Borbecksch Platt (auch Borbecker Platt oder kurzum Borbecksch genannt) ist der im Essener Nordwesten und im Oberhausener Südosten (das Gebiet der ehemaligen Bürgermeisterei Borbeck und deren größere Nachbarschaften) gesprochener westfälischer Grenz- und Übergangsdialekt, der sich östlich der Einheitsplurallinie befindet, sich aus Elementen des Niederdeutschen und des Niederfränkischen zusammensetzt und zum Südwestfälischen gerechnet wird. Trotz seiner niederfränkischen Elemente wird es heute zum Niederdeutschen gerechnet.
Klassifikation Das historische Gebiet des Reichsstiftes Essen und somit auch das Sprachgebiet des Borbecker Plattes gehört nicht zum Westmünsterländischen, welches ebenfalls zum Niederdeutschen zählt, weist aber Merkmale dessen auf. Das Westmünsterländische ist durch die Mischung der verschiedenen Sprechweisen der Franken und der Sachsen entstanden und teilt viele Kennmale des Niederfränkischen, grammatisch steht es jedoch dem Westfälischen nahe. Der Sprachforscher Wrede bezeichnete diesen Mundartbereich in seinem Erläuterungstext zum „Deutschen Sprachatlas“ als Gebiet der „Holländischen Nachbarschaft“ und stellte es dem Westfälischen und seinen typisch gebrochenen Lauten wie ua, ue, ui gegenüber.
Das ganze Gebiet zwischen den Verläufen der Issel, Dinkel und Ruhr stellte vor der Industrialisierung nicht nur sprachlich einen Kulturraum dar, auch das Erbrecht, es herrschte das Anerbenrecht, und die Siedlungsform, die durch Einzelhöfe mit Zweiständerhäusern geprägt war, verband es.Das Münster am Hellweg; 17. Jahrgang; Juni 1964; Seite 84ff
Geschichte 9. bis 13. Jahrhundert Nach vereinzelten Wörtern in lateinischen Texten tritt kurz vor der Mitte des 9. Jahrhunderts erstmals die regionale Sprache in Erscheinung: Das Altsächsische. In lateinischen Texten findet man den Ausdruck lingua Saxonica („sächsische Sprache“).Niederdeutsche Sprache Die wenigen bis heute überlieferten Texte dieses Zeitraums stammen aus Essen, Münster und Freckenhorst und wurden zwischen 830 und ca. 1050 angefertigt.Friedrich Engels: Der fränkische Dialekt auf zeno.org Um das Jahr 869 entsteht einer der ältesten Essener bzw. Borbecker Funde dieses Zeitraums: Es ist ein Abgabenverzeichnis oder Heberegister, in dem Borbeck als Borthbeki erwähnt wird. Von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts wird hernach wieder in lateinischer Sprache geschrieben.Niederdeutsche Sprache
14. bis 18. Jahrhundert
300px|miniatur|Die Hanse um 1400 Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wandelt sich das Altsächsische mit einer Reihe von Entwicklungen zur heute Mittelniederdeutsch genannten Sprachstufe. Innerhalb eines Jahrhunderts wird diese, gestützt von der Hanse und dem städtischen Bürgertum, zur führende Schriftsprache im Norden Mitteleuropas und dient als Lingua franca in der Nordhälfte Europas. Es gibt einen Einfluss des Mittelniederdeutschen auf die skandinavischen Sprachen Dänisch, Norwegisch und Schwedisch, der durch zahlreiche Lehnworte gekennzeichnet ist. Mittelniederdeutsche Urkunden gibt es von London im Westen bis Nowgorod im Osten und von Bergen im Norden bis Westfalen im Süden. Das Mittelniederdeutsche schafft und hinterlässt in seinem Geltungsbereich eine beachtliche weltliche und kirchliche Literatur, Ortsnamen, Flurnamen und vor allem viele Familiennamen, eine umfangreiche Geschichts- und Rechtsliteratur sowie Geschäftsprosa. Das Lateinische bleibt beschränkt auf den innerkirchlichen und wissenschaftlichen Bereich Schriftsprache.
Trotz der Richtung hin zu einer Vereinheitlichung lassen sich regionale mittelniederdeutsche Schreibsprachen herausgliedern, die sich durch sprachliche Variablen unterscheiden. So stehen im Mittelniederdeutschen vier ê-Laute zwei ô-Lauten gegenüber, die im Laufe der Zeit vereinfacht werden.
Die Gegend um Münster wird zum Kerngebiet einer Wandlung, die das Westfälische Platt entstehen lässt. Das neu entstandene Platt sticht vor allem durch viele Diphthonge hervor. In den Randbereichen dieses Einflussbereiches wie dem Sauerland und den niedersächsischen Gebieten Westfalens findet die Entwicklung schwächer statt, im Zentrum um Münster sowie in Ostwestfalen am ausgeprägtesten. Auf dieser Grundlage machen die Mundarten im Westmünsterland sowie in Südwestfalen und den heute niederländischen Teilen Westfalens einen weiteren Wandel durch: Viele Diphthonge (die aus langen Vokalen entstanden waren) werden um ein Element gekürzt, sodass kurze Vokale entstehen (zum Beispiel „essen“, im übrigen Niedersächsischen ääten/eeten, im Westfälischen iäten, im Westmünsterländischen etten).reese.linguist.de: Diese Entwicklung führt nicht nur zur Entstehung einer anderen Aussprache, sondern ergibt auch einen anderen Aufbau der Sprache. Da diese Vereinfachung in Westfalen von Landschaft zu Landschaft unterschiedlich durchgeführt wird, entwickelten sich das Westmünsterländische und dem gegenüber auch das Südwestfälische, Ostwestfälische und Münsterländische innerhalb des Westfälischen.
Die Bauerschaften und den größeren Nachbarschaften des Borbecker Quartiers, einem Gebiet, das etwa ein Viertel des Essener Stiftgebietes ausmacht und von der Mitte der heutigen Stadt Oberhausen bis an die Zehntgrenze der Reichsabtei Werden (heute Ortsteil von Essen) reicht, gehören sprachlich zum westlichen Teil des Vestes Recklinghausen oder zum Untervest. Ein anderer, verwandter Mundartbereich umschließt die Landkreise Borken und Ahaus westlich der Dinkel und den holländischen Achterhoek zwischen Issel, Berkel und Dinkel. Auch die ungleich große Entfernung zu anderen Mundartbereichen wie etwa dem niederfränkischen Sprachgebiet und deren Beeinflussung auf das hiesige Platt erzeugen weitere Unterschiede. Die Mundart von Borbeck gewinnt Eigenarten und entwickelt sich zum eigenständigen Ortsdialekt: Borbecksch entsteht.
Vergleich des südwestfälischen Borbecksch mit den vier in Deutschland gesprochenen westfälischen Mundartgruppen:plattdeutsch-niederdeutsch.net: kreis-borken.de (PDF; 3,9 MB)Sauerländer Platt Hochdeutsch Borbecksch Westmünsterländisch Südwestfälisch Münsterländisch Ostwestfälisch Hochdeutsch Hogedütsch Hoogedüüts Haus Huus Huus Hius Huus Hius Woche Wecke Wääke Wiärke Wiäken Brot Brot Brot Brout Braut Braut Baum Boom Boom pl. Böüme Baum Baum laufen lopen lopen loupen laupen laupen Fuß Faut Foot Faut Foot Fout Tod Dood Dood Doud Daud Daud Buch Bauk Book Bauk Bok (Pl. Böker) Bouk Stein Steen Steen Stäin Steen Stäin Blut Blaut Bloot Blaut Bloot Blout Dieb Deiw Deef Daif Daif Däif klein kleen klein klain kleen, klain klein, kläin Kleid Kleed Kleed Kläid Kleed Klaid
Aufgrund der dünnen Besiedlung Borbecks entstehen auch Formulierungen, die nur in den Siedlungen verstanden werden, in denen sie entstanden. So wird zum Beispiel in einer Bedingrader Siedlung „De Berren leggen noch em Damm“ (Die Betten sind noch nicht gemacht) gesagt, anderswo in Borbeck wird dieser Satz aber nicht verstanden. Insgesamt folgt die Sprache jedoch dem Muster des Ortes.
Hoheitslied der früheren Bauern, 1500, 1600. (aus Dellwig) Kauke es dän Hochmenschür, Bovesmann het kän Holt in Für, Hüttmen es en Häunerdas, Halpmen sett dä Kappe ent was, Dickmen es dän Duckennacken, Voss dä kann kän Stuten backen, Pülsmen dä dritt ent Hackebrett, Vonnemann sett, o wi klappert dät, Sandgathe nemmt än Stück Speck on häut Scheppmen domen an’n Bäck, Vieselmann es en brave Mann, Herskamp sett: ick weet nicks dovan, Krandiek es en Vuselstöcker, Rohmen es än Uutsöpper.
Das Mittelniederdeutsch bleibt unabhängig von den Ortsdialekten zusammen mit dem Lateinischen bis ins 17. Jahrhundert Schriftsprache. Es wird jedoch durch ein westfälisches Substrat gekennzeichnet, im Allgemeinen folgt es aber dem Lübecker Standard. Im 16. und 17. Jahrhundert wird das Mittelniederdeutsche durch das von Martin Luther geprägte Neuhochdeutsche ersetzt. Nach und nach wird es durch die hochdeutsche Schriftsprache ersetzt. Weitere Gründe für den Sprachwechsel vom Platt- zum Hochdeutschen sind der Untergang der Hanse und die Herausbildung eines wirtschaftlichen Schwerpunktes in Süddeutschland und der Buchdruck.
19. Jahrhundert mini|hochkant=0.6|links|Das Wappen von Borbeck Nach dem Ende des Reichsstiftes Essen 1803 wird Borbeck als französisch besetztes Gebiet 1808 zur Munizipalität. Französische Vokabeln finden Eingang in die Borbecker Mundart.
Die Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress führt im Jahre 1815 dazu, dass die Gemeinde Borbeck Teil der preußischen Rheinprovinz wird. Es entsteht die eigenständige Bürgermeisterei Borbeck. Trotz neuer Zugehörigkeit verändert sich der Dialekt nicht.
Mit dem Aufkommen des Bergbaus verliert Borbeck und das Ruhrgebiet seinen bis dahin dörflichen und landwirtschaftlichen Charakter und wandelt sich zum industriellen Ballungsraum. 1823 entsteht durch Vereinigung der 1816 gegründeten Kreise Dinslaken und Essen der Kreis Duisburg, in dem Borbeck und Altendorf eine Bürgermeisterei bilden. Durch Kabinettsorder vom 10. August 1857 wurde 1859 der Kreis Essen zusammen mit der Bürgermeisterin Borbeck wieder aus dem Kreis Duisburg herausgelöst und neu eingerichtet. Um 1840 sind im Raum der Gemeinde Borbeck mehrere Bohrungen verschiedener Gewerkschaften auf der Suche nach bauwürdigen Steinkohlevorkommen fündig geworden. Daraufhin entstehen mehrere Zechen wie Zeche Wolfsbank, Zeche Neuwesel, Zeche Christian Levin, Zeche Neu-Cöln und Zeche Amalie. 1966 schließt im Borbecker Raum die letzte Zeche.
Die Orte des Ruhrgebietes wachsen – wenn auch ungleich schnell – stark an. In den ersten Einwanderungsphasen kommen viele Sprecher aus nieder- und mittelfränkischen bzw. westfälischen Dialektgebieten, in den folgenden Phasen setzt ein großer Zustrom aus den vier Ostprovinzen des Deutschen Reiches (Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien und Posen) ein, die Deutsch oder Polnisch (darunter Masurisch) sprechen.ruhrgebietssprache.de Vor allem die Zuwanderung zwischen 1850 und 1900 sorgt im Ruhrgebiet für eine Versiebenfachung der Bevölkerung. Um diese Zeit sind in Essen oder auch Dortmund und Duisburg weniger als die Hälfte der Bewohner auch dort geboren.Hochindustrialisierung in Deutschland#Urbanisierung
hochkant|mini|Fördergerüst der Zeche Amalie Die mit der Zuwanderung ins Ruhrgebiet verbundenen Veränderungen der Tradition und Gemeinschaft, wie zum Beispiel die Aufgabe von Bräuchen und Festen und der Wechsel von Dorfgemeinschaften mit informellem Kommunikationsgefüge hin zur städtischen Anonymität dienen als Hinweise auf die bedeutungsschweren Veränderungen, welche auch Folgen auf das traditionelle Sprachsystem haben. Die Bedingungen, die während der Industrialisierung zu Erweiterungen des Wortschatzes und Änderungen der Syntax der Ausgangssprache beigetragen haben, sind direkte Einflüsse auf das Sprachsystem. Die zunehmenden Veränderungen in allen Lebensbereichen erfordern eine funktionierende Verwaltung. Dies setzt jedoch voraus, dass fachsprachliche Termini und Neologismen eingebunden werden. Die Gebrauchseinschränkungen für die niederdeutschen Dialekte führt allmählich dazu, dass bestimmte Begriffe keine erwünschte Ausdrucksmöglichkeit im Plattdeutschen mehr finden. (PDF; 1,8 MB) Mit der Zurückdrängung der plattdeutschen Mundarten im Ruhrgebiet vollzieht sich gleichzeitig eine Ausbreitung der hochdeutschen Verkehrssprache.
Eine weitere Ursache, die zu Sprachveränderungen führt, ist der massenhafte Umzug innerhalb der Städte und Industriegebiete. Nur wenige der Zuwanderer bleiben länger als ein Jahr in dem jeweiligen Ort, ehe sie erneut weiterziehen, um anderswo eine besser bezahlte Arbeit zu finden. Die Folge ist, dass sich das Erlernen von Ortsdialekten nicht lohnt.