Die 39. Vierschanzentournee 1990/91 war Teil des Skisprung-Weltcups 1990/91.
Das Springen in Oberstdorf fand am 31. Dezember 1990 statt, am 1. Januar 1991 das Springen in Garmisch-Partenkirchen und am 4. Januar 1991 das Springen in Innsbruck. Die Abschlussveranstaltung in Bischofshofen wurde am 6. Januar 1991 durchgeführt. Zum dritten Mal gewann Jens Weißflog die Tournee und war damit nach Helmut Recknagel und Björn Wirkola erst der dritte Springer, dem das gelang.
Weltcup und Favoriten Der Sommer und Herbst 1990 war weiterhin von großen politischen Ereignissen begleitet. Aus der Tschechoslowakei wurde die Tschechische und Slowakische Föderative Republik (CSFR), die Vielvölkerstaaten Jugoslawien und Sowjetunion brodelten, hielten aber noch zusammen. Markantestes Ereignis war aber die deutsche Wiedervereinigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR am 3. Oktober 1990. Das hatte nun auch Auswirkungen für den Sport, denn erstmals seit langer Zeit gab es nun wieder eine deutsche Nationalmannschaft, so auch im Skispringen. Erster gesamtdeutscher Bundestrainer wurde ob der Erfolge von Dieter Thoma in der Vorsaison der bisherige bundesdeutsche Auswahltrainer Rudi Tusch. Den B-Kader übernahm Reinhard Heß. Abgesehen vom Rücktritt Ulf Findeisens wurden auch alle ehemaligen DDR-Kader zunächst übernommen. Unangefochtene Leitfiguren waren weiterhin Dieter Thoma und Jens Weißflog. Der Sachse befand sich allerdings in einer schwierigen Lage. Bereits in der Vorsaison hatte er mit Knieproblemen zu kämpfen, nunmehr wurde ein Knorpel im Knie entfernt. Weißflog konnte so an keinem Weltcupspringen vor der Tournee teilnehmen, dennoch war der Oberwiesenthaler selbstverständlich gesetzt. In Abwesenheit des Olympiasiegers sprangen dafür andere Athleten in die Bresche. André Kiesewetter, ein Schützling von Reinhard Heß und bisher mehr als Trainingsweltmeister bekannt, war einer der wenigen Springer, die noch in der DDR-Auswahl mit dem V-Stil begonnen hatten. Er profitierte nun von den neuen Rahmen- und Trainingsbedingungen enorm und explodierte im Weltcup förmlich. Nach den ersten sechs Weltcupspringen in Übersee und Japan führte der Zella-Mehliser völlig überraschend die Weltcupwertung an, die er vor allem durch zwei Weltcupsiege erzielt hatte. Gekrönt wurde das Ganze durch einen deutschen Dreifacherfolg von der Normalschanze in Sapporo, als hinter Kiesewetter, Thoma und Heumann die weiteren Podestplätze belegten. Mit dem hinzustoßenden Weißflog, den schon sehr erfahrenen Bauer und Klauser war die deutsche Auswahl zu einer sehr starken Mannschaft zusammengewachsen. Und Kieswetter hatte zudem die Diskussion um den V-Stil neu entfacht. Nach Boklöv, der wegen einer Verletzung nicht antreten konnte, war er nun der nächste Springer, der im V-Stil ein Weltcupspringen gewinnen konnte. Neben Kiesewetter traten bei der Tournee neun weitere Springer mit dem V-Stil an, und vor allem die Schweizer Stephan Zünd und der der blutjunge Sylvain Freiholz hatten im Weltcup schon für Achtungserfolge gesorgt. Im deutschen Team probierte es bis dahin neben Kiesewetter nur der 19-jährige Christof Duffner. Auch der österreichische Auswahltrainer Toni Innauer zeigte sich gegenüber dem neuen Stil offen. Innauer hatte die Austria-Adler vor der Saison 1989/90 übernommen und einen Plan bis zu den Olympischen Spielen 1992 in Albertville aufgestellt. Erste Erfolge hatten sich bereits eingestellt, die Aushängeschilder Vettori und Felder waren wieder Bestandteil der Weltspitze geworden und auch in der noch jungen Weltcupsaison belegte Andreas Felder bis dahin den zweiten Platz hinter Kiesewetter. Neben Vettori waren es vor allem die jungen Heinz Kuttin, Werner Haim und Stefan Horngacher, denen eine aufsteigende Form bescheinigt wurde, wenngleich von ihnen noch keiner auf den V-Stil umgestellt hatte. Nur der erstmals n Innsbruck und Bischofshofen eingesetzte Junior Andreas Goldberger sprang schon im V-Stil. Neben dem DSV-Team zählten daher auch die Österreicher zu den Favoriten. Hinzu kamen die Finnen um Risto Laakkonen, Gesamtweltcupsieger Nikkola und eigentlich auch Altmeister Matti Nykänen. Noch bei der Skiflug-Weltmeisterschaft im Februar 1990 hatte er Silber gewonnen, dass es seine letzte Medaille sein würde, konnte da noch keiner ahnen. Wieder gab es Veränderungen in Nykänens Umfeld. Er wurde zum dritten Mal Vater, sein Ausrüster Elan meldete Konkurs an.Neue Zeit vom 22. November 1990 S. 16 Die Weltcupplatzierungen waren auch alles andere als berauschend, bei keinem Springen konnte Nykänen Weltcuppunkte holen. Dennoch war er zunächst für die Tournee vorgesehen, da der zweite Anzug der Finnen nicht wirklich passte. Doch Nykänen entschied erst spät, die Tournee abzusagen, da er sich nicht fit fühlte.Neue Zürcher Nachrichten vom 29. Dezember S. 19 Da war die Meldefrist für Oberstdorf bereits abgelaufen, so dass der nachnominierte 31-jährige Jari Puikkonen erst in Garmisch einsteigen durfte. Überraschend stark zeigten sich auch der für die Sowjetunion startende Andrei Werweikin und der Jugoslawe Franci Petek. Eher ungewiss waren die Erfolgsaussichten der norwegischen Mannschaft.
Vor der Vierschanzentournee waren bereits sechs Einzelspringen im Weltcup absolviert worden. Die Saison hatte Anfang Dezember 1990 wie nun schon seit einigen Jahren in Übersee begonnen, diesmal in Lake Placid.
Gesamtweltcupstand vor der Vierschanzentournee 1. André Kiesewetter 99 Punkte 2. Andreas Felder 87 Punkte 3. Dieter Thoma 65 Punkte 4. Franci Petek 62 Punkte 5.Stephan Zünd 51 Punkte 5. Andrei Werweikin 51 Punkte 7. Ari-Pekka Nikkola 45 Punkte 8. Pavel Ploc 37 Punkte 9. Josef Heumann 29 Punkte10. Anssi Nieminen 27 Punkte
Regeländerungen Erneut befasste sich die FIS auf ihrem Kongress in Montreux Ende Mai 1990 mit der Qualifikation für die Weltcupspringen. Nunmehr gab es für die Wettkampfberechtigen, deren Qualifizierungsrichtlinien schon im Vorjahr beschlossen worden waren, einen Qualifikationsdurchgang, bei dem nur die Weite gemessen wurde. Die besten 60 Springer qualifizierten sich nun für den Wettbewerb. Nach dem ersten Durchgang schieden weitere 25 Athleten aus, so dass den Finaldurchgang nur noch 35 Springer bestritten. Dadurch wurde die sportliche Qualität weiter gestärkt. Von den Organisatoren der Vierschanzentournee wurde diese Regelung weitestgehend übernommen. Allerdings waren hier die 15 führenden Athleten in der Weltcupwertung automatisch startberechtigt, unabhängig davon, ob sie sich durch ihre Weite für den Wettbewerb qualifiziert hätten. Dieter Thoma profitierte von dieser Regelung gleich beim Auftaktspringen in Oberstdorf.
Nominierte Athleten Nation Athleten Thomas Klauser, Andreas Bauer, Jürgen Winterhalder, Josef Heumann, Robert Leonhardt, Norbert Hils, Andreas Scherer, Dieter Thoma, Christof Duffner, Jens Weißflog, Heiko Hunger, Ingo Lesser, Ralph Gebstedt, André Kiesewetter, René Kummerlöw, Mike Arnold, Jens Deimel Andreas Felder, Ernst Vettori, Werner Haim, Klaus Huber, Heinz Kuttin, Stefan Horngacher, Andi Rauschmeier, Alexander Pointner, Franz Neuländtner, Christian Moser, Günther Stranner, Andreas Goldberger, Werner Schuster, Harald Rodlauer, Werner Rathmayr, Oliver Strohmaier, Herwig Millonig Wladimir Brejtschew, Sachari Sotirow Anssi Nieminen, Risto Laakkonen, Ari-Pekka Nikkola, Vesa Hakala, Raimo Ylipulli, Jari Puikkonen Regis Bajard, Steve Delaup; Yannick Revuz Roberto Frison, Roberto Cecon, Ivo Pertile Noriaki Kasai, Takuya Takeuchi, Masahiko Harada, Kenji Suda, Manabu Nikaidō Miran Tepeš, Primož Ulaga, Franci Petek, Goran Janus, Janez Debelak, Damjan Fras Ron Richards, Horst Bulau, Colin Capel Ole Gunnar Fidjestøl, Rune Olijnyk, Kent Johanssen, Øyvind Berg, Espen Bredesen, Stein Gruben Jan Kowal, Zbigniew Klimowski Staffan Tällberg, Mikael Martinsson, Per-Inge Tällberg, Magnus Åström, Magnus Westman Sylvain Freiholz, Benz Hauswirth, Christoph Lehmann, Stephan Zünd Andrei Werweikin, Pawel Kustow, Michail Jessin, Dionis Vodnev Jiří Parma, Pavel Ploc, František Jež, Ladislav Dluhoš, Jaroslav Sakala, Tomáš Raszka, Martin Švagerko Jim Holland, Mark Konopacke, Kris Severson
Oberstdorf Datum: 28. Dezember 1990 Land: Schanze: Schattenbergschanze
Nach einigen Wintern fast ohne natürlichen Schnee präsentierte sich die Schattenbergschanze um den Jahreswechsel 1990 bei besten winterlichen Bedingungen. Die Erwartungshaltung war bei den 30.000 Zuschauern nach den deutschen Ergebnissen im Weltcup und dem Vorjahrestourneesieg von Dieter Thoma enorm. Und die ersten Trainingsleistungen gaben Hoffnung. Thoma sprang auf 108 m und der genesene Jens Weißflog gar auf 110 m. Die Überraschung war der erst 16-jährige Schweizer Sylvain Freiholz, der mit breitem V-Stil auf 113 m segelte.Berliner Zeitung vom 29. Dezember 1990 S. 24 Am Wettkampftag gab es die ersten Überraschungen allerdings schon beim Qualifikationssprung. V-Springer Christoph Duffner lag mit 105 m vor Sylvain Freiholz vorn, dahinter lagen Jens Weißflog und Heiko Hunger. Aus deutscher Sicht eine hervorragende Leistung, wenn da nicht Dieter Thoma gewesen wäre. Der Rotschopf setzt schon bei 88 m auf und qualifizierte sich nur durch seine gute Platzierung im Weltcup für das Auftaktspringen. Im ersten Wertungsdurchgang knüpfte Freiholz nahtlos an seine bisherigen Leistungen an. Zur Halbzeit lag der Schweizer mit Jens Weißflog gleichauf vorn vor den starken Österreichern Kuttin und Felder. Dahinter versammelten sich eher Überraschungen. Christof Duffner lag vor den beiden Schweden Mikael Martinsson und Staffan Tällberg, dahinter befand sich mit Stephan Zünd bereits ein zweiter Schweizer Springer. Allerdings wirbelten Dauerregen und wechselnde Winde das Klassement noch durcheinander. Nur Jens Weißflog blieb davon eher unbeeindruckt, nach 107 m im ersten Durchgang ließ er 106 m im zweiten Durchgang folgen. Zwar sprangen drei Springer im zweiten Durchgang weiter, darunter Duffner mit der Wettkampfhöchstweite von 110 m, aber am Ende reicht es für den Sachsen zu seinem ersten Sieg in Oberstdorf. Zweiter wurde Andreas Felder vor Mannschaftskollege Heinz Kuttin. Trotz etwas abfallender Leistung wurde Sylvain Freiholz Sechster, während Mannschaftskollege Stephan Zünd noch auf den 27. Platz durchgereicht wurde. Neben Christof Duffner auf Rang vier durften auch die Top-Ten-Platzierungen der beiden Schweden Martinsson und Tällberg als Überraschung gelten. Stärkstes Team war an diesem Tag das die DSV-Auswahl, welches allein fünf Springer in den Weltcuppunkterängen hatte und den Tagessieger stellte. Allerdings gab es mit dem für ihn eher unbefriedigten 13. Platz für Thoma und dem 23. Platz für den bis dahin im Weltcup führenden André Kiesewetter auch einige Wermutstropfen. Christof Duffner wurde nach dem Springen ob seiner Leistung als sechster Springer für die Nordischen Skiweltmeisterschaften von Bundestrainer Rudi Tusch nominiert.Berliner Zeitung vom 31. Dezember 1990 S. 19 Pos. Springer Land Punkte 1 Jens Weißflog 203,9 2 Andreas Felder 202,0 3 Heinz Kuttin 198,7 4 Christof Duffner 197,7 5 Mikael Martinsson 195,5 6 Sylvain Freiholz 192,6 7 Staffan Tällberg 187,3 8 Ernst Vettori 181,8 9 Stefan Horngacher 181,2 10 Ari-Pekka Nikkola 180,6 10 Josef Heumann 180,6
Garmisch-Partenkirchen Datum: 1. Januar 1991 Land: Schanze: Große Olympiaschanze