mini|Patricia Highsmith (1962) mini|Urnengrab von Patricia Highsmith in Tegna, Schweiz Patricia Highsmith (* 19. Januar 1921 als Mary Patricia Plangman in Fort Worth, Texas; † 4. Februar 1995 in Locarno, Schweiz) war eine US-amerikanische Schriftstellerin, die auch unter dem Pseudonym Claire Morgan schrieb. Sie verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Europa.

Highsmith verfasste vor allem psychologische Kriminalromane sowie zeitgenössische Romane. Im Mittelpunkt ihrer Werke steht nicht die Aufklärung von Verbrechen („Whodunit“), sondern die Umstände und Motive („Whydunit“), die einen unauffälligen Durchschnittsmenschen ins Verbrechen treiben. Sie interessierte sich weniger für die moralischen Aspekte ihrer Geschichten als für das Innenleben ihrer Protagonisten. Mit ihren Kurzgeschichten bewegte sie sich in allen Genres, inklusive Horror und Science-Fiction.

Ihr erster Roman Strangers on a Train wurde 1951 von Alfred Hitchcock verfilmt und machte sie weltweit bekannt. Zahlreiche weitere Romane und Storys von Highsmith wurden für das Kino oder Fernsehen adaptiert sowie für Rundfunk und Theater bearbeitet.

Patricia Highsmiths literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Bereits eine ihrer ersten Erzählungen, die Kurzgeschichte The Heroine, die 1945 erschien, wurde unter die besten US-amerikanischen Kurzgeschichten des Jahres gewählt.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 327. Die amerikanische Autorenvereinigung Mystery Writers of America (MWA) nominierte sie drei Mal: 1951 für Strangers on a Train in der Kategorie „Best First Novel“, 1956 für The Talented Mr. Ripley in der Kategorie „Best Novel“ und 1963 für die Kurzgeschichte The Terrapin in der Kategorie „Best Short Story“. Die begehrte Edgar-Allan-Poe-Statue der MWA blieb ihr jedoch zeitlebens verwehrt. 1991 stand ihr Name auf der Vorschlagsliste für den Literatur-Nobelpreis, die Wahl fiel aber auf die Südafrikanerin Nadine Gordimer.

Leben und Werk Kindheit und Jugend Highsmiths Vater, Jay Bernhard Plangman (1887–1975), ein Sohn deutscher Auswanderer, kam in Fort Worth zur Welt und war Grafiker von Beruf. Auch ihre Mutter, Mary Coates (1895–1991), arbeitete als Grafikerin. Ihre Eltern ließen sich nach nur 18-monatiger Ehe neun Tage vor Patricias Geburt scheiden. Das Neugeborene wurde zunächst von seiner Großmutter Willie Mae Coates in Fort Worth aufgezogen. Ihre Mutter heiratete 1924 Stanley Highsmith (1901–1970), auch Grafiker von Beruf. Ihren leiblichen Vater lernte Highsmith erst mit zwölf Jahren kennen.

Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zog sie 1927Joan Schenkar: “The Misfit and Her Muses”, Wall Street Journal, 8. Dezember 2009, S. A19. nach New York, wo sie bis 1938 die Julia Richman High School besuchte. Von 1938 bis 1942 studierte sie Englische Literaturwissenschaft mit Nebenfach Latein an dem renommierten Barnard College, das nur Frauen offensteht. Außerdem belegte sie zeitweise Kurse in Zoologie und Griechisch. Nach dem College-Abschluss arbeitete Highsmith in diversen Jobs, unter anderem als Verkäuferin in der Spielzeugabteilung eines New Yorker Kaufhauses. Schon in der Schulzeit hatte sie erste Geschichten und Gedichte geschrieben und ihre Ideen in Notizheften festgehalten. Sie beschäftigte sich auch intensiv mit Zeichnen und Malen und schwankte lange Zeit, welcher Beschäftigung sie sich in Zukunft mit ganzer Kraft widmen sollte. In der Collegezeit wurden einige ihrer Erzählungen in der Studentenzeitschrift Barnard Quarterly veröffentlicht. Ab 1942 arbeitete sie als Comic-Texterin und Geschichtenentwicklerin bei Verlagen wie Fawcett oder Timely Comics (später Marvel Comics) in New York. Sie schrieb Geschichten für Figuren wie Black Terror, Golden Arrow, Spy Smasher, Captain Midnight, Wild-West-Comics oder Comic-Biografien berühmter Persönlichkeiten. Während dieser Zeit hatte sie ein Blind-Date mit dem späteren Marvel-Verleger Stan Lee. Ein erster Romanversuch namens The Click of the Shutting Anfang der vierziger Jahre blieb unvollendet.

Die Schriftstellerin

Einflüsse Wesentliche Anregungen bekam Highsmith durch das Buch The Human Mind (nicht auf Deutsch erschienen) des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl A. Menninger, das sie im elterlichen Bücherschrank fand und zu lesen begann, als sie acht Jahre alt war. In diesem populärwissenschaftlich geschriebenen Buch werden Personen mit den unterschiedlichsten psychischen Defekten geschildert. Highsmith selbst beschrieb den Einfluss dieses Buchs 1993 mit den Worten:

Ihre literarischen Vorbilder waren u. a. Dostojewski, Friedrich Nietzsche, Edgar Allan Poe, Joseph Conrad, Franz Kafka, Julien Green, Jean-Paul Sartre und Albert Camus.

Frühe Erfolge Ihre im September 1941 geschriebene Kurzgeschichte The Heroine konnte sie 1944 an die Modezeitschrift Harper’s Bazaar verkaufen, die sie im August 1945 veröffentlichte. Die Kurzgeschichte wurde vom Preiskomitee des O.-Henry-Preises zu den besten des Jahres 1945 gewählt.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 327. Im Sommer 1948 bekam sie ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo in Saratoga Springs im Bundesstaat New York, eine Stiftung, die es Künstlern ermöglichen soll, eine Zeit lang in Ruhe zu arbeiten und gleichzeitig durch den Kontakt mit anderen Künstlern neue Anregungen zu erhalten. Hier schrieb sie große Teile ihres ersten Romans Strangers on a Train (deutscher Titel: Zwei Fremde im Zug), der 1950 erschien und großen Erfolg hatte. Alfred Hitchcock kaufte für 6800 US-Dollar die Rechte und verfilmte den Roman 1951. Am Drehbuch arbeitete unter anderem Raymond Chandler mit. Durch die Verfilmung ihres Werkes wurde Highsmith über Nacht weltberühmt.

1953 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Claire Morgan den Roman The Price of Salt, die Geschichte einer lesbischen Liebe mit glücklichem Ende. Eine Begegnung mit einer Kundin aus ihrer Zeit als Verkäuferin in der Spielwarenabteilung inspirierte sie zu dem Roman. Diese Frau übte einen merkwürdigen Zauber auf Highsmith aus. Highsmith selbst hatte zahlreiche Affären mit verheirateten Frauen. Zu einer persönlichen Begegnung mit der Kundin aus der Spielwarenabteilung kam es jedoch nie (genau wie später mit dem „Vorbild“ von Ripley). Das Pseudonym wählte Highsmith, um die eigene Homosexualität nicht öffentlich machen zu müssen. Im zunehmend konservativen gesellschaftlichen Klima der 50er Jahre fürchtete sie, als Autorin von lesbischen Geschichten abgestempelt zu werden und damit ihrer Karriere zu schaden. Der Roman hatte ebenfalls großen Erfolg. Von der Taschenbuchausgabe wurden fast eine Million Exemplare verkauft. Erst 1990 bekannte sie sich öffentlich zu ihrer Autorschaft, als der Roman unter dem Titel Carol neu aufgelegt wurde. Der Roman bildete 2015 die Vorlage für den Spielfilm Carol von Todd Haynes.

Die beiden frühen Erfolge verschafften Highsmith vorübergehend eine finanzielle Unabhängigkeit, die ihr ausgedehnte Reisen ermöglichte. Diese Reisen führten sie vor allem nach Europa und dienten auch der Recherche für neue Romane. Oft suchte sie gezielt Orte auf, die in ihrem neuesten Projekt eine Rolle spielen sollten. Manchmal wurde sie aber auch erst während der Reise zu einem neuen Werk inspiriert, sei es durch den Schauplatz, sei es durch Begegnungen mit Menschen.

Tom Ripley Highsmiths Werk wird häufig mit ihrer populärsten Romanfigur, Tom Ripley, identifiziert. Der Anblick eines allein am Strand von Positano entlanglaufenden jungen Mannes, vermutlich eines Amerikaners, war für sie der Ausgangspunkt der Schaffung zweier sich gegenüberstehender, äußerlich ähnlicher Hauptfiguren, die später die Namen Tom Ripley und Richard Greenleaf erhielten.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 329. Ripley ist ein amoralischer, hedonistischer Krimineller, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Im Gegensatz zu anderen ihrer Romanfiguren wird Ripley nicht von einem permanent schlechten Gewissen gequält, sondern handelt nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“: In Interviews bekannte Highsmith wiederholt ihre Faszination für „das Böse“ und dessen Sieg über „das Gute“.Andrew Wilson: Schöner Schatten. Das Leben von Patricia Highsmith, Berlin 2004. Gleich im ersten Roman, Der talentierte Mr. Ripley (The Talented Mr. Ripley, 1955), ermordet Ripley einen reichen Amerikaner (Richard „Dickie“ Greenleaf) und nimmt dessen Identität an, um mit dessen Geld ein sorgenfreies Bohème-Leben ohne geregelte Arbeit führen zu können. Das Buch war ein großer Erfolg bei Lesern und Kritikern und wurde u. a. mit dem angesehenen französischen Grand prix de littérature policière ausgezeichnet.

Zusätzliche Popularität gewann das Buch 1960 durch die Verfilmung von René Clément mit Alain Delon als Ripley (deutscher Filmtitel: Nur die Sonne war Zeuge). Das konventionelle Ende des Films lief jedoch dem Geist der Vorlage zuwider. 1999 folgte eine weitere Verfilmung des Stoffes durch Anthony Minghella mit Matt Damon in der Rolle des Tom Ripley (deutscher Filmtitel: Der talentierte Mr. Ripley) und 2024 als Netflixserie von Steven Zaillian mit Andrew Scott in der Hauptrolle.

Obwohl Highsmith sich schon 1958 mit Plänen zu einer Fortsetzung trug, kam erst 1970 mit Ripley Under Ground ein weiterer Roman um die schillernde Hauptfigur heraus, dem dann noch drei weitere folgten: Ripley’s Game (1974), Der Junge, der Ripley folgte (The Boy Who Followed Ripley, 1980) und Ripley Under Water (1991) (die deutschen Ausgaben haben die amerikanischen Originaltitel zumeist beibehalten). Einige dieser Fortsetzungen wurden ebenfalls verfilmt; der bekannteste unter ihnen ist Wim Wenders’ 1977 entstandener Film Der amerikanische Freund (nach Ripley’s Game) mit Dennis Hopper in der Rolle des Tom Ripley.

Alle fünf Romane wurden zwischen 1989 und 1992 unter verschiedenen Regisseuren auch als Hörspiel bearbeitet.

Weitere Werke Auch Highsmiths übrige Werke fanden ihr Publikum, wobei diese in Europa größere Popularität genossen als in den USA. Während die Ripley-Romane vordergründiger (Konsum und ein verfeinerter Lebensstil spielen eine große Rolle) und aktionsreicher sind, findet man in ihren anderen Romanen Schilderungen von psychischen und sozialen Erosionsprozessen. Häufiger Ausgangspunkt sind zwei antagonisierende, scheinbar gegensätzliche, aber in bewusster oder unbewusster Abhängigkeit zueinander stehende Protagonisten (Strangers on a Train, The Blunderer, The Two Faces of January, Those Who Walk Away). In This Sweet Sickness und The Cry of the Owl untersuchte sie von Zwanghaftigkeit angetriebene Charaktere. In späteren Romanen wie The Tremor of Forgery, A Dog’s Ransom oder People Who Knock on the Door trat die Kriminalhandlung mehr und mehr zugunsten der Schilderung von Personen und Milieus in den Hintergrund.

Unter ihren kürzeren Erzählungen finden sich sowohl pointierte Kurzgeschichten mit ausgeprägtem Sinn für Makabres und schwarzen Humor als auch Charakterstudien mit bestürzendem Ausgang (The Terrapin, When the Fleet was in at Mobile). Kurzgeschichten aus den Jahren 1939 bis 1949, darunter einige auf Deutsch erstveröffentlichte, publizierte Diogenes zu ihrem 100. Geburtstag 2021 in dem neuen Buch „Ladies.“ Frühe Stories.Tanya Lieske: Patricia Highsmith: „Ladies“: Begierde und Begehren, Rezension auf deutschlandfunk.de vom 19. Januar 2021, abgerufen am 25. Februar 2021

Neben ihrem erzählerischen Werk veröffentlichte Highsmith 1966 den Essay Plotting and Writing Suspense Fiction, eine Art Werkstattbericht. 1958 illustrierte sie das Kinderbuch Miranda the Panda is on the Veranda; den Text schrieb ihre Freundin Doris Sanders. 1995 veröffentlichte der Diogenes Verlag einen Band mit Zeichnungen von Patricia Highsmith. Sporadisch versuchte sich Highsmith auch an Drehbüchern, Theater- und Radiobearbeitungen, jedoch nur mit geringem Erfolg.

Leben in Europa