mini|Blick auf den nordwestlichen Teil von Neu-Isenburg. Am rechten Rand sieht man die Frankfurter Straße, die sich in Nord-Süd-Richtung erstreckt. mini|Neu-Isenburg, Luftaufnahme aus Nordwesten (Juli 2010):Vorne rechts die katholische Kirche St. Josef. In der Mitte der alte Ortskern mit dem Marktplatz. Im Hintergrund rechts Dreieich-Sprendlingen mini|Haus der Vereine Die Hugenotten- und Waldenserstadt Neu-Isenburg ist eine Mittelstadt im Landkreis Offenbach in direkter Nachbarschaft zu Frankfurt am Main und Offenbach am Main. Die Stadt liegt in unmittelbarer Nähe des Frankfurter Flughafens. Der amtliche Namenszusatz Hugenotten- und Waldenserstadt wurde zur Feier des 325. Jahrestags der Stadtgründung am 24. Juli 2024 verliehen.
Gegründet als Zufluchtsort von Hugenotten, wurde Neu-Isenburg ab 1900 immer stärker von Industrie geprägt. Heute ist sie vor allem Standort von Dienstleistungsunternehmen und Wohnstadt für Pendler nach Frankfurt. Regional bekannt ist die Stadt durch das Einkaufszentrum „Isenburg-Zentrum“ (IZ), die Hugenottenhalle, die Stadtbibliothek, das Autokino in Gravenbruch und das Waldschwimmbad.
Geographie Die westliche Gemarkungsgrenze der Stadt befindet sich am Rande des Frankfurter Flughafens. Die Stadt selbst erstreckt sich über mehrere Kilometer weiter nach Osten. Im Südwesten fließt der Gundbach, ein kleiner Nebenfluss des Rheins.
Nachbargemeinden Neu-Isenburg grenzt im Westen und Norden an die kreisfreie Stadt Frankfurt am Main, im Osten an die kreisfreie Stadt Offenbach am Main sowie im Süden an die Städte Dreieich, Langen und Mörfelden-Walldorf (Kreis Groß-Gerau).
Stadtgliederung mini|Neu-Isenburg in seinen Stadtgrenzen Neu-Isenburg besteht aus der alten Kernstadt, dem eingemeindeten Stadtteil Zeppelinheim im Westen und der in den 1960er Jahren errichteten Satellitenstadt, dem Stadtteil Gravenbruch im Osten. Die Bebauung der Stadtteile ist durch Wald getrennt.
Alle drei Stadtteile befinden sich in einem relativ flachen, geschlossenen Waldgebiet. Während das Gebiet der Kernstadt bereits seit Jahrhunderten überwiegend waldfrei und mit Weideflächen oder Gärten bedeckt war, sind Zeppelinheim und Gravenbruch auf Rodungsinseln errichtet. Der verbliebene Wald auf Isenburger Stadtgebiet ist als Bannwald ausgeschrieben und darf nicht für weitere Besiedlung gerodet werden. Ab den 1990er Jahren wurden die meisten verbliebenen Wiesen- und Gartenflächen bebaut.
Geschichte Neu-Isenburg wurde am 24. Juli 1699 als Exulantenstadt von Hugenotten gegründet, französischen Protestanten, die nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes aus Frankreich hatten fliehen müssen. Ihr neuer Landesherr, Graf Johann Philipp von Isenburg-Offenbach, sicherte ihnen Schutz, freien Gebrauch der französischen Sprache und Religionsfreiheit zu. Er gestattete ihnen, sich im Dreieichwald anzusiedeln, dort wo im Mittelalter die Wallfahrtskapelle Zum Heiligen Kreuz stand. Zum Dank an den Grafen wurde die Stadt nach ihm Neu-Isenburg benannt. Der Grundriss des Ortes wurde von Andreas Loeber entworfen. Die Stadt hatte einen quadratischen Grundriss. Von den Ecken führen diagonale Straßen zum Marktplatz. Zusätzlich sind die Mitten der Außenseiten durch Straßen mit dem quadratischen Marktplatz verbunden, deren Schnittpunkt als quadratischer Platz ausgebildet ist. Der Grundriss nimmt so die Formen des griechischen und Andreaskreuzes als Schutzzeichen auf.Andreas Kalesse: Nowawes – eine friderizianische Kolonie auf einem religiös motivierten Grundriss, in: Mitteilungen der Studiengemeinschaft Sanssouci e. V. 11 (2006) S. 61–70, 62 () Neu-Isenburg war eine der Planstädte des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Siedler waren zunächst als Bauern tätig, besannen sich aber sehr bald auf ihre ursprünglich erlernten Handwerksberufe, etwa den des Strumpfwirkers, und legten so den Grundstein für die wirtschaftliche Entwicklung Neu-Isenburgs. Die umliegenden Gemeinden beäugten die französischen Siedler mit großem Misstrauen und nannten den Ort „welsches Dorf“. Einen Hinweis darauf gibt der Welsche Weg im Frankfurter Stadtwald. Diese Waldschneise führt von Frankfurt-Sachsenhausen zum nördlichen Stadtrand Neu-Isenburgs.Stadt Frankfurt am Main, Umweltamt (Hrsg.): Die GrünGürtel Freizeitkarte. 7. Auflage, 2011.
mini|links|Haus zum Löwen mini|Altes Rathaus 1702–1876
Am 20. Mai 1700 hielt Pfarrer Isaac Bermond unter einer alten Eiche auf der Mitte des Kirchplatzes den ersten Gottesdienst. Um 1701 erfolgte der Bau des Forsthauses (heute: Gaststätte Frankfurter Haus) durch die Stadt Frankfurt am Main an der Stadtgrenze zu Neu-Isenburg. Eine erste Französisch-Reformierte Kirche aus Holz wurde von 1702 bis 1706 errichtet. Die Grundsteinlegung erfolgte am Himmelfahrtstag 1702 auf einem dreieckigen Platz im Rahmen der strengen Grundstückaufteilung des Siedlungsquadrats. Ebenfalls 1702 wurde das Rathaus am Marktplatz errichtet. Im selben Jahr wurde das Haus zum Löwen erstmals erwähnt, das bis 1918 als Gaststätte Au Lion d’Or (Zum goldenen Löwen) genutzt wurde und das heute als Heimatmuseum dient. Es folgten 1704 die erste Schule und 1705 die Bansamühle. Die Holzkirche wurde in den Jahren von 1773 bis 1775 durch einen Steinbau ersetzt. 1781 wurde die erste deutschsprachige Schule errichtet.
Trotz der erheblichen Vorbehalte zogen ab dem 18. Jahrhundert auch deutsche Familien in die Stadt, was dazu führte, dass in der Kirche ab 1761 abwechselnd auf Deutsch und Französisch gepredigt wurde, sehr zum Widerwillen der französischen Bevölkerung. Schließlich wurde 1829 Deutsch als offizielle Amtssprache festgelegt.
In napoleonischer Zeit gehörte Neu-Isenburg zum Fürstentum Isenburg, das der Wiener Kongress von 1815 liquidierte,Artikel 52: Das Fürstenthum Isenburg wird unter die Souverainetät Sr. Maj. des Kaisers von Österreich gestellt, und wird mit demselben in solche Beziehungen kommen, wie die Föderativ-Constitution Deutschlands es für die mediatisirten Staaten bestimmen wird.; Kurt Hermann: Inbesitznahme des Fürstentums Isenburg durch Österreich. In: Mitteilungsblatt der Heimatstelle des Main-Kinzig-Kreises, Heft 2, Gelnhausen 1981 (ohne Seitenangaben); auch in Zwischen Vogelsberg und Spessart 1972, Heimat-Jahrbuch des Kreises Gelnhausen. Herausgegeben vom Kreisausschuß des Kreises Gelnhausen. 1971, S. 100. wodurch Neu-Isenburg mit dem Amt Offenbach letztendlich an das Großherzogtum Hessen (Hessen-Darmstadt) gelangte.Johann Ludwig Klüber (Hrsg.): Kaiserlich-östreichisches Patent wegen der Übergabe der Oberhoheit über verschiedene fürstlich und gräflich-isenburgische Gerichte, an Kurhessen; ferner der Oberhoheit über die übrigen unter Benennung Fürstenthum Isenburg vereinigt gewesenen Gebietstheile, über die gräflich-schönbornsche Herrschaft Heusenstamm, die freiherrlich-groschlagische Herrschaft Eppertshausen, den gräflich-ingelheimischen Ort Obererlenbach und die gräflich-solmsische Hälfte des Ortes Niederursel, an das Großherzogthum Hessen Offenbach, den 9. Juli 1816, No. XXXVII., in: Johann Ludwig Klüber Staatsarchiv des teutschen Bundes. Band 1. (J. J. Palm und Ernst Enke), Erlangen 1816, S. 419–421 books.google.de; Convention Territorial entre le Grand Duc de Hesse et Electeur de Hesse. – Signèe à Francfort sur Mein, le 29 Juin, 1816. British and Foreign State Papers 1815–1816, Band 3, Compiled by the Librarian and Keeper of the Papers, Foreign Office, James Ridgway and Sons, Piccadilly, London 1838, S. 812–819; (größtenteils in deutscher Sprache) books.google.de; auch abgedruckt in Grindaha 26, Geschichtsverein Gründau e. V., Gründau 2016 S. 4–12 mit Anmerkung von Norbert Breunig.
Bis 1823 gehörte Neu-Isenburg zum Amt Offenbach, das in diesem Jahr aufgelöst wurde. Die Verwaltungsaufgaben des Amtes übernahm der Landratsbezirk Offenbach, ab 1832 der Kreis Offenbach.Verordnung, die Bildung von Kreisen in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen betreffend vom 20. August 1832. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 74, 5. September 1832, S. 561–563 (561). Die Aufgaben des Amtes in der Rechtsprechung gingen an das Landgericht Offenbach über,Die neue Eintheilung des Fürstlich Isenburgischen Standesbezirks betreffend vom 23. Januar 1823. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 6 vom 21. Februar 1823, S. 53. das 1879 durch das Amtsgericht Offenbach ersetzt wurde.§§ 1, 3 Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 15 vom 30. Mai 1879, S. 197f.
1828 baute der Preußisch-Hessische Zollverein ein Zollhaus (Frankfurter Straße 10) als Hauptzollamt an der Grenze zur damaligen Freien Stadt Frankfurt.
1846 wurde die Bahnstrecke Frankfurt am Main–Heidelberg eröffnet, und 1852 erhielt der Ort dort einen eigenen Bahnhof, den Bahnhof Neu Isenburg.
mini|Französische Schule von 1704 mini|Das 1960 eröffnete Autokino Gravenbruch war das erste Autokino in Deutschland. 1885 wurde die Frankfurter Waldbahn nach Frankfurt eröffnet (heute Straßenbahnlinie 17 der Verkehrsgesellschaft Frankfurt VgF). Die Straßenbahn war früher mit privat betriebenen Pferdeomnibussen oder fußläufig bzw. mit dem Fahrrad erreichbar. In den 1950er Jahren gab es eine Bahnbusverbindung zu dem ganz im Westen gelegenen Bahnhof. Seit 1962 wurden Busverbindungen zwischen dem Bahnhof und der Straßenbahnhaltestelle sowie von dort zur Siedlung Buchenbusch aufgebaut, seit 1973 auch nach Gravenbruch, seit 1977 nach Zeppelinheim.Heidi Fogel: Wasser, Energie und Mobilität für Neu-Isenburg. Zum 120. Geburtstag der Stadtwerke. In: Isenburger Nr. 87, September 2018, S. 18–19 (der-isenburger.de PDF).
Am 4. Februar 1889 wurden Neu-Isenburg die Stadtrechte verliehen. 1899 erhielt Neu-Isenburg anlässlich des 200-jährigen Bestehens sein Stadtwappen.
Im April 1896 nahm mit der Höheren Bürgerschule (heute: Goetheschule) die erste weiterführende Schule in Neu-Isenburg ihren Betrieb auf.
Der Aufbau der modernen Infrastruktur begann im Jahr 1898, als das erste Wasserwerk und das Elektrizitätswerk in Betrieb genommen wurden. Der Gemeinderat entschied sich seinerzeit gegen Gas und für die Elektrizität als Energieträger. Gas wurde erst ab 1913 vorwiegend zum Kochen verfügbar; Erdgas zur Wärmegewinnung wird seit 1970 genutzt.
Am 23. Oktober 1911 wurde in der mehrheitlich protestantischen Stadt die erste katholische Kirche St. Josef eingeweiht.
In den 1920er-Jahren wurden antisemitische Einstellungen in Polizeiakten erkennbar.Magistrat der Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand. Dokumente über Lebensbedingungen und politisches Verhalten 1933–1945. Bearbeitet und eingeleitet von Dieter Rebentisch, Angelika Raab. Neu-Isenburg. 1978, S. 237. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 wählten 40,8 % der Neu-Isenburger die NSDAP.Magistrat der Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand. Dokumente über Lebensbedingungen und politisches Verhalten 1933–1945. Bearbeitet und eingeleitet von Dieter Rebentisch, Angelika Raab. Neu-Isenburg. 1978, S. 49. Auch in Neu-Isenburg kam es zu nationalsozialistischen Aufmärschen und „Fahnenappellen“.Magistrat der Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand. Dokumente über Lebensbedingungen und politisches Verhalten 1933–1945. Bearbeitet und eingeleitet von Dieter Rebentisch, Angelika Raab. Neu-Isenburg. 1978, S. 109–114 mit mehreren Abbildungen. Oppositionelle wurden verfolgt.
Nach einem Fackelzug, an dem 3.500 Menschen teilnahmen, fand am Abend des 24. Juni 1933 im Rahmen einer Sonnenwendfeier auf dem Wilhelmsplatz eine Bücherverbrennung statt, bei der Bücher der von den Nazis geächteten und verfolgten Autorinnen und Autoren verbrannt wurden. Daran erinnert heute eine Gedenktafel an der alten Feuerwache.Projekt "Verbrannte Orte": Neu-Isenburg