Francis Alÿs (* 22. August 1959 in Antwerpen, Belgien) ist ein belgischer Fotograf, Maler, Aktions- und Videokünstler. Er lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt.
Leben Francis Alÿs wuchs im belgischen Pajottenland auf.A. Macadeam, Francis Alÿs: Architect of the Absurd in Artnews (25 Juli 2013). Abgerufen am 23. November 2019. Er studierte Architektur von 1978 bis 1983 am Institut d’Architecture in Tournai und anschließend bis 1986 am Instituto Universitario di Architettura di Venezia in Venedig. 1987 kam er als Ingenieur nach Mexiko, um bei einem Hilfsprojekt der belgischen Regierung nach dem Erdbeben von Mexiko-Stadt 1985 mitzuarbeiten. Nach Ablauf der Maßnahme blieb er in Mexiko, wandte sich künstlerischen Arbeiten zuKatharina Dietz. In: Cultrans: Ansichtssachen der Kunst. Views of Art. Königshausen & Neumann, 2005, ISBN 978-3-8260-3022-2, S. 181 ff. und lernte den mexikanischen Kurator Guillermo Santamarina kennen, der in seinem Ausstellungsraum El Salon de los Aztecas die Arbeiten der jungen Künstlergeneration zeigte:
„Das Chaos, die Mischung aus historischen Gebäuden und alltäglichem Leben, die Masse an Händlern, die das Stadtbild, das mit keiner anderen Stadt in Europa zu vergleichen ist, beherrschen und praktisch eine parallele Ökonomie geschaffen haben, faszinierten mich von Anfang an […].“art-magazin.de:
Werk Das Werk Alys’ besteht aus Videofilmen, Zeichnungen, Malerei, Fotografien, Performances und Klangarbeiten. Im Jahr 1991 machte er mit Spaziergang eine erste Kunstaktion, die er, wie die folgenden, auf Video dokumentierte. Bei einem Streifzug (paseo) durch das Stadtzentrum zog er einen magnetischen Hund auf Rädern hinter sich her, an dem im Verlauf immer mehr auf der Straße liegende Eisenteile haften blieben.
In der 1997 begonnenen Diaserie Schläfer dokumentierte er reglos in den Straßen von Mexiko-Stadt liegende Menschen, bei denen nicht zu unterscheiden war, ob es sich um Tote oder nur um Schlafende handelte. Die Serie wird vom Künstler jährlich fortlaufend aktualisiert.
Der Kunstfilm Cuentos Patrióticos (=Patriotische Geschichten) von 1997 bezieht sich auf ein Ereignis aus dem Jahr 1968, als Beamte als Reaktion auf eine Studentendemonstration gegen die Regierung angewiesen wurden, sich im Zentrum von Mexiko-Stadt zu versammeln. Anstatt ihre Unterstützung für die Regierung zu bekunden, reagierten sie aus Protest, indem sie die Geräusche von Schafen nachmachten. In dem Film sieht man Francis Alÿs, wie er auf demselben Platz in Mexiko-Stadt spaziert, gefolgt von einem Schaf, und dann kommen weitere Schafe hinzu und schließen sich an, und sie laufen im Kreis weiter. Standbilder aus dem Film wurden von Peter Gabriel 2026 für das Cover-Artwork der Single A Hard Lesson von dem Album o\i verwendet.
Für Alÿs, der es vermeidet, raumgreifende Skulpturen oder Installationen zu hinterlassen, blieb der zu Fuß durchstreifte Stadtraum eine wichtige Arbeitsform. Bei einer anderen Aktion schob er einen Eisblock so lange durch die Stadt, bis dieser, eine verdunstende Wasserspur hinterlassend, geschmolzen war.Titelbild von: Francis Alys, Phaidon, Berlin, 2007 Bei Fairy Tales (1994) ribbelte er während eines „paseos“ seinen Strickpullover auf und legte mit dem Wollfaden die Spur seines Spaziergangs:Katrin Wittneven: „Was von den Spaziergängen bleibt, ist eine eigentümliche Mischung aus Fakten und Gerüchten. Manchmal kommen deshalb Zweifel auf, ob sich alles auch wirklich so zugetragen hat, wie es die in Ausstellungen präsentierten ‚Dokumente‘ nahelegen. […] Nicht zuletzt reaktivieren sie den Mythos des Künstlers, der die Welt befragt und neu erfindet, der – ohne einer neuen Romantik zu verfallen – seine Aufmerksamkeit wieder dem Geheimnisvollen im Alltäglichen zuwendet.“Andreas Bee: Spaziergänge. In: Francis Alÿs. Time is a Trick of the Mind. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, 2004, S. 9 ff.
Alÿs war zur 49. Biennale von Venedig 2001 eingeladen, ließ sich aber an den Eröffnungstagen durch einen Pfau (Pavo cristatus) vertreten, der statt seiner die „paseos“ machte. Der dressierte Pfau, der von einem uniformierten Begleiter betreut wurde, stolzierte durch die „Giardini“, Hauptschauplatz der Biennale, durch das Arsenal von Venedig und die Umgebung des Markusplatzes. Er nahm auch die Termine des Künstlers auf den abendlichen Empfängen wahr. Für die Aktion wurden Postkarten produziert, die während des Spazierganges verteilt wurden.
Seine 2002 für die Biennale in Lima (Peru) erstellte Arbeit ließ er in Ventanilla unweit der Hauptstadt in einem Armenviertel ausführen. Für sein Werk Faith Moves Mountains („Wenn der Glaube Berge versetzt“) ließ er 500 freiwillige Helfer, die nur mit Schaufeln ausgerüstet waren, eine 200 Meter hohe und 500 Meter lange Sanddüne nur um 10 cm versetzen.Andreas Bee: Dieses Werk wurde 2011 im Rahmen der Ausstellung: Once Upon a Time: Fantastic Narratives in Contemporary Video in der Berliner Kunsthalle Deutsche Guggenheim gezeigt.
Die Arbeit The Rehearsal 1 zeigte Francis Alÿs im Jahr 2004 anlässlich seiner Auszeichnung mit dem blueOrange-Preis im Martin-Gropius-Bau: Ein roter VW-Käfer versucht, eine ansteigende Sandpiste zu befahren – und rollt immer wieder zurück. In der ursprünglichen Performance in Tijuana fuhr ebenfalls ein roter VW eine Sandpiste hügelaufwärts. Hinter dem Hügel lag die Grenze zu den USA. Solange eine Blechbläser-Combo spielte, gab er Gas, hörte sie auf zu spielen, rollte das Auto zum Gelächter der Anwesenden zurück. Blaue Augen, 8. Mai 2007.Deutschlandradio Kultur vom 8. Mai 2011: Vom Aufwand, eine Sanddüne zu verschieben Francis Alÿs „A Story Of Deception“ in New York
Alÿs hat sein Atelier in der Nähe der historischen Kathedrale in einer der Seitenstraßen des „Zócalo“ in Mexiko-Stadt.
Mitgliedschaften Seit 2018 ist er assoziiertes Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste von Belgien.
Zitate
Auszeichnungen (Auswahl) 2002: Hugo Boss Prize 2004: blueOrange-Preis 2008: Publikumspreis beim The Vincent van Gogh Biennial Award for Contemporary Art in Europe 2020: Rolf-Schock-Preis für Kunst 2023: Wolfgang-Hahn-Preis KölnMuseenKöln Presseinformation: Francis Alÿs erhält den Wolfgang-Hahn-Preis 2023 Museum Ludwig, abgerufen am 30. August 2022.
Ausstellungen (Auswahl) 2025: Francis Alÿs. Kids Take Over, Museum Ludwig 2023: Francis Alÿs. Juegos de niñxs, 1999–2022. Museo Universitario Arte Contemporáneo MUAC, Mexiko-Stadt 2022: 59. Biennale di Venezia 2019/2020: Francis Alÿs.The Private View, Museum Morsbroich 2016/2017: Francis Alÿs „Le temps du sommeil“ Wiener SecessionFrancis Alÿs / Avery Singer. Alexandra Matzner über die Doppelausstellung in der Wiener Secession (2016/2017), artinwords.de 2013: Slapstick; Gemeinschaftsausstellung. Kunstmuseum Wolfsburg 2011: Once Upon a Time, Deutsche Guggenheim, Berlin 2011: Francis Alÿs, MoMA PS1, New York 2011: Francis Alÿs. A Story of Deception, Museum of Modern Art, New York 2009: Fabiola, Los Angeles County Museum of Art/LACMA; 2011: Schaulager der Laurenz-Stiftung, Münchenstein, BL 2006: A Story of Deception, Portikus, Frankfurt am Main im Portikus, Frankfurt am Main 2004: Walking Distance from the Studio, Kunstmuseum Wolfsburg; Artist’s Choice: Mona Hatoum, Here Is Elsewhere, The Museum of Modern Art, New York; 20/20 Vision, Stedelijk Museum Post CS, Amsterdam; Time Zones: Recent Film and Video, Tate Modern, London 2001: 49. Biennale di Venezia; 7. Istanbul Biennial 1996: Museo de Arte Contemporãneo de Oaxaca, Oaxaca (Mexiko)
Literatur (Auswahl) Francis Alÿs. The Nature of the game. Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft, Berlin 2022, ISBN 978-3-96912-072-9. Francis Alÿs. Walking Distance from the Studio. Hatje Cantz Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3-7757-1541-X. Francis Alÿs u. a.: Francis Alÿs. Phaidon, Berlin 2007, ISBN 978-0-7148-7500-2. Francis Alÿs: Rehearsal I. Walter König, Köln 2005, ISBN 3-88375-866-3. Pia Gamon (Hrsg.): Francis Alÿs. Wolfgang-Hahn-Preis 2023. Verlag der Buchhandlung Walther König 2023, ISBN 978-3-7533-0552-3.
Weblinks
Francis Alÿs in Google Arts & Culture
Grünenwald, Ursula: "Räume imitieren und gestalten – Die urbanen Interventionen von Francis Alÿs und Gabriel Orozco". In: Schneider, Marlen und Kern, Ulrike (Hrsg.): Imitatio – Aemulatio – Superatio. Bildpolitiken in transkultureller Perspektive. Thomas Kirchner zum 65. Geburtstag. Heidelberg: arthistoricum.net, 2019.
Einzelnachweise
Kategorie:Videokünstler (Mexiko) Kategorie:Maler (Mexiko) Kategorie:Fotograf (Mexiko) Kategorie:Künstler (documenta) Kategorie:Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste von Belgien Kategorie:Belgier Kategorie:Geboren 1959 Kategorie:Mann