Die Domowina – amtlich Zwězk Łužyskich Serbow z. t. (niedersorbisch), (obersorbisch), Bund Lausitzer Sorben e. V. – ist der Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen mit Sitz im Haus der Sorben in Bautzen/Budyšin und in Cottbus/Chóśebuz. Bis zu ihrem Verbot 1937 nannte sie sich auf Deutsch Bund Lausitzer Wenden.
Die Domowina ist die anerkannte Vertreterin der Interessen der Sorben und Sorben/Wenden.Gesetz über die Ausgestaltung der Rechte der Sorben/Wenden im Land Brandenburg (Sorben/Wenden-Gesetz - SWG) (§ 4a Dachverbände sorbischer/wendischer Verbände und Vereine - Verbandsklagerecht)REVOSax Landesrecht Sachsen - Sächsisches Sorbengesetz – SächsSorbG (§ 5 Interessenvertretung der Sorben) Sie setzt sich für die Interessen des sorbischen Volkes ein, das überwiegend in den Bundesländern Sachsen und Brandenburg beheimatet ist, und vertritt diese auf regionaler, Landes-, Bundes- und europäischer Ebene. Darüber hinaus setzt sie sich für den Erhalt, die Pflege und die Förderung der sorbischen Sprache und Kultur ein.
Name Das sorbische Wort Domowina ist ein poetischer Ausdruck für Heimat. Der Name wurde von einem der Hauptinitiatoren der Gründung, dem damaligen Nochtener Pfarrer und langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden Bogumił Šwjela, vorgeschlagen.
Geschichte Deutsches Kaiserreich Vorgeschichte Im Jahr 1848 wurde in Bautzen der Bund wendischer Vereine gegründet. Er wurde aber nach einem Jahr wie alle Vaterlandsvereine verboten. Erneute Versuche 1898 schlugen ebenfalls fehl.
Gründung Erst der Ländliche Wahlverein wagte im April 1912 den entscheidenden Vorstoß, in dessen Folge der Bund am 13. Oktober 1912 von 60 Vertretern aus 31 sorbischen Vereinen im Ball- und Gesellschaftshaus in der Braugasse 1Errichtung des Ball- und Gesellschaftshauses Braugasse 1, Kulturfabrik HoyerswerdaAm Gebäude gibt es seit 1962 eine Gedenktafel: Trudla Malinkowa: Sorbische Denkmale. Handbuch sorbischer Gedenk- und Erinnerungsstätten. Domowina Verlag, Bautzen 2022, ISBN 978-3-7420-2647-7, S. 88f. am Markt in Hoyerswerda gegründet wurde.Sorben – Serbja, hoyerswerda.de Beitreten konnte jeder Verein, der auf christlicher königs- und vaterlandstreuer Grundlage stand.Siegmund Musiat: Sorbische/Wendische Vereine 1716–1937. Ein Handbuch. Bautzen 2001, S. 335 Sein erster Vorsitzender wurde zunächst kommissarisch Arnošt Bart-Brězynčanski.
Weimarer Republik Durch den Ersten Weltkrieg zur Untätigkeit gezwungen, nahm sie 1920 die Arbeit wieder auf. Am 21. Juli 1921 wurden die ersten drei Kreisverbände Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda gegründet, welchen später noch zwei weitere folgten. Zwischen 1925 und 1935 veranstaltete sie zahlreiche zentrale Verbandstreffen.
Nationalsozialistische Diktatur Gleichschaltungsversuch Während der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde zunächst versucht, die Domowina für machtpolitische Zwecke zu instrumentalisieren. Die Nationalsozialisten gestatteten es anfänglich, dass die Sorben ihre Sprach- und Volkstumspflege reduziert fortsetzten. Doch der Druck wuchs, die Sorben als deutschen Stamm anzusehen. Federführend bei den Gleichschaltungsversuchen und dem schließlichen Verbot war der Bund Deutscher Osten unter seinem damaligen Leiter Theodor Oberländer.Joachim Bahlcke (Hrsg.): Geschichte der Oberlausitz. Leipzig 2001, S. 301
Verbot und Enteignung Nachdem die Forderungen des Bundes Deutscher Osten an die Domowina, sich im Statut als Verband wendisch-sprechender Deutscher zu bezeichnen, an der entschiedenen Politik des Vorsitzenden Pawoł Nedo wiederholt gescheitert waren, wurde ihr, nachdem sie sich 1934 auf Basis der Einzelmitgliedschaft reorganisierte, am 18. März 1937 jedwede Tätigkeit verboten. 1941 wurde die Organisation enteignet.
Sowjetische Besatzungszone Erneuerung Bereits zwei Tage nach Kriegsende und nur fünf Tage nach Ende der letzten Kampfhandlungen in Crostwitz, am 10. Mai 1945, wurde die Domowina durch die Initiatoren Jan Cyž, Michał Čunka, Franc Natuš, Jurij Ješki und Mikławš Brězan im Hause Natusch in Crostwitz erneuert., Gemeinde CrostwitzAm Haus wurde 1980 eine Gedenktafel enthüllt. Siehe: Trudla Malinkowa: Sorbische Denkmale. Handbuch sorbischer Gedenk- und Erinnerungsstätten. Domowina-Verlag, Bautzen 2022, ISBN 978-3-7420-2647-7, S. 56. Nedo wurde erneut ihr Vorsitzender bis zu seinem Rücktritt im Jahr 1950. Zur Wiedergründung der Domowina für die Niederlausitz kam es erst 1946 in Werben (Spreewald).Zur Geschichte des Domowina-Regionalverbandes Niederlausitz. Domowina.de Erster Gebietsvorsitzender wurde dort Měto Lažki (1889–1972). Zunächst war sie nur in der Oberlausitz tätig, weil die Wiederaufnahme der Arbeit in der Niederlausitz auf Betreiben der Brandenburger SED-Leitung unter Friedrich Ebert sowie des Cottbuser Landrats Franz Saisowa (SED) bis 1949 im Hinblick auf ihre angeblich separatistischen Bestrebungen nicht zugelassen wurde. Sorbische Aktivitäten wurden dort zunächst systematisch unterdrückt.
Linientreue Die Domowina setzte allerdings recht bald auf Zusammenarbeit mit den Behörden und ordnete sich ab März 1946 der politischen Linie der KPD unter. Im Herbst 1946 stimmte sie der Vereinigung von SPD und KPD zur SED und der Aufstellung einheitlicher Wahllisten zu.
DDR mini|hochkant|Kurt Krjeńc, Vorsitzender von 1951 bis 1973 Während der DDR wurde auch die Domowina, wie alle Parteien und Massenorganisationen, von der SED vereinnahmt. Seit dem VII. Bundeskongress 1969 bezeichnete sich die Domowina offiziell als sozialistische nationale Organisation der Sorben,Thomas Pastor: Die rechtliche Stellung der Sorben in Deutschland. Bautzen 1997, S. 39 was die Akzeptanz bei Teilen der sorbischen Bevölkerung weiter schwinden ließ.
Im Minderheitenschutzartikel der DDR-Verfassung von 1949 wurden die Sorben als fremdsprachiger Volksteil anerkannt,Thomas Pastor: Die rechtliche Stellung der Sorben in Deutschland. Bautzen 1997, S. 32 aber nicht als nationale Minderheit, wie von der Domowina gefordert. Die Bildung eigenständig sorbischer Positionen in Opposition zur Regierung war im Rahmen der Organisation im Wesentlichen nicht möglich. Die Domowina war Mitglied der Nationalen Front. Nedos Nachfolger wurde 1951 der Altkommunist und Stalinist Kurt Krjeńc.
Wiedervereintes Deutschland Erneuerungsprozess Am 11. November 1989 rief die in Opposition zur linientreuen Domowina stehende „Sorbische Volksversammlung“ zum nationalen Dialog auf und forderte von der Domowina eine grundsätzliche Wende. Ein sorbischer Runder Tisch erarbeitete Positionen der Interessenvertreter der Sorben und bereitete den Erneuerungsprozess der Domowina vor. Auf einem außerordentlichen Bundeskongress am 17. März 1990 wurde ein neues Statut angenommen, in dem sich die Domowina zur politisch unabhängigen und selbstständigen nationalen Organisation des sorbischen Volkes erklärte. Delegierte wählten eine neue Führung und bekannten sich in einer Resolution zur Herstellung der deutschen Einheit. Ein Jahr später ermöglichte sie als eingetragener Verein neben der Einzelmitgliedschaft auch wieder den Beitritt sorbischer Vereine und Verbände. Damit knüpfte sie als juristische Nachfolgerin der alten Domowina an den Gründungskonsens des Jahres 1912 an. Auf der II. Hauptversammlung am 15. Juni 1991 fand der Erneuerungsprozess mit der Annahme eines neuen Programms, dem Beitritt sechs spezifischer sorbischer Vereine und der Wahl eines neuen ehrenamtlichen Vorsitzenden einen vorläufigen Abschluss.
Bei der Landtagswahl in Brandenburg 1990 trat die Domowina zum bislang einzigen Mal auf Landesebene zu einer Wahl an und erhielt 1177 Stimmen. Die Fünfprozenthürde galt für sie zwar nicht, jedoch war das Ergebnis weit von einem Sitz entfernt.
Gegenwart Gegenwärtig hat die Domowina unter Einbeziehung aller in ihr organisierten Teilvereine rund 7.600 Mitglieder (2026). Sie ist von den Sorben sowie Kommunen, Staaten und Ländern die anerkannte Vertreterin der Interessen des sorbischen Volkes. Die Domowina ist in über 80 Beratungs- und Entscheidungsgremien auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene vertreten. Durch diese Mitwirkung bringt sie die Anliegen der sorbischen Gemeinschaft direkt in politische, kulturelle und gesellschaftliche Prozesse ein.
Die Domowina gehört außerdem der Gesellschaft für bedrohte Völker, dem Minderheitenrat der vier autochthonen nationalen Minderheiten und Volksgruppen Deutschlands, dem Internationaler Rat für die Organisationen von Folklore Festivals und Volkskunst (CIOFF), Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN), der Euroregion Spree-Neisse-Bober e.V., der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft (OHTL) sowie dem Spreewaldverein e.V. an.
Vorsitzende mini|Dawid Statnik, seit 2011 Vorsitzender der Domowina Den Vorsitz hatte von 1951 bis 1990 der Bundeskongress. An dessen Spitze stand ab 1973 der 1. Sekretär des Bundesvorstandes. Der aktuelle Vorsitzende der Domowina ist Dawid Statnik. Amtszeit Name Lebensdaten Beruf Bemerkung 1912–1927 Arnošt Bart Ernst August Barth * 1870; † 1956 Kaufmann, Landwirt, Ortsvorsteher, Landtagsabgeordneter Mitbegründer und zunächst kommissarischer Vorsitzender 1927–1930 Jakub Šewčik Jacob SchewtschikJan Šołta, Pětr Kunze, Franc Šěn (Hrsg.): Nowy biografiski słownik k stawiznam a kulturje Serbow [Neues biografisches Wörterbuch zur Geschichte und Kultur der Sorben]. Ludowe nakładnistwo Domowina, Budyšin [Bautzen] 1984 * 1867; † 1935 Pfarrer, Kulturhistoriker, Dichter 1930–1933 Jan Křižan Johannes Zieschang * 1880; † 1959 Pfarrer, Kulturschaffender 1933–1937 1945–1951 Pawoł Nedo Paul Nedo * 1908; † 1984 Lehrer, Wissenschaftler, Publizist 1951–1973 Kurt Krjeńc Kurt Krenz * 1907; † 1978 Porzellandreher, Steinbrucharbeiter, Volkskammerabgeordneter 1964–1990 Jurij Grós Jurij Groß * 1931; † 2019 Tischler, Lehrer, Volkskammerabgeordneter, Kreisrat 1. Sekretär des Bundesvorstandes der Domowina 1990–1991 Bjarnat Cyž Bernhard Ziesch * 1951 Elektroingenieur 1991–1992 Jan Pawoł Nagel Jan Paul Nagel * 1934; † 1997 Komponist 1993–2000 Jakub Brankačk Jakob Brankatschk * 1928 Lehrer 2000–2011 Jan Nuk Jan Nuck * 1947 Elektroingenieur, Unternehmer seit 2011 Dawid Statnik Dawid Statnik * 1983 Bühnenmeister seit 2013 als Hauptamt
Vereinssitz mini|Das Haus der Sorben (Serbski dom) – Sitz der Domowina am Bautzener Postplatz alternativtext=Hier sind die Standorte von Büros der Domowina zu sehen. Diese sind in Brandenburg und in Sachsen.|mini|Standorte der Domowina in Brandenburg und Sachsen Ihren Hauptsitz hatte die Domowina zunächst im 1904 eröffneten Wendischen Haus (Serbski dom) am Bautzener Lauengraben, das in den letzten Kriegstagen 1945 ausbrannte. Seit der Fertigstellung des neuen „Hauses der Sorben“ am Postplatz im Jahre 1956 sind der Dachverband sowie mehrere seiner Vereine ansässig.
Geschäftsstellen Haus der Sorben Bautzen (Serbski dom Budyšin) Wendisches Haus Cottbus (Serbski dom Chóśebuz)
Regionalbüros Regionalbüro Kamenz (Kamjenc) in Crostwitz (Chrósćicy) Regionalbüro Hoyerswerda (Wojerecy) Regionalbüro Bautzen (Budyšin) Regionalbüro in Schleife (Slepo) Regionalbüro in Cottbus (Chóśebuz)
Regionalverbände Domowina-Regionalverband „Jan Arnošt Smoler“ Bautzen mit Sitz in Bautzen: am 24. Juli 1921 in Bautzen gegründet Domowina-Regionalverband „Michał Hórnik“ Kamenz mit Sitz in Crostwitz: am 24. Juli 1921 gegründet Domowina-Regionalverband „Handrij Zejler“ Hoyerswerda mit Sitz in Hoyerswerda: am 24. Juli 1921 in Hoyerswerda gegründet Domowina-Regionalverband Niederlausitz mit Sitz in Cottbus: Vorgänger waren die früheren Gebiets- bzw. Kreisverbänden Cottbus (ab 1949/50), Guben/Forst (1954), Calau/Lübben (1955) und Spremberg (1956) und wurde am 31. Mai 1991 als heutige Regionalverband Niederlausitz e. V. gegründet. Domowina-Regionalverband „Jakub Lorenc-Zalěski“ mit Sitz in Schleife: