miniatur|200px|Maurice Béjart, 1988 Maurice Béjart, eigentlich Maurice-Jean Berger, (* 1. Januar 1927 in Marseille; † 22. November 2007 in Lausanne, Schweiz) war ein französischer Balletttänzer und Choreograf. Béjart gilt als ein Erneuerer des neoklassizistischen Balletts. Er inszenierte es gegen Ende der 1960er Jahre als „spectacle total“ („Totaltheater“), einem Gesamtkunstwerk aus unterschiedlicher Sprache, Musik, Tanz und Regie. Mit bildreichen und spektakulären Aufführungen erschloss er dem Ballett ein neues Publikum. Béjart emanzipierte die männlichen Tänzer von ihrer zweitrangigen Rolle als Hebepartner von Ballerinen und erlaubte auch ihnen eine sensible Subjektivität auf der Bühne.

Biografie Ausbildung und frühe Jahre Béjart wurde als Sohn des Philosophen Gaston Berger in Marseille geboren. Sein Vater war in Saint-Louis (Senegal) geboren und kam aus armen Verhältnissen. Dieser arbeitete als Düngemittelvertreter und Lehrer und wurde schließlich Ministerialdirektor für das Universitätswesen.„Maurice Bejart, 80, Choreographer, Is Dead“, Associated Press / New York Times, 23. November 2007 Béjarts Urgroßmutter, Fatou Diagne, stammte von Gorée, einer Insel vor Senegal, und hatte in den 1860er Jahren einen weißen französischen Soldaten geheiratet.

Nach einem Unfall verschrieb ein Arzt dem jungen Maurice zur medizinischen Rekonvaleszenz Übungen in klassischem Tanz. Somit seine Leidenschaft für den Tanz geweckt, gab er sein öffentliches Debüt als Tänzer im Alter von 14 Jahren an der Opéra National de Paris, wo auch Roland Petit tanzte. Nach dem Lizenziat legte er seinen Familiennamen ab und nannte sich nach einer berühmten Schauspielerdynastie des 17. Jahrhunderts, die mit Molière aufgetreten war, Béjart. Dieser Name ist in einigen Berichten als Geburtsname seiner Mutter angegeben, die starb, als er sieben Jahre alt war.„Maurice Béjart, 80, Ballet Iconoclast, Dies“, New York Times, 23. November 2007 Er trat zunächst in Frankreich in Kompanien von Janine Charrat und Roland Petit auf, später im International Ballet London und dem Cullberg Ballett in Stockholm.

1951 schuf Béjart in Stockholm seine erste Choreografie, L'Inconnu (Der Unbekannte). 1955 choreografierte er Symphonie pour un homme seul (Symphonie für einen einsamen Menschen) für seine eigene Kompanie, die Ballets de l'Étoile. Das Stück, dessen Musik von Pierre Henry und Pierre Schaeffer komponiert wurde, trug ihm Anerkennung beim Publikum und der Kritik ein.

Karriere in Brüssel 1960 wurde Maurice Huisman, damals Direktor am Brüsseler Opernhaus, Théâtre Royal de la Monnaie/Koninklijke Muntschouwburg, für das Béjart eine preisgekrönte Choreografie zu Le sacre du printemps schuf, auf ihn aufmerksam. Béjart erhielt eine feste Anstellung am Haus und gründete mit Huismans Unterstützung dort das Ballet du XXe siècle, mit dem er weltweit Tourneen unternahm. Berühmte Inszenierungen aus dieser Zeit sind (u. a. Boléro), berühmt geworden mit Jorge Donn als Solist, Messe pour le temps présent und L'Oiseau de feu (1970). In den 1960er Jahren schaffte Béjart das traditionelle Tutu ab und ließ die Tänzer z. B. in Jeans auftreten.

Umzug nach Lausanne Da die von ihm geforderten finanziellen Mittel nicht bewilligt wurden, verlegte der nach seinen Arbeiten für das Schiras-Kunstfestival zum Islam konvertierte Béjart 1987 den Sitz seiner Kompanie nach Lausanne und benannte sie in Béjart Ballet Lausanne um.

1998 wurde er wegen eines Plagiats von einem Gericht verurteilt: Sein Stück Le Presbytère … enthielt eine Szene, die La chute d’Icare (Der Absturz des Ikarus) des belgischen Choreografen Frédéric Flamand entnommen war. Béjart überarbeitete das Ballet und benannte es in Ballet for Life um. Die Filmaufzeichnung erhielt 1998 beim Festival Rose d’Or die „Silberne Rose für Kunst & Specials“. 1999 wurde Béjart mit dem Kyoto-Preis geehrt.

Stil und Einfluss Béjart hat bis heute einen starken, aber auch polarisierenden Einfluss auf das Ballett, die Kritik und das Publikum. Er pflegte einen eklektischen Stil, der sich aus vielen Richtungen speiste und zu Pathos, Mystizismus und Heldenverehrung neigte. Mythische Figuren, Götter, Künstler und fremde Kulturen sind Themen seiner Kunst. Durch diese bildkräftigen, unmittelbar zugänglichen Themen trug er maßgeblich dazu bei, dass das Ballett ein breiteres Publikum erreichte. Mit dem „Ballet du XXe siècle“ erneuerte er den neoklassizistischen Stil.

Béjart hatte auch großen Einfluss auf das iranische Ballett, für das er im Rahmen des Schiras-Kunstfestivals mehrere Choreographien schuf. Im Festivaljahr 1971 schuf er ein Ballett nach der Dichtung von Saadis Golestan. Ein weiteres Stück nannte er Farah zu Ehren der Gründerin des Schiras-Kunstfestivals, der iranischen Kaiserin Farah Pahlavi.

Lehrtätigkeit École Mudra Béjart war überaus erfolgreich und einflussreich als Lehrer. Sein Schüler und späterer Lebensgefährte, Jorge Donn, wurde durch die Zusammenarbeit mit ihm zum Star. 1970 gründete Béjart die École Mudra in Brüssel, um junge Talente in der Tanzkunst zu unterrichten. Aus dieser Schule, die bis 1988 bestand, gingen eine Reihe von Tänzern und Choreografen hervor, die die weitere Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in Europa beeinflussen, unter ihnen Maguy Marin, Anne Teresa De Keersmaeker und Enzo Cosimi. 1977 gründete er in Dakar die École Mudra Afrique, die bis 1985 bestand.

École Rudra 1992, nach seinem Umzug nach Lausanne, gründete Béjart dort die École-atelier Rudra, die seitdem eine der angesehensten Ausbildungsstätten in der Welt des klassischen und modernen Tanzes ist.

Zitat

Wichtige Werke 1955: Symphonie pour un homme seul (Symphonie für einen einsamen Menschen, Paris, Musik von Pierre Schaeffer) 1957: Sonate à trois (Triosonate, Essen) 1958: Orphée (Orpheus, Lüttich) 1959: Le sacre du printemps (Brüssel) 1961: Boléro (Brüssel) 1964: IXe Symphonie (Brüssel) 1966: Roméo et Juliette (Romeo und Julia, Brüssel) 1967: La Tentation de Saint Antoine, Paris, Bühnenstück nach Gustave Flauberts Roman 1967: Messe pour le temps présent (Messe für die Gegenwart, Avignon) 1968: Bhakti (Avignon) 1972: Nijinski, clown de Dieu (Nijinsky, Clown Gottes, Brüssel) 1975: Pli selon pli (Falte für Falte, Brüssel) 1975: Notre Faust (Brüssel) 1977: Petrouchka (Brüssel) 1980: Eros Thanatos (Athen) 1982: Wien, Wien, nur du allein (Brüssel) 1983: Messe pour le temps futur (Messe für die Zukunft, Brüssel) 1986: Kabuki (Tokyo) 1987: Souvenir de Léningrad (Lausanne) 1988: Piaf (Tokio) 1989: 1789… et nous (1789 … und wir, Paris) 1990: Ring um den Ring (Berlin), Pyramide (Kairo) 1991: Tod in Wien (Wien) 1992: La Nuit (Die Nacht, Lausanne) 1993: M (Tokio) 1995: À propos de Shéhérazade (Über Scheherazade, Berlin) 1997: Le Presbytère n'a rien perdu de son charme, ni le jardin de son éclat (Das Pfarrhaus, Paris) 1999: La Route de la soie (Die Seidenstraße, Lausanne) 2000: Enfant-roi (Kind-König, Versailles) 2001: Tangos (Genua) 2001: Manos (Lausanne) 2001: Lumière (römisches Theater von Lyon)Besprechung von «Lumière»: Maurice Béjart sucht das Licht, NZZ, 22. Juni 2001 2002: Mère Teresa et les enfants du monde (Mutter Teresa und die Kinder der Welt) 2003: Ciao Federico, eine Hommage an Federico Fellini 2006: L'amour de la danse (Die Liebe zum Tanz) 2006: Zarathoustra 2007: Le Tour du monde en 80 minutes (Die Weltreise in 80 Minuten)

Ehrungen 1970: Großer französischer Staatspreis für Musik 1986: Orden der aufgehenden Sonne durch Kaiser Hirohito 1988: Großoffizier des belgischen Kronenordens durch König Baudouin 1991: Deutscher Kritikerpreis für den Bereich Tanz 1993: Praemium Imperiale 1994: Deutscher Tanzpreis 1994: Mitglied der Académie des Beaux-Arts de l’Institut de France 1996: Ehrenbürger der Stadt Lausanne 1998: Großoffizier des Ordens des Infanten Dom Henrique 1999: Kyoto Prize der japanischen Inamori Stiftung 2002: „Grand Siècle Laurent Perrier“ 2003: Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres durch den französischen Botschafter in der Schweiz 2004: Preis für sein Lebenswerk bei „Movimentos – Internationales Tanzfestival“ in Wolfsburg

Schriften (Auswahl) Mathilde : ou, Le Temps perdu : roman. Paris : Union générale d'éditions, 1973 Un instant dans la vie d'autrui. Paris : Flammarion, 1979 Ein Augenblick in der Haut eines anderen : Memoiren. Übersetzung Ursula Kobbert-Volkmar. München : Noack-Hübner, 1980, ISBN 978-3-88453-010-8

Literatur

Weblinks

„Béjart: The Show Must Go On“ Filmdokumentation Eintrag auf der Seite der Académie des Beaux-Arts

Nachrufe Biografie beim Béjart-Ballet Lausanne (französisch) „Maurice Bejart gestorben“, Wiener Zeitung, 22. November 2007 „Der letzte Schritt des tanzenden Verführers“, Die Welt, 22. November 2007

„Ekstatiker, Popkünstler, Klassiker“, Die Zeit, 29. November 2007, Nr. 49, von John Neumeier

Archiv Der Nachlass von Maurice Béjart befindet sich bei der Stiftung SAPA (Swiss Archive of Performing Arts) in Bern.

Einzelnachweise

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