mini|hochkant|Gertrud Pätsch Auguste Wilhelmine Gertrud Pätsch (geb. Kettler; auch Gertrud Kettler-Robben; * 22. Januar 1910 in Einbeck; † 14. Dezember 1994 in Jena) war eine deutsche Ethnologin, Philologin, Religionswissenschaftlerin und Hochschullehrerin, die sich besonders auf dem Gebiet der Kartwelologie verdient gemacht hat.
Leben und Wirken Gertrud Kettler war die Tochter des Druckereibesitzers Karl Kettler und seiner Ehefrau Mathilde, geborene Wulfestieg. Sie erhielt 1929 am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium (damals Oberlyzeum) in Münster, wo die Familie seit 1916 ansässig war, ihr Reifezeugnis.
Ab 1929 belegte sie ein Studium der evangelischen Theologie, wurde 1933 aufgrund orientalistischer und ethnologischer Studien auch in die Philosophische und Naturwissenschaftliche Fakultät eingeschrieben. Ihre Hauptarbeitsgebiete waren der christliche Orient unter besonderer Berücksichtigung der biblischen Textgeschichte sowie das Studium der semitischen, slawischen und kaukasischen Sprachen, unter anderem bei Hubert Grimme, Karl Heim, Anton Baumstark junior, Georg Graf, Franz Taeschner, K. H. Meyer und Ferdinand Hestermann an den Universitäten Münster und Tübingen.Sprache und Gesellschaft (Gertrud Pätsch in honorem). 1970. Friedrich-Schiller-Univ., Jena 1970. Außerdem betrieb sie Studien der katholischen Theologie, vergleichenden Religionswissenschaft, allgemeinen Sprachwissenschaft und malayo-polynesischen Sprachen.Entnazifizierungsakten von Karl Kettler und Gertrud Kettler-Robben (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen), Signaturen NW 1038 / SBE Hauptausschuss Regierungsbezirk Münster NW 1038, Nr. 1468 und NW 1039-K / SBE Hauptausschuss Regierungsbezirk Münster NW 1039-K, Nr. 431. abrufbar auf Archivsuche NRW. Sie legte Zwischenprüfungen in Latein, Griechisch und Hebräisch ab.Universitätsarchiv Jena: Personalakte von Frau Prof. Pätsch (Bestand D Nr. 1616).
Im Jahr 1937 promovierte sie in Münster bei Ferdinand Hestermann mit der Dissertation Das Verbum Finitum in der altgeorgischen Übersetzung des Markus-Evangeliums. Laut Hestermann war es „das erste Doktorat der Weltgeschichte im Fach Georgisch“.Feuerland-Indianer verlernten ihre Muttersprache. In: Westfälische Landeszeitung / Groß-Dortmund 57, 7. Januar 1944.
Zeit des Nationalsozialismus und väterliche Druckerei
1934 wurde sie Mitglied der Bekennenden Kirche (BK). Sie war die wissenschaftliche Assistentin von Ferdinand Hestermann, der wegen seiner NS-kritischen Haltung keine bezahlte Anstellung fand. .Gertrud Pätsch: In memoriam Ferdinand Hestermann; In: Beiträge zur Ethnolinguistik. Gedenkschrift zum 100. Geburtstag von Ferdinand Hestermann. Wiss. Beitr. d. Friedrich-Schiller-Universität, 1980, S. 7. Ihre Dissertation erschien 1938 beim Verlag der von Wilhelm Schmidt herausgegebenen internationalen Zeitschrift für Völker- und Sprachenkunde Anthropos, der bereits in die Schweiz emigriert war. mini|links|Briefkopf. „Der Westfale, Verlag und Druckerei Kettler und Co.“
Eine weitere wissenschaftliche Arbeit im Rahmen der Universität war zur Zeit des Faschismus, so Pätsch, mit ihrer Überzeugung nicht vereinbar. Deshalb verließ sie die Universität und war 1937 ein halbes Jahr Volontärin im Verlag Laumann in Dülmen, der kurze Zeit darauf wegen seiner politischen Haltung enteignet wurde. Danach trat sie in die Firma Der Westfale, Verlag und Druckerei, ein, die ihr Vater, Karl Kettler, als persönlich haftender Gesellschafter leitete. Sie machte dort eine Weiterbildung und verdiente als Prokuristin ihren Lebensunterhalt; zudem wurde sie durch den Erwerb von Gesellschaftsanteilen Mitinhaberin. 1939 bestand sie die Schriftleiterprüfung. Aus politischen Gründen wurde sie nicht in den Zeitschriften-Verleger-Verband aufgenommen. Die Firma ihres Vaters wurde 1944 geschlossen, weil sie nicht den Erfordernissen der „Heimatfront“ entsprach.Gertrud Pätsch zum 60. Geburtstag. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift, 11/1970. Der Westfale wurde schon 1933 als staatsfeindlich gemeldet und unter Beobachtung der Gestapo gestellt.Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK) Karl Kettler und Dr. Gertrud Kettler-Robben (im Bundesarchiv), Blatt 26. Signatur: R 9361-V/145139. Digitalisat
1938 erwarb Der Westfale die Rechte an der naturheilkundlichen Zeitschrift Gesundheit, Kraft, Schönheit, deren Verleger Curt Tränkner in Halle (Saale) von der Reichspressekammer aus politischen Gründen zum Verkauf gezwungen worden war. Der Westfale machte neben dem offiziellen Kaufvertrag einen Arbeitsvertrag, um Tränkner indirekt die Zeitschrift und deren Einnahmen zu überlassen. Als Tränkner von der Gestapo verhaftet wurde, fand man bei einer Hausdurchsuchung diesen Arbeitsvertrag und die Reichspressekammer drohte mit persönlichen und finanziellen Strafen gegen die Firma. Deswegen übernahm Gertrud Kettler im Dezember 1939 als Einzelperson die Zeitschrift. Jedoch nachdem sie in Halle gewesen war, um mit dem verhafteten Tränkner zu sprechen, galt auch sie als verdächtig und an „dieser volksfeindlichen Verschwörung“ beteiligt. Die Reichspressekammer gab ihr keine Genehmigung für den Kauf der Zeitschrift, die nun inoffiziell dem Hüthig-Verlag in Heidelberg zugesagt wurde. Aufgrund der Kriegsverhältnisse und durch einen andauernden Briefwechsel mit Protesten und Einsprüchen gegen die Reichspressekammer gelang es Gertrud Kettler, die Zeitschrift zu halten, bis sie 1942 verboten wurde.Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK) Karl Kettler und Dr. Gertrud Kettler-Robben (im Bundesarchiv), Blatt 42: 1938 erwarb unsere Firma Der Westfale die Zeitschrift Gesundheit, Kraft, Schönheit. Signatur R 9361-V/145139. DigitalisatAlexander Heinich: „Der Westfale“ – eine Druckerei und ein Verlag in Münster mit einer gleichnamigen Zeitung (von 1894 bis 1916). In: Torhaus Aktuell – Zeitschrift des Stadtheimatbundes Münster e.V. und seiner 37 Mitgliedsvereine. Nr. 1/2025, September 2025, Münster, Seite 58–60.
Mit Nanda Herbermann, die nach ihrer Haftentlassung aus dem KZ Ravensbrück 1943 beim Westfalen untergekommen war, planten Gertrud Kettler und Karl Kettler bereits für die Zeit nach dem Ende des NS-Regimes die Gründung einer ökumenischen Arbeitsgemeinschaft aus Katholiken und Protestanten. Ziel war es, – „durch gemeinsamen Kampf und brüderliche Not seit 1933 zusammengeführt“ – Bücher zu veröffentlichen, die ohne Betonung einzelner Dogmen zur „Neugewinnung der Grundlagen“ beitragen sollten.Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK) Karl Kettler und Dr. Gertrud Kettler-Robben (im Bundesarchiv), Blatt 132–138: Unsere Verlagspläne. Signatur R 9361-V/145139. Digitalisat
Nachkriegszeit, KPD und Übersiedlung in die SBZ mini|hochkant|Pätsch 1948 mini|Die KPD-Zeitung Westdeutsches Volks-Echo 1946 trat Gertrud Kettler-Robben in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. Sie war im Bund religiöser Sozialisten. Sie wurde Mitglied der KPD-Landesleitung von Nordrhein-Westfalen. In der Bezirksleitung Nord-Westfalen der KPD in Münster war sie als dritte Sekretärin (Sekretärin für Werbung und Schulung) für Kulturpolitik verantwortlich.Rudolf Fey: Ein Totgesagter kehrt zurück. Militärverlag der DDR, Berlin 1989, S. 357–376. Bei ihrer politischen Arbeit lernte sie ihren späteren Ehemann Julius Pätsch kennen, der während des Dritten Reiches im Widerstand aktiv gewesen war. In der KPD-Bezirksleitung in Münster war er zunächst Stellvertreter von Georg Kipp und dann selbst Erster Sekretär (Bezirksleiter).
Mitte 1945 war Gertrud Kettler-Robben mit ihrer Familie, die als Evakuierte bei Verwandten in Niedersachsen untergekommen war, nach Münster zurückgekehrt. Hier beteiligte sie sich an der Gründung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Dabei kam sie mit Mitgliedern der KPD in Berührung und im Februar 1946 trat sie der KPD bei. Sie arbeitete daraufhin in der Parteipresse, zunächst 1946 als Kulturredakteurin beim Volks-Echo für Westfalen und Lippe in Bielefeld. Gleichzeitig bemühte sie sich erfolglos um die Lizenzierung einer Zeitschrift für den Kulturbund in Nordrhein-Westfalen, die im Verlag ihres Vaters erscheinen sollte. 1947 wechselte sie in die Kulturredaktion des Westdeutschen Volks-Echos in Dortmund, das im Mai 1948 verboten wurde.Besatzungsmacht gegen Pressefreiheit: Geschichte der Zeitung Westdeutsches Volksecho 7. Mai 1946 bis 4. Mai 1948. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1979. Bereits im Februar 1948 war sie durch Wahl in die Partei-Bezirksleitung nach Münster berufen worden. Nach der Umorganisation der Parteistrukturen und der Auflösung der Bezirke kehrte sie im September 1948 nach Dortmund zurück und arbeitete in der Redaktion der Neuen Volkszeitung, die unter neuer Lizenz das Westdeutsche Volks-Echo ersetzte.
Gertrud Kettler-Robben und Karl Kettler, der auch Mitglied der KPD war, beantragten 1946 mit ihrer Firma erfolglos die Lizenz für einen Buchverlag. Neben den früher geplanten konfessionsübergreifenden Büchern zu Grundsatzthemen des Christentums unter Mitarbeit von Nanda Herbermann sollten wissenschaftliche Bücher, Übersetzungen und Broschüren erscheinen, die zur Überwindung der Folgen der NS-Ideologie beitragen sollten. Auch Ferdinand Hestermann arbeitete an diesen Plänen mit.
Laut Rudolf Fey habe Gertrud Kettler-Robben als Assistentin des international bekannten Sprachwissenschaftlers an der Wilhelms-Universität Münster, Ferdinand Hestermann, einen großen Wirkungskreis unter den Intellektuellen der Universitätsstadt besessen. Ihr Verdienst habe darin bestanden, mit der Hilfe von Josef Knieps, dem Lokalredakteur des Volks-Echos, den Kulturbund Münster ins Leben gerufen zu haben. Die Ortsgruppe sei eine der stärksten und repräsentativsten in Nordrhein-Westfalen gewesen. Der Kulturbund wurde im November 1947 verboten.
Bei politischen Aktionen der KPD gab es immer wieder Zusammenstöße mit ehemaligen Nationalsozialisten. Auch die britische Militärverwaltung erließ gegen die KPD Verbote und führte Verhaftungen durch. Auf einer CDU-Veranstaltung in Gronau (Westf.) sollte Julius Pätsch das Wort ergreifen, um den Redner, einen ehemaligen SS-Unterführer, der als CIA-Agent in der SBZ Sabotageakte verübt hatte, zu entlarven:
Kettler-Robben beteiligte sich auch aktiv an der Volkskongressbewegung. Der politische Druck stieg weiter an, als sich SPD und KPD in Nordrhein-Westfalen auf die Bildung einer Einheitspartei einigten. Es wurde ein Komitee zur Vorbereitung der SED für den Bezirk Nordrhein-Westfalen gebildet, dem Kettler-Robben (als Schriftleiterin) und der parteilose Ferdinand Hestermann angehörten. Ein Volkskongress für Rheinland-Westfalen in Solingen, auf dem Ferdinand Hestermann eine Rede halten sollte, wurde verboten.Ferdinand Hestermann: Eine Rede die nicht gehalten werden konnte. Kongreß Verlag, Berlin 1948. Kettler-Robben und Hestermann überquerten 1948 unerlaubt die innerdeutsche „grüne Grenze“, um sich in Ost-Berlin im Volksrat an der Ausarbeitung einer neuen Verfassung zu beteiligen – der späteren Verfassung der DDR.Gertrud Pätsch: Der Weg nach Deutschland. Universitäts-Zeitung Jena, 15. Oktober 1949.