Wirtschaftswunder ist ein Schlagwort zur Beschreibung des unerwartet schnellen und nachhaltigen Wirtschaftswachstums in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.Wirtschaftswunder. In: Der Brockhaus Zeitgeschichte: vom Vorabend des Ersten Weltkrieges bis zur Gegenwart. 2003, ISBN 3-7653-0161-2; Wirtschaftswunder. In: Brockhaus, die Enzyklopädie: in vierundzwanzig Bänden. Band 24, 1999, ISBN 3-7653-3100-7. Auch in Österreich wird der rapide wirtschaftliche Aufschwung ab den 1950er Jahren als Wirtschaftswunder bezeichnet.Materieller und geistiger Wiederaufbau Österreichs. auf: sciencev1.orf.atFelix Butschek: Österreichische Wirtschaftsgeschichte: von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien 2011, ISBN 978-3-205-78643-6. (books.google.at) Das Wirtschaftswunder verlieh den Westdeutschen und Österreichern nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und dem Elend der unmittelbaren Nachkriegszeit ein neues Selbstbewusstsein. Tatsächlich handelte es sich bei dem starken Wirtschaftswachstum der 1950er und 1960er Jahre um ein gesamteuropäisches Phänomen (Nachkriegsboom). Die Volkswirtschaftslehre nennt dafür mehrere, teilweise umstrittene Gründe.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Gesamtwerk: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949–1990. Band 5: Bundesrepublik und DDR 1949–1990. C. H. Beck, 2008, ISBN 978-3-406-52171-3, S. 48 ff. Beispielsweise sei das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland gar kein Wunder im eigentlichen Sinne, sondern ein natürlicher Anpassungsprozess, der durch das Solow-Modell vorhergesagt wird.
Den Begriff „deutsches Wirtschaftswunder“ gab es jedoch schon vor den 50er Jahren, auch außerhalb Deutschlands. Er wurde in Zusammenhang mit der Senkung der Arbeitslosigkeit in den 1930ern gebraucht, die damals auf Grund einer massiven Erhöhung der Staatsschulden erreicht wurde (siehe Sozialpolitik im Nationalsozialismus#Arbeitsmarkt).
Deutsches Wirtschaftswunder Ausgangssituation mini|thumbtime=06|Flug über das kriegszerstörte Berlin (Juli 1945) Trotz der schwierigen Ausgangslage nach der bedingungslosen Kapitulation im Jahre 1945 waren im Gebiet der späteren Bundesrepublik anders als etwa im Hinblick auf großstädtischen Wohnraum etwa 80 bis 85 Prozent der Produktionskapazitäten unzerstört geblieben. Die Gesamtkapazitäten nach dem Krieg übertrafen sogar jene des letzten Friedensjahres 1938. Auch das Straßen- und Schienennetzsiehe auch Geschichte der Eisenbahn in Deutschland war nur punktuell stark zerstört: die zahlreichen Unterbrechungen durch zerstörte Brücken (viele davon kurz vor Kriegsende von Wehrmachtsoldaten gesprengt) und Knotenpunkte konnten relativ schnell behoben werden. Ähnliches galt für die Schifffahrtswege; diese waren durch zerstörte Brücken und kurz vor Kriegsende selbstversenkte Schiffe (die teils Fahrrinnen und Kais blockierten) zunächst vielfach nicht befahrbar. Hier kam der Wiederaufbau schon vor der Währungsreform von 1948 gut voran, auch die Aufräumarbeiten in den Städten machten bis 1948 schnelle Fortschritte.
Die Besatzungspolitik der Westmächte nach dem Krieg hatte zunächst aber keineswegs die rasche wirtschaftliche Erholung Deutschlands zum Ziel. Der Personenverkehr zwischen den drei Westzonen unterlag noch bis 1948 Beschränkungen. Die von Wirtschaftsexperten wie Ludwig Erhard angemahnte Währungsreform wurde zunächst verweigert. Nach verschiedenen, bereits während des Krieges erörterten, aber später verworfenen Plänen, wie mit dem für den Weltkrieg verantwortlichen Deutschland zu verfahren sei, entschieden sich die westlichen Alliierten schließlich für den Wiederaufbau. Im Vergleich zur Sowjetischen Besatzungszone hielten sich die Demontagen in den westlichen Besatzungszonen in Grenzen. In dem Maß, wie dann die Differenzen zwischen den Weltmächten wuchsen und sich relativ rasch in den Kalten Krieg steigerten, wurden die Wirtschaftshilfen für beide deutsche Staaten ausgeweitet.
Die Reichsmark war nach dem Krieg weitgehend entwertet, nicht zuletzt durch Marktmanipulation des Dritten Reichs. Auch die Löhne in Deutschland wurden bereits vor dem Krieg staatlicherseits eingefroren, obwohl sie nach der Weltwirtschaftskrise bereits unter dem Niveau der Nachbarländer lagen. Eine Währungsreform der Reichsmark war damit unvermeidlich. Sie wurde in den drei westlichen Besatzungszonen am 21. Juni 1948 durch die neue Deutsche Mark abgelöst. Diese Währungsreform schuf die Voraussetzung für eine wirtschaftliche Konsolidierung und vereinfachte die organisatorisch bereits angelaufene Hilfe durch den Marshallplan. Wenige Tage später fand die Übergabe der Frankfurter Dokumente statt: Das erste Dokument enthielt die Ermächtigung der Regierungschefs, eine Versammlung der elf Landtage einzuberufen, damit eine angemessene Zentralgewalt und Grundrechte für den neu zu schaffenden Staat ausgearbeitet werden konnten. Das zweite Dokument enthielt die Aufforderung, die Ländergrenzen innerhalb der Westzonen anzupassen. Das dritte Dokument enthielt die Forderung, Grundzüge eines künftigen Besatzungsstatuts festzulegen.
Die Frankfurter Dokumente können als die „Geburtsurkunde“ der dann 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland angesehen werden.
Verlauf Ende der 1940er Jahre begann im Westen Deutschlands ein dynamischer wirtschaftlicher Aufschwung, der, unterbrochen lediglich von einer Konjunkturdelle in den Jahren 1966 und 1967, bis zur Ölpreiskrise im Jahr 1973 anhielt. mini|Provisorische Weinstube auf Berliner Trümmergrundstück, genaues Datum unbekannt Die Währungsreform 1948 beendete den bis dahin verbreiteten Tauschhandel und die Schwarzmarktwirtschaft praktisch über Nacht. Ebenso schnell füllten sich die Regale mit Waren, zunächst in erster Linie Waren für die Deckung der Grundbedürfnisse. Für eine breite Investitionstätigkeit fehlte es den Unternehmen zunächst noch an ausreichendem Kapital. Dies änderte sich in den Folgejahren zunächst zögernd, dann durchgreifend. Grundlage war die gute Gewinnentwicklung, die sich anschließende Investitionsbereitschaft war zu einem großen Teil selbstfinanziert (= eigen- und innenfinanziert). Damit verbesserte sich auch die bis Anfang der 1950er Jahre überaus prekäre Finanzlage sehr vieler Betriebe.
Der Marshallplan stellte bereits ab Ende 1947 Finanzmittel zur Verfügung, die überwiegend als Kredite und nur zu einem kleinen Teil als Zuschüsse gewährt wurden. Ein wichtiger Faktor war der Anstieg des Exportes, verursacht durch sehr geringe Produktionskosten in Deutschland und zeitweilig verstärkt durch den Korea-Boom in den USA (1950/1951). Der feste Wechselkurs zum US-Dollar von 4,20 DM zu 1 US-Dollar wirkte als indirekte Exportsubvention.Andreas Dilger, Ute Frevert, Hilke Günther-Arndt, Hans-Georg Hofacker, Dirk Hoffmann, Ulrich Maneval, Norbert Zwölfer u. a.: Kursbuch Geschichte – Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 2003, S. 382. Es entwickelte sich ein dynamisches und stetiges Exportwachstum. 1960 war der deutsche Export bereits 4,5-mal so hoch wie 1950, das Bruttosozialprodukt hatte sich verdreifacht.Andreas Dilger, Ute Frevert, Hilke Günther-Arndt, Hans-Georg Hofacker, Dirk Hoffmann, Ulrich Maneval, Norbert Zwölfer u. a.: Kursbuch Geschichte – Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 2003, S. 381. Das Kapital der Unternehmen mehrte sich, die Investitionen wuchsen. Der westdeutsche Anteil an Weltexporten war von sechs auf zehn Prozent gestiegen. Die Industrie behielt auch nach dem Korea-Boom gegenüber dem Ausland einen Kosten- und damit Preisvorsprung. Westdeutschland nutzte eine europäische „Dollarlücke“ und die Vorteile der Europäischen Zahlungsunion. Außerdem konnte die Industrie rasch wieder moderne Investitions- und Gebrauchsgüter aus dem Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der Elektroindustrie liefern.
Die enorme Geschwindigkeit der Entwicklung lässt sich unter anderem daran erkennen, dass das Realeinkommen der durchschnittlichen Arbeiterfamilie bereits 1950 das Vorkriegsniveau überschritten hatte.Irmgard Zündorf: Der Preis der Marktwirtschaft. Staatliche Preispolitik und Lebensstandard in Westdeutschland 1949 bis 1963. Stuttgart 2006, S. 153. Bereits in ihrem Gründungsjahr 1949 hatte die Bundesrepublik „das Wohlstandsniveau und den Grad der Modernität“ erreicht wie vor dem Krieg.Axel Schildt: Die Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland bis 1989/90. Oldenbourg, München 2007. Die Zahl der Arbeitslosen lag Anfang der 1950er Jahre noch bei über zwei Millionen, wurde aber ab 1952 zunehmend kleiner. Der Arbeitskräftebedarf der aufstrebenden Wirtschaft war enorm, und schon 1955 wurden erstmals von offizieller Seite sogenannte Gastarbeiter aus dem Ausland angeworben. So wuchs der Anteil ausländische Arbeitnehmer von 1955 bis 1962 von 0,4 % auf 3,1 %. Damit waren 99,6 bis 96,9 Prozent der Beschäftigten deutsche Staatsbürger.
Der Bedarf an Arbeitskräften konnte trotz der Aufnahme der deutschen Vertriebenen aus Mittel- und Osteuropa und der Flüchtlinge aus der DDR nicht mehr gedeckt werden, das Wachstum schien in Gefahr. Besonders die letzteren waren für das Wirtschaftswunder aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Qualifizierung von besonderer Bedeutung: hunderttausende von Akademikern, Selbstständigen und Handwerkern kamen bis zum Mauerbau 1961 in den Westen.
Ein weiterer nicht unwesentlicher Punkt war die Abwanderung von Betrieben aus den sowjetisch besetzten Gebieten und der späteren DDR in die westlichen Zonen und die spätere Bundesrepublik. In einigen westdeutschen Regionen führte dies ab 1945 zu einem starken Wachsen der Industrie, insbesondere in dem vor dem Zweiten Weltkrieg noch kaum industrialisierten Bayern. Beispielsweise war Ingolstadt bis 1945 keine Industriestadt, sondern wurde dies erst durch die Abwanderung von Fach- und Führungspersonal der Auto Union AG aus Chemnitz in den ersten Nachkriegsjahren, das zuerst die „Zentraldepot für Auto Union Ersatzteile GmbH“ gründete, die nach Löschung der Auto Union AG aus dem Handelsregister zur „Auto Union GmbH“ umfirmierte. Allein aus Chemnitz wanderte eine Vielzahl von weiteren Unternehmen nach Westen ab, darunter auch die Schubert & Salzer AG, die Wanderer-Werke AG und die Hermann Pfauter AG. Die Konzernzentrale von Siemens wurde aus Berlin nach München und Erlangen verlegt. Es ließe sich noch eine Vielzahl weiterer Beispiele anführen.
Die Investitionen in der Bundesrepublik stiegen von 1952 bis 1960 um 120 Prozent, das Bruttosozialprodukt nahm um 80 Prozent zu. Die deutsche Wiedergutmachungspolitik ebnete nicht nur den Weg für die Rückkehr Deutschlands in die Völkergemeinschaft, sondern sie ermöglichte letzten Endes auch das von dem Bankier Hermann Josef Abs ausgehandelte Londoner Schuldenabkommen von 1953. Mit seiner für Deutschland relativ großzügigen Regelung der Altschulden, die annähernd halbiert wurden, wurde es zu einer wichtigen Grundlage für den weiteren Aufstieg. Bereits 1954 erreichte der Wohnungsbestand in der Bundesrepublik wieder den Umfang des Bestands des letzten Friedensjahres 1938 im gleichen Gebiet. Dieses Tempo des Wiederaufbaus übertraf die Erwartungen; nach Kriegsende hatten Experten den Zeitbedarf für den Wiederaufbau der Städte noch auf 40 bis 50 Jahre geschätzt.
mini|Der einmillionste VW-Käfer am 5. August 1955: ein Exportschlager der deutschen Nachkriegswirtschaft und ein Symbol des sogenannten Wirtschaftswunders.