mini|Alte Ansicht von 1905 mini|Luftbild von Mutterstadt Mutterstadt ist eine verbandsfreie Gemeinde im Rhein-Pfalz-Kreis in Rheinland-Pfalz und Teil der Metropolregion Rhein-Neckar.
Der Ort ist – anders als es der Name vermuten lässt – keine Stadt, sondern ein Großdorf und leitet seinen Namen nicht von dem Wort „Mutter“ her, sondern von einem mittelalterlichen Personennamen Muothari (oder Muther).
Innerhalb des Rhein-Pfalz-Kreises ist Mutterstadt außerdem gemessen an der Einwohnerzahl hinter Schifferstadt die zweitgrößte Ortsgemeinde. Sie ist bekannt für ihre international erfolgreichen Gewichtheber und für den Pfalzmarkt, den größten deutschen genossenschaftlichen Gemüsegroßmarkt.
Geographie Geographische Lage Mutterstadt liegt in der Rheinebene im Osten der Pfalz und ist etwa 10 Kilometer vom Zentrum der Stadt Ludwigshafen am Rhein entfernt.
Nachbarorte Dannstadt-Schauernheim (4 km, im Westen) Limburgerhof (2 km, im Süden) Ludwigshafen-Maudach (1 km, im Osten) Ludwigshafen-Rheingönheim (im Südosten) Ludwigshafen-Ruchheim (im Norden) Schifferstadt (5 km, im Südwesten)
Topographie Die Mutterstadter Flur hat kaum merkbare Höhenunterschiede. Die westlichen Nachbardörfer Dannstadt-Schauernheim und Fußgönheim liegen lediglich fünf bis acht Meter höher. Mutterstadt selbst liegt auf der Niederterrasse, die im Osten jenseits der Gemarkungsgrenze drei bis fünf Meter zur Rheinniederung abfällt. Zu Mutterstadt gehören zusätzlich die Wohnplätze Forsthaus Sternjagen, Hillensheimer Hof, In der Hartkirch, Mandelhof, Maudacher-Eck-Hof, Medartshof, Rheinperle, Schlichthof, Sülzerhof, Wasserwerk und Im Grund.
Geologie Beim Bau des Wasserturms wurde der Untergrund bis zu einer Tiefe von 128 Metern untersucht, wobei sich immer wieder Schichten verschiedener Mächtigkeit von Ton und Sand abwechselten.
Geschichte mini|Erstmalige Erwähnung im Lorscher Codex
Das Gebiet Mutterstadts war – wie Ausgrabungsfunde zeigen – bereits in der Steinzeit bewohnt. In der Römerzeit führte eine römische Fernstraße von Italien über Basel nach Mainz am Ort vorbei.
Die ersten fränkischen Siedlungen in der Gegend waren Orte mit der Namensendung „-heim“. Siedlungen, deren Namen auf „-stadt“ enden, entstanden vermutlich etwas später, als die fränkische Oberschicht durch neue Siedler Verstärkung erhielt. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort im Lorscher Codex bei einer Schenkung im Jahr 767 oder 768 mit „mutherstather marca“ (Mutterstadter Gemarkung). Die Endung „-stadt“ verweist hierbei nicht auf eine Stadtgründung im heutigen Sinne, sondern auf eine „Stätte“, Stelle. Bei Mutterstadt handelt es sich ursprünglich um die ‚Wohnstätte des Muotheri‘. Auf Mutterstadter Gemarkung befand sich außerdem einst der untergegangene Ort Einzkeim.
Ab der frühen Neuzeit bis Ende des 18. Jahrhunderts gehörte der Ort zur Kurpfalz und unterstand dort dem Oberamt Neustadt sowie der Oberschultheißerei Oggersheim. Während der französischen Zeit war Mutterstadt außerdem Sitz eines gleichnamigen Kantons und eines Friedensgerichts.
Am 1. Januar 1930 trat Mutterstadt Gebietsteile zur Bildung der neuen Gemeinde Limburgerhof ab.
Religion mini|(Alte) katholische und protestantische Kirche im Jahr 1897 Konfessionsstatistik Gemäß dem Zensus 2011 waren 35,8 % der Einwohner evangelisch, 28,3 % römisch-katholisch und 35,9 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe., Zensus 2011 Ende April 2025 hatten 23,5 % der Einwohner die evangelische Konfession und 20,9 % die katholische. 55,6 % der Gesamtbevölkerung gehörten anderen Konfessionen oder Glaubensgemeinschaften an oder waren konfessionslos. Gemeindestatistik Verbandsfreie Gemeinde Mutterstadt, abgerufen am 25. Mai 2025. Der Anteil der Protestanten und Katholiken an der Gesamtbevölkerung ist demnach im beobachteten Zeitraum beträchtlich gesunken.
Protestanten
Während der Reformation trat die gesamte Bevölkerung zur reformierten Lehre über. Noch um 1700 war die Einwohnerschaft fast ausschließlich reformiert. Erst die folgenden Jahrzehnte brachten eine Zuwanderung von lutherischen und katholischen Familien.
Die lutherische Gemeinde zählte im Jahr 1719 9 Familien. 1754 verlegten sie ihren Gottesdienst in das Erdgeschoss des Rathauses, das durch den Bau der katholischen Kirche frei geworden war.
Bei der späteren Vereinigung der reformierten und lutherischen Kirchen genügte die erweiterte Kirche weiterhin.
Katholiken Die katholische Kirche ist dem heiligen Medardus geweiht, einem französischen Bischof des 6. Jahrhunderts, der von den Bauern als Wetterheiliger angerufen wurde.
Die Gemeinde gehört zur Pfarrei „Heiliger Sebastian“ mit Sitz in Dannstadt.
Andere christliche Gemeinschaften Zur Gemeinde gehört eine neuapostolische Kirche.
Juden mini|Ehemalige Synagoge (links)
Jüdisches Leben wurde erstmals 1719 in Mutterstadt erwähnt. Im Jahr 1722 wohnten im Ort nur wenige Juden. Ihre Zahl stieg im 19. Jahrhundert auf 171 Personen an, nahm dann aber wieder ab. In der kurpfälzischen Zeit lebten in Mutterstadt nur wenige Juden; ihre Zahl vervierfachte sich jedoch in der französischen Zeit. Die Gründe dafür lagen in der Belebung von Handel und Gewerbe, als Mutterstadt 1798 zur Hauptstadt des französischen Kantons Mutterstadt geworden war.
Die jüdische Gemeinde war in die Dorfgemeinde so gut integriert, dass die politische Gemeinde 1838 den Bau der Synagoge unterstützte. Die Synagoge wurde beim Novemberpogrom 1938 niedergebrannt und die restlichen 52 Juden 1940 in das südfranzösische Lager Camp de Gurs deportiert, womit die Geschichte der Juden in Mutterstadt endete.
Zum Gedenken an die während des Dritten Reichs deportierten Juden wurden am 7. Februar 2022 in Mutterstadt Stolpersteine verlegt.
Muslime Kontakt zu Muslimen hatten die Mutterstädter schon im Jahr 1919, als während der französischen Besetzung des Rheinlands nordafrikanische Soldaten im Ort stationiert waren, die ihre täglichen Gebete in einer Scheune abhielten und dabei immer einheimische Zuschauer hatten. Durch den Zuzug von Gastarbeitern in den 1960er Jahren kamen türkische Muslime in den Ort, die sich in einem eigenen türkisch-islamischen Verein organisierten.
Politik mini|Rückseite des Neuen Rathauses
Bei Bundestagswahlen gehört die Gemeinde zum Wahlkreis Ludwigshafen/Frankenthal und bei Landtagswahlen zum Wahlkreis Mutterstadt.
Gemeinderat Der Gemeinderat in Mutterstadt besteht aus 28 ehrenamtlichen Ratsmitgliedern, die bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 in einer personalisierten Verhältniswahl gewählt wurden, und dem hauptamtlichen Bürgermeister als Vorsitzendem.
Die Sitzverteilung im Gemeinderat: Wahl SPD CDU GRÜNE FDP FWG Gesamt 2024 10 8 3 – 7 28 Sitze 2019 11 8 4 – 5 28 SitzeWahlband Kommunalwahlen 2019 - Verbandsgemeindeebene - Endgültige Ergebnisse auf wahlen.rlp.de 2014 13 10 2 – 3 28 Sitze 2009 12 9 1 2 4 28 Sitze 2004 9 11 1 2 5 28 Sitze FWG = Freie Wählergruppe Mutterstadt e. V.
Bürgermeister Thorsten Leva (SPD) wurde am 1. Juli 2023 Bürgermeister von Mutterstadt. Bei der Direktwahl am 5. März 2023 hatte er sich mit einem Stimmenanteil von 54,9 % gegen zwei Mitbewerber durchgesetzt.
Levas Vorgänger Hans-Dieter Schneider (SPD) hatte das Amt am 1. Juli 2007 von Ewald Ledig (FWG) übernommen, der es seit 1992 innehatte. Bei der Wahl vom 1. März 2015 wurde Schneider mit 94,92 % der abgegebenen Stimmen für weitere acht Jahre im Amt bestätigt. Bei der 2023 durchgeführten Direktwahl trat er aus Altersgründen nicht mehr an.
Wappen mini|Doppelwappen am Alten Rathaus
Das Wappen zeigt in Blau einen schräg liegenden, mit dem abwärts gewendeten Bart nach oben gekehrten silbernen Schlüssel und geht auf ein Siegel aus dem 15. Jahrhundert zurück.
Der Schlüssel ist das Zeichen des Petrus, des Schutzpatrons des Ortes. Es hat seinen Ursprung in einem der beiden Wappenschilde, die an der Stirnseite des Historischen Rathauses angebracht sind. Sie zeigen den bayerischen Löwen und einen Schlüssel auf Rautenfeld.
Partnerschaften Im Jahr 2000 gründeten interessierte Personen den Partnerschaftsverein Mutterstadt e. V., um in Europa nach geeigneten Partnergemeinden zu suchen. Der Gemeinderat beschloss 2001, jeweils mit einer Gemeinde in Frankreich und mit einer Gemeinde in Polen offizielle Beziehungen aufzunehmen.
So wurde 2002 mit der polnischen Kleinstadt Praszka (Woiwodschaft Oppeln) eine gemeinsame Erklärung zur Begründung einer Partnerschaft unterzeichnet. Die Suche nach einer passenden Gemeinde in Frankreich gestaltete sich wegen der bereits bestehenden großen Anzahl von deutsch-französischen Gemeindepartnerschaften als schwierig. Schließlich führte eine Suchmeldung an den „Rat der Gemeinden und Regionen Europas“ zum Erfolg. Es meldete sich die nordfranzösische Gemeinde Oignies aus dem Raum Lille. Nach gegenseitigen Besuchen konnte im Oktober 2004 die Partnerschaftsurkunde unterschrieben werden.
Eine dritte Partnerschaft besteht seit Oktober 2011 mit der Gemeinde Naturns in Südtirol.
Bauwerke Kulturdenkmäler
mini|hochkant|Wasserturm
Der Jüdische Friedhof an der Straße „Am Pfalzring“ ist als Denkmalzone ausgewiesen.
Hinzu kommen zahlreiche Einzelobjekte, die unter Denkmalschutz stehen, darunter das alte Rathaus, die evangelische Kirche und die katholische St.-Medardus-Kirche.
Das Postamt wurde 1927–1929 nach Plänen des Postbaurats Heinrich Müller erbaut. Es ist ein freistehender Bau mit Satteldach und einer eisenbeschlagenen Tür, die mit einem Adler als Signet der Reichspost bzw. des Reichs dekoriert ist. Das Gebäude ist ein Beispiel für eine im Sinn des Neuen Bauens modifizierte traditionelle Architektur.
Der Mutterstadter Wasserturm wurde 1931 erbaut und ist bei quadratischer Grundfläche mit einer Höhe von 52,5 m eines der höchsten Bauwerke in Mutterstadt. Eine Besonderheit ist sein Stahlbeton-Skelett, bei dem acht äußere und vier innere Stützen den Behälter tragen. Die Form war eine Forderung des Gemeinderats. Im Innern führt eine eiserne Wendeltreppe durch den inneren Wasserbehälter zur Behälterdecke. Heute ist der Turm nicht mehr zur Aufrechterhaltung des Leitungsdrucks notwendig, dient aber der Vermeidung von Druckschwankungen. 1989 wurde der Turm saniert und erhielt vom Industriedesigner Friedrich-Ernst von Garnier einen auffälligen Außenanstrich mit geometrischen Motiven.
Palatinum mini|Skulpturengruppe vor dem Palatinum Das Palatinum ist das Gemeindezentrum für Veranstaltungen, Kultur und Tagungen. Das variabel nutzbare Raumprogramm bietet bis zu 800 Personen Platz. Es ist eine kombinierte Sport- und Festhalle, die im Jahr 1999 fertiggestellt wurde.
Vor dem Palatinum steht ein Kunstwerk, das drei Motive aus der Geschichte Mutterstadts darstellt: Die Büste steht für den römischen Ursprung des Ortes. Die durch die Flachs-Hechel laufende Frau steht für den weiblichen Teil der Bevölkerung. Die Torkonstruktion mit männlichem Torso symbolisiert den industriebezogenen Standort der Gemeinde und den männlichen Teil der Bevölkerung.
Bildung mini|Pestalozzischule mini|Schulhof der Grundschule „Im Mandelgraben“
Schulwesen Die Entwicklung des Schulwesens wurde von der Nähe der Großstadt Ludwigshafen beeinflusst. So konnte sich lange keine höhere Schule entwickeln.
Im Jahr 1832 bezog die Volksschule einen Neubau mit vier protestantischen und zwei katholischen Schulabteilungen. 1867 wurde unter dem Einfluss des Apothekers Bohlig eine „Höhere Fortbildungsschule“ eingerichtet, die die Aufgabe hatte, Schülern die Kenntnisse zu vermitteln, die sie zum Übertritt in die 4. Klasse des Gymnasiums oder der Realschule nötig hätten.
Auf Veranlassung von Apotheker Bohlig unternahm man im Jahre 1869 den Versuch, sogenannte Kommunalschulen einzuführen, in denen sämtliche Kinder ohne Rücksicht auf ihre Konfession gemeinsam unterrichtet würden. 1874 wiederholte man die Abstimmung mit einer überwältigenden Mehrheit für die gemeinsame Schule. Doch wurde die Abstimmung angefochten und alles blieb beim Alten.