mini|Norbert Blüm beim Bundesparteitag in Mainz, 1986 Norbert Sebastian Blüm (* 21. Juli 1935 in Rüsselsheim am Main; † 23. April 2020 in Bonn) war ein deutscher Politiker (CDU). Er gehörte dem Deutschen Bundestag von 1972 bis 1981 sowie von 1983 bis 2002 an. Von 1982 bis 1998 war Blüm Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung.
Leben Ausbildung und Beruf In seiner Jugend war Blüm Messdiener und Sankt-Georgs-Pfadfinder. Nach dem Abschluss der Volksschule 1949 absolvierte er bis 1952 eine Ausbildung zum Werkzeugmacher bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim und war in diesem Beruf bis 1957 tätig. In diesen Jahren war er im Werk auch als Jugendvertreter aktiv. Im Jahr 1956 wirkte er zwei Monate lang als Schweißer bei der Fertigstellung des großen Kronleuchters in der Staatsoper in Ankara mit.
Norbert Blüm war ab 1950 Mitglied der Gewerkschaft IG Metall.
Von 1957 an besuchte er über den zweiten Bildungsweg das Abendgymnasium des Ketteler-Kollegs Mainz und bestand 1961 das Abitur. In dieser Zeit war er 1. Stammesvorsitzender der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg in Rüsselsheim.
Von 1961 bis 1967 studierte er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn die Fächer Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie, letzteres unter anderem bei Joseph Ratzinger. Dabei wurde er sowohl von der Stiftung Mitbestimmung (Vorläuferin der Hans-Böckler-Stiftung) als auch der Volkswagenstiftung gefördert. 1967 wurde er zum Dr. phil. mit einer Arbeit über die Willenslehre und Soziallehre von Ferdinand Tönnies. Ein Beitrag zum Verständnis v. ‚Gemeinschaft und Gesellschaft‘ promoviert.Achim Schwarze: Dünnbrettbohrer in Bonn – Aus den Dissertationen unserer Elite. S. 89; Eichborn-Verlag Frankfurt/Main, 1984Nachruf Norbert Blüm, Universität Bonn vom 2. Mai 2020
Von 1966 bis 1968 war er Redakteur bei der Monatszeitschrift der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Soziale Ordnung.
Mitgliedschaft und Ämter in der CDU alternativtext=Blüm am Rednerpult vor Mikrofonen im Wahlkampf zur Landtagswahl Nordrhein-Westfalen 1990|mini|Blüm am Rednerpult vor Mikrofonen im Wahlkampf zur Landtagswahl Nordrhein-Westfalen 1990 Seit 1950 war Blüm Mitglied der CDU. Hier engagierte er sich vor allem in den Sozialausschüssen der CDA, deren Hauptgeschäftsführer er von 1968 bis 1975 und deren Bundesvorsitzender er von 1977 bis 1987 war. Von 1969 bis 2000 saß er im CDU-Bundesvorstand.
Von 1987 bis 1999 war Blüm Landesvorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen. Als solcher war er 1990 als CDU-Spitzenkandidat Herausforderer des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, konnte sich gegen diesen jedoch nicht durchsetzen.
Von 1981 bis 1990 und erneut von 1992 bis 2000 war Blüm zusätzlich stellvertretender Bundesvorsitzender der Partei.
Abgeordneter mini|Von links nach rechts: Stefan Höpfinger, Horst Seehofer und Norbert Blüm bei einer Ordensverleihung 1989 Von 1972 bis 1981 sowie von 1983 bis 2002 war Blüm Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war er von 1980 bis 1981 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von 1981 bis 1982 war er Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin.
Blüm war zuletzt (14. Wahlperiode 1998) über die Landesliste Nordrhein-Westfalen in den Bundestag eingezogen.
Öffentliche Ämter Von 1981 bis 1982 war er Senator für Bundesangelegenheiten und Bevollmächtigter des Landes Berlin beim Bund im Senat des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker.
Am 4. Oktober 1982 wurde er vom neu gewählten Bundeskanzler Helmut Kohl als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung in die Bundesregierung (Kabinett Kohl I) berufen. Er behielt dieses Amt bis zum Ende des Kabinetts Kohl V am 26. Oktober 1998 nach der Bundestagswahl 1998. Er ist damit der einzige Bundesminister, der während der gesamten Kanzlerschaft von Helmut Kohl dem Kabinett angehörte. In seiner Tätigkeit bezog sich Blüm vor allem auf die Christliche Soziallehre. Diese, so Blüm in einer späteren Ausführung, „verteidigt das Privateigentum, aber in sozialer Bindung. Die christliche Soziallehre verbindet also individuelle mit sozialen Rechten und Pflichten.“Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit, S. 266 mini|Forum mit Norbert Blüm im Februar 1990 in Teltow
Während seiner Laufbahn als Minister betrieb er u. a. die Einführung der Pflegeversicherung.Gesetz zur sozialen Absicherung des Risikos der Pflegebedürftigkeit. Bundesgesetzblatt, Jahrgang 1994, abgerufen am 7. Januar 2023 (PDF) Am meisten in Verbindung mit Blüm wird der mittlerweile als geflügeltes Wort bekannte und häufig abgewandelte Spruch „Die Rente ist sicher“ in Erinnerung bleiben. Es handelte sich hierbei um eine Werbekampagne der Bundesregierung aus dem Jahre 1986, bei der Blüm mit Pinsel und Kleber vor Wahlplakaten auf einer Litfaßsäule posiert. Der eigentliche Werbespruch jedoch lautete: „Denn eins ist sicher: Die Rente“.
Im Sommer 1987 reiste Blüm nach Chile, um die Colonia Dignidad zu besuchen und Vorwürfe erheblicher Menschenrechtsverletzungen zu verifizieren, wurde jedoch nicht eingelassen. Er setzte sich in Chile für verfolgte Regimegegner ein und kritisierte deutlich, auch bei einem persönlichen Treffen mit General Pinochet, ihn und seine Militärdiktatur. Er erhielt von Pinochet das Angebot, 14 Todeskandidaten durch Asylgewährung in Deutschland zu retten. Das Engagement Blüms für die Menschenrechte in Chile brachte Presseberichten zufolge die Regierungskoalition bzw. die Schwesterparteien CDU/CSU an den Rand der Spaltung. Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß verteidigte seinerzeit das Pinochet-Regime und Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann lehnte die Aufnahme der 14 Mitglieder der revolutionär-linken Bewegung MIR in der Bundesrepublik ab.
Kabinettszugehörigkeiten Senat Weizsäcker Kabinett Kohl III Kabinett Kohl I Kabinett Kohl IV Kabinett Kohl II Kabinett Kohl V
Nach der politischen Karriere Nach 1998 fand Blüm seine Ansichten in der CDU nur noch in geringem Maß vertreten; schon zuvor wurde er teils als „Herz-Jesu-Marxist“ belächelt. Unter anderem kritisierte er Pläne zur Einführung einer Kopfpauschale in der gesetzlichen Krankenversicherung und vertrat die Ansicht, dass die CDU einen Kurswechsel vollziehe, bei dem das Soziale fehle. Auf dem Leipziger Parteitag der CDU von 2003 wurde er wegen seiner Kritik am Kurs von einigen Parteimitgliedern ausgepfiffen und die veränderte Linie in der Gesundheitspolitik zur Kopfpauschale mit deutlicher Mehrheit bestätigt.DRadio: Ex-Arbeitsminister Blüm wiederholt: "Die Rente ist sicher", 21. Juli 2010 Unterstützung erhielt er später hingegen unter anderem aus den Reihen der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Das früher gute Verhältnis zu Helmut Kohl ging zu Bruch, als sich Blüm in der CDU-Spendenaffäre von Kohl distanzierte, was Kohl ihm nicht verzieh. Er kritisierte die Agenda 2010 („Hartz ist Pfusch“) und sah den sozialen Frieden in Gefahr."Hartz ist Pfusch", Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 13. August 2009.
Privates mini|Norbert Blüm und Ehefrau Marita beim Deutschen Fernsehpreis 2012 mini|hochkant|Das Grab von Norbert Blüm auf dem Alten Friedhof Bonn (Oktober 2025). Blüm lebte in Bonn und war ab 1964 mit Marita Blüm (1940–2026Traueranzeige im General-Anzeiger Bonn vom 12. September 2026, abgerufen am 12. September 2026) verheiratet, die er während des Studiums kennengelernt hatte. Das Ehepaar hat drei Kinder: Christian (* 1965), seit 1994 Schlagzeuger der Kölschrock-Band Brings, und zwei Töchter. Im März 2020 berichtete Blüm in einem Gastbeitrag in der Zeit, dass er im Jahr zuvor nach einer Sepsis ins Koma gefallen war und seither von der Schulter abwärts gelähmt sei.Zeit Nr. 12/2020, 12. März 2020: Lähmung: Was bedeutet mein Unglück?; abgerufen am 24. April 2020 Blüm starb im Alter von 84 Jahren am 23. April 2020 in Bonn; am 5. Mai 2020 wurde er auf dem dortigen Alten Friedhof beigesetzt.
Als sein Lebensmotto sagte Norbert Blüm stets: „Tue recht und scheue niemand.“
Wirken Sonstiges Engagement Blüm und Heiner Geißler besuchten im Jahr 1999 die Nuba-Berge als Teil einer Friedensinitiative für den Sudan. Blüm besuchte nach dem Zweiten Golfkrieg mehrmals den Irak. Seit 2002 setzte er sich verstärkt für die Palästinenser im Nahostkonflikt ein und unternahm aus diesem Grund mehrere Reisen, zusammen mit Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck, in die Palästinensischen Autonomiegebiete. Anlässlich seiner Kritik an Israels Politik im Palästinenser-Konflikt sowie am Vorgehen im Gaza-Krieg 2009 wurde Blüm der Vorwurf des Antisemitismus sowie der Täter-Opfer-Umkehr gemacht,Reinhard Mohr: Gaza-Krieg bei Plasberg – Schlamassel mit der deutschen Schuld, Der Spiegel (22. Januar 2009), abgerufen am 29. April 2020.Sandra Rokahr: „Verblümter Antisemitismus. Israelkritik als Ticketmentalität.“ In: Samuel Salzborn (Hrsg.): Antisemitismus seit 9/11. Ereignisse, Debatten, Kontroversen. Nomos, Baden-Baden 2019, S. 91, 96 wogegen er sich strikt verwahrte., Stern.de
Blüm war Mitglied im Kuratorium der Jungen Presse Nordrhein-Westfalen und der Hilfsorganisation Grünhelme sowie des Kuratoriums der ÖDP-nahen Stiftung für Ökologie und Demokratie. Blüm war Vorsitzender des Vereins Xertifix, der sich gegen Kinderarbeit in der Natursteinbranche engagiert und mit dem gleichnamigen Label Natursteine aus Indien auszeichnet, die nachweislich ohne Kinder- und Sklavenarbeit produziert wurden. Von 1999 bis 2001 war er zudem Vorstandsvorsitzender des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge e. V. (DKKV). Weiterhin engagierte sich Blüm als ehrenamtlicher Botschafter der Stiftung Kinderhospiz Mitteldeutschland Nordhausen e. V. in Tambach-Dietharz. Blüm war langjähriger Unterstützer der Kindernothilfe. Dort fungierte er als Botschafter und Vorsitzender des Stiftungsrates der Kindernothilfe-Stiftung.Kindernothilfe-Botschafter Norbert Blüm Seinen Enkelkindern schenkte Blüm traditionell zur Einschulung eine Patenschaft des Hilfswerks für ein gleichaltriges Kind in einem armen Land. Er war 2. Vorsitzender des Vereins Gesicht Zeigen!! Für ein weltoffenes Deutschland e. V. sowie seit 2017 Jubiläumsbotschafter der von Bodelschwingh’schen Stiftungen Bethel.
Im Sommersemester 2010 übernahm er die Hemmerle-Professur am Lehrstuhl für Systematische Theologie der RWTH Aachen und hielt zwei Vorlesungen und ein Seminar. In seiner Vorlesung am 21. Juli 2010 – seinem 75. Geburtstag – dozierte er über eine „große Idee im Tiefschlaf: die Christliche Soziallehre“. Im März 2012 veröffentlichte Blüm eine Streitschrift Über die Enteignung der Kindheit und die Verstaatlichung der Familie, Druckausgabe vom 15. März 2012, S. 75 u. 76 in der er beklagte, dass sich „das allseits geforderte umfassende staatliche Betreuungsangebot […] hinterrücks als Waffe gegen das Recht auf Erziehung, das das Grundgesetz zuvörderst den Eltern sichert“, entpuppt.
Im Januar 2014 griff Blüm in einem Artikel die Gleichstellung homosexueller verpartnerter Paare sowie die seit 2001 vorherrschende ständige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.) an. Er kritisierte darin, dass das Bundesverfassungsgericht dem Artikel 6 zu wenig Gewichtung zumesse und eine Gleichheit herbeiführen wolle, die er als rhetorischen Trick bezeichnete, und bezweifelte indirekt die starke Gewichtung des Artikels 3 seit der Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes, das er in einem Vergleich aus dem Straßenverkehr als unfallträchtiger ansah. Des Weiteren kritisierte er die Entscheidung zum Ehegattensplitting als Bruch in der langjährigen Rechtsprechung des Gerichtes.
Am 11. März 2014 trat Norbert Blüm in der ZDF-Satiresendung Die Anstalt auf und hielt eine Rede über die „Geschichte gebrochener Versprechen“ bei der privaten Altersvorsorge.