mini|hochkant|Vergleich der Vaterunser-Texte in Sanskrit und Kaschmirisch, um 1850
Das „Vaterunser“ wird in der vergleichenden Sprachwissenschaft gelegentlich zu Hilfe gezogen, um verwandte Sprachvarietäten miteinander zu vergleichen.
Eignung für den Sprachvergleich
Eine besondere Eignung für den Vergleich verwandter Sprachen hat das Vaterunser aus mehreren Gründen: weil es in seiner ursprünglichen Form so alt ist wie die Evangelien nach Matthäus und Lukas und daher auch in einigen ausgestorbenen Sprachen dokumentiert ist, die als gemeinsame Vorfahren heutiger Sprachen in Frage kommen, weil es als wichtiger Bestandteil der christlichen Liturgie in die Sprachen fast aller Gegenden der Welt übersetzt wurde, in denen das Christentum verwurzelt ist oder in denen eine Christianisierung stattfand, weil es Passagen mit bestimmten grammatischen Formen enthält: Konjunktiv/Subjunktiv, (verneinter) Imperativ, Relativsatz, Adverbialsatz.
Da aber im Umkehrschluss die überwältigende Vielzahl von Konstruktionen in diesem Gebet nicht vorkommt, kann ein wissenschaftlich vollständiger Vergleich anhand des Vaterunsers nicht angestellt werden, wie auch nur Indizien und Beispiele für historische Entwicklungen (z. B. Lautverschiebungen) gefunden werden können, nicht aber Beweise für Verwandtschaftsgrade.
Historische Schriften
Besonders im 19. Jahrhundert war der Vergleich von Sprachen und Schriften der Welt anhand des Vaterunsers populär. Verschiedene Gelehrte zogen – teils aus eigenem Antrieb, teils in akademischem oder höfischem Auftrag – um die Welt und berichteten über ihre Beobachtungen und Aufzeichnungen.
Bekannte Vertreter sind Conrad Gessner mit dem Buch „Mithridates“ (Zürich 1555), in dem 130 Sprachen behandelt werden und 22 Sprachversionen des Vaterunsers aufgeführt sind, Johann Christoph Adelung, Johann Severin Vater und Wilhelm von Humboldt mit dem Werk „Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde“ (4 Bd., Berlin 1806–1817), Alois Auer von Welsbach mit „Das Vater-Unser in mehr als 200 Sprachen und Mundarten“ (Wien um 1850, später erweitert und verbreitet unter dem Namen „Sprachenhalle“) und Karl Faulmann mit „Illustrirte Geschichte der Schrift“ (Wien 1880, Nachdruck Nördlingen 1989).
Vorkommen der Variationen in der Praxis Zu beachten ist, dass einige der dialektalen und mundartlichen Übersetzungen in der kirchlichen Praxis keine Anwendung finden, sondern aus anderen Gründen (z. B. Lokalpatriotismus) erstellt wurden.
So wird in der griechisch-orthodoxen Kirche üblicherweise die altgriechische Version gebetet, obgleich es auch Übersetzungen in die neugriechischen Dialekte gibt. Auch in der römisch-katholischen Kirche werden bestimmte Liturgiesprachen benutzt, so dass in der „Westkirche“ noch gelegentlich auf Lateinisch gebetet wird, wobei jedoch seit der Liturgiereform infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils die jeweiligen Landessprachen dominieren. Die Vielfalt an Idiomen und Schriftsystemen im Einflussbereich der russisch-orthodoxen Kirche wird im religiösen Alltag ebenfalls kaum deutlich, wenn auch zunehmend seit dem Zerfall der Sowjetunion.
Ebenfalls erscheint die Vielzahl an Variationen dadurch größer, dass in vielen Regionen zwangsweise Änderungen durch politischen Druck stattfinden, was oft zu der Notwendigkeit führt, ein anderes Schriftsystem zu verwenden, so dass äußerlich völlig verschieden erscheinende Versionen in Wirklichkeit dieselbe gesprochene Sprache darzustellen versuchen. Bei einigen Sprachen wie Gotisch werden auch parallele Versionen angegeben, die sich nur in der Graphie unterscheiden, um die Lesbarkeit zu erhöhen.
Vergleichstabellen Die folgenden Sprachen werden teilweise in Schriftarten geschrieben, die auf vielen verbreiteten Betriebssystemen nicht standardmäßig dargestellt werden können. Im Anhang finden sich Weblinks zu Fonts, mit denen die Schriftzeichen korrekt dargestellt werden können.
Vergleichstabelle griechischer und romanischer Sprachen In dieser Tabelle werden zusätzlich zu den griechischen und romanischen Sprachen auch weitere aufgeführt: Albanisch und Armenisch wegen mangelnder sonstiger Zuordenbarkeit und relativer Ähnlichkeit zum Griechischen. Die lateinische Sprache wegen ihrer historischen Bedeutung bei der Entstehung romanischer Idiome. Romanisch-basierte Kreolsprachen. Einige Plansprachen, die weitgehend auf romanischen Sprachen basieren.
Insofern kann diese Tabelle auch als „graeco-latinisch“ angesehen werden, da die übrigen Zweige der latinischen Sprachfamilie entweder zu lange ausgestorben sind, um ein Vaterunser formuliert haben zu können, oder zumindest zu wenig dokumentiert sind.