mini|General Henri Guisan (um 1942) Henri Guisan (* 21. Oktober 1874 in Mézières; † 7. April 1960 in Pully) war während des Zweiten Weltkriegs General und damit Oberbefehlshaber der Schweizer Armee.

Biografie Herkunft, Jugend und Studium Henri Guisans Vater Charles-Ernest Guisan (1844–1916) war Landarzt. Seine Mutter Louise-Jeanne Bérangier (1849–1875), die lungenkrank war, starb zehn Monate nach seiner Geburt. Mit zehn Jahren ging Guisan auf das Progymnasium in Lausanne, wo er dem der Schule angegliederten Corps des Cadets angehörte. Später wurde er Mitglied des Schweizerischen Zofingervereins. Um sein Deutsch zu verbessern, wurde er für sechs Monate nach Deutschland geschickt. Nach seiner Rückkehr absolvierte er die Matura und begann ein Medizinstudium. Da ihm Medizin nicht zusagte, wechselte er über Naturwissenschaft und Recht auf ein landwirtschaftliches Studium, welches er dann in Lyon beendete.

Militärische Laufbahn mini|Postkarte vom 3. Februar 1940 mini|Uniformkäppi von General Guisan Am 13. Dezember 1893 wurde Henri Guisan der Kavallerie zugeteilt, konnte aber die Sommer-Artillerierekrutenschule 1894 in Bière als Feldartillerist absolvieren. In der Folge machte er im Militär eine steile Karriere. Bis zum Ersten Weltkrieg erreichte er den Grad eines Majors. Während des Krieges war er mehrmals an der deutschen Ostfront, um Kriegstaktik zu erlernen.

Er bekleidete in der Schweizer Armee folgende Dienstgrade:

ab 1894: Leutnant ab 1904: Hauptmann ab 1908: Hauptmann im Generalstab ab 1911: Major; Übertritt von der Feldartillerie in die Infanterie ab 1916: Oberstleutnant im Generalstab ab 1919: Stabschef der 2. Division, Kommandant des Infanterieregiments 9 ab 1921: Oberstbrigadier ab 1927: Oberstdivisionär ab 1932: Oberstkorpskommandant

Oberstbrigadier, Oberstdivisionär und Oberstkorpskommandant sind historische Dienstgrade. Die Bezeichnung «Oberst-» bei den höheren Stabsoffizieren wurde 1977 fallen gelassen.

IOK In den 1930er-Jahren war Guisan auch im Internationalen Olympischen Komitee tätig.

Privates 1897 heiratete er Mary Doelker (1875–1964) und liess sich als Landwirt in Chesalles-sur-Oron nieder. Das Ehepaar hatte die Kinder Henry (1899–1990) und Myriam (1900–1993). 1902 übernahm er das Landgut seines Schwiegervaters Verte Rive in Pully bei Lausanne. Guisan war Bürger von Avenches und Mézières.

Tod Am 7. April 1960 verstarb Henri Guisan. Zur Trauerfeier am 12. April siehe unter Ehrungen. Er wurde in Pully beigesetzt.

General mini|Villa Cranz, Interlaken, Quartier des Generals 1941–1944 mini|Einschätzung der deutschen Wehrmacht zur Person Guisan mini|Guisan auf einer Postkarte vom 12. September 1939 mini|Guisan in ziviler Kleidung ca. 1947/48 beim Ausstieg aus einer Swissair-Maschine in Genf-Cointrin

Als sich im Sommer 1939 die Lage in Europa zuspitzte, wurde der Korpskommandant Guisan am 30. August 1939 von der Vereinigten Bundesversammlung zum General der Schweizer Armee gewählt – ein militärischer Dienstgrad, den es in der Schweizer Armee in Friedenszeiten nicht gibt. Auf Grund seiner unbestrittenen Fähigkeiten und weil überdies der französischsprachige Landesteil damals in der Regierung nur mit einem Bundesrat vertreten war, wurde Guisan auf Anhieb mit 204 von 229 gültigen Stimmen gewählt. Guisan wurde dabei stark von seinem Freund Rudolf Minger unterstützt, dem damaligen Chef des Eidgenössischen Militärdepartements (Verteidigungsminister).

Amtsführung

Aufgrund von Guisans Operationsbefehl Nr. 2 vom 4. Oktober 1939 bezog das Gros der Schweizer Armee die Limmatstellung, um einen Angriff aus dem Norden und eine Umgehung der Maginotlinie durch die Schweiz aufhalten zu können. Diese Armeestellung war einseitig gegen Deutschland gerichtet. Neutralitätsrechtlich hätte die Schweiz auch die Westgrenze gegen Frankreich in gleicher Weise besetzen müssen, dazu fehlten jedoch die Truppen.

Mit dem Plan H, einer geheimen Vereinbarung zwischen der französischen und schweizerischen Armee zur Besetzung der vorbereiteten Verteidigungsstellung auf dem Gempenplateau durch französische Truppen, wollte man verhindern, dass die deutsche Wehrmacht die französische Maginotlinie durch die Schweiz hindurch umgehen konnte. Das Abkommen war insofern neutralitätsrechtlich korrekt, weil kein Automatismus bestand und die französischen Truppen erst nach einem deutschen Angriff und einem bundesrätlichen Hilfsgesuch in Marsch gesetzt worden wären.Jürg Stüssi-Lauterburg: Freier Fels in brauner Brandung. Rede zum 70. Jahrestag der Kriegsmobilmachung, Jegenstorf, 2. September 2009.

Nach intensiven Diskussionen mit den Planverfassern Oscar Germann und Samuel Gonard, dem Generalstabschef Jakob Huber, den Kommandanten der vier Armeekorps, Renzo Lardelli, Friedrich Prisi, Rudolf Miescher, Jakob Labhart, und dem Ausbildungschef der Armee, Ulrich Wille jr., entschloss sich Guisan am 9. Juli 1940, die Verteidigung der Schweiz auf einen Zentralraum in den Alpen, das später so bezeichnete Reduit, zu konzentrieren.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 294 – 318 . Am 12. Juli 1940 setzte Guisan den Bundesrat von der teilweisen Verlegung der Armee ins Reduit in Kenntnis.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 314. Bundesrat Rudolf Minger erklärte am 16. Juli 1940 das Einverständnis des Bundesrats.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 316.

Stimmungsumschwung in Armee und Volk Während des Zweiten Weltkriegs verstand es Guisan immer wieder, den Wehrwillen der Schweizer Soldaten und der Bevölkerung zu stärken. Im Gegensatz zur damaligen Gepflogenheit suchte General Guisan auch auf zahlreichen Truppenbesuchen den Kontakt zum einfachen Soldaten und zu den Kommandanten der unteren Ränge. So bestellte er alle Kommandanten ab Stufe Truppenkörper (Bataillon und Abteilung) am 25. Juli 1940 an seinen Rapport auf dem Rütli, wo er die am 12. Juli 1940 angeordnete Réduit-Strategie bekanntgab. Am gleichen Tag wurde den Teilnehmern der schriftliche Armeebefehl ausgehändigt: «Glaubt nicht nur an unser gutes Recht, sondern auch an unsere Kraft, mit der wir, wenn jeder von uns mit eisernem Willen erfüllt ist, erfolgreich Widerstand leisten werden.»Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 280. Am 29. Juli 1940 gab es eine Pressemitteilung des Armeestabs über den Rütlirapport, die den Widerstandswillen wiederholte.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 282. Am 1. August 1940 hielt Guisan dann eine landesweit in den Sprachen der Schweiz ausgestrahlte Radioansprache, um den Willen der Bevölkerung zur Verteidigung zu erneuern: «Wozu Widerstand leisten?»: «Schweizerisch denken will heissen: Im Nachbarn den Menschen ehren, bei uns, wie ausserhalb unserer Grenzen. Darum stellen wir das Recht über die Kraft, die Menschlichkeit über Nutzen und Wohlfahrt. Darum freuen wir uns der Verschiedenheit der Sprachen, der Rassen und Kulturen. Darum bleiben wir neutral im Kampf der Grossmächte und bemühen uns, sie zu verstehen, so wie sie sind, indem wir uns selber treu bleiben.»Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 290. Eine Woche nach dem 25. Juli 1940 folgte ein grossangelegter Inspektionsbesuch auf dem heutigen Guisanplatz bei Arosa. Zusätzlich rief er die Aufklärungsorganisation Heer und Haus ins Leben. Die Ansprachen und Armeebefehle Guisans schufen eine Welle des Zutrauens und des Verteidigungswillens.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 291. Die ersten öffentlichen Sympathiekundgebungen für Guisan gab es am 7. August 1940 in Balsthal (SO) und Ramiswil (SO).Bernard Barbey: Fünf Jahre auf dem Kommandoposten des Generals. 1940 bis 1945. Bern 1948, S. 35 Eine Woche nach dem 25. Juli 1940 folgte ein grossangelegter Inspektionsbesuch auf dem heutigen Guisanplatz bei Arosa. Zusätzlich rief Guisan die Aufklärungsorganisation Heer und Haus ins Leben. Treffen mit Walter Schellenberg Auf Vermittlung des Leiters der Nachrichtensektion des Armeestabs, Roger Masson, traf sich Guisan zwei Mal mit Walter Schellenberg, dem Leiter des Sicherheitsdienstes Ausland im deutschen Reichssicherheitshauptamt.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 538. Am 6. März 1943 gab Guisan gegenüber Schellenberg in Arosa die Erklärung ab, dass die Schweiz die neutrale Hüterin der Alpenpässe sei und aufgrund ihrer Topographie besonders in der Lage sei, ihre Alpenfront zu verteidigen, komme, was auch wolle. Diese Zusicherung sei unerschütterlich und unabänderlich.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 545. Die Erklärung wurde dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop vorgelegt, und von diesem in den weiteren Geschäftsgang des Auswärtigen Amtes gegeben.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 545. Guisan wollte sich zum Treffen mit Schellenberg nicht weiter äußern. Der Bundesrat erfuhr jedoch davonWilli Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 547. und Karl Kobelt, der Vorsteher des Militärdepartements belehrte Guisan in einem Schreiben vom 5. April 1943, dass Erklärungen staatlich-politischer Natur nur vom Bundesrat abgegeben werden dürfen. Besprechungen dieser Art dürfe er in Zukunft nur nach vorheriger Verständigung mit dem Bundesrat und seiner Einwilligung wahrnehmen.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 550 f. Im Generalsbericht und auch zehn Jahre später erklärte Guisan rückblickend, dass er nicht wisse, wie weit der Einfluss Schellenbergs auf Hitler oder dessen Umgebung gereicht habe. Es werde behauptet, die Unterredung mit ihm habe nichts genützt. Sie habe aber auch nicht geschadet.Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, 553; Bericht an die Bundesversammlung über den Aktivdienst 1939–1945 von General Henri Guisan, S. 53

Oberbefehlshaber und Bundesrat Teilnahme des Oberbefehlshabers an Bundesratssitzungen