miniatur|Diedrich Dannemann Diedrich Heinrich Carl Dannemann (* 24. Mai 1874 in Tungeln; † 27. Dezember 1933 in Oldenburg) war ein deutscher Politiker, der sich verschiedenen, zunehmend radikaleren Parteien der Weimarer Republik und zuletzt der NSDAP anschloss. Er war Mitglied im Oldenburgischen Landtag und im Deutschen Reichstag.
Leben und Wirken
Herkunft und politische Anfänge
Dannemann war der Sohn des Hausmanns Johann Hermann Dannemann (1849–1887) und dessen zweiter Ehefrau Johanna geb. Willers (1847–1899). Erste urkundliche Nachweise der Familie Dannemann in Wardenburg stammen aus dem Jahr 1581. Nach dem Besuch der Volksschule in Tungeln wurde Dannemann in der Landwirtschaft ausgebildet. Von 1893 bis 1896 gehörte er dem Oldenburgischen Dragoner-Regiment Nr. 19 an. Später übernahm er den Hof seiner Eltern.mini|Wahlwerbung für Dannemann bei der Wahl zur verfassungsgebenden Landesversammlung 1919 Ab 1901 war Dannemann Mitglied des Gemeinderates von Wardenburg. Am 8. April 1905 wurde er im Alter von 30 Jahren Gemeindevorsteher gewählt, seine Amtseinführung erfolgte am 1. Mai 1906. Das Amt übte er bis 1933 aus und setzte kommunalpolitische Projekte wie den Ausbau des Straßennetzes sowie Vorarbeiten für den Aufbau neuer Siedlungen wie Benthullen und Harbern durch. Weiterhin war er Mitglied des Amtsverbandes des Amtes Oldenburg. Ab 1911 saß er für die Nationalliberale Partei (NLP) im Landtag von Oldenburg.
Im Ersten Weltkrieg wurde Dannemann im Alter von 40 Jahren eingezogen und kämpfte von 1914 bis 1916 an der Westfront und von 1917 bis 1918 in Mazedonien.
Nach dem Krieg war Dannemann von 1919 an in den Vorständen des Oldenburger Landbundes und der Deutschen Volkspartei (DVP) sowie als deren Abgeordneter der DVP (von 1919 bis 1925) sowie des Landesblocks (von 1925 bis 1931) erneut Mitglied des Oldenburgischen Landtag. Vom Juni 1920 bis zum Mai 1924 gehörte er zudem auch dem ersten Reichstag der Weimarer Republik an, in dem er bis zum Mai 1924 den Wahlkreis 16 (Weser-Ems) vertrat. Danach verließ er Berlin und kehrte nach Oldenburg zurück.
Als Gemeindevorsteher Wardenburgs konnte er im Entwertungsjahr 1923 durch die von ihm vorgeschlagene Roggenumlage der Gemeinde die schlimmsten Auswirkungen der Inflation vermeiden. Auch gelang es ihm, in den zwanziger Jahren das Problem der Arbeitslosigkeit durch die Beschaffung öffentlicher Aufträge in der Gemeinde wenigstens zu mildern.
Zu seinen Ehrenämtern gehörten der Vorsitz im Verein Oldenburger Landbesitzer und im Sonderausschuss für Wirtschaftspolitik der Landwirtschaftskammer, ebenso seine Mitgliedschaft im Siedlungsausschuss und der ihr beigeordneten Spruchkammer in Schlichtungsangelegenheiten.
Endphase der Weimarer Republik Trotz seines umfangreichen politischen Engagements stand Diedrich Dannemann dem politischen System der Weimarer Republik zunehmend kritisch gegenüber. In den späteren Jahren der Republik vollzog sich eine deutliche Rechtsentwicklung seiner politischen Positionen. Bereits 1919 forderte er die Einrichtung eines „unpolitischen Fachministeriums“, da er der Auffassung war, dass unter einer parlamentarischen und von Parteien getragenen Regierung, insbesondere unter der Regierung Tantzen, politische Entscheidungen zunehmend in eine seiner Ansicht nach „sozialistisch“ geprägte Richtung gingen. mini|Landtagsgebäude des Großherzogtums Oldenburg (2023) Von der sozialdemokratischen Fraktion im Oldenburger Landtag wurde Dannemann bereits 1931 vorgeworfen, in seinen Redebeiträgen nationalsozialistische Positionen zu vertreten. Mit der NSDAP verband ihn insbesondere die scharfe Ablehnung des Kommunismus und der Sozialdemokratie. Trotz dieser politischen Überschneidungen kam es im parlamentarischen Alltag wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Dannemann und Carl Röver, der seit 1928 als Abgeordneter der NSDAP dem Oldenburger Landtag angehörte.
Während der Endphase der Weimarer Republik konnte die NSDAP auch in Wardenburg ihren Stimmenanteil von Wahl zu Wahl steigern. Gleichzeitig blieb der Anteil der Wähler der von Dannemann vertretenen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden zunächst überdurchschnittlich hoch. Dies wird unter anderem mit der politischen Bedeutung Dannemanns in der Gemeinde in Verbindung gebracht. Bei der Reichstagswahl im November 1932 erreichte die NSDAP jedoch auch in Wardenburg rund 70 Prozent der Stimmen, während der Stimmenanteil der DNVP auf 18 Prozent zurückging.
Zeit des Nationalsozialismus Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 weitete die NSDAP ihre politische Macht auch im Oldenburger Land und in Wardenburg zunehmend aus. Die DNVP stimmte am 24. März 1933 im Reichstag dem sogenannten Ermächtigungsgesetz zu und löste sich im Juni 1933 auf. Dannemann schloss sich daraufhin der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot, einem Zusammenschluss aus DNVP und Stahlhelm, an und zog im Mai 1933 für diese Gruppierung in den 8. Oldenburger Landtag ein.
Der Stahlhelmbund gehörte zu dieser Zeit in Wardenburg zu den besonders aktiven politischen Organisationen und verfügte über erheblichen Einfluss im örtlichen Gemeindeleben. Im Landtag übernahm Dannemann das Amt des zweiten Vizelandtagspräsidenten. Wenige Tage später wurde er am 30. Juni 1933 Hospitant der NSDAP.
Dannemanns Beweggründe lassen sich heute nur noch teilweise nachvollziehen. Als mögliche Ursachen kommen die Selbstauflösung der DNVP sowie Dannemanns Bestreben infrage, weiterhin politischen Einfluss ausüben zu können. Sein Beitritt zur NSDAP erfolgte einen Tag vor der angesetzten Neuwahl des Wardenburger Gemeindevorstehers. Es liegt daher nahe, dass Dannemann mit diesem Schritt seine Chancen auf eine erneute Übernahme des Amtes verbessern wollte. Bereits in den Wochen und Monaten zuvor hatte er öffentlich Sympathien für die NSDAP erkennen lassen.
Trotz seiner Annäherung an den Nationalsozialismus wurde Dannemann bei der Neuwahl jedoch nicht erneut zum Gemeindevorsteher bestimmt. Nach der Machtübertragung wurden in zahlreichen deutschen Kommunen die bisherigen Amtsinhaber durch politisch zuverlässige Anhänger der NSDAP ersetzt. Diese Entwicklung zeigte sich auch in Wardenburg. In der Gemeinderatssitzung vom 30. Juni 1933 wurde der aus Charlottendorf Ost stammende Gustav Kretzer (1876–1954) zum neuen Gemeindevorsteher ernannt. Kretzer war bereits im Juli 1928 der NSDAP beigetreten und gehörte damit zu den frühen Parteimitgliedern in Wardenburg.
Finanzielle Probleme, Verhaftung und Tod mini|Gutshaus Hundsmühlen (2014) Diedrich Dannemann befand sich spätestens seit 1929 in einer erheblichen finanziellen Krise. In diesem Jahr erwarb er das Restgut Hundsmühlen vom früheren Gutsbesitzer Schöningh für 81.500 Reichsmark. Auf dem Gut ließ er eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal errichten, wofür weitere Investitionen in Höhe von rund 38.000 Reichsmark erforderlich waren. Aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und der schwierigen Situation in der Landwirtschaft entwickelte sich der Besitz jedoch zunehmend zu einer finanziellen Belastung.
1932 wurde das Gut Hundsmühlen zwangsverwaltet, einzelne Grundstücke waren bereits zwangsversteigert worden. Weitere Versteigerungen konnten zunächst verhindert werden. Dannemanns Verbindlichkeiten beliefen sich zu diesem Zeitpunkt auf mehr als 120.000 Reichsmark. Auch im Sommer und Herbst 1933 stand wiederholt eine Zwangsversteigerung des gesamten Gutes im Raum.
Bereits eine Woche nach dem Ende seiner Amtszeit als Gemeindevorsteher wurden gegen Dannemann erste Untersuchungen eingeleitet. Am 7. Juli 1933 leitete der nationalsozialistische Ministerpräsident Georg Joel eine Prüfung ein, ob Dannemann beim Erwerb des Gutes Hundsmühlen eine Vermittlungsprovision erhalten hatte. Diese Untersuchung führte jedoch zu keinen weiteren Konsequenzen.
Wenig später wurden neue Vorwürfe gegen Dannemann erhoben, die schließlich zu seiner Verhaftung wegen des Verdachts der Untreue am 18. Dezember 1933 führten. Ihm wurde vorgeworfen, eine Erbschaft, die der Gemeinde Wardenburg im Jahr 1928 zugefallen war, für eigene Zwecke verwendet zu haben. Bei der Übergabe des Amtes an Gustav Kretzer im Oktober 1933 war festgestellt worden, dass Teile dieser Erbschaft bereits ausgezahlt worden waren, ohne dass sie vollständig in den Gemeindebestand eingeflossen waren. Die fehlende Summe wurde mit etwa 21.000 Reichsmark angegeben.
Neun Tage nach seiner Verhaftung nahm sich Diedrich Dannemann in seiner Gefängniszelle in Oldenburg das Leben. Da es infolge seines Todes zu keinem Strafverfahren kam, konnten die gegen ihn erhobenen Vorwürfe gerichtlich nicht geklärt werden. Ob die Gelder tatsächlich zur Unterstützung seines finanziell angeschlagenen Gutes verwendet worden waren oder ob die Vorwürfe politisch motiviert waren, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen.
Die nationalsozialistische Führung verband nach 1933 ihre Machtübernahme mit dem Anspruch, die sogenannte „Systemzeit“, womit die Jahre der Weimarer Republik gemeint waren, zu überwinden und vermeintliche Missstände früherer politischer Verantwortlicher aufzudecken. Auch in anderen Kommunen des Oldenburger Landes wurden gegen frühere leitende Beamte und Politiker Vorwürfe wegen Untreue oder anderer Verfehlungen erhoben. Ob die Ermittlungen gegen Dannemann auch dem Ziel dienten, sich als politische Erneuerer und Aufklärer früherer Missstände darzustellen, lässt sich heute nicht abschließend beurteilen.
Familie mini|Grab von Diedrich Dannemann auf dem Friedhof der Marienkirche Dannemann war seit dem 26. August 1898 verheiratet mit Anna Sophie Diederike geb. Lehmkuhl (1878–1969). Das Ehepaar hatte drei Töchter und zwei Söhne, von denen der Sohn Robert Dannemann für die FDP von 1949 bis 1955 dem Deutschen Bundestag angehörte und Präsident des Niedersächsischen Verwaltungsbezirks Oldenburg war.
Das Grab der Familie Dannemann befindet sich auf dem Friedhof der Marienkirche von Wardenburg in zentraler Position direkt am Kircheneingang.
Rezeption
Ehrenbürgerschaft Am 1. Mai 1931 wurde Diedrich Dannemann vom Wardenburger Gemeinderat einstimmig zum Ehrenbürger ernannt, nachdem er das Amt des Gemeindevorstehers bereits ein Vierteljahrhundert ausübte. Die Ehrenbürgerschaft besteht bis in die Gegenwart.
Kritik zum Entnazifizierungsverfahren In einem Entnazifizierungsverfahren von 1946 bemühte sich Diedrich Dannemanns Sohn Robert trotz eigener Mitgliedschaft in der NSDAP seine Distanz zum Nationalsozialismus darzustellen und diese durch Aussagen von Zeitzeugen zu belegen. In diesem Zusammenhang stellte er auch seinen Vater Diedrich Dannemann als Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft dar. Dabei zeichnete er ein Bild, das die politische Nähe seines Vaters zum Nationalsozialismus sowie dessen eigene Verantwortung für die gegen ihn erhobenen Vorwürfe weitgehend ausblendete und ihn in die Reihe der Opfer des NS-Regimes einordnete. Nach Darstellung Robert Dannemanns sei sein Vater „1933 von den Nationalsozialisten als Bürgermeister der Gemeinde Wardenburg abgesetzt worden [...] und auf deren Betreiben sogar ins Gefängnis gebracht“ worden.
Der Anlass für Diedrich Dannemanns Untersuchungshaft in 1933 war jedoch keine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, sondern eben jene Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue im Zusammenhang mit Gemeindegeldern. Diedrich Dannemanns politische Entwicklung seit Beginn der 1930er Jahre weist vielmehr auf eine zunehmende Annäherung an die politische Rechte und schließlich an den Nationalsozialismus hin. Ein gerichtliches Verfahren, das eine abschließende Klärung der Vorwürfe hätte ermöglichen können, fand aufgrund seines Suizids nicht mehr statt.
Straßenbenennung in Wardenburg An Diedrich Dannemann erinnert unter anderem die nach ihm benannte Diedrich-Dannemann-Straße in der Gemeinde Wardenburg. Die Straße verläuft entlang des Küstenkanals und verbindet Hundsmühlen mit Südmoslesfehn. Sie gehört zu den längsten Straßen im Gemeindegebiet.