mini|hochkant|Die Evangelisten mit ihren Attributen, Codex Amiatinus (7. Jh.)
Die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die als Autoren der vier biblischen Evangelien gelten, werden in der christlichen Ikonografie seit dem 4. Jahrhundert durch vier geflügelte Symbole dargestellt. Die häufigste Zuordnung seither lautet: Ein Mensch versinnbildlicht Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas und der Adler Johannes.
Diese Symbole finden sich auch als Attribute in figürlichen Darstellungen der Evangelisten.
Bis zum 13. Jahrhundert wurden die Symbole auch zu einem einzigen Gebilde zusammengefasst, das die aus dem Griechischen übernommene Bezeichnung Tetramorph trägt. Dies bedeutet Viergestalt.
Herkunft Babylonische Mythologie mini|hochkant|Evangelistensymbole, Fresko im Refektorium, Abtei Saint-André (Lavaudieu)
Wahrscheinlich liegen die religionsgeschichtlichen Wurzeln des Tetramorphs in der babylonischen Mythologie. Dort symbolisieren die vier Gestalten die vier männlichen Planetengötter. Der Stier stand für den babylonischen Stadtgott Marduk, der Löwe für den Kriegs- und Unterweltgott Nergal, mit Darius (Persepolis); Glasurziegelbilder am Palast des Darius in Susa: geflügelter Löwe mit Widderkopf und Greifklauen (Cattin: Kunst. Abb. 1, S. 17); mit Stierfüßen und -horn. der Adler für den Windgott Ninurta und der Mensch für Nabu, den Gott der Weisheit. Damit einher gehen altorientalische Vorstellungen von Hütern der WelteckenPfarl: Christliche Kunst, S. 178. und von Trägern des Himmelsgewölbes im ersten (Stier), vierten (Löwe), siebten (Skorpionmensch) und zehnten Sternbild (Wassermann, in dessen Nähe sich das Sternbild des Adlers befindet) des altbabylonischen Tierkreises.Wilhelm Bousset: Die Offenbarung Johannis. Göttingen 1906, S. 251 f. (Wikisource)
Prophetenbuch Ezechiel Die Symbole der christlichen Wirkungsgeschichte gehen zurück auf Visionen aus dem Buch des Propheten Ezechiel, vornehmlich auf die im 1. Kapitel:
Im Buch Ezechiel leitet die Vision die Beauftragung des Propheten ein, das Volk Israel im babylonischen Exil zur Umkehr zu mahnen, um die spätere Rückkehr nach Judäa zu ermöglichen. Bei Ezechiel finden sich weitere Tempelvisionen, die sowohl ein Doppelgesicht zweier Cherubim als auch das Viergesicht in anderer Reihenfolge und Zusammensetzung beschreiben:
Hier erscheint statt des Stiers ein Cherub, ein geflügeltes menschenähnliches Wesen; im Tempel werden Schnitzereien geschaut, die eine umlaufende Galerie mit mehreren Cherubim-Paaren und Palmwedel abbilden – wie auch an den beiden Türflügeln:
Offenbarung des Johannes Die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament nimmt die Thronvisionen der Cherubim (vier Flügel) aus Ezechiel, aber auch die der Seraphim (sechs Flügel) aus Jesaja auf, komponiert sie zu einer neuen Vision und begründet so die christliche Tradition. Der ursprüngliche Sinn und Zusammenhang des Bildes in der altbabylonischen Mythologie spielt für Offb 4 keine Rolle.Wilhelm Bousset: Die Offenbarung Johannis. Göttingen 1906, S. 252 (Wikisource). In der Offenbarung des Johannes erscheinen nicht menschenähnliche Viergesichter, sondern vier einzelne WesenTraugott Holtz: Die Offenbarung des Johannes, übersetzt und erklärt. NTD Band 11, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-51387-3, S. 56 f. (sog. Wesen der Apokalypse), die mit ihrer ganzen Gestalt wie folgt verglichen werden:
mini|links|hochkant=2|Die Ekliptik (rote horizontale Linie) mit dem Zodiak und seinen zwölf Lebewesen (orangefarbene Punkte) sowie den Symbolen der vier Evangelisten (mit gelbem Text) und den dazugehörigen markanten Sternbildern (orange): Markus (Löwe = Leo, Frühlingssternbild), Lukas (Stier = Taurus, Wintersternbild), Matthäus (Mensch = Wassermann = Aquarius, Herbststernbild) und Johannes (fliegender Adler = Aquila, erhöht über der Ekliptik, Sommersternbild). Diese vier Zeichen befinden sich in vier senkrecht aufeinanderstehenden Himmelsrichtungen. Die Milchstraße (via lacta) ist hellblau als Bogen eingezeichnet.
Bedeutung Die Tradition der Evangelistensymbole knüpft nicht an die Reihenfolge der Offenbarung des Johannes an, sondern entspricht der ersten, ältesten Erwähnung in Ez 1,10 mit der Abfolge Mensch (Matthäus) – Löwe (Markus) – Stier (Lukas) – Adler (Johannes). Auffälligerweise steht lediglich der Adler in allen Beschreibungen gleichermaßen an letzter Stelle.
Die Entwicklung von Symbolen als Kennzeichen für vier bestimmte Evangelien geht auf die Kirchenväter zurück. Diese bemühen sich zu erklären, warum die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – und nicht die vielen anderen – als göttliche Offenbarung zusammen mit dem bereits abgeschlossenen Tanach zu verstehen sind. Die Kirchenväter erkannten die vier Schriften in den vier Gesichtern jener Wesen wieder, die in der unmittelbaren Gegenwart Gottes beheimatet sind. Wie diese waren sie zu viert, zwar verschieden, aber wesensgleich. Im Einzelnen wird das Verhältnis zwischen Evangelien und Symbolen wie folgt gedeutet:
Irenäus: älteste Deutung In der christlichen Tradition wurden die Symbole nach zuerst vom Kirchenvater Irenäus von Lyon († 202) in den viergesichtigen Wesen aus dem Buch Ezechiel als Vorankündigung Christi verstanden:Traugott Holtz: Die Offenbarung des Johannes, übersetzt und erklärt. NTD Band 11, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-51387-3, S. 56. Die je vier Gesichter der vier Wesen zeigten Christus, majestätisch als „Löwen“, priesterlich als „Stierkalb“, Mensch geworden im „Menschen“ und Geist spendend als „Adler“. Irenäus fand diese Christus-Typologie in den Evangelien des Johannes, Lukas, Matthäus und Markus wieder, begründete damit, warum es vier Evangelien geben müsse, und lieferte somit einen wichtigen Beitrag zu deren Kanonisierung. Irenäus ordnete diesen Evangelien die vier Gestalten zu: den Löwen dem Johannes, den Stier dem Lukas, den Menschen dem Matthäus und den Adler dem Markus. Diese Zuordnung setzte sich jedoch nicht durch.Adversus haereses III 11,8 deutscher Text. Auch Augustinus kennt diese Deutung, schließt sich ihr aber nicht an (De Consensu Evangelistarum I 6 ).
Hieronymus: bestimmende Deutung Hieronymus (4. Jh.) begründete ebenso wie Irenäus die Anzahl und Auswahl der vier Evangelien mit Verweis auf die biblischen Quellen (Ez 1; Offb 4). In der Einleitung zu seinem Matthäuskommentar setzte Hieronymus „Wort Gottes“ aus dem Johannesevangelium gleich „Evangelium“, leitete aus ab, dass damit vier Einzelexemplare gemeint sind, erklärte mit Hilfe der vier Wesen, welche Evangelien das sind, und lieferte so die bestimmende DeutungLThK, Art. Evangelist etc. Sp. 1056 f. für die kirchliche Tradition:
Alte Kirche, weitere Deutungen Augustinus bietet unter Aufnahme der Reihenfolge von eine andere Zuordnung: Der Löwe entspreche Matthäus, der Stier Lukas, der Mensch Markus und der Adler Johannes.De Consensu Evangelistarum I 6 Lateinischer Text Er begründet seine Zuordnung anders als Hieronymus nicht mit den jeweils charakteristischen Anfängen der Evangelien, sondern mit der gesamten Theologie des jeweiligen Evangeliums. Augustin folgen nur wenige weitere Ausleger der Offenbarung, unter ihnen Primasius (552 – ca. 570)Wilhelm Bousset: Die Offenbarung Johannis. Göttingen 1906, S. 66 (Wikisource). und Beda Venerabilis († 735).Wilhelm Bousset: Die Offenbarung Johannis. Göttingen 1906, S. 67 (Wikisource).
Der Adler für den Verfasser des „geistlichen Evangeliums“ (Clemens von Alexandria, um 200 n. Chr.) lässt sich auch mit der symbolischen Darstellung des Heiligen Geistes in Beziehung bringen, der häufig ebenfalls als Vogel (allerdings als Taube) dargestellt wird. Das Symbol für Matthäus wird volkstümlich – vergleichbar der Offenbarung des Koran durch den Erzengel Gabriel – auch als der Engel verstanden, der dem Evangelisten diktiert habe.
Die vier Evangelistensymbole haben auch Teil an der Symbolik der Vier als Zahl der Welt und versinnbildlichen so die Universalität der Christusbotschaft.
Darstellungen mini|hochkant| Mosaik in der Apsis von Santa Pudenziana in Rom Grundsätze Den biblischen Texten folgend sind auch der Mensch, der nicht mit einem Engel zu verwechseln ist, der Löwe und der Stier meistensOhne Flügel in der anglo-französischen Apokalypse (13. Jh.), Toulouse, Bibliothèque Municipale, Ms. 815 fol. 10v (Cattin: Engel, Abb. 37, S. 80). geflügelt, was auch für den Adler gelten kann, obwohl er bereits Flügel besitzt.Adler mit sechs Flügeln: von St.-Severs, 11. Jh. (Paris, Bibl. Nat. Ms. 8878, fol. 108v–109 (Abb. in Rolf Toman: Romanik. S. 446 f.); Merowinger-Sarkophag, Saint-Agilberts (7. Jh.) in Jouarre. Seltener werden die vier Wesen mit Augen übersät dargestellt,Rabula-Evangeliar (byzantinisch, 6. Jh.) mit Tetramorph unter der Mandorla (Himmelfahrt Christi). wie es in der Offenbarung geschildert ist.
Keller gibt als erste Darstellung die um das Jahr 400 entstandene von Santa Pudenziana in Rom an und nennt als frühe Darstellung der vier zu einer Figur zusammengefügten Wesen (Tetramorph) eine Buchmalerei in einem um das Jahr 775 datierten Evangeliar aus der Abtei Echternach, das sich 1979 in der Dombibliothek in Trier befand.Tetramorph am Unterkörper mit Stier-, Löwen-, Menschenfüssen, Adlerkopf und Flügeln oder als viergesichtiges Reittier mit vier verschiedenen Läufen im Im Laufe der Kunstgeschichte hat sich die Darstellungsart der Evangelisten gewandelt, von isolierten Symbol-Wesen hin zu einer Personengruppe (Pieter Aertsen),Die vier Evangelisten (1559), Suermondt Museum, Aachen. die sogar ohne ihre Symbole auskommen (Jakob Jordaens).Pfarl: Christliche Kunst. S. 179.
Fundorte mini|hochkant|Majestas Domini mit den vier geflügelten Wesen (um 1150), Abtei Saint-Fortunat, Charlieu, Tympanon des Hauptportals (im Norden!) Besonders häufig sind die Evangelistensymbole im Portalbereich abendländischer mittelalterlicher Kirchen zu finden, wo sie im Zusammenhang mit der Majestas Domini und den 24 Ältesten das Tympanon zieren, oder beispielsweise in den Portalausschrägungen unter den Füßen von Einzeldarstellungen der Evangelisten als Attribute fungieren. Schöne Beispiele liefern Bogenfelder in Portalen von Saint-Fortunat in Charlieu sowie der Kathedralen von Chartres und Angers. Plastische Darstellungen finden sich auch auf einem SarkophagMerowinger-Sarkophag, Saint-Agilberts (7. Jh.) in Jouarre (Krypta St. Paul), alle Symbole mit sechs Flügeln., an Kanzeln, an Orgelprospekten und auf barocken Kirchenkuppeln.Pfarl: Christliche Kunst, S. 179. In der Malerei erscheinen die Symbole meistens in der Apsis, in der Gotik auf Flügelaltären, in Dorfkirchen auf Farbholztafeln an Emporenbrüstungen, in der Goldschmiedekunst auf dem Buchdeckel, in der Textilkunst auf dem Rückenteil der Kasel (Gösser Ornat), in der Buchmalerei auf dem Vorsatzblatt liturgischer Handschriften und in Elfenbeinschnitzereien. Der prominenteste nicht-kirchliche Fundort ist auf dem größten Ölbild der Welt, Das Paradies, zu finden: Jacopo Tintoretto malte im Dogenpalast die Symbole neben die Evangelisten in der für Venedig gebotenen Reihenfolge (von links) Markus, Lukas, Matthäus und Johannes.
Formen Linear nebeneinander werden die Symbole sehr selten angeordnet.Codex Egberti, um 980 (Abb. in Toman: Romanik. S. 402). Anstelle der Reihung wird die GruppierungApsis Santa Pudeziana Mensch und Löwe rechts, Stier und Adler links (Reihenfolge nach Ez 1,10, jedoch nach Offb 4,7 mit sechs Flügeln). Romanik: Tympanon von Saint-Bénigne in Dijon (12. Jh.), dort gemeinsam mit Engelfiguren, die die Mandorla umhüllen. gewählt, was der Anordnungsmethode des Ezechiel entspricht (in vier Richtungen).
Grundformen