlich der Donau, weshalb sich Gars gerne damit rühmt, damals so etwas wie die „Hauptstadt“ Österreichs gewesen zu sein. Entgegen der landläufigen Meinung wurde Leopold II. hier nicht begraben. Sein Sohn Leopold III. „der Heilige“ (1095–1136; Landespatron von Wien und Niederösterreich) wurde möglicherweise in Gars geboren, verlegte seinen Markgrafensitz jedoch um 1110 an die Donau nach Klosterneuburg.
Gars am Kamp wird 1279 zum ersten Mal urkundlich als Markt erwähnt, 1403 wurde das Marktrecht bestätigt. Die Garser Burg wurde von den Kuenringern ausgebaut, spätere Burgherren waren unter anderem die Maissauer und die Reichsgrafen von Lamberg. Das im 16. Jahrhundert erbaute große Renaissanceschloss verfiel aufgrund der Dachsteuerbelastung im 19. Jahrhundert zu einer Burgruine.
Führende Kamptal-Sommerfrische mini|Luftaufnahme von Gars am Kamp Blickrichtung Norden Seit den 1960er-Jahren stellt sich die Gemeinde Gars fälschlich als einst „bedeutendste Sommerfrische-Metropole Niederösterreichs“ nach Baden bei Wien dar.Gemeinde Gars: Historisches zur Sommerfrische: „Gars war neben Baden bei Wien die bedeutendste Sommerfrische-Metropole Niederösterreichs“.Hermann Vogelhuber: 110 Jahre Sommerfrische Gars am Kamp. In: Festschrift 700 Jahre Markt Gars am Kamp. 1279–1979 (Gars 1979) S. 50 f., hier S. 50.„Stars in Gars“: Die vor der Wahrheit davonlaufen. Drei haltlose Garser Legenden. Tatsächlich war Gars nie die zweitmeistbesuchte Sommerfrische Niederösterreichs. Gars, dessen Zeit als Sommerfrische um 1850 bis 1860 begann, war zwar im Kamptal die führende Sommerfrische, blieb aber selbst im Jahr seines bis heute geltenden Nächtigungsrekordes (1912) mit 1.705 FremdenNach der amtlichen Statistik wurde als Fremder erfasst, „wer ortsfremd in einem Orte übernachtet, mit Einschluß der Passanten und Touristen, mit Ausschluß der Arbeitssuchenden und Hausierer.“ (und 77.200 Nächtigungen) weit hinter den führenden niederösterreichischen Fremdenverkehrsgemeinden Baden bei Wien (1912: 31.567 Fremde), Semmering (1912: 19.856 Fremde) und Reichenau an der Rax (1912: 19.413 Fremde) zurück, die rund zehn bzw. zwanzig Mal so viel Fremde und anzunehmenderweise auch rund zehn bzw. zwanzig Mal so viel Nächtigungen hattenDie Fremdenorte mit mehr als 10.000 Fremden (1910–1912). (Geordnet nach der Zahl der Fremden im Jahre 1912.) Österreichisches statistisches Handbuch für die im Reichrathe vertretenen Königreiche und Länder. Herausgegeben von der K.K. statistischen Central-Commission.. Im Jahr 2014 war Gars mit seinen 58.500 Nächtigungen nicht unter den zwanzig niederösterreichischen Top-Reisezielen,Besser besuchte Urlaubsorte waren 2014 unter anderem: Baden bei Wien (379.500 Nächtigungen), Bad Schönau (247.500 Nächtigungen), Moorbad Harbach (245.700 Nächtigungen), Vösendorf (238.700 Nächtigungen), Bad Vöslau (135.500 Nächtigungen), Reichenau an der Rax (124.900 Nächtigungen), Klosterneuburg (124.600 Nächtigungen), Bad Pirawarth (107.400 Nächtigungen), Perchtoldsdorf (100.000 Nächtigungen), Groß Gerungs (95.000 Nächtigungen), Göstling an der Ybbs (90.300 Nächtigungen), Grimmenstein (89.300 Nächtigungen), Puchberg am Schneeberg (75.100 Nächtigungen), Waidhofen an der Ybbs (75.100 Nächtigungen), Spitz an der Donau (74.500 Nächtigungen), Laa an der Thaya (71.500 Übernachtungen), Gaming (71.200 Nächtigungen), Ottenschlag (68.200 Nächtigungen), Gmünd (67.200 Nächtigungen), Bad Traunstein (66.600 Nächtigungen) und die Gemeinde Semmering (62.200 Nächtigungen). Quelle: Die Tourismusbilanz 2014 der NÖ Städte und Gemeinden. was auch für den gesamten Zeitraum vor 1924 zutrifft. Erst Mitte der 1920er-Jahre schaffte es Gars unter die zwanzig meistbesuchten niederösterreichischen Sommerfrischen, wobei es 1928/29 mit dem 9. Rang, seine bislang beste Platzierung erreichte.Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Die Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum. Gars am Kamp 2017. S. 9–174, hier S. 74 sowie S. 93.
Die Korrektur des fehlerhaften Garser Tourismus-Rankings war ein Ergebnis der 2017 erfolgten, systematischen Aufarbeitung der vernachlässigten Garser Tourismusgeschichte.Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Die Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum. Gars am Kamp 2017. S. 9–174. Sie brachte zudem ans Licht, welche namhaften Künstler-Gäste bereits in der Vor-Dungl-Ära (1986 ff.) in Gars zu Gast waren.Zu ihnen zählen beispielsweise die bildenden Künstler Eduard Ameseder, Anton Brioschi, Karl Elleder, Robert Fuchs, Hans Götzinger, Rudolf Hausleithner, Hermann Heindl, Friedensreich Hundertwasser, Isa(bella) Jechl, Adolf Kaufmann, Karl Kaufmann, Eduard Kasparides, Ferdinand Kitt, Hermann Clemens Kosel, Arthur Kurtz, Dagobert Peche, Emil Ranzenhofer, Heinrich Hans Schlimarski, Susi Weigel und Olga Wisinger-Florian, die Schriftsteller Eva Bakos, Heimito von Doderer, Rudolf Eisler, Trude Marzik, Walter von Molo, Anton August Naaff, Andreas Okopenko, Paula Preradović, Robert Scheu, Theodor von Sosnosky, Karl Hans Strobl, Josef Weinheber und Friderike Zweig, die Musiker Anton Arnold, Georg Danzer, Charlotte Eisler, Hanns Eisler, André Heller, Leopoldine Kutzel, Georg Maikl, Richard Maux, Karl Mayerhofer, Marianne Mendt, Karl Umlauf und Adolf Wallnöfer sowie Regisseure, Schauspieler und Tänzer, wie Johanna Borak, Max Brod, Karlheinz Hackl, Fritz Lang, Johanna Ledl, Marianne Wulf, Steffy Stahl und das Wandertheater-Ensemble Löwinger, das (als ernstere Ahnen der später volkstümlichen „Löwinger-Bühne“) in den Jahren 1897, 1908 und 1909 sowie 1911, 1912 und 1913 als Sommer-Theater engagiert wurde, bevor der Theaterprinzipal Paul Löwinger (1844–1913) in Gars verstorben ist, wo er auch begraben liegt.
Vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg mini|Franz von Suppès Garser Wohn- und Wirkungsstätte (1879–1895) mini|Emil Matzals (1843–1911) Öl-Gemälde von Gars-Thunau (1903)Andreas Weigel: Zum Gars-Gemälde des Architektur-Malers Emil Matzal. „Stars-in-Gars“-Blog. 17. Juli 2025. mini|Künstlerisches Werbeplakat für das neueröffnete Hotel Kamptalhof (1914) Einer der berühmtesten Stammgäste war der Komponist Franz von Suppè, der in den Jahren 1876 bis 1879 in Gars auf Sommerfrische weilte, wo er von 1879 bis zu seinem Tod im Mai 1895 seinen Landsitz (Kremser Straße 40–41) samt weiträumigem, gestalteten Garten-Park hatte. Dank Suppè, der seine Operette „Boccaccio“ entgegen gängigen Garser Beteuerungen nicht in Gars, sondern in Wien komponiert hat,„Über die Garser „Boccaccio“-Komposition. Hat Suppè seine Operette „Boccaccio“ nachweislich in Gars komponiert?“ In: Andreas Weigel: Franz von Suppè (1819–1895). Mensch. Mythos. Musiker. Ehrenbürger von Gars. Begleitpublikation zur Jubiläums-Ausstellung des Zeitbrücke-Museums Gars. Mit Beiträgen von Andreas Weigel, Anton Ehrenberger, Ingrid Scherney und Christine Steininger. (Gars am Kamp) 2019. S. 164–195. wurde Gars bekannt und durch die 1889 eröffnete Kamptalbahn bei der Wiener Bevölkerung als Ausflugsziel und Sommerfrische beliebt. Die Bahnverbindung erhielt wegen der herzlichen Begrüßungs- und Verabschiedungsrituale der während der Arbeitswoche getrennten Sommerfrische-Ehepaare den Beinamen „Busserlzug“, was aber keine Besonderheit der Kamptalbahn, sondern die gängige Bezeichnung für viele Zugverbindungen zwischen Wien und seinen Sommerfrischen war.Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars. Gars am Kamp. 2017 S. 9–174, hier Anm. 266 (S. 161).