mini|Die Satyricon-Ausgabe von Pierre Pithou, Paris 1587 Satyricon oder Satyrikon ist ein nur in Teilen erhaltener satirischer Roman von Titus Petronius Arbiter (um 14–66 n. Chr.) in lateinischer Sprache, der zur Zeit Neros erschien.
Werk Entstehungszeit Entstehungszeit und die Identität des Autors mit dem bei Tacitus erwähnten Petronius waren seit der Wiederentdeckung in der Renaissance lange umstritten. Die vorgeschlagene Spanne reicht von der Zeit unter Augustus (G. C. Giardina 1972) bis zur Identifizierung des Petronius Arbiter mit dem Bischof von Bologna im 5. Jahrhundert (Goldast 1610).
Die äußeren Zeugnisse beweisen, dass das Satyricon vor dem Jahr 200 entstanden sein muss, denn Terentianus Maurus, der an der Wende des 2. zum 3. Jahrhundert lebte, zitierte ausführlich aus zwei Gedichten des Petronius (Fr 19 und 20). Um dieselbe Zeit zitiert auch der Grammatiker Caper eine Stelle des Satyricon. Doch die wahrscheinliche Verwendung einzelner Bonmots bei Statius († 96) und Martial († 103) legt nahe, dass das Satyricon bereits am Ende des 1. Jahrhunderts vorlag.
Heute herrscht über beide Fragen weitestgehend Einigkeit. Insbesondere die grundlegende Arbeit von Kenneth F. C. Rose hat gezeigt, wie eng Petrons Satyricon mit der Zeit Neros verbunden ist. Auch konnte für das Werk des Petronius Arbiter nie ein passenderer Autor namhaft gemacht werden als eben Titus Petronius, der arbiter elegantiae Neros.
Titel Der älteste Zeuge für den Werktitel, Gaius Marius Victorinus (* zwischen 281 und 291; † nach 363), und die ältesten Handschriften nennen das Werk übereinstimmend lediglich Satyricon. Der Name hängt möglicherweise mit den griechischen Satyrspielen zusammen, wahrscheinlicher ist jedoch die Verwandtschaft zum lateinischen Wort satura lanx. Dieses bezeichnet eine Schüssel, welche mit Obst gefüllt ist, das der Ceres geopfert wurde. Die verschiedenen Früchte weisen auf die ursprüngliche thematische Vielfalt von Satiren hin.
Zwar wurde der Titel schon zu Satyricon libri ergänzt, andere vermuten in Analogie zu den griechischen Liebesromanen (zum Beispiel die Aithiopiká des Heliodor) als Originaltitel Satyrica.
Möglich ist aber auch eine Verbindung mit icon („Bild“). In Unkenntnis der eigentlichen Absicht Petrons sollte es daher bei dem überlieferten Titel Satyricon bleiben.Heute noch gültig die kritischen Anmerkungen von Harry C. Schnur, der u. a. darauf verweist, dass kein einziges Manuskript den Kunsttitel Satyrica trägt: Harry C. Schnur: The Title of Petronius’ Novel. In: Classical Weekly. Nr. 53.2, 1959. S. 65.
Inhalt
Der erhaltene Teil beginnt mitten in einem Gespräch zwischen dem fahrenden Schüler Encolpius und seinem Lehrer Agamemnon über den Verfall der Redekunst. Es folgen eine Eifersuchtsszene mit Askyltos um den Knaben Giton, die Entsühnung der Priapuspriesterin Quartilla. In einer Villa in der Nähe von Cumae folgt das „Gastmahl des Trimalchio“ (lateinisch cena Trimalchionis), eines ungebildeten, neureichen Freigelassenen. Nach weiteren Eifersuchtsgeschichten begibt man sich auf eine turbulente Schifffahrt, bei der man die einst (in heute verlorenen Szenen) betrogenen Lichas und Tryphäna wiedertrifft. Nach einem Schiffbruch gibt sich der Dichter Eumolp in der nahen Stadt Croton als krank und vermögend aus, um von den Erbschleichern zu profitieren. Encolpius erleidet derweil eine schwere sexuelle NiederlageVgl. dazu William B. Ober: The Earl of Rochester and Ejaculatio Praecox. In: William B. Ober: Boswell’s Clap and Other Essays. Medical Analyses of Literary Men’s Afflications. Southern Illinois University Press, 1979; Taschenbuchausgabe: Allison & Busby, London 1988, Neuauflage ebenda 1990, ISBN 0-7490-0011-2, S. 233–252, hier: S. 234. bei der Ortsschönheit Circe, von der er sich erst am Ende der Geschichte nach mühsamen Heilbehandlungen erholt. Das Werk endet mit dem Testament des Dichters Eumolp, der seinen Erben abverlangt, seine Leiche zu essen.
Eingestreut in den Text erscheinen dreiunddreißig Gedichte unterschiedlicher Länge. Kurze einzeilige Epigramme (Satyricon 58,8) stehen den Gedichten von Troia (Satyricon 89) und dem Bürgerkrieg (Satyricon 119–124) mit 295 Versen gegenüber. Daneben finden sich an prägnanter Stelle vier kurze Vergil-Zitate.
Die Qualität von Petrons Gedichten wird hoch gerühmt. Der bekannte Philologe Stowasser zählt sie zu dem Besten, was jemals in lateinischer Sprache hervorgebracht wurde.
Sprache und Stil Das Werk wechselt nicht nur Prosa mit versgebundenen Partien ab (Menippeische Satire), auch die Reden der einzelnen Personen sind aufs genaueste den jeweiligen Sprechern und ihrer Situation angepasst. Die Virtuosität Petrons im Umgang mit der Stilhöhe hat immer wieder Bewunderung hervorgerufen.
Die im „Gastmahl“ geschilderten Gespräche der geladenen Gäste bilden mit ihrem offensichtlich hohen Naturalismus eine wichtige Quelle für das sogenannte Vulgärlatein. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass auch die vulgärsprachlichen Partien in starkem Maße künstlerisch gestaltet sind.
Originalität und literarische Vorlagen Das Werk als Gesamtkomposition steht in mancherlei Hinsicht in der antiken Literatur einzigartig da.
Die erhaltenen Teile parodieren mehrere literarische Gattungen, zum Beispiel: Die Odyssee: Wie Odysseus wird auch der Protagonist Encolpius von den Göttern verfolgt, hier allerdings von Priapus, dem Gott der Fruchtbarkeit, mit Impotenz geschlagen (zunächst ist seine dargestellte sexuelle Präferenz homosexuell, später heterosexuell). Die gängigen griechischen Liebesromane: Encolpius, ein Taugenichts und Schmarotzer, führt ein kompliziertes Dreiecksverhältnis mit dem kongenialen Ascyltos und dem ehemaligen Strichjungen Giton, wobei alle Beteiligten auch anderen Abenteuern nicht abgeneigt sind. Das zeitgenössische Epos: In zwei längeren Verspartien werden der römische Bürgerkrieg (in Anspielung auf Lukan) bzw. die Zerstörung Trojas (möglicherweise als Parodie auf ein entsprechendes Werk von Kaiser Nero) behandelt.
Daneben finden sich in bunter Folge eingestreut Erörterungen über den Verfall der Rhetorik, Novellen (Die Witwe von Ephesus, der Knabe von Pergamum), unglaubwürdige Gespenstergeschichten, Liebesbriefkarikaturen etc.
Satirische Intention Die eigentliche satirische Intention des Petronius ist bis heute von Rätseln umgeben. Von manchen wird das Satyricon für ein „vollkommen amoralisches Sittenbild“ gehalten. Andere konnten die für eine Satire typische Ermahnung nicht erkennen.
Auch wurde das Satyricon aufgrund der teils recht eindeutigen Szenen und seiner sexualisierten Symbolik oft als Pornographie oder Päderastie fehlinterpretiert. Übergreifendes Thema ist tatsächlich das wiederkehrende sexuelle „Scheitern“ der Hauptfigur Encolpius. Die Sexualität im Satyricon ist aber offenbar nur ein Bild für das generelle Scheitern der Protagonisten.
Sicher ist jedenfalls, dass das Satyricon nicht identisch ist mit dem bei Tacitus erwähnten Petronius-Testament, in dem dieser die Missbräuche Neros unter Angabe der Namen und des jeweiligen Schändungsalters aufzeichnete. Das umfangreiche Werk kann unmöglich an einem Tag geschrieben worden sein.Franz Ritter: Zwei Werke des Petronius Arbiter. In: Rheinisches Museum für Philologie. Nr. 20, 1843. S. 561–572. Immerhin ist vermutet worden, dass Petronius in seinem Testament den Schlüssel (quasi die Klarnamen) zum Satyricon geliefert habe.
Aufgrund verschiedenster zum Teil deutlicher Anklänge lag es nahe, das Satyricon (insbesondere die Figur des Trimalchio) als Verspottung Neros zu deuten.Zusammenstellung der entsprechenden Bezüge bei K. F. C. Rose: The Date and Author of the Satyricon. Leiden 1971, S. 77–79. Allerdings hätte dies kaum ungestraft erfolgen können. Neuerdings wird daher demgegenüber die These vertreten, dass nicht Nero, sondern die Nero-Imitatoren verspottet werden sollten.Christoph Schubert: Studien zum Nerobild in der lateinischen Dichtung der Antike. Teubner, Stuttgart 1998, ISBN 3-519-07665-9, S. 168–173. Weiterführend erscheint auch der Ansatz von Vasily Rudich, Petronius verwende in seinem Werk gezielt eine „strategische Ironie“, die es ihm in gefährlichem Umfeld erlaubt, systematisch jede Haltung zugleich einzunehmen und zurückzuweisen.Vasily Rudich: Dissidence and Literature under Nero. The price of rhetoricization. London/New York 1997, S. 197.
Überlieferung Handschriften Nur ein einziges, stark reduziertes Exemplar des Satyricon überlebte die Spätantike in der Benediktinerabtei in Fleury. Auch diese Handschrift (ω) ist heute nicht mehr erhalten. Sie enthielt aber offenbar die Bücher 14–16 des Satyricon, von ihr stammen praktisch alle anderen uns bekannten Petronius-Texte.
Die handschriftliche Überlieferung gliedert sich in vier Klassen: O: Die sogenannten „Kurzen Exzerpte“, bester Vertreter ist die älteste Handschrift, der Codex Bernensis 357 und der Codex Leidensis Vossianus 4° 30 (beide zusammen = „B“), angeblich aus der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts, daneben die Handschriften „R“ und „P“ mit ihren Nachfolgern. Eine jüngere Handschriftengruppe dieser Exzerpte (δ, Renaissance-Handschriften des 15. Jahrhunderts) besteht aus zwei Untergruppen: α: Handschriften A (Traguriensis, zusammen mit H, s. u.), E (Messanensis, 1848 verbrannt), I (Indianensis), F (Leid. Voss. O.81) und K (Vatic. lat. 1671) ξ: Handschriften C D G Q J V W (letztere war Grundlage für den einflussreichen Druck von J. Sambucus 1565) L: Die sogenannten „Langen Exzerpte“, überliefert über die Codices Cujacianus und Benedictinus. Abkömmlinge des Bened. waren die Codices Memmianus und Dalecampianus. Keiner dieser Codices ist erhalten, die Rekonstruktion des L-Textes erfolgt über die Abschrift des Cod. Scaligeranus 61 (l), die Memmianus-Handschriften r, m und d (alle wohl in den 60/70er Jahren des 16. Jahrhunderts geschrieben) und die gedruckten Texte (Tournesius (t), Pithou (p)) mit ihren Hinweisen auf unterschiedliche Lesarten. Daneben finden sich ab 1562 einzelne kurze Zitate aus dem L-Text bei J. Cujas, P. Pithou, D. Lambin und anderen. Auch die bei Goldast 1610 gesammelten Kommentare zum Petrontext bieten einzelne interessante Lesarten, allerdings ist die Zuschreibung und Datierung diese Notae unsicher. H: Der Codex Paris. lat. 7989 olim Tragurensis, Die sogenannte Cena Trimalchionis (nur in einem Exemplar in Trau überliefert, Abschrift des vermutlich 1423 von Poggio in Köln entdeckten Exemplars, das ins 9. Jahrhundert datiert wird). Erstveröffentlichung Padua 1664. Φ: Die sogenannten Florilegia („Blütenlesen“), Zitatsammlungen aus dem 12.–14. Jahrhundert (Florilegium Gallicum) überliefert in mehr als 30 Codices. Bekanntester Vertreter ist der Nostredamensis 188 (= Cod. Paris. lat. 17903).
Eine gesonderte Betrachtung verdienen die verstreut überlieferten Fragmente aus dem verlorenen Teil des Satyricon (darunter die Handschriften X, Y und Z).
Ursprünglicher Umfang Aus den Buchzahlen der erhaltenen Teile (XIV–XVI) lässt sich unschwer schließen, dass das Werk ursprünglich einen sehr viel größeren Umfang gehabt haben muss.
Der Gesamtumfang wurde bislang meist auf etwa 1000 unserer heutigen Druckseiten geschätzt. Müller (1965, 409) hat gezeigt, dass die Metamorphosen des Apuleius, ein dem Satyricon vergleichbares Werk, im Mittel 25 unserer heutigen „Seiten“ je Buch enthielt, nur zwei Bücher haben 30 bzw. 34 Seiten. Daran gemessen hat allein die cena trimalchionis mit rund 53 „Seiten“ den Umfang von zwei mittleren Büchern bei Apuleius.
Der Umfang eines Buches fand lediglich in der Fassungskraft einer Buchrolle seine technologische Grenze. Aber die ist bei der Cena noch nicht erreicht, sie ist kürzer als das, was man in der Antike in ein „Buch“ hineinbekam.
Nimmt man die Cena nicht als Ausnahme, sondern als Regel, so ergibt sich tatsächlich ein Umfang von etwa 1000 Seiten, was aber immer als ungewöhnlich viel erschien.