Der Begriff Demokratischer Frieden entstammt der Politikwissenschaft und entwirft die Hypothese, dass Kriege zwischen demokratischen Staaten nicht (bzw. statistisch signifikant seltener als zwischen nichtdemokratischen oder gemischten Staatenpaaren) stattfinden. Die durch empirische Befunde gestützte Theorie wird teilweise auch als das einzige empirische Gesetz der Internationalen Beziehungen bezeichnet.Anna Geis: Diagnose: Doppelbefund – Ursache ungeklärt? Die Kontroverse um den "demokratischen Frieden" In: Politische Vierteljahresschrift, Band 42, Nr. 2, S. 282. Allerdings werden für diese Theorie mögliche Gegenbeweise oder Ausnahmen angeführt, wie beispielsweise der Kargil-Kriegzu letzterem vgl. Christian Wagner, Democratic Peace in South Asia? , in: Heidelberg Papers in South Asian and Comparative Politics, Nr. 16, 2003. oder der Libanonkrieg 2006.Emanuel Deutschmann, Der Zweite Libanonkrieg und die Dyadische Hypothese der Theorie des Demokratischen Friedens – ein Widerspruch?, Arbeitspapiere zur Internationalen Politik und Außenpolitik, AIPA 2/2012.
Die Theorie lässt sich in ein normatives Postulat und ein analytisches Forschungsprogramm unterteilen: Normativ entwickelt die Vorstellung eines Demokratischen Friedens ein Postulat nach einem weltweiten Mehr an demokratischen Staaten durch Demokratisierung, mit der Begründung so zur Befriedung der internationalen Beziehungen beizutragen. Analytisch beschäftigt sich die Wissenschaft mit Ausarbeitung, Präzisierung und Verifikation bzw. Falsifikation der Hypothese und beleuchtet dabei ausführlich auch die Widersprüchlichkeit der demokratischen Friedenstheorie: Während Staaten rein demokratischer Staatengruppen nämlich tatsächlich untereinander friedlich zu interagieren scheinen, verfolgen sie gegenüber Nicht-Demokratien offenbar durchaus auch aggressive Außenpolitiken; – bis hin zum Krieg.Anna Geis; Harald Müller; Niklas Schörnig: Liberale Demokratien und Krieg, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB), 17. Jg. (2010) Heft 2, S. 171–202; und Geis, Anna: Diagnose: Doppelbefund – Ursache ungeklärt? Die Kontroverse um den "demokratischen Frieden" In: Politische Vierteljahresschrift. Band 42, Nr. 2, 2001. Gesprochen wird darum von einem zwiespältigen „Doppelbefund“: Demokratischer Frieden und „Demokratische Kriege“Lothar Brock; Anna Geis; Harald Müller (Hrsg.): Democratic Wars. Looking at the Dark Side of Democratic Peace, Houndmills: Palgrave Macmillan, 2006. existieren nebeneinander.Anna Geis; Harald Müller; Niklas Schörnig: Liberale Demokratien und Krieg, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB), 17. Jg. (2010) Heft 2, S. 171–202; und Geis, Anna: Diagnose: Doppelbefund – Ursache ungeklärt? Die Kontroverse um den "demokratischen Frieden" In: Politische Vierteljahresschrift. Band 42, Nr. 2, 2001.
Terminologie und Definitionen Um die Theorie des Demokratischen Friedens empirisch überprüfen zu können, müssen die verwendeten Begriffe Demokratie und Frieden bzw. Krieg operationalisiert werden. Die Operationalisierungen können sich je nach wissenschaftlichem Ansatz und Autor teilweise erheblich unterscheiden. Ein Hauptkritikpunkt durch Vertreter des Realismus ist deswegen der Vorwurf, die Begriffe seien so vercodet, dass nur das gewünschte Ergebnis zu erwarten sei.mini|325px|Weltkarte nach Freedom in the World 2023: mini|325px|Der Demokratieindex 2023 von The Economist als Weltkarte. In der Farbskala steht dunkelblau für „sehr demokratisch“ (vollständige Demokratien) und dunkelrot für „sehr diktatorisch“ (autoritäre Regime). Zur Messung der unabhängigen Variablen Demokratie werden dichotome sowie skalenbasierte Indizes verwendet. Beispiele sind Freedom House und die Polity I-IV Studien.
Für die Definition von Kriegen und militärischen Konflikten werden oft die Datensätze des Correlates-of-War-Projektes des Politikwissenschaftlers J. David Singer herangezogen. In Anknüpfung an Gewalt als notwendige Bedingung des Krieges nutzen Singer und Small zwei zentrale Kriterien zur Definition: die Anzahl der Todesopfer durch kriegerische Handlungen sowie der Status bzw. die Fähigkeit der Konfliktakteure einen Krieg systematisch und organisatorisch auf längere Sicht führen zu können. Auf Basis dieser Annahmen definiert sich Krieg als längerfristig anhaltender Kampf zwischen organisierten bewaffneten Armeen, die zu mindestens 1000 Todesopfern innerhalb der letzten 12 Monate führten.
Forschungsgeschichte
Staatstheoretische und Philosophische Grundlagen mini|Immanuel Kant legte mit seinem Werk Zum ewigen Frieden eine philosophische Grundlage für den Demokratischen Frieden Der Zusammenhang zwischen Herrschaftsform und Frieden wurde schon von Niccolò Machiavelli und Montesquieu erörtert. Beide sahen die Gleichverteilung von Werten als Grund dafür, dass von Republiken keine Gewalt ausgehen würde.Ernst-Otto Czempiel: Kants Theorem und die zeitgenössische Theorie der internationalen Beziehungen, S. 301. Im Gegensatz zu dieser auf den Einzelstaat bezogenen (monadischen) Argumentation verfolgte der Abbé de Saint-Pierre in seinem durch Jean-Jacques Rousseau 1761 bekannt gemachten Plan des Ewigen Friedens einen auf die Interaktion mehrerer Staaten bezogenen Ansatz: eine internationale Organisation solle den Rahmen für wechselseitige Sicherheitsgarantien an alle Staaten bieten.Czempiel, Ernst-Otto: Kants Theorem und die zeitgenössische Theorie der internationalen Beziehungen, S. 316.
Als philosophische Hauptgrundlage der demokratischen Friedenstheorie wird meist Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden herangezogen. Kant entwickelt dort den Gedanken, dass Kriege zwar möglicherweise im Interesse von keiner Rechtfertigungspflicht unterliegenden politischen Machthabern seien (Kant: „Fürsten“), nicht aber im Interesse von Staatsbürgern, die im Kriegsfall weitaus kostspieligere Ressourcen, zum Beispiel ihr Leben oder ihr Eigentum, riskieren müssten. Daraus folgt für ihn, dass ein Staat, in dem die außenpolitischen Entscheidungen von der Mehrheit der Staatsbürger nach ihrer Interessenlage beeinflusst werden könnten, aus dem Eigeninteresse der Bürger heraus tendenziell eine friedliche und kriegsvermeidende Außenpolitik betreiben würde. Als zweite notwendige Bedingung für den Ewigen Frieden postulierte Kant einen Friedensbund (foedus pacificum) als ständiges zwischenstaatliches Vertragssystem der republikanischen Staaten untereinander.
Empirische Forschung Der Erste, der den Gedankengang Kants mit theorietestender empirischer Forschung verband, war der amerikanische Kriminologe Dean Babst. 1963 publizierte er in der eher wenig bekannten sozialwissenschaftlichen Zeitschrift The Wisconsin Sociologist einen sechsseitigen Aufsatz, in dem er die These aufstellte, dass frei gewählte Regierungen unabhängiger Staaten keine Kriege gegeneinander führen würden.Babst, Dean V.: Elective Governments – A force for Peace. In: The Wisconsin Sociologist, Band 3, Nr. 1, 1964. Grundlage für seine Behauptung waren die aus Quincy Wrights A Study of War (1941) entnommenen Daten über Kriege und kriegführende Nationen; seine Erklärung orientiert sich an der Theorie Immanuel Kants. Neben einigen Grenzfällen ging Bapst insbesondere auf die beiden Weltkriege ein, um die statistische Signifikanz seiner These nachzuweisen. Dieser Aufsatz wurde, ebenso wie eine leicht veränderte Neuauflage 1972, anfangs kaum beachtet.
Im Laufe diverser empirischer Forschungsarbeiten fand der Befund jedoch verbreitete Beachtung und 1988 bezeichnete der Politikwissenschaftler Jack Levy ihn erstmals als ein „empirisches Gesetz in den Internationalen Beziehungen“.Levy, Jack S.,: Domestic Politics and War. In: Journal of Interdisciplinary History, Vol. 18, No. 4 1988, S. 653–673, hier S. 662. Er wurde Anknüpfungspunkt zahlreicher Forschungsarbeiten und einer umfangreichen Diskussion,siehe bei Gert Krell, Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen, 4. Auflage, Nomos: Baden-Baden, 2009, S. 188–216. die bis heute bei weitem nicht abgeschlossen ist und zu einem „kaum noch zu überblickendem Forschungsfeld“Johannes Schwehm: Friede, demokratischer; in: Dieter Nohlen, Rainer Olaf Schultze (Hg.), Lexikon der Politikwissenschaft, Band 1 A-M, 4.A, München: Beck, 2010, S. 284. wurde.
Erklärungsansätze Der ursprünglichen Kant’schen Erklärung steht der empirische Befund gegenüber, dass Demokratien durchaus Kriege gegen Nicht-Demokratien beginnen. Der Begriff des Demokratischen Friedens behauptet daher im Allgemeinen keine generelle und einseitige Friedfertigkeit von Demokratien – es gibt in der Politikwissenschaft nur wenige Vertreter dieser monadischen Sicht des Demokratischen Friedens. Die demokratische Friedenstheorie betont hingegen überwiegend, dass Demokratien nur dyadisch, also untereinander ein besonderes und friedfertiges Verhalten an den Tag legen, nicht aber im Verkehr mit nichtdemokratischen Staaten.
Die Wissenschaft steht demnach vor der Herausforderung, diesen empirischen Doppelbefund eines Friedens allein zwischen Demokratien, verbunden mit demokratischen Kriegen gegen Nichtdemokratien zu erklären. Im Allgemeinen werden für dieses paradoxe Verhalten mindestens drei getrennte Erklärungsstränge angeführt: strukturell-institutionelle Erklärungsversuche, kulturell-normative und sozial-konstruktivistische Erklärung.
Strukturell-Institutionelle Deutungen Strukturell-institutionelle Erklärungsansätze gehen davon aus, dass die zeitaufwendigen Entscheidungsverfahren innerhalb demokratisch verfasster Staaten eine schnelle Eskalation verzögern, so dass friedliche Lösungsmöglichkeiten eines Konfliktes länger im Blickfeld der Akteure verbleiben und letztendlich gewählt werden.vgl. Johannes Schwehm: Friede, demokratischer; in: Dieter Nohlen, Rainer Olaf Schultze (Hg.), Lexikon der Politikwissenschaft, Band 1 A-M, 4.A, München: Beck, 2010, S. 284.
Ergänzen lässt sich dieser Ansatz mit der Vorstellung, dass internationale Institutionen noch dazu beitragen, Konflikte zu deeskalieren. Denn die international weiter verlängerten Entscheidungspfade ermöglichen es unüberlegte Fehlentscheidungen aufzufangen und abzudämpfen, so dass mittels Kommunikation und Einbezug verschiedener innergesellschaftlicher Akteure und Politikfelder eine friedliche Lösung gefunden werden kann.vgl. Andreas Hasenclever: The Democratic Peace Meets International Institutions – Überlegungen zur internationalen Organisation des demokratischen Friedens, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 9 (2002) 1, 75–111
In der Schwerfälligkeit und Komplexität der Entscheidungsprozesse bezieht dieser Erklärungsstrang auch die institutionalisierte politische Partizipation der Bürger ein, die, wie bereits Kant betonte, sich in der Regel gegen einen Krieg entscheiden würden und deren Beteiligung darum eskalationsverzögernd wirkt.
Kulturell-normative Deutungen Der zweite Erklärungsstrang, nämlich der kulturell-normative, betont hingegen, dass Demokratien ihre demokratischen Normen und ihre Konfliktlösungsmodi externalisierten und dass sie daher ihrem Gegenüber mit Respekt und Vertrauen begegnen. Allerdings erweist sich auch dieser Erklärungsstrang als defizitär, da er – wie auch der strukturell-institutionelle – lediglich eine genuine Friedfertigkeit von Demokratien zu erklären vermag. Sie können beide nicht den empirischen Doppelbefund erklären, nämlich den, dass Demokratien zwar miteinander friedlich interagieren, dass sie aber zugleich gegenüber Nicht-Demokratien ebenso gewaltgeneigt sind wie Nicht-Demokratien selbst.
Sozial-konstruktivistische Deutungen