miniatur|Paulo Freire (1977)

Paulo Freire (* 19. September 1921 in Recife; † 2. Mai 1997 in São Paulo) war ein in Theorie und Praxis einflussreicher brasilianischer Pädagoge und weltweit rezipierter Autor.

Leben Paulo Freires Familie gehörte zur Mittelschicht.Hubertus Büker: Der Pädagoge der Befreiung. In: Kirche+Leben, 19. September 2021, S. 24. Die Mutter war in seinen Worten „lieb, freundlich und gerecht“, der Vater war Polizist. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 machte er die Erfahrung des Hungerns. Deswegen zogen die Freires nach Jaboatão dos Guararapes, wo sein Vater starb. Mit elf Jahren „widmete Paulo Freire sein Leben dem Kampf gegen den Hunger, sodass andere Kinder nie erleben müssen, was er erlebt hatte“.Richard Shaull, In: Pedagogy Of The Oppressed. 32nd Printing, New York 1990, S. 10 (übersetzt).

Paulo Freire war kein sehr erfolgreicher Schüler. Nach der Schule studierte er zuerst Jura und wurde Anwalt, war jedoch von seinem Beruf nicht überzeugt, da die Anwälte das Besitztum der Reichen verteidigten. Aus diesem Grund wurde Paulo Freire Lehrer für Portugiesisch. Seine Interessen lagen mehr in der Philosophie, Psychologie, Pädagogik und den Sprachen.

Mit 23 Jahren heiratete er die Lehrerin Elza Maia Costa de Oliveira. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor. Nach der Heirat studierte Freire Erziehungswissenschaft. Zwischen 1946 und 1954 war Paulo Freire der Direktor der Abteilung für Erziehungswissenschaft und Kultur des Bundesstaates Pernambuco. 1946 wurde er Dozent für Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Universität von Recife, von der er 1959 promoviert wurde. 1947 begann er seine Alphabetisierungskampagne. Das war die Zeit, in der er die „Kultur des Schweigens“ (siehe unten) entdeckte. links|mini|Paulo Freire (1963) Im Jahre 1961 wurde João Goulart neuer Präsident von Brasilien und unterstützte die Arbeit Paulo Freires. Zwischen 1961 und 1964 war die Hauptzeit der Alphabetisierungskampagne nach Freires Methode. In den ersten acht Monaten der Kampagne wurden 8000 Freiwillige für die Alphabetisierung ausgebildet. Die Alphabetisierung hatte unmittelbare politische Folgen: Analphabeten waren in Brasilien von Wahlen ausgeschlossen. Durch die Alphabetisierung erhielten die Ausgeschlossenen auch eine politische Stimme. Das gefiel vielen der Mächtigen nicht.

Am 1. April 1964 übernahm das Militär durch einen Putsch die Staatsgewalt. Paulo Freire wurde zunächst unter Hausarrest gestellt, später saß er 70 Tage im Gefängnis. Anschließend entschloss sich Freire, nach Chile auszuwandern, um einer weiteren Haft zu entgehen. Im Gefängnis hatte er begonnen, sein Buch Educação como prática da liberdade (Erziehung als Praxis der Freiheit) zu schreiben. Es erschien 1967, gleichzeitig mit der spanischen Übersetzung, die ihn auch im spanischsprachigen Lateinamerika bekannt machte. Bereits 1963 war das Buch Alfabetização e conscientização (Alphabetisierung und Bewusstseinsbildung) erschienen. Es folgten die Bücher Pedagogia do oprimido (Pädagogik der Unterdrückten), das in 18 Sprachen übersetzt wurde, Conscientização. Teoria e prática da libertação (Bewusstseinsbildung. Theorie und Praxis der Befreiung) und Ação cultural para a liberdade (Kulturelles Schaffen für die Freiheit).

Später hielt er Vorträge am CIDOC in Cuernavaca und gab 1975 mit dessen Leiter, Ivan Illich, das Buch Dialogo heraus. In Chile arbeitete er mit örtlichen Initiativen und Einrichtungen der Volksbildung und mit der UNESCO zusammen. Seine Methode wurde 1965 von der Regierung von Eduardo Frei für alle staatlichen Alphabetisierungsprogramme in Chile übernommen, mit großem Erfolg. Die UNESCO zeichnete Chile als einen von fünf Staaten aus, die bei der Überwindung des Analphabetismus die größten Fortschritte gemacht hatten.

1969/70 war Paulo Freire Professor an der Harvard University. 1970 wurde er für mehr als zehn Jahre „Counsellor of the Office of Education“ beim Weltkirchenrat in Genf. Zudem arbeitete er mit dem Centre International Développement et Civilisations (IRFED) von Louis-Joseph Lebret in Paris zusammen, mit der UNESCO, mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf, mit der FAO in Rom und mit dem „Center for the Study of Development and Social Change“ in Cambridge (USA). Aus seinem Engagement in Afrika entstand 1979 das Buch Pedagogy in Process. The letters to Guinea-Bissau.

1980 war es für Paulo Freire wieder möglich, nach Brasilien zurückzukehren. Er lehrte an der Päpstlichen Katholischen Universität von São Paulo und an der Päpstlichen Katholischen Universität von Campinas. Freire war Mitbegründer der Arbeiterpartei.Wir brauchen einen langen Atem und Gelassenheit - Interview mit Paulo Freire. In: Frankfurter Rundschau vom 26. August 1993, S. 6.

Paulo Freire war als Katholik sehr religiös. Andererseits kann man ihn als radikalen Aufklärer bezeichnen. Seine Theorie entwickelte er aus vielen Theorien. Es ist nicht falsch, Paulo Freire als Eklektiker zu bezeichnen. Er vereinigt Gedankengänge von Descartes, Immanuel Kant, Hegel, Karl Marx, Karl Jaspers, Jean-Paul Sartre, Gabriel Marcel, Georges Bernanos, Emmanuel Mounier, Jacques Maritain, Gilberto Freyre, Claude Lévi-Strauss, Erich Fromm, Herbert Marcuse, Leszek Kołakowski, Martin Buber, Noam Chomsky und anderen. Dimas Figueroa zufolge ist Paulo Freires Theorie am „entschiedensten geprägt … durch die Wissenssoziologie Karl Mannheims, die Sprachtheorien Ferdinand de Saussures und Charles Ballys sowie durch die Phänomenologie Edmund Husserls.“Figueroa, S. 15. Zudem bezieht sich Freire in seinen Werken immer wieder auf die Dialektik des Konkreten von Karel Kosík.

Alphabetisierungsprogramm Paulo Freire entwickelte in den 1960er Jahren ein Alphabetisierungsprogramm, das nicht nur eine Technik des raschen und gezielten Erwerbs von Lesen und Schreiben, sondern darüber hinaus eine Methode der Bewusstseinsbildung darstellt. Da zu diesem Zeitpunkt in Brasilien Analphabeten nicht wahlberechtigt waren, war Alphabetisierung eine Kampagne von hoher politischer Relevanz. Er selbst sah sein Programm als einen Schritt zur Demokratisierung Brasiliens an.

Bewusstseinsbildung Grundlage: Die Theorie Karl Mannheims

Freire nennt die erste Stufe „semi-transitives Bewusstsein“ und die nächste Stufe „naiv-transitives Bewusstsein“. Diese Stufe kann zu einem kritischen Bewusstsein im Übergang führen oder umgebogen werden in ein „entwurzeltes, entmenschlichtes und fanatisiertes Bewusstsein, wie es für die Vermassung typisch ist“.Education: The Practice of Freedom, 1974, S. 17 (übersetzt).

Paulo Freires Anthropologie Paulo Freire stellt seine Anschauung vom Menschen durch den Unterschied zu den Tieren dar. So sagt er, „daß von den unvollendeten Wesen der Mensch das einzige ist, das nicht nur sein Handeln, sondern auch sein eigenes Selbst zum Gegenstand seiner Reflexion macht.“ Tiere sind nur „Wesen in sich selbst“, „ahistorisch“, „lediglich stimuliert“ und „können sich selbst nicht verpflichten“.Education: The Practice of Freedom, 1974, S. 20.

Nach seiner Meinung ist jeder Mensch in der Lage, ein kritisches Bewusstsein zu erreichen, das u. a. durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist: Tiefe in der Interpretation von Problemen der Substitution von magischen Erklärungen durch Kausalprinzipien Vermeidung von Verzerrungen bei der Wahrnehmung von Problemen die Zurückweisung, Verantwortung auf andere abzuschieben passive Positionen zurückzuweisen den Dialog zu praktizieren und nicht zu polemisieren das Neue kritisch zu akzeptieren und das Alte nicht zu verurteilenEducation: The Practice of Freedom, 1974, S. 18.

Die Kultur des Schweigens Paulo Freire nennt die Kultur des ländlichen Proletariats und der Slumbewohner Brasiliens die Kultur des Schweigens. Er sieht, wie diese Menschen sich ihrem Schicksal ergeben („es ist alles Gottes Wille“), wie sie dem Mythos verfallen, schlechtere Menschen zu sein, und wie sie apathisch ihren Unterdrückern, z. B. Gutsherren, vertrauen. Konsequenterweise lehnen die Unterdrückten deswegen auch Bildung ab. Ihre Unterdrücker regeln für sie ja alles. Dafür verantwortlich ist auch das herrschende Schulwesen, welches nicht auf die Probleme der Schüler eingeht, sondern Wissen nach westlichem Vorbild verbreiten will oder muss.

Gegenkonzept Paulo Freire will die herrschende Passivität aufbrechen. Er führt sein anthropologisches Konzept der Kultur als Unterscheidung von „Natur“ und „Kultur“ ein."Cynthia Brown, S. 26. Er glaubt, so Cynthia Brown, dass eine Diskussion über diese Unterscheidung Analphabeten zu der Erkenntnis führt, dass sie durch ihre Arbeit genauso Kultur schaffen wie belesene Menschen, dass Kultur grundsätzlich etwas von Menschen Geschaffenes und somit auch veränderbar ist. Die Unterscheidung zwischen Kultur und Natur beinhaltet in diesem Zusammenhang auch den Unterschied zwischen Mensch und Tier und die Wichtigkeit von Sprache und Schrift.

Um die Diskussion über Natur und Kultur, Menschen und Tiere und Kultur im Leben der Menschen anzustoßen, ließ Paulo Freire zehn Bilder von einem Maler anfertigen, die dann abfotografiert wurden. Mit Hilfe eines Diaprojektors wurden diese Bilder in den Dörfern an die Wand geworfen.

Der „Koordinator“ beginnt mit den Dorfbewohnern, die freiwillig den Alphabetisierungskurs besuchen, einen Dialog. Die Dias werden nacheinander durchgesprochen. Hier können die Teilnehmer ihr „wirkliches Wissen“ ausdrücken, ohne dass sie lesen oder schreiben können müssen. Dies regt die Teilnehmer an, nun selber lesen zu lernen. Paulo Freire nennt diesen Prozess „Bewusstseinsmachung“. Für ihn ist es ein Prozess, in dem die Teilnehmer angeregt werden, ihre eigene Situation zu analysieren, um dann ihr Leben und ihre eigene Lebenssituation selbst zu gestalten.

Ablauf a.) Die Autoritäten des Dorfes werden aufgesucht, um ihr Einverständnis zum Alphabetisierungsprogramm einzuholen. b.) Das Leben und das Vokabular der Gemeinschaft wird untersucht. c.) 16 generative WörterGenerative Wörter sind Schlagworte, die aus der Lebenswelt der Lernenden stammen und ihnen dabei helfen, ihre Welt zu hinterfragen und zu erkennen (Link). werden kodiert und auf Dias, Poster usw. geschrieben. Da Portugiesisch eine Silbensprache ist, können aus verschiedenen Silben neue Wörter gebildet werden. d.) Eine sogenannte „Entdeckungskarte“, auf der einzelne Silben abgebildet sind, wird entwickelt. e.) Ein Raum im Dorf wird angemietet. f.) Koordinatoren, keine Lehrer, werden ausgewählt und ausgebildet. g.) Ein „Kulturkreis“, keine Klasse, wird gebildet. Er besteht aus 25 bis 30 Teilnehmern. Wenn die Gruppe sich gebildet hat, läuft es weiter wie folgt: I.) Einmal die Woche trifft sich die Gruppe für eine Stunde ca. 6- bis 8-mal. II.) Die ersten Sitzungen werden dazu benutzt, die Unterschiede zwischen Natur und Kultur anhand der 10 Dias zu analysieren. III.) In der nächsten Sitzung wird das erste generative Wort gebildet – mit Hilfe der „Entdeckungskarte“. Am Ende werden die Teilnehmer aufgefordert, neue Wörter aus den Silben zu bilden. IV.) In den verbleibenden Sitzungen werden die anderen generativen Wörter einzeln eingeführt. Die Teilnehmer schreiben und lesen in den Sitzungen, drücken ihre Meinung aus und schreiben sie auf. Sie lesen Zeitungen und diskutieren über lokale Ereignisse.

Pädagogik der Unterdrückten 1970 erschien Paulo Freires befreiungspädagogisches Hauptwerk – Pädagogik der Unterdrückten. Dieses Buch wurde in 18 Sprachen übersetzt. Zwar weist Paulo Freire nicht explizit darauf hin, dass dieses Buch auf den Erfahrungen aufbaut, die er in der Alphabetisierungskampagne gemacht hat, aber implizit findet man die Grundstruktur wieder.

Die Analyse des herrschenden Schulsystems – „Bankiers-Methode“