mini|Sant’Egidio in Rom Die Gemeinschaft Sant’Egidio ist eine als „öffentlicher Verein von Gläubigen in der Kirche“ von der römisch-katholischen Kirche anerkannte Neue Geistliche Gemeinschaft (NGG), die 1968 von Andrea Riccardi in Rom als Laienbewegung von Schülern und Studenten gegründet wurde. Sie ist nach ihrem Hauptsitz, dem ehemaligen Kloster Sant’Egidio im römischen Stadtteil Trastevere, benannt.

Struktur und Verbreitung

Die Gemeinschaft gibt an, dass es keine formelle Mitgliedschaft gebe; deswegen könne die Zahl derjenigen, die Sant’Egidio angehören, nur geschätzt werden. Das Kompendium des päpstlichen Laienrats für internationale Bewegungen nannte für 2006 eine Zahl von 50.000 Mitgliedern.Pontifical Council for the Laity: International Associations of the Faithful: Sant’Egidio Community. Abgerufen am 13. Juli 2015. Nach eigenen Angaben hat die Gemeinschaft 2022 in 73 Ländern rund 60.000 Mitglieder.Matthias Rüb: Zum Essen in die Basilika. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Dezember 2022.

Alle vier Jahre wählt eine aus Repräsentanten der Gemeinschaften weltweit bestehende Wahlversammlung den Präsidenten und einen Rat als richtungweisendes Organ. Präsident der Gemeinschaft seit 2003 ist Marco Impagliazzo, der zuletzt im Dezember 2018 wiedergewählt wurde. Außerdem gibt es einen geistlichen Generalassistenten.

Im deutschsprachigen Raum sind die Gemeinschaften in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins organisiert.Gemeinschaft Sant’Egidio e. V., eingetragen beim Amtsgericht Würzburg (VR 986, Stand: 20. November 2006). Erster Vorsitzender der Gemeinschaft Sant’Egidio e. V. ist Klaus Reder.Vereinsregister Amtsgericht Würzburg, Stand: 31. August 2011. Dem Verein wurde am 23. April 2009 das DZI-SpendensiegelDeutsches Zentralinstitut für soziale Fragen: Abgerufen am 13. Juli 2015. zuerkannt. Die Gemeinschaft ist Mitglied des Gesprächskreises Geistlicher Gemeinschaften, Bewegungen und Initiativen (GGG).

Selbstverständnis Die Gemeinschaft betrachtet die Auseinandersetzung mit der Bibel, das Hören auf das Wort Gottes, das Gebet, die „Weitergabe des Evangeliums“, die „Freundschaft mit den Armen“, die Ökumene, den interreligiösen Dialog und den Einsatz für Frieden und Menschenrechte als zentral. Papst Franziskus hat Sant’Egidio bei seinem Besuch der Gemeinschaft am 14. Juni 2014 mit drei „P“ charakterisiert: preghiera, poveri, pace (Gebet, Arme, Frieden).

Das Gebet

Grundlage des gemeinschaftlichen Lebens sind das tägliche gemeinsame Abendgebet und die Eucharistiefeier, die offen sind und in zentralen Kirchen stattfinden. Zentrale Bedeutung hat die Bibel, deren Auslegung auf die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft angewandt wird,Vgl. Andrea Riccardi, Das Herz wiederfinden. Beten mit dem Wort Gottes, Würzburg 2021, S. 15 ff., 79 ff. wie es Karl Barth ausdrückte: Der Christ hält in der einen Hand die Bibel und in der anderen die Zeitung.Vgl. Vicenzo Paglia: Das Wort Gottes jeden Tag 2020/2021. Sant’Egidio Bücher, Würzburg 2020Gemeinschaft Sant’Egidio: Gesang der Psalmen. Würzburg 2006, S. 7–18.

Soziales Engagement Den sozialen Einsatz, im Besonderen durch persönliche Beziehungen, bezeichnet die Gemeinschaft Sant’Egidio als „Freundschaft mit den Armen“. Dazu gehören:

Kinder, Jugendliche, Alte Menschen In „Schulen des Friedens“ sollen zusätzlich zur schulischen Förderung (z. B. Hausaufgabenbetreuung), gemeinsamen Spielen und Ausflügen Werte der Menschlichkeit, des Friedens und des Zusammenlebens auf der Grundlage des christlichen Glaubens vermittelt werden.Die Schulen des Friedens in der Welt. Website von Sant’Egidio, abgerufen am 13. Juli 2015. Das „Land des Regenbogens“ ist eine weltweite Bewegung der Gemeinschaft, in der sich Kinder für die Rechte von Kindern weltweit einsetzen sollen.

In Europa unterstützt die Gemeinschaft alte Menschen. In den 90er Jahren entstand die Bewegung „Es lebe, wer alt ist“ und versucht, die Rechte der alten Menschen zu vertreten. In der Covid-19-Pandemie 2020 wurde ein internationaler Appell zum Schutz der alten Menschen veröffentlicht im Einsatz gegen ein selektives Gesundheitssystem.Unsere Zukunft – nicht ohne die alten Menschen. Appell lesen und unterschreiben, Website Sant’Egidio, Mai 2020, abgerufen am 30. November 2020.

Obdachlose und Bedürftige Die Gemeinschaft unterhält „Mensen“, in denen Mahlzeiten angeboten werden. Durch Gottesdienste und Gedenkveranstaltungen soll ein humaner Umgang mit Obdachlosen und mittellosen Menschen gestärkt werden.Gideon Zoryiku: Verstorbene Obdachlose sollen nicht vergessen werden. Main-Post, 5. April 2016.

Flüchtlinge und Neubürger Die Schule für Sprache und Kultur bietet in verschiedenen europäischen Ländern kostenlose Sprachkurse und eine Einführung in die Kultur des Gastlandes an. Flüchtlinge und Neubürger haben 1999 in verschiedenen europäischen Ländern die Bewegung „Menschen des Friedens“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, Integration, Begegnung der Kulturen und Religionen, Austausch und Friedensarbeit in den jeweiligen Ländern zu fördern. Im Jahr 2016 wurde in Zusammenarbeit mit den Evangelischen Kirchen in Italien ein Abkommen mit der italienischen Regierung geschlossen und das Projekt „humanitäre Korridore“ eingerichtet, in dem Flüchtlinge aus Lagern im Libanon, Marokko und Äthiopien auf sicheren Wegen mit humanitären Visa nach Europa einreisen dürfen, um die gefährlichen Reisen über das Meer zu vermeiden.Sant’Egidio fordert humanitäre Korridore für Flüchtlinge: „Mauer und Stacheldraht nicht die Lösung“. Interview mit Cesare Zucconi, Generalsekretär Sant’Egidio, bei Domradio, 31. März 2016.

Humanitäre Korridore Anlässlich der Flüchtlingskrise hat Sant’Egidio 2016 mit verschiedenen europäischen Regierungen das Projekt der humanitären Korridore ins Leben gerufen. Auf legalem und sicherem Weg können Flüchtlinge aus außereuropäischen Camps (z. B. Syrer in libanesischen Flüchtlingslagern, Somalis, Eritreer oder Südsudanesen aus Lagern in Äthiopien) nach Europa einreisen. Nach Abkommen mit den jeweiligen Regierungen garantieren die Träger die Aufnahme und Integration der Begünstigten.Humanitäre Korridore, Website Sant’Egidio, 2016, abgerufen am 30. November 2020.

Menschen mit Behinderung – Bewegung „Die Freunde“ Es werden spiritueller Austausch, religiöse Fortbildungen und Freizeitgestaltung für erwachsene Menschen mit Behinderung angeboten.Die Arbeit wird ausführlich beschrieben in: Gemeinschaft Sant’Egidio: Jesus als Freund. Mit geistig behinderten Menschen auf dem Weg des Evangeliums. Würzburg 2004 Die Bewegung „Die Freunde“ ist eine von Behinderten der Gemeinschaft getragene Vereinigung, die durch den Verkauf von selbstgemalten Bildern der eigenen Malschule, unter anderem das DREAM-Programm für die AIDS-Kranken in Afrika unterstützt.

Friedensarbeit Die Gemeinschaft war als Moderatorin oder Beobachterin an zahlreichen erfolgreichen Friedensverhandlungen beteiligt, etwa für Guatemala, den Kosovo, die Elfenbeinküste, den Südsudan,Christoph Albrecht: friZ – Zeitschrift für Friedenspolitik, 5/2000. sowie mit einem Vermittlungsversuch in Algerien zwischen der FIS und der Regierung Zéroual.Sandro Magister: L’Espresso, 9. April 1998 (englisch)Sandro Magister: St. Egidio and Algeria. An Ambassador’s Disturbing Revelations. L’Espresso, 23. Dezember 2003 (englisch) Ihr bedeutendster diplomatischer Erfolg ist die Vermittlung des Friedensvertrags für Mosambik am 4. Oktober 1992, dem Allgemeinen Friedensabkommen von Rom, das einen sechzehnjährigen Bürgerkrieg beendete; hier arbeitete sie mit der UN und zahlreichen Staaten zusammen.Roberto Morozzo della Rocca: Mosambik. Frieden schaffen in Afrika. Echter, Würzburg 2003, ISBN 3-429-02582-6.International Balzan Foundation: Balzan Preis 2004 für Humanität, Frieden und Brüderlichkeit unter den Völkefrn: Gemeinschaft Sant’Egidio – DREAM. 18. November 2004; abgerufen am 13. Juli 2015.Andrea Bartoli: Forgiveness and Reconciliation in the Mozambique Peace Process. In: Raymond G. Helmick, Rodney L. Petersen (Hrsg.): Forgiveness and Reconciliation: Religion, Public Policy, and Conflict Transformation. ISBN 978-1-890151-84-3. Weitere Initiativen beziehen sich auf eine Vermittlungstätigkeit im Casamance-Konflikt im SenegalGemeinschaft Sant’Egidio erreicht die Freilassung von Soldaten Senegals, die in Casamance gefangen gehalten wurden. Pressemitteilung Sant’Egidio, 9. Dezember 2012. und für die Region Mindanao auf den Philippinen, für die in Zusammenarbeit mit der großen islamischen Vereinigung Muhammadiyah aus Indonesien eine Vermittlerfunktion übernommen wurde.Philippinen: Internationale Friedenskonferenz auf Mindanao. Zenit, 5. Juni 2014.

Dream-Programm DREAM (Drug Resource Enhancement against AIDS and Malnutrition) ist ein Programm zur Bekämpfung von HIV/AIDS in Afrika. Es kombiniert medizinische Maßnahmen wie die AIDS-Therapie, die Vorbeugung gegen die Mutter-Kind-Übertragung von HIV und die Behandlung von opportunistischen Infektionen mit nicht-medizinischen Aktivitäten, z. B. Aufklärung, Einbeziehung von HIV-positiven Personen in die Versorgung der Patienten (Aktivisten), Aufbau von Selbsthilfegruppen, Fortbildung von medizinischem Personal oder Lebensmittelhilfen. Dabei strebt DREAM einen europäischen Standard der medizinischen Leistungen an.Katherine Marshall: Interfaith Health-Care Reform. faithstreet.com, 16. August 2009. Alle Leistungen sind für die Patienten kostenlos.

Seit 2002 richtete DREAM in zehn afrikanischen Ländern (Mosambik, Malawi, Tansania, Kenia, Angola, Nigeria, Kamerun, Guinea, Guinea-Bissau, DR Kongo) 38 Tageskliniken ein, vor allem in staatlichen und kirchlichen Gesundheitseinrichtungen. Alle Zentren sind in die jeweiligen nationalen AIDS-Programme integriert und arbeiten nur mit lokalem Personal. Bisher wurden über 151.000 Patienten aufgenommen, von denen etwa 91.000 mit der AIDS-Therapie begonnen haben; 21.000 Kinder sind von HIV-positiven Müttern geboren, wobei durch die medizinischen Hilfen die HIV-Übertragungsrate auf die Neugeborenen von etwa 30 % auf 2 % gesenkt wird.

Zur Klärung medizinischer Fragestellungen werden im Rahmen des DREAM-Programms auch nicht-interventionelle Studien u. a. zur Mutter-Kind-Übertragung, Adhärenz der Patienten, Einfluss der Ernährung und Resistenzen des HI-Virus durchgeführt.Maria Cristina Marazzi, Giuseppe Liotta, Giovanni Guidotti, Leonardo Palombi: DREAM – An Integrated Faith-Based Initiative to Treat HIV/Aids in Mozambique – case study. World Health Organization, Genf, 2005, ISBN 92-4-159298-2 (pdf; 384 kB).Maria Cristina Marazzi, Giuseppe Liotta, Paola Germano, Giovanni Guidotti, A. Doro Altan, Susanna Ceffa, Massimo Magnano San Lio, Karin Nielsen-Saines, Leonardo Palombi: Excessive Early Mortality in the First Year of Treatment in HIV Type 1-Infected Patients Initiating Antiretroviral Therapy in Resource-Limited Settings. AIDS Research And Human Retroviruses, 2008, 24(4), S. 555–560 (pdf).

Einsatz zur Abschaffung der Todesstrafe Seit 1998 setzt sich die Gemeinschaft für ein weltweites Moratorium der Todesstrafe ein. Einen Appell, den 2007 über 5 Millionen Menschen weltweit unterzeichneten, hat nach Auffassung der Gemeinschaft in Zusammenarbeit mit der World Coalition against the Death Penalty (WCADP) dazu beigetragen, dass die UNO-Vollversammlung am 18. Dezember 2007 mit großer Mehrheit für eine Resolution stimmte, die weltweit ein Moratorium fordert. Seitdem wurden solche Resolutionen für ein universales Moratorium in der UNO-Generalversammlung mit zunehmender Mehrheit angenommen. Iniziativa popolare per fermare il boia “È la volontà di 154 Paesi, non può essere ignorata”. Aus: Avvenire. Marco Impagliazzo: Pena capitale le firme del mondo. Aus: il Mattino.Artikel über die Abstimmung: Menschenrechte: Uno-Ausschuss fordert Stopp der Todesstrafe.Spiegel Online, 16. November 2007.Mit ausdrücklicher Erwähnung von Sant’Egidio: Meldung von Radio Vatikan, 16. November 2007.