Richterswil, zürichdeutsch Richterschwyl, umgangssprachlich Richti genannt, Zürichdeutsches Wörterbuch: Richtischwiil ist eine politische Gemeinde im Bezirk Horgen des Schweizer Kantons Zürich.

Geographie mini|Richterswil im historischen Luftbild von 1919, aufgenommen aus 200 Metern Höhe von Walter Mittelholzer mini|Samstagern

Die Gemeinde Richterswil liegt zwischen dem südwestlichen linken Ufer des Zürichsees mit dem volkstümlichen Namen "Pfnüselküschte" und der Hügelkette der Höhronen schon an den Schwyzer Voralpen an der Grenze zum Kanton Schwyz. Die Gemeindefläche umfasst 755 Hektaren und erstreckt sich von (Zürichsee) bis (Hüttnersee). Die Distanz zu Zürich beträgt rund 25 Kilometer (Luftlinie).

Die Gemeinde besteht aus den Ortsteilen Richterswil, Burghalden und Samstagern. Nachbargemeinden Richterswils sind Wädenswil und Wollerau.Richterswil in Zahlen. Homepage der Gemeinde Richterswil. Abgerufen am 23. Juli 2014. Seit 1848 gehört die Zürichseeinsel Schönenwirt zu Richterswil.

Flächennutzung Im Jahr 2007 bestand die Gemeindefläche von 755 Hektaren zu 50,7 % aus Landwirtschafts- und zu 30,5 % aus Siedlungsfläche. Historisch betrachtet bedeutet das einen Rückgang der Landwirtschaftsfläche zugunsten der Siedlungsfläche seit 1983 um rund 8 %. Der Anteil stehender und fliessender Gewässer an der Gesamtfläche (ohne Zürichsee) beträgt 0,7 %, während die bestockte Fläche (d. h. Wald, Gehölz) 7,2 % ausmacht. 10,7 % der Fläche entfällt auf Verkehrsflächen. Im Jahr 2012 umfassten die Bauzonen 34,6 % der Gesamtfläche.Statistisches Amt des Kantons Zürich – Datenbank (Gemeindeporträts). Abgerufen am 23. Juli 2014.

Geschichte Frühgeschichte und Mittelalter Ort- und Flurnamen sowie archäologische Funde beim Inselchen Schönenwirt deuten auf eine alemannische Besiedelung des heutigen Gemeindegebiets im 7. bis 9. Jahrhundert hin. Die Herkunft des Ortsnamens ist nicht näher belegt, könnte aber auf den althochdeutschen Namen «Richtilo» zurückgeführt werden, dessen Träger man als früh(st)en Siedler annehmen mag. Erstmals urkundlich erwähnt wird Richterswil als Richtliswile erst im Jahre 1265.'Richterswil' in der Datenbank von ortsnamen.ch. Abgerufen am 25. Juli 2014. Richterschwyl ist eine frühere Schreibweise.

Um 1200 wurde auf Richterswiler Boden die Burg Alt-Wädenswil errichtet. Zu dieser Zeit war Richterswil Teil der Herrschaft Wädenswil, deren Freiherren bereits im 1265 die Kirche St. Martin errichteten. 1287 gelangte die Herrschaft Wädenswil in Besitz des Johanniterordens, der für rund 250 Jahre die Geschicke Richterswil bestimmen sollte. Im Alten Zürichkrieg in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts blieb der Johanniterorden neutral, was ihn vor Kriegsverwüstungen weitgehend bewahrte. Infolge der Reformation verkaufte der Johanniterorden aber schliesslich 1550 die Herrschaft Wädenswil – und damit auch Richterswil – an die Stadt Zürich.

Frühe Neuzeit Bis zur Reformation (1529) umfasste die Pfarrei Richterswil auch Teile von Wollerau (und noch bis 1703 Teile von Hütten). Seit der Reformationszeit und dem Verkauf an Zürich lag Richterswil nun aber im konfessionellen Grenzbereich an der Grenze zum Kanton Schwyz. Aufgrund dieser Lage kam es im Ersten Villmergerkrieg (1656) zu einem Einfall der Schwyzer. Mithilfe von neu errichteten Schanzen oberhalb des Dorfes konnte im Zweiten Villmergerkrieg (1712) ein weiterer Einfall abgewehrt werden.

Die Wirtschaft Richterswils war zunächst landwirtschaftlich geprägt, bevor bereits relativ früh Formen der Hausindustrie aufkamen. So wurde seit dem 15. Jahrhundert das Woll- und Baumwollgewerbe, seit dem 16. Jahrhundert die Leinenweberei wichtiger Teil der Richterswiler Wirtschaft. Ende des 18. Jahrhunderts war fast die Hälfte (46 %) der Einwohner an der Baumwollindustrie beteiligt. Darüber hinaus partizipierte Richterswil wirtschaftlich erfolgreich am Transitgüterkehr, und als wichtige Station auf dem Pilgerweg nach Einsiedeln profitierte die Gemeinde massgeblich vom Pilgerverkehr. Letzterer führte zur Etablierung eines profitablen Gastgewerbes, und auch Schiffer, welche die Pilger über den See führten, verdienten an den Gläubigen.

Helvetik

mini|hochkant|Bildnis Johannes Hotzes in Lavaters Essai sur la physiognomie Im ausgehenden 18. Jahrhundert wirkte in Richterswil der auf Gemütsleiden spezialisierte Arzt Johannes Hotze (ursprünglich Hotz). Zu seinen Freunden zählten sein Cousin Johann Heinrich Pestalozzi sowie Johann Caspar Lavater, zu seinen Besuchern Goethe, der 1775 und 1779 nach Richterswil kam.

Damals wurde der Kanton Zürich noch von den Zünften der Stadt Zürich regiert, denen die wenigen Tausend Stadtbürger angehörten. Die 180 000 Bewohner der Landschaft dagegen waren von vielen Berufen und Ämtern ausgeschlossene Untertanen. Bei den «Seebuben», die durch innovative LandwirtschaftDie Düngung mit Gülle wurde am Zürichsee erfunden. Vgl. Johann Rudolf Tschiffeli: Briefe über die Stallfütterung. (1773). In: Abhandlungen und Beobachtungen durch die ökonomische Gesellschaft zu Bern, 13. Jg., 2. Stück, Bern o. J., S. 2–47, hier: S. 37. und Protoindustrialisierung zu Wohlstand gelangt waren, fielen die Ideen der Französischen Revolution auf fruchtbaren Boden. 1794/1795 wurde Stäfa zum Ausgangspunkt einer Demokratiebewegung. Der Richterswiler Metzger David Schmid schrieb den Stäfnern, «die von Wädenswil und Richterswil wollten sämtlich es mit ihnen halten» und seien mit Pulver und Blei versehen.Otto Hunziker (Hrsg.): Zeitgenössische Darstellungen der Unruhen in der Landschaft Zürich, 1794–1798. Basel 1897 (), S. 100. Wegen der grausamen Bestrafung der FreiheitskämpferVgl. (Johann Kaspar Billeter): Geschichte von den politischen Bewegungen im Kanton Zürich, vom Jahr 1795. 2. Aufl., Stäfa 1798 (). verliess Hotze seine Heimat für immer.

Als 1798 die Helvetische Revolution ausbrach und Frankreich zugunsten der aufständischen Waadtländer intervenierte, weigerten sich die Richterswiler, für die Gnädigen Herren von Bern in den Krieg zu ziehen. Schliesslich dankte Zürichs Regierung ab. Doch brauchte es die Besetzung der Schlösser und Pfarrhäuser und den Aufmarsch von 14 000 bewaffneten Landleuten, bis eine zu drei Vierteln aus bisherigen Untertanen bestehende Landeskommission die Regierungsgewalt erhielt. Symbole der Revolution waren der Freiheitsbaum, die Anrede «Bürger»Vor 1798 war jeder Stadtbürger, aber kein Richterswiler ausser Dr. Hotze mit «Herr» angeredet worden., das Tragen der Stäfner Kokarde und das Verschwinden der alten Amtstrachten.Vgl. Holger Böning: Der Traum von Freiheit und Gleichheit. Helvetische Revolution und Republik (…) Orell Füssli Verlag, Zürich 1998, S. 119–127.

In Aarau wurde die «Eine und Unteilbare Helvetische Republik» ausgerufen, welche den Schweizern Freiheit und Gleichheit verhiess. Die Landsgemeindekantone Uri, Schwyz, Nidwalden, Glarus und Zug aber wollten nicht auf ihre historischen Verfassungen (und ihre Untertanengebiete) verzichten und beschlossen, Aarau, Bern und Zürich zu besetzen. Der neue Staat ersuchte darauf Frankreich um Hilfe.

mini|Heinrich Keller: Gegend Beÿ Richtenschweil wo das Gefecht vorfiel, A. 1798 Im Rahmen eines kurzen Feldzugs, der zur Kapitulation der Revolutionsgegner führte, kam es am 30. April in und um Wollerau, Bäch und Richterswil zu einem Gefecht mit gegen 300 Toten und Verwundeten. Daran beteiligt waren auf der siegreichen Seite drei Bataillone Franzosen und ein Bataillon Zürcher, auf der Gegenseite zwei oder drei Bataillone Glarner sowie Höfner, Märchler und Einsiedler. Das anschliessende Gefecht bei Schindellegi endete mit dem Rückzug der Schwyzer.

Statt zur Landvogtei Wädenswil gehörte Richterswil nun zum Distrikt (Bezirk) Horgen. Erst damals erhielt es trotz seiner schon 2500 Einwohner den Status einer politischen GemeindeVorher war es nur eine Kirchgemeinde gewesen. mit einem Einwohnergemeinderat (). Das Bürgergut verwaltete eine separate Bürgergemeinde mit einem Bürgergemeinderat («Gemeindekammer»).

1799 wurde Richterswil zuerst von den Österreichern, dann von den Franzosen besetzt. In der Zweiten Schlacht um Zürich fiel Hotzes politisch andersdenkender Bruder, der österreichische Feldmarschallleutnant Friedrich von Hotze, unter den Kugeln der siegreichen Franzosen.

Mediation 1803 löste Napoleon als selbsternannter «Mediator» die Helvetische Republik auf. Die Stadt Zürich benützte dies, um ihre Herrschaft über den Kanton wiederherzustellen. Richterswil aber wählte nun erst recht Anhänger der Helvetik in den Gemeinderat.Heinrich Peter: Aus der Ortsgeschichte von Richterswil. Band 3. Richterswil 1980, S. 49. Diese Tatsache widerlegt Peters Behauptung, die Mehrheit der Richterswiler habe die Helvetik abgelehnt.

Ein Brandanschlag auf das Landvogteischloss Wädenswil gab 1804 das Signal zum Aufstand. Burghalden war Sammelplatz von 450–600 Bewaffneten. Auch 80–100 Richterswiler unter Führung von Jakob Treichler machten mit. Der sogenannte Bockenkrieg endete mit der Besetzung der beteiligten Gemeinden durch Truppen anderer Kantone, mit einer «Hexenjagd» auf Demokraten, von denen mehrere ermordet oder hingerichtet wurden, und mit Geldbussen, deren vierthöchste (nach Wädenswil, Horgen und Stäfa) Richterswil zu bezahlen hatte.Johann Jakob Leuthy: Vollständige Geschichte von dem Bocken-Krieg Anno 1804, Nach authentischen Quellen bearbeitet (…) Zürich 1838. (), S. 50, 99, 101, 140; Rolf Graber: Zeit des Teilens, Volksbewegungen und Volksunruhen auf der Zürcher Landschaft 1794–1804. Chronos-Verlag, Zürich 2003, S. 307–317. Die Stadt Zürich setzte auch einen neuen Gemeinderat ein.Gemeindepräsident wurde Dr. Hotzes ehemaliger Gegenspieler Dr. Kaspar Landis, der ihm anvertraute Gemütskranke «wie ein Henkersknecht» behandelt haben soll. (Beat Christoph Franz Häcki: Ein Modus Vivendi. Zürich 2002, S. 27–31). Dessen Nachfolge traten wieder Anhänger der Helvetik an.

Napoleons Kontinentalsperre machte Handweber arbeitslos, die aus England importiertes Baumwollgarn verarbeitet hatten.Die englischen Baumwollspinnereien arbeiteten bereits mit Maschinen, während es noch keine mechanischen Webereien gab. Über hundert Richterswiler wanderten darum 1812 nach Piedimonte d’Alife (heute Piedimonte Matese) im Königreich Neapel aus, wo Joachim Murat und Napoleons Schwester Carolina regierten. Ihr Anführer war der ehemalige «Agent» der Helvetischen Republik Konrad Leuthi (Lüthi).Leo Weisz: Schweizer Pioniere der süditalienischen Textilindustrie. In: Neue Zürcher Zeitung, 5. Oktober 1966; Heinrich Peter: Aus der Ortsgeschichte von Richterswil. Band 3, Richterswil 1980, S. 59.

19./20. Jahrhundert In der Zeit der Restauration (1815–1830) wurde das Rad der Geschichte weiter zurückgedreht. Unter dem Namen «Oberamtmänner» zogen wieder Landvögte auf Schloss Wädenswil ein. In der Zeit der Regeneration (1830–1848) setzte sich dann endgültig die Demokratie durch. Wie schon 1798 gehört Richterswil seither zum Bezirk Horgen.

Nachdem die ufernahe Insel Schönenwirt in der Bucht zwischen Richterswil und Bäch 1841 definitiv dem Kanton Zürich zugeschlagen worden war, kaufte die Gemeinde Richterswil an der offiziellen Versteigerung vom 6. Oktober 1848 die Insel für 100 Schweizer Franken. Der Verkauf wurde am 21. Oktober 1848 vom Zürcher Regierungsrat ratifiziert.Ratifikation des Verkaufs der Insel Schönenwerd vom 21. Oktober 1848. Staatsarchiv Zürich (). Der historische Kaufbrief, datiert vom 5. Januar 1849, wird im Gemeindearchiv aufbewahrt. Die Insel ist nach der Ufenau und der Lützelau die drittgrösste der vier natürlichen Zürichseeinseln.

mini|Bahnhof Richterswil mini|Uferanlagen, Hafen und Bahnhofsbereich, im Vordergrund die Insel Schönenwirt